Sloterdijks Kunst

Sloterdijk polarisiert. Die Kritiken seiner Bücher, im Feuilleton ebenso wie bei Amazon, legen Zeugnis davon ab. Halten die einen ihn für einen genialen und sprachakrobatischen Neudenker, so sehen die anderen in ihm einen Schwätzer und aufgeblasenen Besser- und Alleswisser. Am Grunde der Aversion liegt oft ein frustrierendes Lektürescheitern. Tatsächlich ist die Einstiegshürde hoch und tatsächlich kann man Sloterdijk ohne ironisches Zwinkern – und vielen Menschen fehlt der Zugang zur Ironie – nicht genießend lesen. Um trotzdem einige seiner Gedanken kennenzulernen, mag man zur Sekundärliteratur greifen. Die ist vergleichsweise noch immer gering – vermutlich ein Zeichen der intellektuellen Verunsicherung, aber auch des weitgehenden Ausschlusses aus der akademischen Gemeinde des „philosophischen Schriftstellers“.

Zwei einführende Werke sind (bedingt) empfehlenswert: Hans Jürgen Heinrichs: „Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens“ und Sjoerd van Tuinen: „Peter Sloterdijk. Ein Profil“

Hans Jürgen Heinrichs: „Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens“

Man müßte schon sehr bösartig oder unfähig sein, um von einem faszinierenden Philosophierkünstler wie Sloterdijk ein mißlungenes Portrait zu zeichnen. Das war bei Hans-Jürgen Heinrichs nie zu befürchten, bewegt er sich doch im inneren Zirkel und hat mit „Die Sonne und der Tod“ einen kongenialen Interviewband zu verantworten. Aber auch er steht vor dem Formproblem: soll man durch eine „konventionelle und sachlich argumentative Sprache“ das Schillernde dieses Denkens übertünchen oder sich durch „eine mimetische, imitatorische Haltung“ lächerlich machen? Die erste Richtung hat Sjoerd van Tuinen (wie auch Magnus Striet, sich auf die Anthropotechnikdebatte und das frühe Werk konzentrierend) eingeschlagen und ein noch immer lesenswertes Buch zusammengebracht, den zweiten Weg wählte in wesentlichen Passagen Holger von Dobeneck mit einem insgesamt verfehlten, aber punktuell durchaus treffenden Wörterbuch („Das Sloterdijk Alphabet“). Im Übrigen sieht man schon an diesen Titeln, daß der Anspruch „die erste Gesamtdarstellung“ vorgelegt zu haben, nicht gänzlich korrekt ist.

Heinrichs jedenfalls wählt einen Mittelweg, kalkuliert Begeisterungsverluste zugunsten einer Seriositätssteigerung ein, ohne den Doppelanspruch gänzlich aufzugeben. Seine Sprache ist semiopak, bilderreich, partiell evokativ einerseits und doch sachbezogen.

Auch methodologisch versucht er einen Spagat: das in drei Hauptstücke aufgeteilte Buch erinnert ein wenig an ein Patchwork, an eine Lappensammlung. Der erste Teil orientiert sich grob am biographischen Leitfaden, der zweite ist quellentheoretisch motiviert (Heidegger, Derrida, Cioran, Musik), der dritte hingegen werkhistorisch. Keiner der Teile kann Vollständigkeit beanspruchen. Die bislang öffentlich ungehörten biographischen Details sind Gold wert, aber noch immer sehr spärlich und wenig konkretisiert. Die wichtigste Quelle – Nietzsche – durchzieht das gesamte Werk, während andere Gewichtungen sicherlich denkbar gewesen wären: Foucault und Deleuze, Freud, Osho, Lacan sind zumindest verstreut bedacht worden, Adorno kommt sehr kurz, ebenso Bloch, die Mythen und die Mystik fehlen fast vollständig, Augustinus ist abwesend, die Griechen außer Diogenes ebenfalls, Macho, Groys, Bolz und die Modernen nicht minder, und vor allem fehlen die Literaten und Lyriker, sind auch die bildenden Künstler unterrepräsentiert …

Teil 3 ist stark sphärenlastig, spart das untypischste Werk des Gesamtopus, „Im Weltinnenraum des Kapitals“, gleich gänzlich aus und läßt auch die kleineren und frühen Schriften („Eurotaoismus“, „Weltfremdheit“, „Kopernikanische Mobilmachung“ etc.) zu kurz kommen. Erst wenn man die direkte Primärlektüre mit einem werkinterpretatorischen Kapitel vergleicht, spürt man, wie sehr Heinrichs (notgedrungen?) auf die Spaßbremse tritt; ich empfehle für dieses Experiment „Scheintod im Denken“, ein unendlich witziges Buch.

Dafür wird der Leser mit einigen Gesprächsnuggets verwöhnt, Sätzen, die sonst wohl nie an die Öffentlichkeit gekommen wären, z.B. Sloterdijks ganz persönliche Sicht auf Tod und Freitod oder einige erhellende Äußerungen Dihms, Grünbeins und Safranskis. Der inhaltliche Gewinn ist also groß, der Verlust – wie auch anders? – ebenfalls. Letzterer vor allem durch die sprachliche Substantialisierung, denn Sloterdijks Denken zeichnet sich gerade durch eine gewisse Unschärferelation aus. Die ihn umspielende Sprachakrobatik weicht den harten kognitiven Kern auf, selbst wenn jede ihrer Bewegungen auf ihn hinweist, und verleiht diesem Denken eine unübertroffene offene Prägnanz mit individuell möglichen Andockstationen.

Das Beste auf dem Markt, keine Frage, aber nichts geht über eine konzentrierte Lektüre und Relektüre des Meisters selbst. Heinrichs hat es immerhin geschafft, diese anzuregen und nicht zuletzt eine Art Nachschlagewerk (Teil 3) der bisher vorliegenden Hauptschriften geschaffen.

Sjoerd van Tuinen: „Peter Sloterdijk. Ein Profil“

Sjoerd van Tuinens wohlgesinntes Profil versteht sich als Einführung in das komplexe Denken Sloterdijks und will „Lust auf eine eigene Lektüre der Texte“ machen. Das gelingt und gelingt zugleich nicht, denn van Tuinen will den hermeneutischen Zirkel nicht sehen, in den er eintritt. Er tut dies im werkhistorischen und thematischen Wechsel und beweist damit schon das notwendige Problembewußtsein des Wie. Wie soll man über Sloterdijk sprechen, in welcher Sprache und mit welcher Methode?

Der methodische Wechsel tut gut, keine Frage, denn er erlaubt reflektierte Rückblicke und die periskopische Vorausschau. Daß er sich für die akademische Sprache entscheidet, will dazu nicht recht passen, aber was bleibt einem übrig, wenn man nicht zum Stimmenimitator werden will? Ein adäquates Sprechen über Sloterdijk sucht noch immer eine kongeniale Lingua, die zugleich individuell und eine Art Esperanto sein müßte und bescheiden genug wäre, von sich selber wegzuhören. Indem van Tuinen den universitären Tonfall nutzt, gelingt es ihm zwar, zumindest einen Teil des harten Kerns faßbar zu machen, aber er bezahlt einen hohen Preis dafür: Sloterdijks Markenzeichen, die Form zum Inhalt werden zu lassen, geht weitestgehend verloren, sprich: das Schwebende, das Ambivalente, das Herrschaftsfreie seines Diskurses, das Nichtfeststellbare, das Selbstdestruktive, das „Zwischen“ …, denn wenn ich nicht vollkommen irre, dann wählt Sloterdijk sein Sprachfluidum, um die totale Offenheit zu wahren. Von all diesen Dingen ist viel die Rede, aber sie kommen nicht selbst zur Sprache. Der Profilzeichner dagegen verfällt oft in einen Deleuzianischen Duktus (über Deleuze hat er ausgiebig gearbeitet) oder eben in einen undifferenzierten akademischen. Man kann ihm trotzdem meist gut folgen, aber oft nur dann, wenn man Sloterdijk schon kennt! Lust auf die Lektüre macht er trotzdem – auf eine Relektüre! Aber anders als in mehreren Anläufen kann man dem Ausnahmedenker ohnehin nicht nahe kommen.

Leider, leider wimmelt es in diesem furchtbar schlecht lektorierten Buch von unsäglich vielen Schreib-, Druck-, und Übersetzungsfehlern. Dutzende Male ist höchst peinlicherweise von der „Kritik der zynischen Rede“ (statt Vernunft) die Rede, da wird Cioran zum Autor des Buches „Die Unbequemlichkeit (sic!), geboren zu sein“, Myriaden von falschen Kasusendungen nerven ebenso wie Buchstabensalat usw. – buchtechnisch ein Armutszeugnis des Verlages; es muß doch möglich sein, das Manuskript von jemandem lesen zu lassen, der der deutschen Sprache mächtig und mit der Sloterdijkschen und allgemeinen Philosophie vertraut ist. (bezieht sich auf Ausgabe 2006; die 2007er habe ich nicht verglichen)

Fazit: Wenn man von diesen Kinderkrankheiten absehen kann, bis auf Weiteres das beste (Stand 2005, also bis zu „Im Weltinnenraum des Kapitals“) gesamtüberblickende Werk zum Thema. Hans Jürgen Heinrichs „Peter Sloterdijk – Die Kunst des Philosophierens“ kann van Tuinen nicht ersetzen, bewegt sich auf ähnlichem Niveau, kämpft mit vergleichbaren Problemen, geht allerdings etwas anders zur Sache, so daß sich beide Bücher recht gut ergänzen, ohne sich gegenseitig weh zu tun.

Hans-Jürgen Heinrichs: Peter Sloterdijk. Die Kunst des Philosophierens. München 2011. 376 Seiten
Sjoerd van Tuinen: Peter Sloterdijk. Ein Profil. Stuttgart 2007. 166 Seiten
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