Warum das Ende naht

Das Langsamste wird im Lauf niemals vom Schnellsten eingeholt werden; erst einmal muß doch das Verfolgende dahin kommen, von wo aus das Fliehende losgezogen war, mit der Folge, daß das Langsamere immer ein bißchen Vorsprung haben muß.
Aristoteles über das Achillesparadox des Zenon von Elea (Physik VI 9. 239 b)

Seit Jahrzehnten gehörte in ein gutes allumfassendes Schachbuch die Computerrubrik, und die wiederum konnte es sich offensichtlich nicht leisten, ohne Prognose auszukommen: Wann würde der Computer endgültig den Menschen – gemeint sind natürlich immer nur die besten der Spezies – hinter sich lassen. Gesucht wurde der Zeitpunkt, an dem auch die hervorragendsten Geister keinerlei Chance mehr haben werden, so als würde Max Mayer tausend Mal gegen Magnus Carlsen antreten und tausend Mal verlieren.

Doch Max würde eine statistische Chance durchaus besitzen, auch wenn sie auf Grund der beschränkten Lebenserwartung keine Hoffnung auf Realisierung hätte. Vielleicht läge sie bei 1 zu 1 Million. oder 1 zu 1 Milliarde – es ist müßig, derartige Prognosen zu tätigen, aber es ist ebenso einsichtig, daß dieses unwahrscheinliche Ereignis doch eintreten würde, wenn eine entsprechend große Zahl von Partien zu Verfügung stünde. Vollends verständlich wird der Gedanke, wenn wir hier vom menschlichen Faktor abstrahieren.

Stellen wir uns Carlsen und Aronian oder Anand und Caruana – darauf kommt es nicht an – als feste unveränderliche und ideale Größen vor, vergleichbar dem Massepunkt der Physik, als Größen also, die weder biologischen, psychischen, physischen, historischen Veränderungen unterliegen. Stellen wir uns weiterhin vor, wir könnten die Spielstärke einfrieren und für die Ewigkeit konservieren. In diesem „ewigen Zustand“ hätten die beiden Glücklichen nichts anderes zu tun, als ununterbrochen Schachpartien miteinander auszutragen. Wir dürften ein etwa ausgeglichenes Ergebnis erwarten: von 100 Partien würden mutmaßlich 50 %, plus minus 2% vielleicht, auf beide Seiten gleich verteilt werden.

Um die Reihe fortzuführen, wird Carlsen gesetzt und Aronians Platz verschieden besetzt. Statt des neuen Weltmeisters lassen wir, ganz willkürlich, Svidler oder Ivantchuk oder Topalow oder wen auch immer aus dieser Liga, Platz nehmen. Die Ergebnisrate würde sich leicht ändern, vielleicht, aber darauf kommt es wie gesagt überhaupt nicht an, auf 55% zu 45%.

Deutlicher würde es bei Robert Hübner werden, noch deutlicher bei Jörg Hickl und säße Lutz Espig Carlsen gegenüber, dann ginge das Dauermatch möglicherweise 90% zu 10% aus.

Jedenfalls, das ist der Sinn des Gedankenexperiments, dürfte die Rate enorm steil ansteigen. Max Mayer nun, mit seinen 1600 DWZ-Punkten müßte wohl schon eine ganze Ewigkeit spielen, um auch nur ein halbes Pünktchen zu erkämpfen, aber irgendwann in den unendlichen Weiten der Zeit und weil er viel gelernt hat (freilich verlassen wir jetzt wieder den Idealbereich), würde auch für ihn, statistisch gesehen, der Tag des ersten Erfolgs anbrechen. Selbst ein zweijähriges Kind, das soeben erst lernte, die Figuren regelgerecht zu ziehen, hätte diese theoretische statistische Chance[1]. Sie würde im wirklichen Leben sich sogar erhöhen, denn während der schwächere Spieler im Dauerwettkampf mit Carlsen aus Erfahrung viel lernen würde (die Frage des Alterns müssen wir dabei ausklammern), so müßte der Meister hingegen viel verlernen, da ihm die Herausforderung fehlte, all sein Wissen und Können zu rekapitulieren oder gar zu erweitern, er würde schließlich sich auf das an sich ungerechtfertigte Fallenstellen einlassen, immer im Glaube, sein ewiger Gegner bemerke dies nicht usw. Das Phänomen kann man im Fußball regelmäßig beobachten: wenn ein überragender Spieler zu einer mittelmäßigen Mannschaft wechselt, dann wird er meist in kurzer Zeit zum mittelmäßigen Spieler. Das Niveau der Spieler nähert sich an.

Im schachspielenden Computer liegt uns nun ein solcher ewiger Spieler tatsächlich vor. Das Programm wird im Großen und Ganzen seine einmalige Spielstärke stets beibehalten, vorausgesetzt, es verfügt über keine Lernoption und es greift auf die stets gleichen Hardwareparameter zu. In diesem Falle ist es unmittelbar einsichtig, daß der menschliche Partner unabhängig seiner anfänglichen Spielstärke mehr und mehr Erfolgserlebnisse haben muß, denn er ist lernfähig (den Lernmodus bei Computerprogrammen vernachlässigen wir aus Argumentationsgründen, denn wir sprechen hier nicht von künstlicher Intelligenz – dies wäre ein vollkommen anderer Diskurs, der andere definitorische Prämissen voraussetzte, insofern Formen beteiligt wären, die gemeinhin der bislang anerkannten Definition des Lebens unterliegen würden).

Nun sind es aber genau jene Hardwareparameter, die sich in rasendem Tempo verändern. Immer schneller werden die Rechner, die Zahl der kalkulierten Operationen pro Zeiteinheit steigt ins Astronomische und ist umso unfaßbarer, wenn man sie mit der stark limitierten des menschlichen Gehirns vergleicht.

Von daher erklären sich die zahlreichen Überholprognosen; die Stimmen der Skeptiker wurden immer seltener und leiser. Schon 1957 sagte der Computerpionier Simon voraus, daß es nur noch 10 Jahre bedürfe, bis ein Computer Weltmeister werde. Seither wurde die Schachwelt überschwemmt mit Voraussagen, die daher schon vollkommen unverbindlich sind. Es beinhaltete kein Risiko mehr, eine Prognose zu wagen, weil sich bisher alle blamiert hatten.

Es schien, als hätte es sich eingebürgert, von den ominösen letzten drei bis fünf Jahren zu sprechen, bis alles vorbei sei, und obwohl die Frist schon zigmal abgelaufen ist, blieben es immer diese wenigen Jahre. Das liegt offensichtlich an der Schwierigkeit im Informatikbereich überhaupt Prognosen zu wagen, was wiederum auf die exponentielle Entwicklung zurückzuführen ist, die andererseits den Mut zur Prognose immer wieder anstachelt. Doch noch immer widerstehen die Menschen.

Wir wollen dabei die Erfolge der Computer nicht unterschlagen. Tatsächlich gewannen diverse Computerprogramme schon unzählige Partien gegen großmeisterliche Spieler und dieser Anteil wird immer größer, Computer spielten schon erfolgreich nationale Meisterschaften mit, sie sind aus dem professionellen Schachgeschäft auch gar nicht mehr wegzudenken und ein ehrgeiziges Genie ohne Computerunterstützung wäre heutigentags in der Weltspitze wohl kaum noch vorzustellen. Auch Deep Blues von Fachkreisen skeptisch beäugter Sieg im hochstilisierten Prestigeduell „Mensch-Maschine“ soll nicht unterschlagen werden. Und vor kurzem gewann der Computer auch gegen den besten Go-Spieler der Welt.[2]

Aber wir wollen uns hier nicht in die lächerliche Diskussion um „die Ehre der Menschheit“ einmischen, sondern um die Frage ringen, ob es dem Computer je gelingen wird, gelingen kann, den Menschen soweit zu überwinden, daß es für diesen keinen Sinn mehr ergäbe, gegen den Computer anzutreten. Selbst wenn eines Tages die Zeit anbräche, in der die Computer statistisch signifikant im Vorteil wären, selbst dann, so lautet die hier vertretene These, wird es doch nie Schach „vom anderen Stern“ sein.

Genau dies ist es aber, was uns die unheimlichen Zahlen, meist genüßlich respektvoll vorgetragen, suggerieren wollen. Sie selbst sind Argument geworden, aber eben eines, das nicht schlüssig ist. Wieso, wird man sich fragen müssen, kann eine Rechenmaschine die Millionen von Zügen und Varianten in einer Sekunde berechnet, noch immer nicht hundert Prozent Gewinn verbuchen (und weshalb wird sie dies voraussichtlich auch nie tun können, selbst wenn sie Milliarden und Abermilliarden Züge berechnen könnte)? Ist dies nicht ein Wunder?

Keine Sorge, wir erklären dies nun nicht mit fehlender Intuition oder mit dem alten Taktik-Strategie-Modell, wir werden nicht für geschlossene Stellungen schwärmen oder vor offenen warnen, obwohl es dem geübten Spieler möglich sein sollte, eine Stellung im Mittelspiel in ein theoretisches Remis zu überführen.

Dies hier ist ein Diskurs der Logik. Besagte Zahlen als logisches Argument unterliegen nämlich einem Fehlschluß. Sie sind als Zahlenreihe infinit und lassen uns daher an infinite Möglichkeiten glauben. Demnach müßte es der Maschine, die statt Millionen Milliarden Züge pro Sekunde berechnen könnte, endlich gelingen, den Menschen eindeutig zu besiegen.

Aber genau dies wird – meine Hypothese – mit aller Wahrscheinlichkeit nicht eintreffen.

Warum? Es wurde bereits angedeutet: das Schach selbst, trotz seiner enormen Möglichkeiten, ist und bleibt ein theoretisch finites, beendbares Spiel, seine inhärenten Möglichkeiten sind numerisch gigantisch[3], aber nicht unendlich.

Rechts und links gibt es eine „Wand“ der kleinsten und größten Komplexität[4]. Das zum einen. Wichtiger jedoch ist der Verdacht, daß sich das professionelle Schach in den letzten Jahrzehnten aufgrund seiner quasi wissenschaftlichen Erforschung, aufgrund der immer größer werdenden scientific community, nicht zuletzt auch durch die Hilfe der Computer und Datenbanken einem qualitativen Zustand angenähert hat, der den absoluten Möglichkeiten des Spiels mutmaßlich schon sehr nahe kommt.

Achtung: gemeint ist dabei der qualitative, nicht der quantitative Zustand, d. h. das Argument, es gäbe noch so und so viel x hoch y Stellungen, die noch nicht erreicht wurden, ist hier verfehlt. Man kann sich das an einem Gefäßbild verdeutlichen. Je ausgefüllter ein Behälter ist, umso geringer sind die in ihm noch enthaltenen, umso zahlreicher sind die in ihm schon enthaltenen Möglichkeiten. In einem zu 10% gefüllten Behälter befindet sich ein verhältnismäßig großer Spielraum, ist der Behälter jedoch zu 90% gefüllt, so hat sich der verbleibende Spielraum drastisch verringert. Es ist im Falle Schach davon auszugehen, daß es zu absoluter Füllung nie kommen wird, doch wird man sich diesem Wert immer mehr annähern. Der seit Jahrzehnten ausbleibende und doch ständig angekündigte definitive Erfolg der Computer weist nun darauf hin, daß sich das Spiel diesem absoluten Grenzbereich bereits gefährlich angenähert hat. Selbst exponentielle Steigerungsraten bringen in diesem Bereich nur noch relativ wenig Fortschritt, sprich Annäherung.

Andere, weit weniger komplexe Spiele ohne Zufallselement (Würfel), wie Skat, Mühle oder Dame – letzteres ebenfalls auf dem magischen Brett mit 64 Feldern – sind längst vollkommen durchgespielt und dazu waren z.T. nicht einmal Computer nötig, sondern nur eine hinlänglich große Zahl an Spielern in hinlänglich langer Zeit. Beim Schach wird das Spiel von hinten aufgeklärt. Bestimmte Endspielkonstellationen gelten objektiv als Remis, auch wenn es das Vermögen der meisten Spieler übersteigt – der primitive Klassiker: das Springer und Läufer-Endspiel ist bei korrekter Ausführung in 33 Zügen Matt … nach 50 Zügen aber Remis.

In gewisser Weise unterliegen diese Prognosen jenen Problemen, die wir aus der Geschichtsphilosophie her kennen, den bekannten apokalyptischen, eschatologischen (endzeitlichen) und utopischen Denkfiguren, die zunehmend problematisch wurden, zum einen durch das unerklärliche Phänomen der Parusieverzögerung[5] (das trifft auf das Christentum ebenso zu wie auf den Marxismus), zum andern durch die unlösbaren logischen Verwicklungen im Denken mit absoluten Größen und deren apriorische Selbstbezüglichkeit und Widersprüchlichkeit.

Gerade im Grenzbereich gilt die an sich geniale Aussage vom Umschlagen der quantitativen Anhäufung in eine neue Qualität nicht mehr und es war Marx‘ und Engels dialektischer Grundirrtum[6], von einem ewigen Reich auszugehen; das macht die Erkenntnis nicht falsch, schränkt aber ihre Gültigkeit ein, enthält auch keine theologische Interpretation: Ob es ein ewiges Reich gibt, weiß ich nicht, daß es aber keine Geschichte hat, steht fest[7].

Kurz: wir haben es hier mit einem Grenzphänomen zu tun, das sich diagrammatisch in einer Kurve annähernd so darstellen ließe.

Und „eine Kurve ist das mathematische Analogon zu dem, was geisteswissenschaftlich eine Geschichte heißt. Die Kurve ist nur eine berechenbar gemachte Geschichte, in der jede Stelle durch eine Funktionsgleichung ausgedrückt werden kann. Die Aufgabe lautet demnach: Zeichne eine Kurve oder erzähle eine Geschichte …“[8]

Ist obige Beobachtung korrekt, so ergäben sich diverse Konsequenzen.

Für das Schach: Capablancas viel zitierte und nicht weniger oft verworfene Äußerung vom „Remis-Tod“ des Schachspiels erhielte neue Bedeutung. Die Topspieler neutralisieren sich nicht etwa zunehmend, weil sie vergleichbar hoch trainiert und ausgebildet sind – dies ist nur der Fall, wo ausanalysierte Eröffnungen in ausanalysierte Mittelspiele führen, die wiederum in ausanalysierte Endspiele münden, weshalb dann, da man weiß, daß auch der Gegner weiß etc., gleich Remis vereinbart wird –, sondern weil sie diesem Idealzustand zu nahe gekommen sind. (Amateurspieler begehen daher einen schachintern logischen Fehlschluß, wenn sie die Meister in der Remisfreudigkeit imitieren, denn objektiv Remis ist eine Partie nur, wenn subjektiv beide nicht nur den Remisweg kennen, sondern diese Kenntnis der Kenntnis auch vom Gegner haben und daher das objektive Ergebnis antizipieren können.) Sie können nicht mehr als Remis spielen. Es gewinnt demnach meist nicht der Bessere, sondern es verliert der Schwächere, was schließlich den nicht selten beklagten Verlust an „unsterblichen Partien“, an charismatischen Partien, welche die Spieler bis zu Bobby Fischer noch häufig zustande brachten, erklären könnte.

Anders gesagt, es gibt kaum noch geniale Züge, sondern fast nur noch geniale Fehler. Geniale Züge erscheinen nur noch als solche, sind in Wirklichkeit jedoch Widerlegungen genialer Fehler. Die Frage, wer der bessere Spieler sei, ist relativ irrelevant in diesem Bereich, sofern am Limit des Spiels gespielt wird; mit anderen Worten: Carlsen im Verhältnis zu Caruana (oder umgekehrt) könnte durchaus der an sich stärkere, der absolut bessere Spieler sein, gäbe es diesen qualitativen Grenzbereich, diese objektiv-numerische Grenze nicht. Aber da es sie gibt, wird sich das unter den derzeitigen Kriterien nie klären lassen.

Man müßte Sekundärgrößen, etwa die Qualität im Verhältnis zur Zeit, einführen, hätte dann aber kein Absolutargument. (So gesehen ist Carlsen momentan ohnehin nur der mutmaßlich beste Spieler innerhalb der engen, vor allem zeitlichen Grenzen des Turnierschachs. Im viel schnelleren Internetschach, wo Partien von ein oder zwei Minuten ausgetragen werden, würde er vermutlich diesen Status verlieren und umgekehrt kann man erwarten, daß er auch bei zwölfstündigen oder mehrjährigen Partien – z. B. Fernschach – durchaus sich geschlagen geben müßte.) Wenn zwei Bergsteiger nur noch hundert Meter unterhalb des Gipfels des Mount Everest stehen, dann läßt sich nur noch schwer feststellen, wer die größere Höhe – jenseits der 8848 m – erreichen könnte.

Damit ist die Rede vom Ende des Schachs sinnvoll geworden, allerdings mit wesentlichen Einschränkungen: Erstens betrifft dies nur ein paar hundert (wenn überhaupt) von Millionen Schachspielern. Freilich werden auch die Millionen sich theoretisch dieser Grenze annähern, aber das sollte den Sterblichen wohl nicht interessieren, wiewohl die beunruhigende Vielzahl an kindlichen und jugendlichen „fertigen“ Topspielern, die vor allem östlich der Oder – von China über Indien bis nach Rußland – heranwachsen, diesen Trend schon nachweist.

Zweitens gilt dies nur unter der Voraussetzung des derzeitigen Regelwerks. Randomschach, Janusschach etc. sind schon Ausflüchte aus dem Dilemma, aber selbst eine einfache Regeländerung, wie etwa das Dauerschach oder das Patt als Sieg für den aktiven Spieler zu werten, was der Logik des Spiels vollkommen entspräche, würde neue unabsehbare Möglichkeiten schaffen und die Karten, zumindest für einen begrenzten Zeitraum, neu mischen.

Drittens, diese ist philosophisch am interessantesten, ist es nicht absolut ausgeschlossen, daß eine neue Verständnisrevolution im Stile eines Steinitz sich ereignen könnte, ganz im Sinne Tartakowers, der einst postulierte: „Schachgesetze sind dazu da, um überholt zu werden“.

Man muß die Hoffnung nicht aufgeben, wenn sie auch gering ist und mit jedem Topspiel geringer wird, daß ein neuer Steinitz auftauchen könnte und die klassische Schachstrategie fundamental widerlegt. Es ist kein Zufall, glaube ich, daß Aaron Nimzowitsch sein revolutionierendes Buch „Mein System“, daß eine Grundlegung der „hypermodernenen Partie“ darstellt, quasi-philosophisch angelegt hatte.

Vielleicht ist es auf einem höheren Standpunkt durchaus sinnvoll, eben nicht das Zentrum zu besetzen – die hypermoderne Schule ging ja schon Schritte in diese Richtung –, die Figuren in klassischer Formation zu entwickeln etc. Das mag im Moment sinnlos klingen, und es ist in der Tat unwahrscheinlich, aber als Kopernikus die Erde um die Sonne kreisen sah, da erschien dies genauso sinnlos, und als Nietzsche die christlich-zivilisatorischen Werte umwertete, klang dies nicht weniger unsinnig, und als, um ein vergleichbares Beispiel zu wählen, der Schwede Boklöv in den 80ern zum ersten Mal den V-Stil sprang oder als im Langlauf der Gleitschritt aufkam, im Hochsprung der Flop usw., da galten auch diese kleinen Revolutionen als absurd. Sie werden freilich unwahrscheinlicher, je näher man der objektiven Grenze kommt, denn diese kann nur erreicht werden, wenn auch die „Freak“-Positionen durchgespielt wurden.

Dieses Grenzwertphänomen – das ist der Clou dieser längeren Herleitung – findet sich nun allenthalben, das Schach steht nur symbolisch.

Etwa im Sport. Man mißt den 100-m-Lauf heute in hundertstel Sekunden, im Rennrodeln gar in tausendstel Sekunden – Zeitmaße, die die Biologie des Menschen überschreiten. Altgriechische Kampfrichter hätten es mit modernen Sportlern oft schwer, den Sieger zu bestimmen, da die Unterschiede unterhalb der menschlichen Wahrnehmung liegen.

Aber auch in der Extremisierung läßt sich diese Tendenz verfolgen. Ob Freiklettern, Wingsuite-Gleiten, Klippenspringen, Monsterwellensurfen oder Apnotauchen: bewußt wird die Grenze zum Tod gesucht und durch Wissenschaft, Technik und akribisches Training ausgeweitet.

Bei alldem gibt es jedoch bewegliche objektive Grenzen. Derzeit liegt der Weltrekord im 100m-Sprint bei 9,58 Sekunden. Vielleicht wird der Mensch nach weiterer Optimierung die 9-Sekunden-Marke reißen, vielleicht sogar die 8-Sekunden-Marke, aber er wird nie in fünf oder drei Sekunden die 100 Meter bewältigen können und um selbst minimale Fortschritte zu erreichen muß ein exorbitanter Aufwand betrieben werden, d.h.: die nächste Hundertstelsekunde wird mit exponentiellem Aufwand erkämpft, verglichen mit den vorherigen Steigerungen.

Der Sport nähert sich seinen objektiven Grenzen an. Selbst der Mannschaftssport. Mannschaften wie FC Barcelona, Manchester City oder Bayern München kommen phasenweise der Perfektion nah. Wenn jeder Paß sitzt, wenn der Ball nicht mehr verspringt, wenn alle Spieler in Bewegung und topfit sind, wenn die Taktik akribisch eingehalten wird, dann nähern sich diese Mannschaften dem absoluten Spiel – und Fußball ist ohnehin ein Fehlerspiel, in dem nicht der Stärkere gewinnt, sondern der Schwächere, mit den meisten Fehlern und Defiziten behaftetete, verliert.

Auch in der Kunst führt das Grenzwertphänomen zu jenen Entgrenzungserscheinungen, wie wir sie aus Malerei, Musik und Theater kennen. Es scheint alles gesagt, alle Formen des Sagens und Nichtsagens, Verschweigens, Verbergens und des Verbergens des Verbergens … hat es bereits gegeben: „Um sich unablässig weiter zu steigern, muß sich jede erlebte Intensität ihre Steigerung steigern.“[9]

So auch im ganz Großen. Man muß das nicht weiter ausführen – es scheint evident zu sein. Das Kapitalsystem wie auch das „kapitalistische System“ gelangt an seine Grenzen. Wenige Jahre nach dem katastrophalen Börsencrash haben sich Spekulationsblasen gebildet, die jeglicher Vorstellung spotten, deren Platzen nur eine Frage der Zeit ist.

Die extensive Logik des Wirtschaftssystems leidet an intrinsischen und extrinsischen Völleerlebnissen, die sich aus der Endlichkeit des Gesamtsystems Erde – ähnlich dem Schachbrett – ergeben. Neue Innovationen – Digitalisierung, Ökostrom, E-Auto, Industrie 4.0, Kryptowährungen usw. – stellen zwar rasante Potenzierungen, Fortschritte dar, aber sie bewegen sich alle am Rand des Systems, dehnen diesen möglicherweise, sind letztlich also Annäherungen.

Und sollte das „kapitalistische System“ sich ein weiteres Mal flexibler zeigen als angenommen – schon Marx hatte 1847 diesen Fehler begangen[10] –, sollte die Singularität, eine sich selbst beschleunigende und selbst überholende Beschleunigung – wie sie Ray Kurzweil im Erlösertone beschrieben hat[11] – sich als Irrtum erweisen, so wird es an seine natürlichen, an die ökologischen Grenzen stoßen. Man braucht die Frage der Erderwärmung nicht einmal, um die tausend unlösbaren ökologischen Probleme zu sehen, die den Bestand der Menschheit, vielleicht sogar den Bestand des höheren Lebens, vielleicht sogar den der Biosphäre, so wie wir sie kennen, bedrohen.

Diese permanente Steigerung und Intensivierung führt letztlich auch zur systemischen Ermüdung oder – wie Byung-Chul Han es nannte – zur „Müdigkeitsgesellschaft[12]; nicht etwa, weil man erschöpft sei (das auch: Burnout), sondern das System erschöpft sich, kommt an seine Grenzen, nähert sich diesen an. Es gibt ein Ende der Möglichkeiten.

Wer das Gesetz der Grenze negiert, erreicht irgendwann die Grenze der Entgrenzung, der nicht zu entkommen ist – es sei denn in der kompletten Auslöschung oder im Verlassen des Spielraumes.

Die Phantasien einiger, die Menschheit könne andere Planeten besiedeln, entstammen dieser Einsicht. Wahrscheinlicher ist die erste Variante.

Sie könnte nur durch das Beenden der Entgrenzung als Prinzip gebannt werden.

siehe auch: Ist Sterben noch modern?

Die Geschichte der Zukunft

[1] Daß es die Regeln beherrscht, also nur mögliche und regelgerechte Züge ausführt, ist essentiell. Das berühmte Primatenbeispiel, vom Affen, der auf der Schreibmaschine auch zufälligerweise keine Shakespeareschen Sonette verfassen könne, hinkt an eben dieser Unvergleichbarkeit und Diskursüberschreitung; denn natürlich könnte der Affe „Sonette“ verfassen, nur keine Shakespeareschen, sondern äffische Sonette.
[2] Die Probleme liegen hier aufgrund anderer Komplexitäten, geringfügig anders. Möglicherweise ist das Go noch weniger ausgespielt. http://www.wiwo.de/technologie/cebit-spezial/google-computer-gewinnt-go-duell-was-der-sieg-der-maschine-fuer-den-menschen-bedeutet/13323822.html
[3] Allein die handelsübliche Chessbase Database umfasst 7,1 Millionen Partien; schon nach dem 3. Zug sind,14×106 Stellungen möglich und die Gesamtzahl der legalen, also spieltechnisch möglichen Züge wird auf 2×1043 geschätzt – sie zu errechnen scheint noch immer nicht möglich und die Zahl aller möglichen, also auch durch das Regelwerk nicht gestatteten Positionen ist ein vielfaches Vielfaches. (Bonsdorf/Fabel/Riihimaa: Schach und Zahl. Dresden 1969, S. 10)
[4] vgl. Stephen Jay Gould: Life’s Grandeur. The spread of excellence from Plato to Darwin. London 1996. Diese Wand wird zudem von der „’right wall’ of human possibility“ ergänzt, an der die Spitzenspieler angekommen zu sein scheinen. ebd. S. 147 u. a.
[5] Parusie (grch): Wiederkunft Christi zum jüngsten Gericht
[6] Siehe Friedrich Engels: Dialektik der Natur. MEW 20, S. 348 ff. u.a.
[7] vgl. Offenbarung 10.6 „Es soll hinfort keine Zeit mehr sein.“
[8] Peter Sloterdijk/Hans-Jürgen Heinrichs: Die Sonne und der Tod. Dialogische Untersuchungen. Frankfurt/M. 2001 S. 234
[9] Tristan Garcia: Das intensive Leben. Eine moderne Obsession. Berlin 2017, S. 138
[10] Marx/Engels: Das kommunistische Manifest.
[11] Ray Kurzweil: The singularity is near. London 2006 – seine These auch bekannt unter “Menschheit 2.0“
[12] Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft Burnoutgesellschaft Hoch-Zeit. Berlin 2010

Ein Gedanke zu “Warum das Ende naht

  1. Konservativer schreibt:

    Geehrter seidwalk

    Auch dieser hochinteressanre Beitrag verdeutlicht mir einmal mehr, daß ich hier bestenfalls ein kleines, flackerndes Teelicht unter vielen großen, hellleuchtenden Kerzen bin (doch auch ein Teelicht hat seine Bedeutung, es vermag z. B. den Tee warmzuhalten).
    In diesem Zusammenhang erfreut mich Ihr freundlicher Ton, in dem auf uns nicht so belesene Kommentatoren eingehen.

    Was Schach anbelangt, bin ich lediglich ein Laie, der nunmehr schon länger nicht mehr gespielt hat.
    Für höhere Weihen in diesem „Spiel“ fehlt mir das photographische Gedächtnis.

    Wie auch immer, anknüpfend an Ihre Schlusssätze empfehle ich den folgenden Beitrag von Christoph Becker (auf seiner beeindruckenden Internetpräsenz):

    „Der Artikel Aufbauende Landwirtschaft, vom 17.1.2017, auf http://www.konstantin-kirsch.de hat mich auf diesen Blog aufmerksam gemacht und dort etwas stöbern lassen. Dabei fand ich den Artikel Was taugen die Prognosen der Deagel-Liste? In Deutschland 60% Bevölkerungsrückgang in den kommenden 7 Jahren??.

    Der Link auf die dort angegebenen, aktuellen Schätzungen der Bevölkerungsentwicklung bis 2025 ist: http://www.deagel.com/country/forecast.aspx .

    Auffällig ist, dass nach dieser Schätzung in allen west- und mitteleuropäischen Staaten die Bevölkerung in den nächsten 7 Jahren sehr heftig schrumpfen wird, während in anderen Ländern die Bevölkerung nur wenig schrumpfen oder zunehmen wird. Der europäische Schwerpunkt der Schrumpfung ist dabei Deutschland, für das ein Bevölkerungsrückgang von fast 49,4 Millionen, auf nur noch gut 31 Millionen und eine Schrumpfung des Bruttosozialproduktes auf weniger als 23 % des aktuellen Wertes vorausgesagt wird.
    …“
    Den vollständigen Beitrag kann man hier lesen:

    https://www.freizahn.de/2018/01/us-militaerwerbung-brd-verliert-fast-50-millionen-einwohner-bis-2025/#comment-3649

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