Widerstand und Verschwörung

Auf einer Austauschplattform übe ich gelegentlich das Fremdsprachvermögen mit Muttersprachlern. Ein junger Pole hat sich als besonders angenehm erwiesen – er spricht nicht nur beeindruckend gutes Deutsch, er spielt auch Schach auf meinem bescheidenen Niveau. Die erste Partie habe ich gewonnen, weil er in ein typisches Kombinationsmuster hineinlief, das ihm offenbar fremd, mir als Blackmar-Diemer-Aficionado aber in Fleisch und Blut übergegangen war. Ich mußte an alte Zeiten denken und plötzlich ging mir ein wichtiger Gedanke auf.

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Zuerst zur Partie, für alle Schachmattniks (die anderen können das überlesen). Nach

  1. d4 Sf6
  2. Sc3 d5
  3. e4 dxe4
  4. f3 dxf3
  5. Sxf3 Lg4
  6. h3 Lxf3
  7. Dxf3 c6
  8. Le3 e6
  9. Ld3 Le7
  10. O-O O-O
  11. Tf2 Sbd7
  12. Taf1

erreichten wir folgende Stellung.

FireShot Capture 699 - Schachanalyse-Brett und PGN-Editor - Chess.com - www.chess.com

Die Turmverdopplung ist zwar ein typisches Manöver in dieser Eröffnung, aber sie scheint doch sehr forciert. Schwarz steht solide und Weiß schaut mit Sorge auf die Diagonale a7-g1, in der der Turm gegen den König gefesselt ist. Mit 12. … c5 oder Db6 könnte Schwarz sofort Drohungen aufbauen. Aber mein Gegner leistet sich eine erste Ungenauigkeit und zieht die Dame nach a5. Im Nachgespräch erklärt er mir dann, daß er mit diesem Damenausfall einst gegen einen Großmeister gewonnen habe – er litt also an einem Nachbild und projizierte. Die Drohung 13. Dg3 (es droht Lh6) beantwortete er mit 13 … Sh5. Nach 14. Dg4 wäre 14. … Springer zurück nach f6 ein Zug gewesen, der die Partie komplett in der Schwebe gelassen hätte, mehr noch, Weiß hätte bereits hier entscheiden müssen, ob man sich auf Remis durch Zugwiederholung oder zu einem komplizierten Umbau hinreißen läßt. Stattdessen aber spielte mein Gegner 14. … g6, was zwar logisch wirkt, aber der weißen Artillerie jene Schwäche anbot, auf die sie nur gelauert hat. Es folgt das typische taktische Figuren-Opfer auf f7[1] – der Rest ist Makulatur.

15.Txf7 Txf7 16. Dxe6 (! Das war der Clou – der Turm ist gefesselt, der weißfeldrige Läufer kommt als Verstärkung hinzu)

FireShot Capture 700 - Schachanalyse-Brett und PGN-Editor - Chess.com - www.chess.com

Sdf6 17. Lc4! Taf8 18. Lh6 Sg7? (Aber es hätte auch alles andere nicht mehr geholfen) 19. Dxe7! Sd5 20. Txf7 Txf7 21. De5 Dd8 22. Sxd5 Kh8 23. Lxg7+ Txg7 24. Sc7 Aufgabe

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Klassisches Blackmar-Diemer! Zu meiner aktiven Zeit hatte ich zahlreiche solche Partien – aber mindestens ebenso viele Pleiten. Denn streng besehen, funktioniert das nicht. Man braucht immer den Fehler des Schwarzen, um etwas zu erreichen. Auch hier steht Schwarz bis 14. … g6 komplett solide und Weiß ist in der Beweispflicht. Die Eröffnung ist großer Schachspaß, aber objektiv zweifelhaft.

Ich hatte sie seinerzeit mit Eifer studiert. Der Variantenbaum ist enorm, man muß immer neue Möglichkeiten berechnen und diese memorieren und dennoch kommt irgendwann der Punkt, an dem man selber zu denken beginnen muß. Ich konnte meinen Schachfreund Alan damals begeistern – ihn hatte ich einmal im Schnellverfahren gegen einen nominell weit überlegenen Gegner instruiert, gegen den er nie eine Chance gehabt hätte … und siehe da, er schlug den Mann in einer sensationellen Blackmar-Diemer-Partie. Ich selbst durfte einmal die Mutter einer Großmeisterin – immerhin, die Mutter! – in 17 Zügen während eines Turniers zusammenschieben und die Frau stand schweißgebadet sichtbar unter Schock. Mit Alan gemeinsam saßen wir stundenlang vor dem Computer und diskutierten: And if he plays this or that…?

Das BDG ist keine gewöhnliche Eröffnung – es ist eine Art Religion. Ihr Erfinder und erster Apostel Emil Joseph Diemer besaß Kultstatus, einige seiner Jünger – allen voran Peter Leisebein – opferten ihm ihr Leben und brachten ständig neues Analysematerial auf den Markt. Sie kämpften verbissen für die offizielle Anerkennung in der Fachwelt – aber die blieb aus. Man forderte Großmeister auf, sich der Eröffnung zu stellen – tatsächlich hatte wohl Karpow mal in einem Simultan dagegen verloren –, man veranstaltete Thementurniere, in denen nur eine bestimmte Variante des BDG gespielt werden durfte, man grüßte sich untereinander auf den Turnieren mit wissendem Lächeln, man korrespondierte und traf sich in Diskussionsrunden. Umgekehrt wurden die BDG-Anhänger vom Gros der Schachkommune belächelt und selbst nach krachenden Niederlagen waren die Ungläubigen meist nicht bereit, den Sinn dieses seltsamen Gambits anzuerkennen, wie auch die Verehrer nie am An-sich zweifelten, sondern immer nur an ihrer persönlichen Ungenügsamkeit. Man kam zum BDG weniger durch Argumente als durch Erleuchtungen. Die Schachkommune war in zwei ungleiche Lager gespalten.

Kurz und gut: das BDG war eine Verschwörungstheorie. Die heimliche Annahme war, daß es die traditionelle und über Jahrhunderte und Jahrzehnte gewachsene Schachtheorie revolutionieren und obsolet machen konnte und je weiter man sich darin vertiefte, umso überzeugender schien das, denn selbst in den verfahrensten Situation schien  es – korrekt gespielt – immer noch eine letzte Ressource zu geben.

Aber wir waren auch im Widerstand gegen den Mainstream! Man nahm uns nicht ernst und das ließ uns nur noch enger die Reihen schließen, noch entschiedener „forschen“ und noch waghalsigere Visionen entwickeln. Es war ein Virus, das uns befallen hatte – die Leugnung durch die anderen machte es nur noch wahrscheinlicher.

Die Begeisterung kannte keine Grenzen. Mit Weiß gab es nur 1.d4 und ein Großteil der „Studien“ bestand darin, Schwarz ins BDG zu zwingen, was immer er auch antwortete. Dabei fand ich nie eine wirklich überzeugende Antwort auf das Läuferfianchetto nach g6 und auch die Variante – die mein polnischer Opponent hätte wählen können – 5. Lg4 h3 6. Lh5! g4 7. Lg6 bereitete mir oft Bauchschmerzen, weil die Königsstellung doch arg kompromittiert ist. Doch Glaube kann bekanntlich Berge versetzen und irgendwo hatten Diemer, Gunderam, Studier, Leisebein und wie die „Forscher“ alle hießen, sicher schon eine Antwort parat: Ah, hätte ich nur dies oder das gespielt! … So fühlte sich sogar jede Niederlage im Nachhinein wie ein Sieg an, ein hypothetischer Sieg. So sehr war ich in die BDG-Welt eingetaucht, daß ich sogar begann, es mit Schwarz zu spielen …

An all das mußte ich nun wieder denken, all das kam wieder hoch. Jetzt begreife ich mich selbst besser: man muß habituell ein Aufmüpfiger sein, es muß im Charakter, in der Seele begründet liegen, dieser Drang nach Widerstand.

[1] Andere typische Motive sind die Opfer auf h7 oder h6.

siehe auch: Lehren aus der Geschichte einer Schachpartie

Ein Gedanke zu “Widerstand und Verschwörung

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Das Rebellische und das Selberdenkenwollen sind wohl wirklich Charaktereigenschaften. Viele brauchen das Sicherheitsgefühl, das ihnen die Zugehörigkeit zur Herde gibt, viele glauben nur mit Illusionen leben zu können, viele können es auch nur so. Machen Sie den Test, sagen Sie „Ich möchte keinerlei Illusion haben“ oder „Zunächst einmal glaube ich keinem, was er sagt“ und sehen sie, wieviele entsetzt aufgerissene Augenpaare auf Sie starren werden. Und gar nicht mal so sehr aus Empörung, sondern vor allem aus Angst.

    Die paar tausend Jahre für eine gehörige evolutionäre Anpassung der Zahl der Mißtrauischen nach oben an die großstaatliche Organisationsform mit den zugehörigen Lügenbeuteln auf den Thronen haben dafür leider noch nicht genügt. Vielleicht kompensiert auch die begleitende Neigung zu erhöhter Ehrlichkeit den evolutionären Vorzug, den man durch erhöhtes Misstrauen hätte.

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