Nationalmentalitäten

Schon bei den Fußballern fiel es mir auf. Auch nach einem halben Jahr spricht kaum jemand mit mir. Das liegt zum einen an der Sprache – vergleichsweise wenige Ungarn beherrschen wirklich eine Fremdsprache, von gelegentlichen Fetzen abgesehen, und mein Ungarisch besteht nur in der Theorie: sobald ich den Mund aufmachen muß, verkommt alles zum Wortbrei.

Aber es steckt mehr dahinter und jetzt habe ich den Beweis.

Denn im Schachklub erging es mir ebenso. Kaum daß man angelächelt wird, steht man einfach zwischendrin. Niemand kümmert sich, fragt oder gibt hilfreiche Hinweise, aber es distanziert sich auch niemand. Es wird ein Brett aufgebaut, ich sitze ohne Worte einem Jüngling gegenüber und spiele Schach. Beide Partien verliere ich in ausgeglichener Stellung über Zeitnot, man merkt die zehnjährige Spielpause.

Über meinen Kopf gibt es ein kurzes Gespräch mit dem Klubleiter – vermutlich wird meine Spielstärke diskutiert. Dann sitzt plötzlich ein kleiner Junge vor mir, der nächste Sparringspartner. Er ist unerfahren genug, mir ein Remis anzubieten, obwohl ich nur noch zwei Sekunden auf der Uhr habe. Die zweite Partie, mit Weiß, rennt er ganz naiv in mein Blackmar-Diemer-Gambit hinein und gibt nach dem thematischen Figurenopfer auf f6 sofort auf. Deutsche Kinder hätten sich hier wahrscheinlich das Matt zeigen lassen. Respekt vor Erwachsenen?

Nicht zum Schachspielen bin ich hier, sondern der Sprache wegen. Da aber niemand mit mir spricht oder auch nur den Versuch unternimmt, war’s das wohl – mit dem Schach bin ich eigentlich durch.

In England war das alles ganz anders. Dort haben wir – meine Tochter und ich – neun Jahre lang im Klub gespielt, viele Nächte der Oxfordshire-Meisterschaft geopfert, an zahlreichen Turnieren teilgenommen, sind sogar bis nach York oder Guernsey gefahren, nahmen bei  bekannten Großmeistern Unterricht usw. Und überall wurde man wärmstens mit Interesse versorgt. Nicht wirklich vermutlich, denn politeness ist in England eine Show, eine großer Trugschluß, aber eben ein angenehmer. Nie jedenfalls steht man verloren da, immer ist jemand aufmerksam, fragt, ob geholfen werden kann und hilft einem auch tatsächlich weiter.

In Ungarn ist das anders: man muß sich seinen Stand erarbeiten, man braucht Ausdauer und ein dickes Fell. Immerhin lächeln mir nach dutzenden Einsätzen nach dem Fußball nun die ersten Männer zu. Und als ich einmal weg blieb, fragte man die Woche darauf, ob alles in Ordnung sei, so als hätte man sich tatsächlich gesorgt.

Man fühlt sich nicht etwa abgelehnt, aber eben auch nicht erwünscht. Man ist einfach da, eine Tatsache.

Ich versuche das positiv zu verstehen, begreife es als eine Art natürlicher Scheu. Umgekehrt fällt sofort ins Auge, daß Männer untereinander deutlich weniger aggressiv sind als in Deutschland. Dort muß man mittlerweile schon darauf achten, dem fremden Manne nicht zu lange ins Auge zu schauen. Ob Muskelprotz, Glatze oder Landesfremder, Erfahrung lehrte, die direkte Blickkonfrontation zu scheuen, aber eben auch selbstbewußt und ohne Scheu an anderen Männern vorbei zu gehen – und deren Frauen ja nicht zu mustern.

So etwas gibt es hier gar nicht. Keine dicken Hosen oder Rasierklingen unter den Armen. Ich fühle mich zu allen Tages- und Nachtzeiten vollkommen sicher. Es gibt keinen hormongesteuerten Machtkampf und selbst die jungen kahlgeschorenen und böse dreinschauenden Postpubertären entpuppen sich bei Nähe betrachtet als freundlich und ungefährlich.

Auch die Frauen agieren ganz ungekünstelt. Zickenkampf scheint es hier nicht zu geben. Man kleidet und schminkt sich dezent. Kommt man sich im Gedränge etwa nahe, in der kleinen Post, in einem Geschäft, bei einem geselligen Abend, so gibt es keine künstliche Ausweichbewegung. Niemand unterstellt sexuelle oder pädophile Motive. Mit großer Selbstverständlichkeit tragen die jungen Frauen kurze Röcke, ganz ohne aufreizend zu sein. Die Art, wie sie sich dabei bewegen, zeigt, daß sie es tun, weil es ihnen gefällt und nicht, weil sie jemandem gefallen oder weil sie schöner als die andere sein wollen. Sie feiern schlicht und einfach ihre Schönheit.

In all dem werde ich immer wieder an die DDR erinnert. Meine jugendliche Sozialisation ist nun von Vorteil. Ich weiß, daß Westdeutsche hier oft Verständnisprobleme haben oder solche kreieren. Die Ungarn wissen mit deren komplizierten Umgangsformen und verquastem Gerede oft nichts anzufangen. Sie sind zu direkt und zu unverstellt, um die deutschen Arabesken und Gesellschaftsspiele zu verstehen.

Sie sind aber erstaunt über unsere Selbstsicherheit. Während des Englisch-Konversationskurses, den ich in einer kleinen Sprachschule gebe, überrascht mich immer wieder die „Steifheit“, das Formale der Damen. Wir besprechen durchaus persönliche Dinge – Krankheiten, Diäten, Eheprobleme, sogar Politik – und dennoch sitzen sie alle da wie Schüler und verhalten sich mir gegenüber, als sei ich ihr Lehrer. Ich hingegen neige zum Fläzen, wippe mit dem Stuhl, schlage die Beine – weit nach hinten gelehnt – übereinander, ich will sie als Partner auf gleicher Höhe.

Manchmal meine ich zu spüren, wie sie den „selbstbewußten Deutschen“ bewundern und ich möchte sie ermutigen, selbst locker zu werden. Aber nein, gerade beichtete eine der Damen – alles gestandene, alles attraktive Frauen –, eine wirkliche Schönheit mit perfekt aufeinander abgestimmten Kleidern und Schmuck, daß sie sich selbst als häßlich empfinde.

Auch das ist typisch: viele Ungarn bemängeln sich selbst. Es fehlt ihnen an Selbstvertrauen. Dabei sind es die natürlichsten und am wenigsten verstellten Europäer, die ich bisher kennen gelernt habe.

Es ist eine Freude, hier zu sein!

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Ein Gedanke zu “Nationalmentalitäten

  1. Kurt Droffe schreibt:

    „Manchmal meine ich zu spüren, wie sie den ’selbstbewußten Deutschen‘ bewundern … alles … attraktive Frauen … Es ist eine Freude, hier zu sein!“

    Verständlich.

    Seidwalk: Nicht nur deswegen, aber auch:

    Én nem tudom, mi ez, de érezem,
    Hogy megszépült megint az életem …

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