Die Verteidigung des Fremden

Es wollte mich nicht beruhigen, daß alles Neue immer wieder ein Altes wird. Die gegenwärtigen Neubauten in London besaßen keine Eigenschaften, an die ich mich jemals gewöhnen würde. Karl Heinz Bohrer
Im Sein gibt es Unterschiede, aber nichts Negatives. Gilles Deleuze

Einen besonders intrikaten Gedanken versucht Karl Heinz Bohrer zu Ende seines bemerkenswerten autobiographischen Buches immer wieder neu zu fassen. Es ist die Frage nach dem Eigenen und dem Fremden und wie man sich, als weltoffener Mensch, dazu zu verhalten habe.

Bohrer lebte viele Jahre im Ausland, in Schweden, in Spanien, vor allem aber in Frankreich, England und den Vereinigten Staaten. London und Paris sind magische Städte für ihn, vollkommen verschieden und doch durch die Faszination vereint. Aufmerksam studiert er die Rhythmen der Metropolen, ihre Menschen, ihre Architektur, ihre Ästhetik und das sich daraus ergebende andere Leben und vergleicht dies auch mit Deutschland. Die Enge Deutschlands, die geistige Enge, die Provinzialität wird ihm immer deutlicher – und muß jedem deutlich werden, der im Ausland lebt! (Überhaupt: vielleicht ist Folgendes nur jenen verständlich, die es selber erlebt und erfühlt haben.)

In Paris war er bis Mitte der 90er besonders glücklich. Dann führen ihn persönliche Gründe nach Köln, wo er ins Haus seines verstorbenen Vaters zieht. Aber schon am ersten Tag wird ihm im Einfamilienhausviertel bewußt: „Nur ein Satz kam aus mir heraus: ‚Hier bleiben wir nicht lange‘“. Sofort ist er mit versteckten Blicken, Getuschel, Verdächtigungen konfrontiert. Die Stadt ist – von einigen Vierteln abgesehen – wesenhaft häßlich, „es gab auch schon eine Menge Türken“ und auch an der Uni in Bielefeld wie in der gesamten Öffentlichkeit stößt ihm eine „Borniertheit“ und das „Vorsichhertragen“ einer „politischen oder moralischen correctness“ bitter auf.

Also kehren Bohrer und seine schwerkranke Frau nach Paris zurück. „Zurück in unserer seit zehn Jahren so vertrauten Stadt, grub sich der Eindruck ihrer Andersartigkeit abermals ein.“ (418). Dieser Eindruck widersprach ganz und gar den politischen Entwicklungen; mittlerweile hatte sich eine „Prämisse“ durchgesetzt, „die Behauptung, man sei in einer postnationalen Phase der Geschichte angekommen … Das war für jemanden, der in London und Paris sowohl die Unterschiede zwischen diesen beiden Städten und ihren Ländern als auch die Unterschiedlichkeit beider Nationen täglich erlebt hatte, eine Utopie, deren Realisierung gar nicht denkbar war.“ (419)

Weder gab es konkrete Vorstellungen, wie das institutionell zu leisten wäre, noch hatten die Verantwortlichen Begriffe von den Differenzen. Sie ersetzten dieses Unvermögen mit Wunsch und Utopie, sie deklarierten das „mehr oder weniger ideologisch begründete Apriori einer angeblich postnationalen Situation“ und erweckten den Eindruck, daß es sich dabei um unabänderliche, quasi-naturgesetzliche Prozesse handelte: „Wenn man die einschlägigen deutschen Bücher las, überfiel einen die Ahnungslosigkeit der meisten akademischen Autoren bezüglich der Wirklichkeit der europäischen Länder. Sie sprachen nicht nur von Wünschbarkeit einer irgendwie zustande kommenden Einheit Europas, sondern sogar von deren Absehbarkeit: daß sie also einer höheren Vernunft folgend notwendigerweise zustande käme. Warum und wieso hatten diese Autoren solchen Unsinn geschrieben? Vermutlich hatten sie, abgesehen von akademischen Konferenzen oder von Ausstellungsbesuchen während ihrer Bildungsreisen, die infrage kommenden Länder nie wirklich kennengelernt, vor allem Frankreich nicht.“

Und in diesem Kontext taucht erstmals der Gedanke der Verteidigung des Fremden, des fremden Eigenen auf: „Meine Aversion gegen die Rede vom Vereinigten Europa begann schon bei der Rede über diese angebliche Wünschbarkeit: Unser beider Wunsch, in Paris zu leben, hatte ja gerade mit der vielfältigen Differenz zwischen Frankreich und Deutschland zu tun. Ein Ausgleich dieser Differenz wäre einer kulturellen Katastrophe gleichgekommen.“ (419, Hvhbg. SW)

Bohrer glaubt, daß sich diese Differenz – zumindest bis Mitte der 90er Jahre – auch nicht hat politisch zerreden lassen, daß das englische Common Law etwa nicht vereinbar sei mit dem Code Napoléon, daß diverse Wahlpraktiken unvereinbar wären … „Es war vor allem nicht denkbar, daß die englische oder die französische Vorstellung von ihrer nationalen Geschichte und deren aktuelles Staatsbewußtsein in einer sogenannten europäischen Idee aufgehen können.“

Vielmehr müsse man nach den Motiven der Ideologie suchen: „Die Motive der deutschen Europa-Agitatoren ergaben sich denn auch aus einer Ermangelung, sogar Abwesenheit dessen, was Staatsbewußtsein und Geschichtsbewußtsein genannt werden kann.“ Und: „Die Flucht aus der eigenen Nationalgeschichte, der Mangel an nationalem Selbstbewußtsein – das waren die Abgründe der neuen deutschen Europa-Religion“ (420) und die haben natürlich mit der jüngeren deutschen Geschichte zu tun.

Insbesondere England – mit seiner aparten Mentalität, eigenen Institutionen und einer jahrhundertealten Aversion gegen Europa aber Frankreich und Deutschland im Besonderen – war, so meint Bohrer und der Brexit scheint ihm nun recht zu geben, nie für eine EU geeignet. (Meine eigenen Erfahrungen bestätigen das – die Attraktion Englands war auch für uns das Andere, das Fremde.)

Aber auch das deutsch-französische Band war gegen die Wachsrichtung der national-kulturellen Wurzeln gebunden. „Wieder in Paris, sprang uns ins Auge, wie illusorisch vor allem die angeblich deutsch-französische Entente war, auf der die ganze Utopie aufbaute. Die Versicherung der Nie-wieder-Krieg-Formel war zum Ritual einer neuartigen Zusammengehörigkeit geworden.“ (421) Zwar gab es ein gegenseitiges Interesse – so feierte die französische Philosophie in Deutschland Erfolge und so entdeckte man in Frankreich ausgerechnet die Romantiker, die man im geschichtsversehrten Deutschland etwas beschämt zur Kenntnis nahm – dennoch: „Deutschland, der Feind, wurde nicht zum Freund, aber zum interessanten Fremden.“ (423)

Andererseits: „Je mehr das politische Verhältnis in einem ewigen Frieden übergegangen war, desto mehr verlor Deutschland an ambivalenter Anziehungskraft. … An seine Stelle trat das Bild der Langeweile, von etwas, das zwar gut funktionierte, aber nichts mehr ausstrahlte, was zu einer engeren Bindung eingeladen hätte.“ (423) Es gab „keine intellektuellen Garanten“ für eine „zukünftige europäische Union via Frankreich und Deutschland“, „abgesehen vom Philosophen“, abgesehen von Habermas also, dessen gewichtige Stimme freilich viele andere aufwog. „Daß auch der Philosoph die Illusion beflügelte, gab ihnen in Deutschland weiterhin Auftrieb. Irgendwann würde die Illusionsblase platzen.“ (425) Für Habermas war „es besser, langweilig als faschistisch“ (332) zu sein – als ob das die Alternative wäre. (vgl. demnächst: Habermas und Autorität)

Man muß diese Passagen bei Bohrer vielleicht bewußt heraus sezieren und sie in der Vitrine ausstellen, denn offenbar bietet der fulminante wuchernde Gesamttext auch erfahrenen Lesern, die gern eine andere Sicht teilen, Gelegenheit, sie hinter ästhetischen Beobachtungen zu verstecken.

Nachdem Bohrers Frau gestorben war und er erneut geheiratet hatte, lebte er in Amerika und in England, Wales oder Irland. Mittlerweile war ihm natürlich der Verlust des Reizes auch der klassischen Stätten bewußt. Immer mehr alte Substanz verschwand und wurde durch charakterlose Betonbauten oder architektonische Sünden – wie das Gebäude des MI6 am Themseufer – ersetzt. Damit ging ein Gesichtsverlust, eine zunehmende Ununterscheidbarkeit  einher, die sich auch in den Menschen, in Sprachen, Mimik, Gestik, im Begehren, im Konsum, bemerkbar machte. Nicht zuletzt im Heimatland – aber gerade das begründet den Zug in die Fremde:

„Wenn man die Gesichter und Äußerungen all dieser unterschiedlichen, aber ihren Interessen und ihrem Temperament nach ähnlichen Menschen im Geiste an sich vorbeiziehen ließ, dann wurde die Anziehungskraft eines so anderen, eben fremden Landes noch einmal manifest. Dieses Fremde, das für mich weiterhin allem hier anhaftete! Dabei schlich sich bei mir Skepsis ein: Ob denn dieser Fremdheit und der sich daran entzündenden Phantasie (Hvhbg. SW) nicht auch etwas zum Opfer fiele, das eigentlich mit im Spiel sein müßte: nämlich die eigene, für andere erkennbare geistige Physiognomie.“ (460)

Die Frage der Phantasie, der Imagination, der Illusion und Projektion – wieder in einer längeren Gedankenkette versteckt – ist wesentlich. Ist die Faszination des Fremden nicht eine Blase, die letztlich durch die sprachliche und mentale Differenz aufrecht erhalten wird, die dann aber platzen müßte, wenn man sich dem Fremden zur Ununterscheidbarkeit angepaßt hat? Diese Frage muß sich jeder stellen, der lange im Ausland lebt. Man wird nicht umhin können, sie auch zu bejahen. Ja, es gibt ein selbstbetrügerisches Element in der Faszination am Fremden. Kein Fremdes ist an sich besser; das zeigt sich schon daran, daß der Fremde, der im Eigenen lebt, die Attraktion des eigenen Fremden nicht wahrnehmen kann und umgekehrt sein Begehren auf das Fremde projiziert. Ganz entscheidend dabei ist die Sprache. Solange es noch einen Rest Unverständnis gibt, solange empfindet man das Fremde; wird dieser Rest aufgelöst – durch Perfektion oder auch durch Erschlaffung des Interesses – verliert das Fremde an Relevanz.

Bohrer merkt das deutlich, als er die Differenz zwischen England und Amerika beschreibt. Für England war sein „Englisch nach wie vor zu schlecht. In Stanford reichte es aus. Die Amerikaner waren großzügig und vielleicht auch daran gewöhnt, ständig neue Amerikaner schlecht Englisch reden zu hören.“ (460)

Es ist ein dauerndes, unbeendbares Ringen, für das Bohrer die entscheidenden Worte findet: „Wer nicht im eigenen Land lebt, das wußte ich seit Langem, dem werden das Alltägliche wie das Nichtalltägliche häufig symbolisch (Hvhbg.: SW). Alles Sichtbare verlangt nach Deutung und verliert dabei an Fremdheit und Exotik, die ich in meiner Wahrnehmung doch so suche.“ (464)

Darin steckt ein weiterer maßgeblicher Gedanke: Wie groß darf die Differenz sein, um noch als Fremdes empfunden zu werden? Die größte Anziehungskraft (aber möglicherweise auch die größte Feindschaft?) geht vielleicht von der kleinen Differenz aus?

„Das Fremde im Sinn von etwas Geheimnisvollem trat für mich erst dann hervor, wenn es mir im Bekannten erschien. Das rein Exotische konnte das Fremde dagegen nicht hervorrufen.“ (507) Auch eine fruchtbare gegenseitige Beeinflussung, so scheint man daraus schließen zu können, kann es nur geben, wenn eine gewisse kulturelle Distanz nicht überschritten wird. So fern uns die Franzosen oder Engländer bleiben mögen, die kulturelle Differenz ist gering und kann zu großartigen gemeinsamen Projekten führen, etwas, das mit asiatischen oder arabischen oder afrikanischen „Exoten“ vermutlich nur schwer zu schaffen sein wird.

Aber gerade die großen Differenzen sollen durch einen politischen Willen offensichtlich mit aller Macht eingeebnet oder doch unsichtbar gemacht werden. Das sieht auch Bohrer, wenn er etwa eine betriebsblinde Arabistik beklagt oder die demographische Wandlung. So fällt sein Fazit melancholisch aus, mehr und mehr schleicht sich das Gefühl ein – diesmal wieder in London – „daß es nichts Fremdes mehr gäbe.“ (501)

Er exemplifiziert das an der Premier League – noch eine Übereinstimmung zu dem hier vertretenen Standpunkt, auch wenn ich, unter umgekehrtem Vorzeichen, zu erklären versuchte, daß die Premier League gerade vom Fremden zerstört wird. Bohrer sieht stattdessen die Übernahme „kulturfremder“ (meine Vokabel) Spielweisen, die Aufgabe der eigenen fußballerischen Identität aufgrund einer Multikulturalisierung in den Vorständen und auf dem Platz (501f.). Es ist freilich überall zu sehen. Selbst bei Shakespeare.

So wurde er erzenglische Autor immer mehr zur offenen Angelegenheit und die Literaturwissenschaft kann unwidersprochen behaupten: „One of the wonderful things about Shakespeare is that his plays are not exclusively a national possession. He can become an emblem of that which you might possess if you actually could not trace your roots to the Mayflower.” – worauf Bohrer trocken erwidert: “Das nenne ich Differenz einebnen, und zwar methodisch. Im Zeichen einer humanitären, die ganze Welt umfassenden Zivilisationsideologie.” (504)

Und so im Ganzen: Verluste! Es „verschwand die alte Englishness“, wie auch das Französische oder das Deutsche verschwindet. Was verschwindet, ist das Fremde als positiver Wert und Bohrer (und seinesgleichen) vermißt es (506). Stattdessen kommt das unspezifizierte „Bunte“: „Die meisten Schwarzen und Asiaten hatten wohl einen britischen Paß, aber Unenglischeres als sie – wie sollte es auch anders sein? – konnte man sich nicht vorstellen.“

So ist der Fremde doppelt heimatlos geworden. Zu Hause, „Im Land der Empörung, im Land des Ressentiments“ (447) hält er es nicht mehr länger als eine Nacht aus und die Heimat in der Fremde verliert mit ihrer Fremdheit, ihrem spezifischen Anderssein, ebenfalls alles Haltspendende.

Dieser Gedanke vor allem scheint es, der Bohrers Bekenntnisse, die keine Rücksicht auf politische Korrektheit mehr nehmen, so besonders macht: Die Verteidigung des Fremden als Eigenes.

Karl Heinz Bohrer: Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie. Suhrkamp, März 2017, 542 Seiten.

siehe auch: Bohrer Jetzt!

Konservatismus und Differenz

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