Die Lehre aus der EU-Wahl

… die gibt es nicht. Nur im Plural. Sie zu ziehen, soll hier nicht versucht werden – die Gazetten sind voll und manche Analyse durchaus treffend. Ich möchte hier nur auf ein paar einzelne Aspekte aus ganz persönlichem Interesse eingehen.

Wenn ich sage, es gibt nicht die, sondern viele Lehren, dann kann man daraus vielleicht doch eine Lehre ziehen: Vielfalt. Zu diesem Wort kann man das Synonym „Buntheit“ bilden – das tun unsere politischen Gegner ad nauseam – oder das Wort „Zersplitterung“. Das trifft es wohl eher.

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Das Elfte Gebot der Traurigkeit

Das Denken bringt die Herrschaft des Menschen über die Natur mit sich und, mit gewissen Einschränkungen, wie etwa Gebrechlichkeit oder seelisches Leiden, auch jene über sein Wesen. Es ist Garant der Freiheit, sich das Leben zu nehmen, sich selbst aus freien Stücken und zu einem selbstgewählten Zeitpunkt ein Ende zu setzen. Warum dann diese unvermeidbare Traurigkeit? (George Steiner)

George Steiner ist ein wahrlich multikultureller Denker und ein lebendes Fossil europäischer Hochkultur. Die drei bedeutendsten Kultursprachen Europas sind seine Muttersprachen, tief in der englischen, französischen und deutschen Kultur verwurzelt, mit vielen freiwilligen Ausblicken ins Griechisch-Lateinische, ins Spanische, Italienische und Russische umfaßt sein Werk Arbeiten über die Antike Tragödie und über Dostojewski, reicht es vom Schach bis zu Heidegger, von Dante bis zur modernen Sprachphilosophie and beyond.

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Die Gerechtigkeitsillusion

Der Videobeweis im Fußball wird in der Regel mit dem Gerechtigkeitsargument begründet. Tatsächlich opfert er der Illusion der Gerechtigkeit die Schönheit des Sports. Er nährt die Phantasie, daß es so etwas wie Gerechtigkeit überhaupt gäbe.

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Intensität – ein Kryptodialog

Eine Buchbesprechung

Manche Bücher versteht man erst, wenn sich erschließt, was fehlt, was sie verschweigen, umso mehr, wenn es wissensgesättigte Werke sind, wenn man also davon ausgehen muß, daß der Autor tatsächlich meidet, was er kennt. Dies könnte der heimliche Dirigent sein. In Tristan Garcias philosophischem Bestseller sind es zwei absente Namen: Husserl und Heidegger.

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Erhört eure Gebete!

Zum 3. Advent

Wahrscheinlich muß man hin und wieder, vor allem die Jüngeren, daran erinnern, daß Weihnachten „was mit Jesus zu tun hat“. Wer dieser Jesus freilich war, liegt offenbar im Auge des Betrachters. Eine interessante – ich sage nicht: korrekte – Sicht auf diese Fundamentalgestalt hatten Hans Kirk und Henri Barbusse, die heute kaum noch jemand kennt – ihren Jesus-Interpretationen nebst eines Exkurs zur Frage des Zorns, sollen die nächsten adventalen Wochenenden gewidmet sein.

Allerorten wird Barbusse als der Autor von „Das Feuer“ erwähnt, vielleicht auch noch seine politische Tätigkeit – er war Kommunist und straffer Stalinist -, aber daß der ursächlich vom Symbolismus herkommende Autor sich ein Leben lang mit der Gestalt des Religionsgründers befaßte, ist weitgehend vergessen.

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Was ist deutsche Kultur?

Ein erbärmlicher Versuch

Der „Focus“ ist schon zu einem argen Wurschtblatt verkommen. Zusammen mit der Schwesterzeitung „Huffpost“, die mittlerweile zum Zentralorgan der Islamophilie mit klarem missionarischem Auftrag geworden ist. Propaganda! Ich scheue mich nicht, diesen Begriff zu verwenden. Vor allem wenn es konkret gegen die AfD und allgemein gegen Andersdenkende geht. Da wird jede Gelegenheit genutzt – mal mit dem Hammer, dann wieder etwas subtiler –, um exakt das zu tun, was man dieser Partei und ihren Anhängern vorwirft: zu hetzen und zu ängstigen.

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Frühe Anzeichen

In Italien kippt die Stimmung, schreibt die „Junge Freiheit“.

Dort, in Italien war es, wo wir im Sommer 2015, einige Wochen vor der Geschichtszäsur, zum ersten Mal eine Ahnung davon bekamen, was auf Europa zukommt.

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Terror als Ausweg

Angesichts der Bilder (nur für Hartgesottene!), wie sich fünf junge Männer in Cambrils von der Polizei hinrichten lassen, indem sie sich verweigern, die Arme zu heben und ohne effektiv etwas ausrichten zu können – die Sprengstoffgürtel erweisen sich später als Attrappen –, darf man sich erneut fragen, welche Psycho-Logik hinter solch scheinbar absurden und aller menschlichen Natur widersprechenden Verhaltensweisen steckt. Ein Grund, ein starker, wenn auch nicht der einzige, dürfte sich im Religiösen verbergen. Daher noch einmal der Versuch, den „Terror als Ausweg“ zu beschreiben:

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

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Nur ein Gott

Europa, als demokratisches Projekt, ist erledigt. Psychisch erledigt. Die Idee ist pfutsch, niemand glaubt mehr daran.

Der beste Beweis dafür ist das überragende Wahlergebnis Macrons – ein politisches Chamäleon in einer Einjahrespartei – in Frankreich, aber auch die britische Unterhauswahl und selbst Merkels scheinbar irrationale Erholung oder, noch deutlicher, Schulz‘ kometenhafter Aufstieg und Fall, deuten in diese Richtung.

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Die neue Weltmacht

Nichts ist mehr so, wie es mal war. So hat sich in den letzten Wochen und Monaten eine neue Weltmacht etabliert. Sie hat kein Territorium, sie hat kein Volk, sie hat keine Gesetze – aber sie regiert die Welt.

Glaubt man den Enthüllungen unserer Geheim- und Pressedienste, dann regieren seit kurzem russische Hacker den Globus.

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Mit Kompaß zur Unterwerfung

„Ich hätte nie gedacht, daß ich mal mit so einer braunen Socke diskutiere.“ Seither mag ich ihn, der das gesagt hat. Ein Künstler, der sich aus Deutschland zurückzog, um hier in der Puszta in Ruhe arbeiten zu können und der „beengenden Atmosphäre“ zu entfliehen – wie ich auch, nur beengt mich anderes.

Vor ein paar Wochen gebe ich ihm Kleine-Hartlages Büchlein „Warum ich kein Linker mehr bin“ zur Lektüre – das ist in zwei Stunden erledigt. Bisher noch keine Reaktion. Stattdessen bringt er mir auch ein Buch: Mathias Enard: „Kompaß“, ein 400-Seiten-Wälzer.

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Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Einen besonders intrikaten Gedanken versucht Karl Heinz Bohrer zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe.

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Der Rhizom-Terror!

Der Philosoph Gilles Deleuze hat schon in den siebziger Jahren das Bild des Rhizoms entwickelt, in dem er ausdrücken wollte, wie postmoderne Organisationen verfaßt sind: Sie gleichen dem Wurzelwerk von Bäumen, weithin verästelt, und sie lösen damit die straffen Hierarchien herkömmlicher Institutionen ab. Solchen wuchernden Rhizomen gleichen nun die dschihadistischen Netzwerke (Gilles Kepel)

Gilles Kepel, den man auch in Deutschland gerne als Terrorexperten zitiert, hatte bereits in seinem umfänglicheren Werk von 2009 – „Die Spirale des Terrors. Der Weg des Islamismus vom 11. September bis in unsere Vorstädte“ – seine Vorliebe für den Poststrukturalismus bewiesen, denn dort wollte er den Terror im Paradigmenwechsel von historischer Faktizität (das reale Ereignis) zur historischen Fiktionalität (das mediale Ereignis) beschreiben. Unter Poststrukturalismus verstehen wir eine Vielzahl von philosophischen Ansätzen, die sich alle auf eine Zeichentheorie (affirmativ oder negativ) beziehen und die psychoanalytische, marxistische Begrifflichkeiten überwindend nutzen. Das einigende Band ist die „Dekonstruktion“ – also die Destruktion und insgeheime Neukonstruktion – einer Objektivität.

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Ernst nehmen!

Es sind oft die unwesentlich scheinenden Kleinigkeiten, die uns über den Ernst der Lage in Deutschland informieren. Etwa die Meldung, daß die „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ in Greifswald nun nicht mehr so heißen möchte – was natürlich nicht stimmt, denn nur eine Mehrheit des Senats hat darüber entschieden. In einem langjährigen Prozeß, der uns gleich als „demokratisch“ verkauft wird und also zu akzeptieren sei – oder wollen Sie als undemokratisch gelten? –, hat man es sich nicht leicht gemacht.

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ISIS verstehen II

Fortsetzung von: ISIS verstehen I

Die Geschichte einer finnischen Konvertitin – aufgrund des Insiderwissens wohl authentisch –, die ins Kalifat reist, wird nur an einer Stelle wirklich interessant, dort, wo sie vom Märtyrertod ihres Sohnes schreibt und dies als „blessing“ versteht. Von Trauer kein Wort. Sie nennt sich Umm Khalid al Finlandiyah, also Mutter des Khalid aus Finnland und ein schönes Bild zeigt zwei glückliche blonde spielende Kinder in Kaftan und Hijab – ob das der kleine Märtyrer war? Ansonsten ist es die übliche Geschichte der religiös Wurzellosen, die die einfache Lösung findet und nun Werbung für die Reise ins Kalifat macht.

© Dabiq - glückliche Kinder im Land des Islam

© Dabiq – glückliche Kinder im Land des Islam

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ISIS verstehen I

Was den einen der „Playboy“ ist den anderen das IS-Magazin „Dabiq“. Beide Zeitschriften haben einiges gemeinsam: Mit hoher ästhetischer Perfektion wird der Zeitgeist eines Milieus eingefangen und beide lieben Oben-Ohne-Bilder. Die einen ohne BH und die anderen ohne Kopf. Wie dem auch sei, beide Magazine lohnen die Lektüre. Zwar: kennt man eines, kennt man alle, aber eines sollte man eben kennen. Warum nicht Nummer 15 – die neue „Dabiq“ ist da!

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Huhn oder Ei

Islam und Islamismus zu verstehen, gehört zu unseren dringendsten Aufgaben. Dazu gehört es, auf relevante Stimmen zu hören. In der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ erschien ein Artikel über und ein Interview mit Abdelkader Sadouni, einflußreicher Imam in Nizza, der Stadt des Terrors. Beides kann sehr gut dazu dienen, der Aufgabe ein klein wenig besser gerecht zu werden. (leicht gekürzt)

NizzaDer Imam von Nizza: “Die laizistische Verfaßtheit Frankreichs ist für die Attentate verantwortlich.“  

Abdelkader Sadouni, sunnitischer Prediger im Stadtzentrum: “Die Attentate sind alleinige Schuld der Franzosen.“

© Luca Steinmann/Il Giornale – 19/07/2016

Die Avenue Jean-Mèdecin, die Magistrale Nizzas, die vom Bahnhof bis zur Promenade des Anglais reicht, ist stark bevölkert. Sie wird von handtuch- und sonnenschirmbewaffneten Touristen überquert, die zum Strand gehen. Viele Einwohner Nizzas nutzen sie, um auf der Suche nach Schnäppchen von Geschäft zu Geschäft zu bummeln.

Die Bars und Restaurants sind voll und nichts läßt ahnen, daß sich die Stadt in diesem Moment im Ausnahmezustand befindet. Vor der Basilika Notre Dame treffen sich verschiedene Touristen, die die gotische Fassade photographieren.

Hinter der Kirche, genau gegenüber, wurde inmitten des historischen Zentrums eine Moschee errichtet. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Viertel zu einem islamischen Stadtteil entwickelt. Die Straßen werden ununterbrochen von Männern mit langen Bärten überquert, die Sandalen tragen und lange weiße Tuniken. Alle Lebensmittelläden verkaufen Halal-Produkte, die alten Weinboutiquen wurden in Islamzentren oder koranische Bibliotheken verwandelt. An der Seite der Moschee ist der Fußweg mit Modepuppen zugestellt, die lange weite Gewänder, typisch für die islamische Welt, für Frauen und Männer zu Schau stellen. Dahinter erblickt man ein Geschäft, in dessen Schaufenster neben Kinderbüchern mit Titeln wie „Warum Allah gut ist“, verschiedene Koranausgaben ausliegen.

Dieses Geschäft gehört Abdelkader Sadouni, einem malakitischen sunnitischen Imam mit algerischen Wurzeln, der nun schon seit einigen Jahren das Gesetz Allahs in Frankreich predigt. Immer wieder treten verschiedene Gruppen von Gläubigen ein, um irgendein Produkt zu erwerben, streng islamisch, oder um Rat einzuholen. Es sind Tage, in denen die muslimische Gemeinschaft Nizzas unter großem Druck steht und viele fragen den Imam, wie sie sich verhalten sollen. Der antwortet, man solle sich ruhig verhalten und das Wort Mohammeds weiterhin verbreiten. „Wir tragen für das, was passiert ist, keine Verantwortung – schuldig sind andere“, sagt er.

Abdelkader Sadouni ist einer der am meisten gehörten Prediger Nizzas. Seine Popularität verdankt er seinen Predigten in der Moschee, seinem Geschäft im Zentrum des Viertels, aber auch einer privilegierten Beziehung zu Christian Estrosi, dem ehemaligen Bürgermeister und dem heutigen Regionalpräsidenten. In diesen Tagen wird Estrosi für seine zweideutigen Kontakte mit radikalen Muslimen angegriffen, für Sadouni sind das allerdings nur fruchtlose Polemiken.

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Nizza ist die Hauptstadt der europäischen foreign fighters. Mehr als 100 junge Männer der islamischen Kommune sind nach Syrien gereist. Sie sind einer der bedeutendsten Anlaufpunkte dieser Gemeinschaft. Wie erklären Sie das Phänomen?

In den letzten Jahren waren wir regelmäßig Zeuge der Ausreise nach Syrien vieler junger Muslime aus Nizza, die oft sogar Frauen und Kinder mitnehmen. In den meisten Fällen handelt es sich um Personen, die alle Annehmlichkeiten der französischen Staatsbürgerschaft genießen und trotzdem entscheiden sie sich, die Côte d’Azur zu verlassen, um an einem bewaffneten Konflikt teilzunehmen, und das Risiko einzugehen, das eigene Leben und das der Familien aufs Spiel zu setzen. Das beweist das Versagen der französischen Politik im Hinblick auf den Islam. Die Diskriminierung der französischen Muslime, die islamophoben Attacken und das Verbot, die religiösen Symbole öffentlich zu nutzen, sind die Motive, die jene Jugendlichen dazu treibt, sich nicht als Teil der Gemeinschaft zu empfinden und sich zu entscheiden, sich mit jenen zusammenzuschließen, die sie als Ihresgleichen wahrnehmen. Meiner Meinung nach ist die Situation der Muslime in Frankreich der ausschlaggebende Faktor, der diese Leute in den Kampf treibt. Solange es nur so wenige Moscheen gibt, solange deren Konstruktion Proteste erregt, solange Muslime diskriminiert werden, so lange wird es diese Reaktionen geben. Zwar sicherlich falsche Reaktionen, aber eben reale und in deren Anbetracht muß man jene Phänomene ausrotten, die diese hervorbringen.

Sie klagen also das französische System an, für die Explosion des bewaffneten Djihadismus verantwortlich zu sein? Meinen Sie nicht, daß es auch interne Verantwortlichkeiten der muslimischen Kommune gibt?

Das Problem der muslimischen Kommune ist, daß sie keinen Platz im Inneren der französischen Gesellschaft findet. Frankreich ist ein laizistisches Land, das sich der Förderung der Religion und ihrer Manifestationen widersetzt. Indem sie das tut, treibt sie den Islam in einen Winkel, die Muslime werden diskriminiert und attackiert, nur weil sie ihren eigenen Glauben leben wollen. Das Problem ist nicht die muslimische Gemeinschaft, sondern die mangelnde Bereitschaft, ihr mehr Raum zu geben.

Die Laizität ist allerdings das Fundament der französischen Republik und der Werte, die die Revolution und die Aufklärung bejaht haben …

Die Laizität wäre ein richtiges Prinzip, wenn sie die Freiheit des Kultes für alle garantierte. Das geschieht gerade nicht. Die heutige Laizität ist ein Extremismus, der dazu tendiert, alle Religionen auszumerzen. Die Christen haben sich daran gewöhnt, die Muslime machen das nicht, weil es eine Ungerechtigkeit wäre. Wenn die Laizität weiterhin so angewandt wird wie heute, wird der Wunsch, sich unter Muslimen, die nach Syrien gehen, zu vereinen, in vielen Jugendlichen sehr stark erhalten bleiben.

Sie verstehen also die Gründe derjenigen, die in den Djihad ziehen?

Ja, ich verstehe sie, aber ich rechtfertige sie nicht. ISIS repräsentiert eine starke und gewalttätige Identität, die deshalb viele junge Menschen anzieht. Menschen, die sich nicht als Teil Europas verstehen, sind weniger durch ihre eigenen Anfänge als durch die eigenen religiösen Wurzeln angezogen.

Sie sind ein sehr bekannter Imam in Nizza und Sie werden sicherlich von vielen jungen Leuten angesprochen, die Ihnen den Willen, zu ISIS zu gehen, deutlich machen. Was sagen Sie denen?

Ich sage, daß ISIS nicht der Islam ist und daß die Unterstützung, die sie ihm geben, nicht gerechtfertigt ist. Ich lade sie ein, mir in die Moschee zu folgen, wo sie die Botschaft des Propheten wirklich verstehen können und sich nicht in falsche Interpretationen des Korans verstricken, die sie oft im Internet aufschnappen.

Die Daten der Gendarmerie zeigen jedoch, daß fast die Gesamtheit derjenigen, die abgereist sind, sich in der Moschee radikalisiert haben, oft durch Predigten radikaler Imame. Wenn Sie ISIS bekämpfen wollen, müßten Sie doch versuchen zu verhindern, daß sich bestimmte Arten von Botschaften in den Kultorten übermittelt werden.

Ich stimme zu. Wir müssen verhindern, daß bestimmte falsche Interpretationen sich verbreiten. In Nizza gibt es viele verschiedene Gruppen von Muslimen, wie die Salafisten und die Muslimbrüder, zu denen ich nicht gehöre. Man muß darauf aufmerksam machen, denn die Gesetze des Islam finden in den Moscheen wie in der Gesellschaft Platz ohne den Terrorismus berühren zu müssen. Der erreicht nichts anderes, als die Attacken, die wir Muslime ohnehin schon erfahren, zu vermehren.

Sie sagen, daß nicht alle Muslime gleich sind und daß ISIS ein Feind ist. Denken Sie also, daß es notwendig sei, jene muslimischen Kräfte zu unterstützen – wie etwa das Syrien Assads – die gegen die Terroristen kämpfen?

Nein, das denke ich nicht. Ich denke, daß es hingegen notwendig ist, die Finanzen der Terroristen zu treffen. Mittlerweile wissen wir doch alle, daß Katar und Saudi-Arabien ISIS finanziert haben – man müßte verhindern, daß die Finanzierungen und Nachschübe die Krieger erreichen. Wie man auch die Finanzierung anderer terroristischer Gruppen abschneiden müßte, die den Terror im Nahen Osten im Kampf gegen ISIS verbreiten. Man müßte zum Beispiel versuchen zu verhindern, daß der Iran weiterhin die Hisbollah finanziert, die ihrerseits eine terroristische Vereinigung ist.

Sie verurteilen die Konstitution und die französischen Gesetze. Mit welchen anderen Gesetzen wollen sie das ersetzen? Mit denen des Korans?

Die Scharia ist Gottes Gesetz, nicht das Gesetz des Staates. Ich identifiziere mich mit der französischen Nation und ich möchte, daß diese Gesetze förderte, die es den Gläubigen gestatten, im öffentlichen und privaten Leben das göttliche Gesetz zu leben.

Quelle:
Il Giornale: L’imam di Nizza: „La laicità francese è responsabile per gli attentati“, 19.7.2016

 

Die letzten Reserven

Im Anschluß an das letzte terroristische Großereignis, die Todesfahrt eines französischen Bürgers muslimischen Glaubens und tunesischer Herkunft in Nizza, gab es eine Meldung, deren wahre Bedeutung offenbar nur wenigen aufgegangen ist. Man hat sie gebracht, auch in den deutschen Medien, aber man hat sie nicht kommentiert, wie das ansonsten üblich ist. Dabei beweist sie mehr als alles andere den wahren Zustand unserer europäischen Demokratien, zumindest den unseres westlichen Nachbarn; aber was derzeit in Frankreich und Belgien geschieht – daran kann kein Zweifel bestehen – wird die Zukunft aller Länder sein, die ähnliche Einwanderungsentwicklungen zulassen. Die tausendfachen in großer Selbstverständlichkeit vorgebrachten Allahu-Akbar-Rufe aufgebrachter Türken vor deutschen Rathäusern und Botschaften in Deutschland sind nur eines von vielen Indizien.

Berlin

Stuttgart

Bielefeld

Die Meldung lautet: „Frankreich ruft Bürger zum Reservedienst auf“. Gedient oder ungedient, mit militärischer Ausbildung oder ohne, „patriotische Bürger“ – das wäre in Deutschland schon fast unsagbar – sollten sich melden.

Was heißt das anderes, als daß der demokratische Rechtsstaat an seinen Reserven kratzt. Die Substanz der Wehrhaftigkeit ist weggespart, pazifiziert, gegendert, entmannt, verweichlicht, fortdiskutiert, ist aufgebraucht im Angesicht einer massiven und doch diffusen Bedrohung. Die Exekutive des Staates kann ihre Bürger nicht mehr schützen. Es genügen drei mittelgroße Attentate und die Leistungsgrenze ist erreicht.

Noch ist die Stimme leise, ein fernes Flüstern vielleicht, aber die Männer (und Frauen) auch dieses Landes sollten damit beginnen, sich die Frage zu stellen: Wie werde ich entscheiden, wenn das Vaterland ruft? In Frankreich ist es schon soweit.

Bringt es auf den Punkt: Zeller Zeitung

Bringt es auf den Punkt: Zeller Zeitung

Terror als Ausweg

Euthanasie ist heutzutage ein Unwort geworden – die systematische Vernichtung „unwerten Lebens“ durch die Nationalsozialisten hat einen einst ehrenwerten Begriff entwertet.

Der „schöne Tod“ war einst ein Ideal der stoischen Philosophie. Der Weise entschied nach langer Meditation und ohne äußeren Drang den Tod als natürlich und unabänderlich zu akzeptieren und bestimmte selbst den Zeitpunkt. Schon Sokrates machte es vor, als er das Ansinnen seiner Jünger, den Todestrakt zu fliehen, ablehnte und gleichgültig den Schierlingsbecher leerte. Der Stoiker Seneca war einer der großen Sterbemeister – er schnitt sich in aller Seelenruhe die Pulsadern auf. Es gab vor allem zwei Todesarten, die den Stoiker überzeugten: Verhungern und Verbluten – in beiden Fällen war die Irreversibilität aufgehoben, konnte die Entscheidung bis zuletzt freiheitlich bestimmt rückgängig gemacht werden, war Reue nach der Tat also ausgeschlossen. Freitod ist der treffende Begriff dafür.

Aber dieses Ideal wird selten erreicht. Selbstmord ist in den allermeisten Fällen eine Verzweiflungstat, die keiner wohlüberlegten und philosophisch durchdachten freien Entscheidung, sondern meist psychisch determinierten Zwängen folgt. Die moderne Gesellschaft bringt immer mehr Menschen an den Rand dieser Verzweiflung – die Ursachen sind komplex.

Muslimen allerdings – die statistisch gesehen vermutlich unter den gleichen Zwängen, Ängsten, Depressionen, Frustrationen und Sinnentleerungen leiden – steht dieser Weg nicht offen. Koran und Hadithe sind hier eindeutig: „Und tötet euch nicht selbst. Siehe, Allah ist barmherzig gegen euch. Und wer das in Frevelhaftigkeit und Ungerechtigkeit tut, den werden Wir ins Feuer stoßen; und das ist Allah ein leichtes.“ (Sure 4.30f.) oder: „Jemand der sich erdrosselt, erdrosselt sich für die Hölle. Jemand der sich selber ersticht, der ersticht sich für die Hölle.“(Bukhari 2.23.446) u.a. Das Höllenfeuer droht und die meisten Muslime fürchten das Höllenfeuer mehr als irgend etwas, auch mehr als den Tod.

Turkmenistan und Mauretanien liegen als erste islamische Länder mit einer Quote von 8,5 Suiziden auf 100 000 Ew. weit abgeschlagen auf Rang 55 der Weltsuizidliste, andere arabische Länder geben sogar Null Prozent an.

Nur für den Märtyrer gilt das nicht unbedingt – so lehren es die heiligen Bücher und verschiedene Schulen: „Jeder, dessen Füße für die Sache Allahs mit Staub bedeckt werden, wird vom Fegefeuer unberührt bleiben.“ (Bukhari 4.52.66) oder: „‘O Prophet Allahs! Wer ist der Beste unter den Gläubigen?‘ Allahs Prophet antwortete: ‚Ein Gläubiger, welcher sein Äußerstes hergibt für die Sache Allahs mit seinem Leben und seinem Besitz.‘“ (Bukhari 4.52.45)

Wer, so glauben einige – ganz grob verallgemeinert –, für die Sache des Islam sein Leben gibt, kommt direkt ins Paradies. Damit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die Höllenfurcht wird „besiegt“ und eine Abkürzung ins Paradies geboten und die eigene Lebenssattheit kann positiv instrumentalisiert werden.

Was also liegt näher, als immer öfter auf Menschen zu treffen, die diese Verbindung herstellen werden, die glauben und sich einreden – denn natürlich ist es gegen die koranische Urintention – als Märtyrer (sprich Selbstmordattentäter) im Glaubenskampf durchzugehen, wenn sie sich medienwirksam an Flughäfen in die Luft sprengen oder sich in Lastkraftwagen oder Nachtklubs oder an Badestränden erschießen lassen?

Wir werden vielleicht in Zukunft verstärkt mit diesen „Märtyrern“ zu tun zu haben, die weder im Solde des „Islamischen Staates“ stehen, noch durch Geheimdienstarbeit auffindbar sind. Es könnten ganz einfach irregeleitete Irre falsch verstandenen und instrumentalisierten – aber auch ermöglichenden! – muslimischen Glaubens sein.