Geschichte und Schach

Heute Nacht konnte ich nicht schlafen. Schuld war eine epische Schachpartie die ich gegen einen mir Unbekannten im Netz gespielt und leider verloren hatte. Denkbar knapp. Nach sage und schreibe 120 Zügen fehlte mir ein Halbzug, um den Kampf in einen Erfolg umzumünzen, d.h.: wäre ich am Zug gewesen statt mein Gegner, dann hätte sich mein letzter und einziger Bauer zur Dame gewandelt und nicht seiner, und dann hätte ich gewonnen. Daß es zu dieser Konstellation kommen konnte, das wirkte nach dieser Schlacht mit ihren vielen Wendungen vollkommen absurd.

Schachspiele sind kleine Geschichten, sie funktionieren im Grunde wie „die Geschichte“ selbst und deshalb sind sie mitunter lehrreich. Vielleicht hätte ich schlafen können, hätte ich diese Partie gewonnen, so aber nagte sie noch lange – obwohl vollkommen unbedeutend – und ständig fielen mir Fortsetzungen ein, die ich hätte spielen sollen. Kurz vor dem Showdown wähnte ich mich sogar auf Gewinn stehend, nachdem ich die ganze Partie versucht hatte, den im Eröffnungsgambit geopferten Bauern wieder zu kompensieren.

Ich hatte mein geliebtes Blackmar-Diemer-Gambit gespielt, eine der schärfsten Eröffnungen überhaupt, die man freilich nur im Amateurbereich probieren sollte. Mein Gegner spielte die Variante mit Lg4 um den Springer gegen die Dame zu fesseln. Ein unangenehmer Zug, sofern der Gegner meinen Angriff mit h3 nicht mit dem Schlagen des Springers, sondern mit dem Rückzug des Läufers nach h5 beantwortet. Das zwingt mich zu g4 und damit ist die Königsstellung schon kompromittiert. Das Problem ist, daß ich nach Lg6 und Se5 die Theorie nicht mehr kenne. Wenn Schwarz dann Sc6 spielt und den Bauern auf e4 angreift, dann weiß ich nicht weiter …

Die Computeranalyse zeigte im Nachhinein, daß mein Stellungsgefühl getrogen hatte. Die Partie war in Wirklichkeit über weite Strecken ausgeglichen und wenn es zeitweise Vorteile gab, dann für meinen Gegner. Er fand die besten Lösungen nicht und das wundert auch kaum, denn wir spielten Bullet-Chess, mit je zwei Minuten Spielzeit für jeden plus ein paar Sekunden Zugabe pro Zug. Langwierige Kombinationen sind da kaum auszurechnen.

Es kam schließlich zu folgender Schlußkonstellation: Schwarz hatte noch immer einen Bauern mehr, aber das war ein unglücklich aussehender Doppelbauer auf der g-Linie und der schien leicht zu bändigen zu sein. Tatsächlich wurde der hintere der beiden, in dieser Phase der schwächste Stein auf dem ganzen Brett, später der Gewinner. Ich hatte also vier, mein Gegner noch fünf Bauern, jeder dazu einen Turm. Aber mein Turm stand sehr aktiv und beherrschte die f-Linie. Was den schwarzen König daran hinderte, die größere Hälfte des Brettes zu betreten. Meine Aussichten waren nicht schlecht. Theoretisch war das Turmendspiel Remis und als ich einen verbundenen Freibauern bekam und mein Turm auch noch auf der sechsten Reihe stand, den schwarzen Bauern fesselte, da wähnte ich mich als Gewinner. Vermutlich war es diese Gewißheit, die zum entscheidenden Fehler führte. In solchen Endspielen geht es oft nur noch um ein entscheidendes Feld und ich verpaßte es, dieses Feld mit meinem König zu sichern. So tat es der andere und von da an war die Messe gesungen. Es wurde alles abgetauscht und das Bauernrennen begann, mit besagtem Ausgang.

Nachts ging mir dann durch den Kopf: Was hatte diese Schlüsselstellung in Turmendspiel oder dieses Wettrennen der letzten verbleibenden Bauern eigentlich noch mit der Eröffnung oder dem Mittelspiel zu tun? War jene in dieser noch nachweisbar? Die Struktur der Bauern war daraus kaum noch abzuleiten, auch wenn sich natürlich alles Zug für Zug erklären ließe. Das Endbild erschien vollkommen arbiträr. Überhaupt gab es in der Partie immer wieder Situationen, in denen man sich geistig vom bisherigen Verlauf trennen mußte, um sie wieder korrekt einschätzen zu können. Zwar hatte jeder meiner Züge – oder fast jeder – ein Ziel und eine versteckte Idee, aber die wurde oft schon im nächsten Gegnerzug annulliert. Entweder hatte er die meine nicht verstanden oder aber er fand sie nicht überzeugend oder er war der Meinung, er könne hingegen seine Idee, sein Spiel durchziehen.

Und ihm ging es wohl ganz genauso. Man merkt das auch an auffällig langen Denkpausen, die man sich bei dieser Zeitvorgabe eigentlich nicht leisten kann. Doch gibt es immer wieder diese Situationen, in denen man plötzlich stutzt, weil mit einem Male eine Gefahr oder auch ein Lösungsweg aufzutauchen scheint, den man bisher nicht gesehen hatte. Sah ihn etwa der Gegner? War das sein Plan? Manchmal gelingt es, eine starke Drohung aufzubauen, der andere muß darauf reagieren und all seine bisherigen Pläne umwerfen.

Doch daraus ergeben sich dann neue Möglichkeiten auch für ihn, von denen er vor wenigen Zügen noch gar nicht zu träumen wagte. Mehrfach mußte ich meine Türme – als es noch zwei waren – umgruppieren, um einmal einen Bauer zu verteidigen und kurz darauf einen gegnerischen anzugreifen. Ein wildes Hin und Her – instruktiv war die Partie dennoch, weil es keinen eigentlichen groben Fehler – bis auf meinen letzten – gab, was für dieses Format ungewöhnlich ist. Es war das Zusammenspiel vieler verschiedener Kräfte, von zwei zentralen Intelligenzen geführt, die die jeweiligen Potenzen ihrer Figuren zugleich nach ihrem Willen lenkten, umgekehrt von diesen aber auch gelenkt wurden. Und dennoch entsprang dem Ganzen etwas Ganzes, eine Geschichte, die keine der beiden Intelligenzen beabsichtigt hatte und bis ins Detail voraussehen konnte, die keiner der involvierten Potenzen wesenhaft entsprach.

In allen komplexen Lagen waren wir mehr oder weniger gleichauf und doch entschied am Ende ein einziger Fehler im 115. Zug. Hätte ich einen Fehler dieser Schwere im 15. Zug gemacht, wäre das Spiel vermutlich schnell vorüber gewesen, aber es bedurfte 114 mehr oder weniger guter Züge, um diesen Fehler zu machen. Aber war der Fehler durch das bisherige Geschehen bedingt? Psychologisch betrachtet vielleicht, rein technisch gesehen nicht. Er hätte nicht gemacht werden müssen, er ergab sich weder aus der Logik der Stellung noch aus der Geschichte des Spiels. Es lag wohl an meiner mangelnden Endspieltechnik im Zeitrahmen, denn hätte ich in dieser Situation nur ein paar Sekunden länger nachdenken können, ich hätte diesen Fehler nicht gemacht und das Spiel wäre noch immer Remis gewesen. Dann aber hätte vielleicht ein späterer Fehler das Spiel entschieden? Möglich wäre es, wo Menschen handeln, aber wissen können wir es nicht, denn wir leben und entscheiden nur im Augenblick.

Dabei handeln beim Schach nur zwei Menschen mit- und gegeneinander. Das ist, was viele nicht begreifen: Schach ist zwar ein kompetitives Spiel, aber zuvor und grundlegender ist es ein kooperatives Spiel. Die Kooperation geht der Kompetition voraus und nur indem wir vereinbaren, zusammen zu spielen, können wir uns auch gegenseitig besiegen. Und so funktionieren die meisten Spiele aber wenige sind so instruktiv wie das Schach. Denn Schach ist ein Ringen, ein sich Verringen und Verschlingen in der oppositionellen Gemeinsamkeit, es schafft eine intime Blase für die Zeit seines Vollzuges, denn es absorbiert beide Kontrahenten vollkommen in einer tiefen teilmeditativen Einheit und Widersprüchlichkeit aus Nähe und Distanz. Wer Schach spielt, kann die Welt nicht verändern, kann keinen Schaden anrichten. Das Durchdenken der eigenen und der fremden Pläne, die dialektische Schulung in Strategie und Taktik und das Verfügen über Mittel der Macht, offenbart den Menschen und ist damit nicht nur Symbol, sondern auch Beispiel historischen Handelns.[1]

Letzteres unterscheidet sich vor allem durch einen Faktor vom Schachspiel: es ist ernst – es geht um was – und die Anzahl der Mitspieler ist deutlich größer, meist nicht mal quantifizierbar.

Als dann der letzte schwarze Bauer sich zur Dame wandelte, da setzte eine seltsame Verwandlung ein. Plötzlich hatte mein Gegner ein überwältigendes Machtinstrument in der Hand. Sein Habitus veränderte sich – man kann das an der Art der Zugausführung spüren und kennt es vor allem aus eigener Erfahrung. 115 Züge lang standen wir uns ebenbürtig gegenüber, voller Aufmerksamkeit, Respekt, Furcht, Anerkennung, doch mit einem Male war das verflogen. Nun gab es einen Mächtigen und einen Unterlegenen. (Im richtigen Schach gibt man natürlich auf, aber beim Bullet kann man es noch ein wenig versuchen – mein Opponent hatte nur noch wenige Sekunden auf der Uhr.)

Es schien mit einem Male, als sei ich ein Patzer und er ein Meister, ich ein Nichts und er der Herrscher der Welt, denn er hielt die absolute Macht in der Hand. Vergessen war das bisherige Spiel: jetzt war Weiß verloren und Schwarz demonstrierte es mit jedem Zug. Tatsächlich zeigte er das schon, indem er seinen Freibauern nicht zur Dame, sondern nur zum Turm umwandelte. Er wollte mir sagen: Ich bin so gut, ich brauche die Dame nicht einmal, um dich Matt zu setzen. Aber so gut war er nicht, zumindest nicht 115 Züge lang und selbst dann war es mein Fehler und nicht seine Brillanz, die das Spiel entschied.

[1] Zu diesem Komplex siehe: Beitrag zu einer spekulativen Metapsychik des Schachs.

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