Alles muß weg!

Jacques Schuster trägt einen Namen, der wie für die Guillotine gemacht zu sein scheint. Man sollte vermuten, daß so ein Mensch besonders vorsichtig mit seinen Forderungen ist. Aber nein, in der „Welt am Sonntag“, dem konservativen (hahahaha) Blatt im rasanten Abwärtstrend posaunt er in übergroßen Lettern aus: „Weg mit Hindenburg und Thälmann!

Weg aus unserem Straßenbild meint er damit, weg mit den Namen. Ihr Verbrechen? Sie waren keine Demokraten, sie waren in prädemokratischen und pränataldemokratischen Zeiten keine Demokraten! So wie ja auch Luther keiner war – das weiß jetzt jeder nach dem festlichen Jubiläum. Also weg damit! Keine Auseinandersetzungen mehr, keine Reibungen mehr, nein, weg damit.

Stattdessen: Havel geht oder Karl Popper, Bärbel Bohley, Robert Havemann oder auch Ralf Dahrendorf und Lech Walesa auch. Weiß Schuster eigentlich, daß Walesa unter dem Verdacht steht ein Spitzel gewesen zu sein? Und weiß er auch, daß Václav Havel von den Rechten, also den ganz Rechten, als ein Held verehrt wird[1] und daß Dahrendorf den hintergründigen Satz prägte: „Populisten sind immer die anderen“[2]? …

So sind sie, die Helden der „offenen Gesellschaft“, alles, was sie von Popper verstanden haben ist: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ – und nicht mal das haben sie verstanden. Daß Poppers Hauptwerk eines der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt, wird man ihnen nicht beibringen können – vielleicht mache ich mir mal die Mühe; bis dahin sollte gelten: Man kann es auch anders sehen.

Dabei ist nichts gegen Schusters positive Vorschläge einzuwenden: Popper war ein bedeutender Philosoph und nur weil ich ihn nicht mag[3], nehme ich mir nicht das Recht heraus, seinen Namen auf einem Schild abzulehnen. Nur sollte man sich eine neue Straße im ausbaufähigen Infrastrukturplan wählen und nicht etwa Heidegger oder Thälmann – der übrigens 11 Jahre im KZ saß (ist das keine Verhöhnung der OdF?) – einfach herunterreißen. Und wenn Havemann geht, dann muß Bahro aber auch gehen – aber nein, der war ja ein „Fundamentalist“ und glaubte nicht daran, daß die Demokratieee das Überlebensproblem lösen könne …

Ich hätte mich auch gar nicht aufgeregt, wenn Jacques Schuster, der Mann mit dem guillotinesken Namen, es bei Thälmann und Hindenburg belassen hätte, schließlich ist man das ja gewöhnt und längst zu müde, sich jedes Mal aufwühlen zu lassen: die Guten haben die Abnutzungsschlacht längst gewonnen …; wenn nicht zum Schluß auch noch der Name Gorki gefallen wäre! Gorki!

Gorki muß auch weg, denn er hat gesagt – Schuster zitiert: „Verrecken“ sollen die Kulaken, „aus dem Gedächtnis der menschlichen Seele für immer verschwinden.“ Gorki ist 70 Jahre alt geworden – da sagt man viel! Aber was Gorki gesagt hat, ist wenig interessant, was er dagegen geschrieben hat, gehört zum Besten, was Menschen überhaupt je geschrieben haben, und im Übrigen hat er in seinen Romanen auch den Kulaken ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Sein Leben ist widersprüchlich, wie Leben halt so sind, lange war er in Opposition, dann wieder unterstützte er die Bolschewiki, von denen niemand ahnen konnte, welch grausame Entwicklung sie nehmen würden … An Gorki kann man sich wunderbar reiben, in so einer Gestalt lebt Geschichte. Aber Gorki war kein Demokrat, konnte es auch gar nicht sein – und muß also weg!

Sie verstehen nichts vom Menschen, vom wirklichen Leben, diese Gesinnungs-Kamarilla. Sie jagen Trugbildern hinterher, sie glauben an den perfekten Menschen. Man lege mir Jacques Schusters Leben ausgeweidet vor die Füße und ich garantiere: Schuster muß weg!

Herr Schuster sollte in einem stillen Moment über seinen Namen meditieren. Ich hätte tatsächlich nichts dagegen, wenn er bald weg wäre – aus der Redaktion der „Welt“ und vielleicht von jemandem ersetzt, der die Idee der „offenen Gesellschaft“ wirklich verinnerlicht hat. Wollen wir hoffen, daß er in friedlichen Zeiten noch seine Pension genießen kann.

Zum gleichen Problem:

Deutschland, deine Wege

Ernst nehmen!

[1] Felix Menzel: Václav Havel: der Dichterpräsident. In: Aufstand des Geistes. Konservative Revolutionäre im Profil. Chemnitz 2016
[2] Auch diese klaren Zeilen stammen von Dahrendorf und man darf sich fragen, wie unsere Neubürger seinen Namen auf Schildern goutieren würden: „Ich glaube, wir sind eher zu großzügig gewesen im Nachgeben gegenüber voraufklärerischen Haltungen! Und was mich betrifft, so werde ich jetzt noch entschiedener diejenigen attackieren, die in einer Weise reden, die einfach völlig unvereinbar ist mit den Grundwerten einer offenen Gesellschaft. Wenn ein Moslem sagt, unser Gott hat alles vorentschieden, und wenn das unsere Gesellschaft nicht sehen will, dann habe er nichts mit dieser Gesellschaft im Sinn, dann sage ich zu ihm: Warum bist du dann hier? Dann gehe gefälligst dahin, wo deine Werte vorherrschen.“ (aus: Frank Bölts: Zur Wahrnehmung des Islams in Deutschland. S. 367)
[3] Von der „Logik der Forschung“ und „Das Elend des Historizismus“ abgesehen

4 Gedanken zu “Alles muß weg!

  1. Till Schneider schreibt:

    Zitat von oben: „Daß Poppers Hauptwerk eine der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt …“

    Ich hatte das Pech, die „Offene Gesellschaft“ vor sechs Jahren zu lesen, d.h. kurz bevor mir endgültig klar wurde, dass mit „politisch links“ so richtig grundsätzlich was nicht stimmt. Heute bin ich um etliche Kilogramm derjenigen Bücher schlauer, die ich bis dahin streng gemieden hatte, und um eine 180-Grad-Kehrtwende in puncto politische Überzeugungen reicher, aber damals wusste ich eben noch gar nichts (was ich damals auch nicht wusste), so dass mir das Werkzeug fehlte, Poppers populistisches Antitotalitarismus-Geballere wenigstens halbwegs adäquat einordnen und beurteilen zu können. Deshalb schwankte ich beim Lesen der „Offenen Gesellschaft“ chaotisch hin und her zwischen höchst gegensätzlichen Reaktionen der eher emotionalen Art; sie reichten von „jaaaaa, genau!“ bis „huch, dreht er jetzt durch, oder was?!“, und nirgends waren heilsame Kriterien zu erblicken, die Ordnung hätten schaffen können in meinem überhitzen Geist, weil dort ja noch keine drin waren. Oder jedenfalls viel zu wenige davon.

    Insofern war meine damalige Lektüre der OG nicht hilfreich, um es mal zeitgeisty zu sagen. Und meine Rezeption war kaum der Rede wert – außer vielleicht in folgender Hinsicht: Ich „hatte das Gefühl“, auf jede Menge „intrinsischer Totalitarismen“ zu stoßen. Ausgerechnet darauf. Nur konnte bzw. wollte ich es nicht recht glauben, und sooo wichtig fand ich das Buch auch wieder nicht, dass ich mir die Mühe gemacht hätte, dem nachzugehen. Und zweitens: Ich stieß mich an Poppers reichlich apodiktischem Gesamtgestus. Wobei „reichlich apodiktisch“ noch milde ausgedrückt ist. Ich entsinne mich, dass mir hier und da Flüche entfahren sind wie „du arrogantes Arschloch“, „du bist doch ein reiner Propagandist“ oder „du elender Polit-Agitator“. Fünfzehn Jahre vorher hatte ich noch das brutale (Popper-)Bashing in Paul Feyerabends „Erkenntnis für freie Menschen“ genossen, aber diesmal ging mir das Bashing entschieden zu weit – bei Popper eigentlich: das oftmals argumentfreie Draufschlagen und Wegputzen im Gestus absoluter, unantastbarer Überlegenheit. Wenn ich mich recht erinnere, hat Popper z.B. den „Untergang“ von Spengler, den ich vor zwei Jahren mit geradezu ungeheurem Gewinn las, in einem Halbsatz (!) abgefertigt.

    Von daher müsste ich Poppers OG heute nochmal lesen. Aber genau darauf habe ich gerade heute keine Lust mehr, und deshalb (Zitat Fortsetzung):

    „… wird man ihnen nicht beibringen können – vielleicht mache ich mir mal die Mühe …“

    Ja, bitte machen Sie sich baldmöglichst die Mühe! Nach der Lektüre des obigen Artikels habe ich losgegoogelt und schon mal etwas poppermäßig Erhellendes gefunden, nämlich „Hegel: Legende und Wirklichkeit“ von Walter Kaufmann, aber das reicht mir bei weitem nicht. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich hier demnächst eine Darstellung lesen könnte, die Poppers Totalitarismen erhellt.

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    • Mal schauen – hatte eigentlich die Befürchtung, daß ich mit dieser launigen Äußerung nicht so leicht davonkomme und freue mich, daß sie dennoch verstanden wird. Es geht mir bezüglich der Lust ähnlich wie Ihnen und außerdem liegt Popper gerade nicht in der Schußlinie. Will daher nichts versprechen – alle bisherigen Versprechen wurden noch nicht eingelöst etwa zu Goethes Islamismus (hatte ich „Leonore“ versprochen) oder Grundtvigs Begriff der Volklichkeit u.v.m.

      Aber auf Feyerabend lasse ich nichts kommen! Vor allem dieses Bild hier http://elte.prompt.hu/sites/default/files/tananyagok/BevTudfil/ch03s03.html
      mit der Unterschrift „Der Philosoph bei der Arbeit“ (in „Über Erkenntnis“) hat mich stark beeinflußt und -druckt.

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      • Till Schneider schreibt:

        Nein, versprechen Sie nichts, sondern schauen Sie einfach, wann Sie Lust bekommen auf ein Popper-Schlachtfest … wobei ich persönlich das ungleich wichtiger fände als Goethes Islamismus. Dieser begegnet einem einfach viel seltener als (z.B. auf ScienceFiles) der reinrassige Popperismus.

        Bezüglich Feyerabend rennen Sie bei mir offene Türen ein, aber vielleicht hatte ich mich missverständlich ausgedrückt: „Erkenntnis für freie Menschen“ und auch „Wider den Methodenzwang“ haben mich inhaltlich sehr überzeugt, einschließlich der scharfen Argumentation gegen Popper, bzw. gerade deswegen. Aber ich fand damals zusätzlich (!) noch einen gewissen kindischen Gefallen an der rhetorischen Brutalität, mit der Feyerabend Popper abfertigt – vorzugsweise in Fußnoten, was ich einen besonders fiesen Kunstgriff und außerordentlich lustig fand. Aber das war nicht einfach nur „lustig“, sondern es war ein notwendiger Angriff auf Poppers ungeheure Arroganz, also auf genau das, was mich später so auf die Palme gebracht hat in der „OG“. Ist mir aber erst jetzt klar.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      DIe „intrinischen Totalitarismen“ würden mich auch interessieren. Ich muss gestehen, selbst bisher nur die Hälfte der Schwarte geschafft zu haben, auch deshalb, weil ich mir die dick durch Antikritiken und erläuterende kleingedruckte Endfußnoten angeschwollene späte Ausgabe besorgt hatte, die durch den ständigen Kontextwechsel zwischen einer halben Seite Normaltext und dann manchmal anderthalb Seiten Krümelfußnoten reichlich zermürbt.

      Thematisch könnte man auch in besserer Stellung auf historisch engerer Front kämpfen und die also nicht schon bei Platon beginnen lassen, wo es für nicht ganz ausgefuchste Gräzisten heikel werden kann. Es wäre dann kein totaler ideologischer Kriegsbeitrag geworden, was es aber wohl werden sollte. Was eben ein rechter Frundsberg ist …

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