2. Incipit historia.

Die Suche nach einem Sinn strukturiert das Denken, nachdem dieser als Ursinn verloren gegangen ist. Im eigentlichen, im Ursinn gab es nie Sinn, sondern nur Sein. Dieses selbst war der Sinn. Laotse, so scheint es, ist der früheste Zeuge dieses Bruches[1]; die Art seines Sprechens könnte darauf hindeuten, daß er Zeitzeuge war, daß er diese, für die gesamte Menschheitsgeschichte fundamentale Bewegung tatsächlich wahrnahm:

verloren ging das große Dau –

güte und rechtschaffenheit entstand

hervortrat die klugheit –

die große heuchelei entstand

zerrissen war die sippe –

der familiensinn entstand

in wirrnissen zerfiel der staat –

der treue minister entstand

Incipit historia. Sie ist selbst nichts anderes als ein Suchen, woraus sich ihr eschatologi­scher Wesenszug ergibt, und sie ist entstanden aus einem Verlust. Verloren ging das große Dau, der Weg, der große Zusam­menhang, der Sinn. Seither fungiert Sinnsuche als Denk­struktur. Um dies zu begreifen, ist es unabdingbar, sich ständig zu vergegenwärtigen, daß damit ein existentieller Verlust verbunden ist. Der Gedanke ist wag­halsig genug, denn was gilt in unseren Augen höher als Rechtschaffenheit, als Güte, als ein treuer Minister; wer vermag noch darüber – über die Treue, die Güte, die Rechtschaffenheit – zu trauern?

Die Moral, die Norm, das Prinzip, die Ordnung, die Logik, die Politik, das sind die Denk­strukturen, die sich auf den großen Verlust aufpflanzten, die uns Sicherheiten versprechen und jene Leere zu kompensieren versuchen, die der große Verlust hin­ter­ließ. Um sie mit Inhalten zu füllen, bedarf es der Ereignisse. Die ereignislose Zeit – das hohe Ideal des Laotse führt nun zur Verunsicherung.

Et­was muß pas­sie­ren. Das reine Ereig­nis ist un­er­träg­lich ge­wor­den. Die Un­er­träg­lich­keit wird durch den Sinn kom­pensiert. Dabei ist jedes Ereignis an sich rein, d.h. ohne Sinn, ohne Struktur, nur kann das struktu­rierte Den­ken nichts ohne Struk­tur den­ken, nichts ohne­ Sinn, weshalb im Ereignis etwas gesucht wird: etwas, das passiert, eine Moral, ein Prinzip, eine Politik…

Ob das funktionieren kann und weshalb nicht, müßte eine Gesellschaftsanalyse leisten, wichtig ist allein der Ver­such. Das reine Ereignis ist nun keinesfalls sinn-los, aber es ist auch nicht sinn-voll. Es transportiert nicht den Sinn als inhärenten Bestandteil mit, dieser muß erst gestiftet werden. Sinnstiftung ist nun nicht das gleiche wie Sinn­suche. Sie ist aktiv, produktiv, schöpferisch und affirmativ, verläßt sich nicht auf ein omi­nöses Ange­bot, auf etwas, das irgendwie schon da ist. Die Sinnstif­tung ge­schieht zum einen durch das Ereignis selbst, aber nicht mit ihm, zum ande­ren durch einen Stifter. Sinnstifter ist derjenige, der ein Ereig­nis als solches wahrnimmt. Das passive Be­obachten eines Er­eignisses reicht dazu nicht aus, es muß in der Wahrneh­mung als Er­eignis kon­stituiert werden, als Perzept. Im Akt der Konstituierung entfaltet sich der Ereig­nis-Sinn, der erste Sinn des Ereignisses, der das Ereignis als Ereignis konstituiert, anson­sten ist es nichts oder Teil eines Ereignisses, aber nie selbst Ereignis. Nun kann die Sinn­stiftung durchaus wieder in moralische, prinzipielle, politische Bahnen gleiten, doch ist das nur unter Entfer­nung vom Ereignis möglich und folglich nicht aus diesem selbst zu legiti­mie­ren. Allein der Stifter kann sich als Moralist, Politiker etc. diskreditieren, nicht je­doch das Ereig­nis…

[1]Aufschlußreich ist seine Rede von den alten Meistern, den „wahrhaft verständigen des altertums“.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.