Das Terror-Rhizom?

…was in Wirklichkeit nicht darstellbar ist, weil es ein Rhizom ist, eine unvorstellbare Globalität. Umberto Eco

Der französische Soziologe Gilles Kepel gilt als einer der besten Kenner des Islamismus und des islamistischen Terrors. Gerade hat er in einer Reihe von Interviews im Zusammenhang mit seinem letzten Buch die neue Qualität des Terrors zu beschreiben versucht und sich dabei auf den singulären Philosophen Gilles Deleuze berufen. Kepel will den Begriff des „Rhizoms“ in die Debatte einführen, um den Aggregatzustand der Terrorgesellschaften zu beschreiben.

Nachfolgend wird in einem ersten Durchgang versucht, den philosophischen Begriff „Rhizom“ nach Deleuze zu entwickeln und in einem zweiten zu prüfen, was dieser Begriff im Kontext des Terrors zu leisten vermag und ob Kepel ihn berechtigterweise in Anschlag bringt. Teil 1 ist demnach eine ausführliche und streng philosophische Rede, Teil 2 eine politische.

Was ist ein Rhizom?

Die Vokabel, die erstmals im vorab veröffentlichten Vorwort zu „Tausend Plateaus“ erscheint[1], dürfte zur mittlerweile bekanntesten, wenn nicht populärsten gehören, die fast schon identifikatorische Macht ausübt und damit beginnt, die Zwecke ihrer Schöpfer zu überwuchern. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb Deleuze den Terminus später nicht mehr aufnimmt. Spätestens seit Eco seinen Weltbestseller, die Zeichenwelt des William von Baskerville und das ominöse Labyrinth als Rhizom, rhizomförmig und Rhizom-Labyrinth kenntlich machte[2], dürfte der Begriff geläufig geworden sein, hat er die Grenzen esoterischer Kaderschmieden der Philosophie überschritten.

Erneut nach dem Rhizom zu fragen, kann sich also nur noch mit einem neuen Gegenstand legitimieren. Bezeichnenderweise hat der Begriff sich längst vom Werk von Deleuze und Guattari gelöst, man liest ihn allerorten, im philosophischen Fachbuch ebenso wie in der philosophischen Belletristik, in der Literatur nicht anders als im Rockmagazin und nun auch in Islamismusanalysen, aber auffälligerweise wird er selten mit Inhalt gefüllt, vielmehr beschränkt man sich auf die biologische Metaphorik, auf informationstechnische Subsumierungen oder glaubt einfach an den Zauber einer ungewöhnlichen Vokabel. So verliert er durch diesen laxen Umgang an Schärfe, Aussagekraft, letztlich an Sinn. Es kann daher nicht schaden, den Terminus textnah und pragmatisch-funktionell zu rekapitulieren.

Sicher, der Begriff des „Rhizoms“ ist keine ureigene Erfindung der beiden, er stammt aus der Botanik und benennt einen Wurzeltyp bei bestimmten Pflanzen, der morphologisch eher als Sproß, Stengel oder Trieb beschrieben werden muß. Es kann sowohl ober- als auch unterirdisch wuchern, treibt dabei ohne erkennbare Ordnung Triebe, die Knoten bilden, aber auch sich kreuzen können. Was Wurzel, was Trieb ist, bleibt unentschieden, beides steht in ständigem Austausch mit der Umwelt. Schon strukturell vom Baum unterschieden, ist es auch sich selbst nicht eindeutig identisch, d.h. es hat nicht wie der Baum ein Größenwachstum, sondern stirbt, einmal eine gewisse Größe erreicht, am alten Ende ebenso ab, wie es sich am treibenden verjüngt, so daß es nach einiger Zeit ein vollkommen anderes, erneuertes Gewächs darstellt.

Ein Mißverständnis läge vor, wollte man das Rhizom für die Philosophie als Metapher dingfest machen. Deleuze hielt nie viel von Metaphern („Wir machen absolut keinen metaphorischen Gebrauch von diesen Begriffen… Wir meinen das so, wie wir es sagen: buchstäblich“.[3]), ja er zweifelte sogar an deren Existenz[4]. Dagegen tritt es in mehrfacher Bedeutung auf, die, wenn man sie auch voneinander differieren kann, nicht immer voneinander zu trennen sind.

So bildet das Rhizom eine ontologische Kategorie, die die „Struktur“ von Sein, von Welt beschreibt. Wohlgemerkt, demnach ist die Welt nicht wie ein Rhizom, sie ist ein Rhizom oder sie macht Rhizom, wie die Autoren es nennen. Der ontologische Status der Rhizomatik wird durch zahlreiche Analogien aus dem Naturbereich bestätigt, wenn etwa die Quecke, das Unkraut bemüht wird, die Ameisen, Ratten, der Tierbau, das Wespe-Werden der Orchidee und das Orchidee-Werden der Wespe, die DNS und Viren bis hin – in der etwas erweiterten Fassung in „Tausend Plateaus“ – zur Hirnphysiologie und -anatomie[5]. „Die Natur geht so nicht vor“[6] – wie man bislang glaubte und in den verschiedensten Baummetaphern sich vorzustellen hatte. Auch wenn die Natur als letzter Bezugspunkt fungiert, so beschränkt man sich doch nicht auf sie, ist vielmehr bemüht Phänomene außerhalb des natürlichen Bereichs aufzuspüren, um das Rhizom zum einen verständlich, zum anderen aber schon um selbst Rhizom zu machen. So kommt es, daß von Amsterdam, Amerika, von Musik und Literatur, Bürokratie und Ökonomie, Geographie und Geschichte die Rede ist. Deleuze entzieht den Begriff der kategorialen Festschreibung.

Das Rhizom fungiert des weiteren als epistemologische Kategorie, die den Vorgang des Denkens und damit des Erkennens beschreibt. Wichtig ist hier die analogische Herangehensweise: „Der Baum und die Wurzel zeichnen ein trauriges Bild des Denkens.“ (26) und später: „Das Denken ist nicht baumförmig, und das Gehirn ist weder eine verwurzelte noch eine verzweigte Materie“[7]. Der gesamte Bereich des Buches in „Rhizom“, der Agitation für ein rhizomatisches Buch, ein rhizomatisches Lesen und Schreiben, aber auch der geäußerten Aversion gegen die Metaphorik der Welt als Buch und dem Buch als Wurzelbaum, spielt in die epistemologische Dimension hinein.

Insofern die epistemologische Kategorie die Wucherung in die ontologische Kategorie forciert bzw. diesen Sachverhalt beschreibt und weil sie einander entsprechen, miteinander verwachsen sind, ist das Rhizom auch als eine „moralische“ oder eine imperativische Kategorie, als eine Art umgekehrter kategorischer Imperativ auszumachen. „Macht Rhizom, nicht Wurzeln, pflanzt nichts an! Sät nicht, stecht! Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten! … Laßt keinen General in euch aufkommen!“ (41).

Aber bevor die Idee des Rhizoms exemplifiziert wird, stecken Deleuze und Guattari das Terrain ab, zeigen, wovon sich das Rhizom (als Buch) absetzt. Da ist zum einen das Wurzelbuch, Welt und Denken als Baum oder Wurzel gedacht, das die Idee der Klassik – von der Antike bis Descartes, Kant und der hegelschen Dialektik und den „Satz vom Grunde“ – darstellt. Gemeinsames Merkmal aller: „Die binäre Logik ist die Realität des Wurzelbaums“ (8), die weit in die Moderne (Chomskys syntagmatischer Baum, Psychoanalyse) hineinreicht. Es ist das Denken der Einheit (selbst wenn diese aus Gegensätzen besteht), des Ursprungs und der Identität, das die Vielheiten noch nicht mal zu denken wagte, geschweige denn ihnen gerecht wurde.

Anders dagegen „die büschelige Wurzel oder das System der kleinen Wurzeln“ (9), wie es die Moderne charakterisiert. „Die Hauptwurzel ist (hier) verkümmert, ihr Ende abgestorben, und schon beginnt eine Vielheit von Nebenwurzeln wild zu wuchern“. Wirklich anders? Deleuze und Guattari verneinten diese Frage und versuchen darzulegen, daß das Büschelwurzelbuch an der entscheidenden Stelle die Idee der Vielheit verfehlt, denn zwar vermag es – und ist durch die gesellschaftliche „Entwicklung“ auch dazu gezwungen – die Vielfalt der Erscheinungen der äußeren Welt zu reflektieren, aber nur, indem ein starkes identisches Subjekt dies leistet. Damit ist nicht nur die Dualität des Denkens noch nicht beseitigt, sondern „während die Einheit im Objekt fortwährend vereitelt wird, triumphiert im Subjekt ein neuer Typ von Einheit“ (40), statt den klassischen Monismus prinzipiell aufzuheben, gelingt es lediglich, den der objektiven Welt in Pluralismus zu wandeln, auf Kosten eines noch zentralistischeren Subjekts, so daß sich im Umkehreffekt „eine totalisierende Einheit dann um so mehr durchsetzt“ (10).

Das moderne Denken gerät in einen Widerspruch, den die Autoren mit dem Begriff des „Würzelchen – Chaosmos“ verdeutlichen, in dem die Antagonismen Chaos und Kosmos (Weltordnung) zusammengepreßt werden. Daß das durchaus legitim sein kann, wird noch zu sehen sein, nur kennt das moderne Denken keine Möglichkeit, Grundverschiedenheit und Zusammenhang zusammen, überhaupt Antinomien widerspruchslos zu denken. Sich die Vielheit auf die Fahnen zu schreiben, reicht nicht aus, man muß einen Schritt weitergehen, den Schritt zum Rhizom. „Es genügt eben nicht zu rufen: Hoch lebe das Viele (multiple)! so schwer es auch sein mag, diesen Schrei auszustoßen. … Das Viele (multiple) muß man machen…“ (10f.) und sein.[8]

Um zu verdeutlichen, wie das zu bewerkstelligen sei, bieten die Verfasser eine Formel an: „n – 1 schreiben“. Was heißt das? Wenn man über das Viele schreiben möchte und dabei die chaosmische Selbstwidersprüchlichkeit, die das Eine im Schreiben über das Viele neu konstituiert, zu umgehen versucht, dann darf man eben nicht einheitlich, vollständig, vollkommen, endgültig (versuchen) das Viele zur Sprache bringen, sondern muß das Viele in die Sprache einführen und diese als Einheit zerlegen. Das Viele tatsächlich zu thematisieren heißt, es vielfältig zu tun und die Minimaldifferenz ist eben das Eine, das davon abgezogen wird. Eine einheitliche Thematisierung des Vielen wird also niemals selbst Vieles sein und machen. Und anders herum, man muß immer eine Lücke lassen, immer ein Wort, einen Satz, eine Aussage zu wenig machen, man muß vermeiden, den Text abzuschließen, abzurunden, um ihn vielmehr offen zu halten, zu öffnen. Zu verhindern sei die Ganzheit des Ganzen bei Gewährleistung der Ganzheit (Konsistenz) des Vielen, der Teile. „Ein solches System“ – wenn es denn gelingt – „kann man Rhizom nennen“ (11).

Das schreit förmlich nach positiver Bestimmung, denn bislang wurde hauptsächlich herausgearbeitet, was ein Rhizom vom Wurzel- und Büschelwurzelmodell unterscheidet. Zu dieser Einsicht gelangten auch die Verfasser, und sie beginnen nachfolgend „wenigstens annäherungsweise bestimmte Merkmale des Rhizoms“ aufzuspüren, sechs an der Zahl, aber die Äußerung läßt vermuten, daß es noch mehr geben könnte, ja eventuell sogar, daß Deleuze und Guattari selbst sich nicht in der Lage sehen, alle zu benennen.

Erstes Prinzip ist das der Konnexion und zweites das der Heterogenität, aber diese beiden werden als „1. und 2.“ zusammen genannt, sie sind nur zusammen und zugleich zu denken.

Das mag – oberflächlich betrachtet – nach der dialektischen Figur des Kampfes und der Einheit der Gegensätze klingen, jedoch darf man nicht vergessen, daß es sich hier nicht um Negationsverhältnisse handelt, sondern um Differenzen und daß zweitens die beiden Prinzipien nicht punktuell zusammengepreßt werden, sondern sich linear überschneiden.

„Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden“ (11). Daß damit ein Denkweg eröffnet wurde, der grundlegende Denkschwierigkeiten und bislang ungelöste Probleme auch in der sogenannten postmodernen Philosophie überwindet, hat, am Beispiel Lyotards, Wolfgang Welsch deutlich gemacht, wonach rhizomatisches Denken imstande ist, „das einzulösen, was sich zuletzt als vernunfttheoretisches Desiderat herauskristallisiert hat: Differenzen und Übergänge zu verbinden“[9]. Da wächst also nicht zusammen, was vermeintlich zusammen gehört, nein, Rhizom machen die Dinge vor allem „insofern sie heterogen sind“ (17) – und das auf allen Ebenen. „Ein Rhizom verknüpft unaufhörlich semiotische Kettenteile, Machtorganisationen, Ereignisse in Kunst, Wissenschaft und gesellschaftlichen Kämpfen. Ein semiotisches Kettenglied gleicht einer Tuberkel, einer Agglomeration von mimischen und gestischen, Sprech-, Wahrnehmungs- und Denkakten: es gibt keine Sprache an sich, keine Universalität der Sprache, sondern einen Wettstreit von Dialekten, Mundarten, Jargons und Fachsprachen“ (12).

Die Bestandteile werden also nicht miteinander vermischt, zu einem Amalgam vergossen, sondern bleiben – wenn freilich nicht unverändert – als Heterogenität in der Konnexion erhalten, sie werden eben nicht vereinigt (und auch nicht wiedervereinigt), sie bleiben statt dessen als Vielheiten bestehen.

Das „Prinzip der Vielheit“ ist das dritte interne Charakteristikum des Rhizoms. Eine Vielheit – das substantivierte, nicht mehr zuschreibbare Viele – „hat weder Subjekt noch Objekt; sie wird ausschließlich durch Determinierungen, Größen und Dimensionen definiert, die nicht wachsen, ohne daß sie sich dabei gleichzeitig verändert“ (13). Das Rhizom ist folglich nicht durch das Viele, durch viele Einzel- und Einheiten konstituiert, es besteht vielmehr aus Dimensionen, deren Zahl sich erhöht, je mehr Verbindungen, je mehr Kombinationen geschaltet, verkettet werden. „Eine Verkettung ist gerade diese Zunahme der Dimensionen in einer Vielheit, die sich in dem Maße automatisch verändert, in dem sich ihre Konnexionen vermehren“ (14). Diese Vieldimensionalität, die sich zahlenmäßig ändern kann, und die permanente Veränderbarkeit führen dazu, daß das Rhizom paradoxerweise „keine supplementäre Dimension“ kennt und andererseits, daß man es nicht durch den bestimmten Artikel, der immer eine Einheit und Identität transportiert, bezeichnen kann, ja noch nicht einmal der unbestimmte Artikel, der noch immer ein gewisses Maß an Einheit stiftet, erweist sich als adäquat. Das Rhizom, die Vielheiten werden „durch Teilungsartikel bezeichnet (etwas Quecke, etwas Rhizom)“ (15).

„Das Prinzip des asignifikanten Bruchs“ besagt, daß ein Rhizom an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden kann, „es wuchert entlang seinen eigenen oder anderen Linien weiter“ (16). Hier müssen kausalistische, genealogische und deterministische Vorstellungen verabschiedet werden, denn „Entwicklungen“ gibt es nur als nicht-, als aparallele. „Rhizom machen“ heißt, mit diesen Beziehungen zu brechen, um sie mit Hilfe transversaler Verbindungen neu zu denken. So ist das Buch nicht etwa Bild der Welt, sondern „es gibt eine aparallele Evolution von Buch und Welt“, so ahmt die Orchidee auch nicht die Wespe nach, sondern da treffen sich aparallele Evolutionen, das Krokodil vollbringt keine mimetische Leistung, wenn es dem Baumstamm im Wasser gleicht usw. usw. Etwas macht mit etwas anderem „Rhizom machen“.

Dem Rhizom ist nicht zu entkommen. „Weisheit der Pflanzen: auch wenn sie Wurzeln haben, gibt es immer ein Außen, wo sie ‚Rhizom machen‘ – mit dem Wind, mit einem Tier, mit dem Menschen“ (19). So besagt das Prinzip des asignifikanten Bruches mehr, als daß Rhizome gebrochen werden können, insofern auch das Rhizom in tradierte Verbindungen ein- und diese zerbricht. Da dies vollkommen entsprechungsfrei und bezugslos geschieht, kann von Asignifikanz gesprochen werden.

Blieben „5. und 6. – Prinzip der Kartographie und Dekalkomonie“ (20), das die Differenz zwischen Karte und Kopie thematisiert. „Ein Rhizom ist keinem strukturalen oder generativen Modell verpflichtet. Es kennt keine genetischen Achsen oder Tiefenstrukturen“ (20), die dagegen als Prinzipien der Kopie zu gelten haben. Das Wesentliche der Karte ist ihre Offenheit, „sie kann in allen ihren Dimensionen verbunden, demontiert und umgekehrt werden, sie ist ständig modifizierbar“ (21). Während die Kopie als Baum- oder Wurzelprinzip sich immer nur selbst reproduziert, aus eins zwei macht, letztlich also „immer ‚auf das Gleiche‘ hinausläuft“ (22), setzt die Karte auf die schier unbegrenzbare Zahl ihrer Ein-, Aus- und Umgänge: „Man kann sie zerreißen und umkehren; sie kann sich Montagen aller Art anpassen; sie kann von einem Individuum, einer Gruppe oder gesellschaftlichen Formation angelegt werden. Man kann sie auf Mauern zeichnen, als Kunstwerk begreifen, als politische Aktion oder als Meditation konstruieren. Vielleicht ist es eines der wichtigsten Merkmale des Rhizoms, viele Eingänge zu haben; “ (21).

Natürlich ruft ein so unerwartetes, neues und verunsicherndes Denken Verunsicherung und Kritiken hervor, immerhin stellt es alte Wissenschaftstraditionen zur Disposition und reißt sie in eine Legitimationskrise. So gesehen wurde wohl zu Recht vom „Paradigma des Rhizoms“[10] gesprochen, aber der Paradigmenbegriff ist seit Kuhns paradigmatischer „Struktur der wissenschaftlichen Revolutionen“[11] nicht mehr frei verfügbar. Eine dieser Kritiken verdient besondere Beachtung, weil sie nicht aus „konservativer“ Position heraus ansetzt, weil sie sich also nicht selbst verteidigen muß und weil sie von einem Denker stammt, den man oft noch in einem Atemzug mit Deleuze, Foucault, Derrida – kurz, den Postmodernen – nennt.

Die Schelte Baudrillards ist als Kritik „von vorn“ besonders aufschlußreich, beruft sie sich doch statt auf ein „zu viel“ oder „zu weit“ auf ein „zu kurz“. Schon ein Jahr nach Erscheinen von „Rhizom“ antwortet Baudrillard mit einer kleinen Schrift, die den programmatischen Titel „Oublier Foucault[12] trägt, auch auf das Büchlein von Deleuze und Guattari. Zum einen wirft er den beiden vor, nach dem Ende der theologischen und teleologischen Macht, die Teleonomie an deren Stelle gehievt und damit die Struktur wieder eingeführt zu haben, zum anderen beunruhigt ihn „eine merkwürdige Komplizenschaft mit der Kybernetik“[13].

In der Tat gehen Deleuzens rhizomatische Vorstellungen, die man auch als Netzwerk zu begreifen versuchte, mit den technischen Mechanismen konform, bestätigen mit dieser Kompatibilität eine Entwicklung, die nicht nur für Baudrillard unerträglich ist. Andererseits ist nicht ganz auszumachen, wieso die reine Deskription Destruktivismen und Negativismen forcieren sollte, ja, es ist sogar fraglich, ob der megamaschinelle status quo überhaupt propagiert wird. Baudrillard freilich geht von dieser Konsequenz aus. „Genau diese geheime Übereinstimmung muss deutlich (und lächerlich) gemacht werden. Heutzutage gilt es als chic und revolutionär, sich im Molekularen herumzutreiben“[14]. Letztlich ist aber auch er nicht vor der Apodiktizität gefeit, wenn er, möglicherweise mit ironischem Unterton, zusammenfaßt: „Eine weitere Spiralwindung der Macht, des Wunsches und des Moleküls, die uns diesmal endgültig und unverhüllt mit der absoluten Kontrolle konfrontiert. Hütet euch vor dem Molekularen“[15]. Vielleicht ließe sich eine Annäherung erreichen, wenn man, statt vom auf-der-Hut-sein, vom gesunden Mißtrauen spricht, und dieses scheint in der Tat angebracht. Gerade dem Paradigmatischen des Rhizoms ist zu mißtrauen…

Daß etwas ein Rhizom ist, kann nicht heißen, alle rhizomatischen Bestandteile auffinden zu wollen, denn selbstredend enthält, auf der einen Seite, die Idee des Rhizoms einen gewissen idealtypischen Anteil – der Rattenbau z.B. ist streng betrachtet durchaus kein (reines) Rhizom – auf der anderen Seite beinhaltet jegliches Rhizom auch Baum- und Wurzelstrukturen, auch Strukturen jenseits der angedeuteten Charakteristika; es ist damit mehr als ein Rhizom, ebenso wie es weniger ist.

Am Auffälligsten dürfte die als Vernetzung, partiell als Puzzle – durchaus auch im Doppelsinne von zu Verbindendem und Rätsel – auftretende Gesamtkonstellation innerhalb eines Werkes sein, die weder beliebig funktioniert noch gewalttätige Vereinnahmungen und Verabsolutierungen gestattet[16]. Es wäre also, um dies zusammenzufassen, möglich, die reinen Phänomene rhizomartig zu strukturieren, aber es wäre auch überflüssig, denn das Rhizom strukturiert, schafft sich selbst, so daß es vollkommen ausreicht, an die Wahrnehmung und an den Willen zur Wahrnehmung des Rezipienten zu appellieren. Die ist insofern gegeben, als die Emanationen alle in einem Punkt sich bündeln, nämlich in ihrem Schöpfer – das kann nie anders sein –, aber der selbst ist nicht der klassische Identitätstyp. „Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden“, schrieb Deleuze, und man wird nicht umhin können, hier Abstriche zu machen, denn ob tatsächlich jeder beliebige Punkt mit jedem anderen zu verbinden ist, bleibt sicher fraglich, aber das muß nun nicht als Defizit entziffert werden. Vielmehr scheint es doch so, daß gerade dieses „jeder“ und auch dieses „muß“ ob ihrer Absolutheit gewisse totalitäre Tendenzen – nicht zu verwechseln mit den Vorwürfen von Welsch – andeuten. Nichtsdestotrotz ist es möglich, nahezu jeden beliebigen Punkt des Rhizoms mit nahezu jedem anderen zu verbinden, in den verschiedensten Dimensionen aufeinander zu beziehen, auch in Hinblick auf die „verschiedenen Codierungsarten“, die den Philosophen vorschwebten. Das heißt, „in einem Rhizom verweist nicht jeder Strang notwendig auf einen linguistischen Strang: semiotische Kettenglieder aller Art sind dort nach den verschiedensten Codierungsarten mit politischen, ökonomischen und biologischen Kettengliedern verknüpft; es werden also nicht nur ganz unterschiedliche Zeichensysteme ins Spiel gebracht, sondern auch verschiedene Arten von Sachverhalten“ (12).

So jedenfalls ließen sich die rhizomatischen Strukturen – diesbezüglich vergleichbar mit den sich selbst ähnlichen Strukturen, auf die Prigogine verwies – bis in die kleinsten Verästelungen nachvollziehen, bis auf die Ebene des Molekularen, des mikroanalytischen Bereichs zurückverfolgen.

Ihr Äquivalent im „großen und ganzen“ läßt sich nicht minder aufzeigen. Man könnte darunter etwa jenes „Verfahren“ sehen, das Deleuze und Guattari mit „n – 1 schreiben“ wiedergaben, also das Machen des Vielen mit Hilfe der Auslassung des Einen, sprich die Unvollständigkeit. Eben der Verlockung widerstehen, ein Großes und ein Ganzes herzustellen! Nichts abrunden, nichts abschließen. Nicht die Form, die Systematik zum Diktator machen, nicht den Inhalt in Form gießen, sondern frei fließen lassen, „es“ seinen Weg nehmen lassen und nicht furchtsame Verantwortlichkeiten konstruieren. Der Inhalt ist schon eine Form, und er hat seine eigene Systematik. Dies als schön empfinden zu können, ist keineswegs eine Frage kategorialer Apriorismen oder Transzendentalitäten, es ist eine Frage des Willens zur Wahrnehmung, eine Frage der Affirmation. Insofern ist auch der Werk-Begriff, der bislang unbekümmert genutzt wurde, fehl am Platze, er kann nicht mehr als eine Hilfsvokabel sein, denn gerade darum geht es, kein Werk zu schaffen, stattdessen zu werken. Wo das Werk sich tendenziell konstituiert, sich in Form gießt, zur Einheit gerinnt, muß es permanent hinterfragt werden, und nötigenfalls muß man derartigen Prozessen aktiv entgegenwirken. Dies ist innerhalb der Darstellung mit Hilfe des Prinzips des Bruchs möglich, um Ganzheiten, Schönheiten, Feinheiten meist dann zu zerstören, wenn sie am schönsten sind.

Erwartungen sind im Rhizom einzig dazu da, enttäuscht zu werden. Der Bruch kann dabei die verschiedensten Variationen erfahren, er kann ein Abbruch, ein Einbruch oder Umbruch sein, er kann als Schnitt, Knick oder Knacks, als Falte oder Welle daherkommen, er kann das Ende oder einen Anfang bedeuten, er kann Riß oder Spalt, Kluft oder Hiatus sein, und er vermag sogar als Brücke zu fungieren, dann nämlich, wenn er erwartet wird, wenn das Prinzip des Bruchs zu brechen ist. Entscheidend ist einzig, nie alles zu sagen, sagen zu wollen. Dieses quasi-systematische Verfehlen eines Aussagesinns (oder einer Aussageform), eröffnet durch seine Absenz einen weitgefächerten assoziativen Raum voller möglicher Bedeutungen. So kann nur jemand sprechen, der das postmoderne Dilemma des Sprechens begriffen hat. Das „Problem der Schrift: nur mit ungenauen Ausdrücken kann man etwas genau bezeichnen. Nicht, weil man da hindurch müßte oder immer nur durch Annäherungen vorankäme: die Ungenauigkeit ist keineswegs eine Annäherung, sie ist im Gegenteil der genaue Verlauf der Ereignisse“ (33).

Das alles gilt auch in Bezug auf die Außenseite des Werkes. „Der abendländische Leser wartet auf das Schlußwort“[17], und just diese Erwartung ist zu enttäuschen. Es ist, mit Botho Strauß, von Beginnlosigkeit die Rede und folglich auch von Endlosigkeit. Die Verwunderung darüber ist nichts anderes als der Hinweis, daß hier die Grenzen verschwimmen, daß hier Rhizom gemacht wird. Rhizomorphe Bücher beginnen nicht, sie sind einfach da, sie entbehren phasenweise der Sukzession und oftmals wird mit der Gleichzeitigkeit gespielt. Vor allem aber haben sie, im Gegensatz zum Wurzelbuch, keinen Plot, sind weitestgehend plan- und ideenlos[18]. Die Bücher selbst sind rhizomorphe Bücher[19], wie das Werk rhizomorph ist. Daher enden sie auch nicht, sondern sie sind einfach nicht mehr da, eher als vollführten sie eine substantielle Veränderung, als entglitten sie in die vierte Dimension, als daß sie abgeschlossen wären. Sie sind, wenn man so will, im Sinne des Wortes, geil. Auch der Begriff der Geilheit ist ursächlich ein botanischer, wo er als Synonym für wuchern gilt. Die geile Pflanze wächst üppig, treibt kräftig, schlingt wild, wuchert – sie macht Rhizom wie: „eine Rose ist eine Rose ist eine Rose…“.

„Jede Vielheit“, schreiben Deleuze und Guattari, „die mit anderen durch an der Oberfläche verlaufende unterirdische Stengel verbunden werden kann, so daß sich ein Rhizom bildet und ausbreitet, nennen wir Plateau. Wir schreiben dieses Buch als Rhizom“ (35). In erster Linie bezieht sich diese Aussage natürlich auf das Buch „Tausend Plateaus“, als dessen Vorwort das kleine Rhizom-Büchlein fungierte, doch ist hier von „jeder“ Vielheit die Rede. Eines der grundlegenden Charakteristika des zweiten Teils von „Kapitalismus und Schizophrenie“ ist die (versuchte) Aufhebung der Sukzessivität und Linearität des Textes, der wiederum auch in seinen Bestandteilen als gleichzeitig gelesen werden kann.

Das läßt sich, um hier anzuknüpfen, auch auf die anthropologische und psychologische Ebene anwenden, es findet auch da seine Korrelate. Die Figur des „Schizo“ gehört zu den Zentralgestalten des Denkens von Deleuze und Guattari. Es ist die Figur, die ihr „mehrere-sein“ bejaht und die deshalb nicht mit dem klassischen Schizophrenen der Psychoanalyse zu verwechseln ist, der unter seiner Spaltung leidet und sie einem Leid „verdankt“. Deshalb sind die Probleme des Schizos „wenigstens wirkliche Probleme, nicht Probleme von Neurotikern“ (51). Er stellt seine Identität immer wieder zur Disposition, er wechselt sie und spielt mit ihr, ohne je zur identitätslosen Masse zu verkommen. Schon Nietzsche warnte: Verwechselt mich nicht! Er, der Schizo, ist der Eine, der Viele ist, mit vielen Stimmen spricht, mit den Maskierungen spielt, er ist immer unterwegs – und verfehlt, weil er keines mehr hat, stets sein Ziel, mehr noch, dieses Verfehlen selbst ist das Ziel: „dicht daran vorbeistreifen, das ist das Schizo-Gesetz“[20].

Die anthropologische Entsprechung ist der Nomade. „RHIZOMATIK = NOMADOLOGIE“ (37), fassen der Philosoph und der Psychoanalytiker lakonisch zusammen. Der „Nomadologie“ ist in „Tausend Plateaus“ ein „zentrales“ Kapitel gewidmet. Der Mensch hat, wie Dietmar Kamper einmal so einfach wie überzeugend anführte, keine Wurzeln, sondern Füße, sein stetiges Unterwegssein entspricht seiner Natur, seinem Wesen, wenn man so will. Der Weg des Nomaden führt nicht von A nach B; jenseits moderner Mobilitätsillusionen kennt er keinen Ziel-Ort – etwas, wovon der Fahrer immer noch träumt -, denn es ist allein der Weg, der sein Ziel ist. Dieser fügt sich den natürlichen Gegebenheiten: dort, wo das Leben ist, ist der Nomade. So stiftet er ständig neue, unerwartete Verbindungen, lebt eher in einem topologischen denn geschichtlichen Raum, hat eine größere Geographie als eine längere Geschichte. „Dabei kennen die Nomaden durchaus Punkte, zu denen sie ‚immer wieder gerne‘ zurückkommen. Nomadisches Denken erlaubt es durchaus, immer wieder einmal beispielsweise zu Kant zurückzukommen oder an ihm vorbeizukommen. Aber was ihm zutiefst zuwider wäre, wäre ein Denken, das einen ‚Standpunkt‘ hätte, von dem aus gefälligst gedacht werden müßte und für den dann jeweils die dezisionistische Irrationalität gelten müßte: hier stehe ich, ich kann nicht anders. Statt seiner gilt im nomadischen Denken die postmoderne Parole: hier stehe ich – ich kann auch noch ganz anders“[21]. Es ist dann nur folgerichtig, wenn Welsch mit Bezug auf die Vernunft die Transversalität als „Modus von Übergängen“ gerade anhand der Nomadologie einführt, ist es doch der Nomade, der die Gegensätze verknüpft, und zwar nicht (nur) in paradoxaler Form, um sie so – ohne viel Aufhebens – geil wuchern zu lassen. „Lieber ein unmerklicher Bruch als ein signifikanter Schnitt. Die Geschichte hat nie das Nomadentum begriffen. Für diejenigen schreiben, die nicht lesen können“ (39).

Wenn es aber das Signum des Nomaden ist, das Denken nicht als Ort, sondern als Weg zu begreifen, wenn er sich also im Zustand des Werdens statt des Seins befindet, dann wird statt des Ergebnisses die Bewegung zum Kriterium, dann kann nicht nach Vollkommenheit, Perfektion oder gar Richtigkeit gefragt werden, sondern muß die Originalität, Kreativität und die Wichtigkeit über den Wert eines Denkens entscheiden.

[1] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Berlin 1992
[2] Eco, Umberto: Nachschrift zum „Namen der Rose“. München 1987. S. 65
[3] Deleuze, Gilles/Parnet, Claire: Dialoge. Frankfurt 1980 S. 25
[4] vgl. ebd. 11/126 u.a.
[5] vgl. Deleuze, Gilles: Unterhandlungen 1972 – 1990. Frankfurt 1993 S. 217
[6] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Rhizom. Berlin 1977. S. 8 (alle nachfolgend in einfache Klammer gesetzte Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch)
[7] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Tausend Plateaus. S. 28, /Hervorhebung von mir)
[8] Hier genügt Nietzsche nicht, dessen aphoristisches Schreiben für Deleuze einmal „die reine Materie des Lachens und der Lust“ war (Deleuze, Gilles: Nietzsche. Ein Lesebuch. Berlin 1979. S.118), denn sein Aufbrechen „der linearen Einheit des Wissens“ wird in der „zyklischen Einheit der ewigen Wiederkehr wieder aufgehoben, ähnlich wie bei Joyce, der die lineare Einheit der Wörter und der Sprache aufbricht, um im gleichen Zuge eine zyklische Einheit des Satzes, des Textes oder des Wissens herzustellen“ (10).
[9] Welsch, Wolfgang: Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt 1996. S. 360.
Welsch, der bis dahin als Verfechter des Denkens Lyotards sich einen Namen gemacht hat, scheint mit seinem großangelegten (Typ Lebenswerk) Buch einen deleuzeianischen Sprung zu vollführen, und das ist auch notwendig, wenn er seinen Gedanken der Transversalität der Vernunft behaupten will; nur wird man das Gefühl nicht los, daß besagtes Konzept, den erhofften Schritt in die Originalität nicht garantiert, denn es sind vor allem die Gedanken Deleuzens, die, in anderes Vokabular gekleidet, immer wieder daraus hervorlugen. So gelingt es dem Bamberger Philosophen nicht recht, Defizite im Rhizomkonzept aufzuspüren, die dann sein Transversalitätskonzept beseitigen könnte. Der dort erhobene implizite Totalitaritätsvorwurf, wonach Deleuze/Guattari die Wurzel und die Büschelwurzel zugunsten des absolut gesetzten Rhizoms eliminierten, verpufft deswegen als Kritik, weil er einfach nicht stimmt. Natürlich bleiben – und das ist die einzig mögliche Konsequenz der Prinzipien von Heterogenität und Konnexion – die anderen Formen als Möglichkeiten bestehen. „Es gibt also“, schreiben Deleuze und Guattari, „die verschiedensten Verkettungen von Karten und Kopien, von Rhizomen und Wurzeln, mit variablen Deterritorialisierungskoeffizienten. Es gibt Baum- und Wurzelstrukturen in den Rhizomen, aber Zweige und Wurzelteile können auch plötzlich rhizomartig Knospen treiben. Die Bestimmung hängt hier nicht von theoretischen Analysen ab, die Universalien implizieren, sondern von einer Pragmatik, die Vielheiten oder Ensembles von Intensitäten zusammensetzt. Im Innern eines Baumes, in der Höhlung einer Wurzel oder in der Gabelung eines Zweiges kann ein neues Rhizom entstehen. Oder besser: ein mikroskopisches Element des Wurzelbaumes oder eine Wurzelfaser setzt die Produktion des Rhizoms in Gang.“ ( 25) und: „Aber natürlich ist uns auch eine Sackgasse recht, denn sie kann ja auch zum Rhizom gehören“ (Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur. Berlin 1976. S. 8)
[10] Breuer, Ingeborg/Leusch, Peter/Mersch, Dieter: Welten im Kopf. Profile der Gegenwartsphilosophie Frankreich/Italien. Hamburg 1996. S. 61
[11] Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolution. Frankfurt 1989
[12] Baudrillard, Jean: Oublier Foucault. München 1983
[13] ebd. S. 42
[14] ebd. S. 41
[15] ebd. S. 43
[16] „Auch ein ‚offener‘ Text ist doch immer ein Text, und ein Text kann zwar unendlich viele Interpretationen anregen, erlaubt aber nicht jede beliebige Interpretation. Man kann nicht sagen, welches die beste Interpretation eines Textes ist, doch kann man durchaus sagen, welche Interpretationen falsch sind. Im Verlauf der unbegrenzten Semiose kann man von jedem Knoten des Netzwerkes zu jedem anderen gehen; aber dabei sind Regeln der Zusammenhangssetzung zu beachten, die die Geschichte unserer Kultur in gewisser Weise legitimiert hat“ (Eco, Umberto: Die Grenzen der Interpretation. München/Wien 1992. S. 144)
[17] Deleuze, Gilles: Bartleby oder die Formel. Berlin 1994. S. 39
[18] Erdmann, Eva: Monsieur Rhizome. Paul Valéry und seine Cahiers. in: Balke/Vogl: Gilles Deleuze. Fluchtlinien der Philosophie. München 1996, S.304-318, S. 311
[19] „…schließlich gibt es das rhizomorphe Buch und Gebilde (livre rizomorphe), das sowohl die Bestimmung des äußeren Bezugs als auch des inhärenten Beziehungsgefüges seiner Teile aufgibt. Das Rhizom hört nicht auf zu produzieren, neue Satz- und Wortreihen zu bilden, neue Bilder herzustellen und sie in neue Zusammenhänge zu stellen. Offensichtlich hat das Rhizom weder einen Anfang noch ein Ende, es besteht aus begehbaren Räumen, die auf verschiedenen Etagen ineinander übergehen und verschieden genutzt werden können. Das rhizomorphe Werk verzichtet auf ein literarisches Gewand und wirft seine Äußerungen in der Form aus, in der sie zu Tage treten, als Seufzer, unartikulierte Gedankenströme, manierierte Satzverdrehungen und ‚Stottern der Sprache selbst‘. Zugunsten heterogener Sprechweisen werden die Despoten der ‚Großsprache‘ übergangen, um die Äußerungen hervorzuheben, wie sie ihre Existenz jenseits der Literatur fristen“ (Erdmann 311). Was die „Despoten der Großsprache betrifft, so verweist Eva Erdmann auf eine Passage der „Dialoge“, wo Marx, Freud und Saussure als „Konzern, (der) eine herrschende Großsprache“ (Dialoge 21) bilde, genannt werden.
[20] Deleuze, Gilles/Guattari, Félix: Kafka. Für eine kleine Literatur. Berlin 1976. 84)
[21] Röttgers, Kurt/Gehring, Petra: Französische Philosophie der Gegenwart II. Lacan-Foucault- Deleuze/Guattari Hagen 1993. S. 195f.
Dies verallgemeinernd läßt die Signatur der Postmoderne durchscheinen: „‚Postmodern ist, wer sich jenseits von Einheitsobsessionen der irreduziblen Vielfalt der Sprach-, Denk-, und Lebensformen bewußt ist und damit umzugehen weiß. Und dazu muß man keineswegs im zu Ende gehenden 20. Jahrhundert leben, sondern kann schon Wittgenstein oder Kant, kann Diderot, Pascal oder Aristoteles geheißen haben“ (Welsch: Postmoderne 35).

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3 Gedanken zu “Das Terror-Rhizom?

  1. „Erwartungen sind im Rhizom einzig dazu da, enttäuscht zu werden“.

    Rhizom ist Entwurzelung. Und Rhizom ist kritikresistent. Und Rhizom ist total.

    Die derart radikale Verabschiedung abendländischen Denkens (ich glaube, nur Heidegger ist da grundsätzlicher, der verleiht aber Wurzeln!) ist natürlich nicht „destruktiv“, von dieser Dichotomie (derstruktiv/konstruktiv) muß man sich verabschieden, weil sie eine Aufbaumetapher voraussetzt. Die Entwurzelung wird m.E. bei Deleuze/Guattari so weit getrieben, daß sie nimmer befreiend wirken kann (einen gewissen theologischen Habitus postmoderner Weitüberlegenheit kann man sich freilich draus drehen), sondern nur noch nihilistisch. Deswegen ist Rhizom auch kritikresistent – was immer man einwendet, man bekommt zurück, man dächte ja noch algorithmisch, noch subjektlogisch, noch „kritisch“ (i.S.v. krinein=scheiden). Deswegen ist Rhizom auch total, es gibt kein Außen, keine „Umwelt des Systems“, kein Nicht-Rhizom. Kybernetisch ist es eben gar nicht.
    Dieser Habitus der ausgehaltenen Erwartungsenttäuschung ist so lange erhebend, wie man imstande ist, Erwartungen zu bilden, die in alten „Wurzeln“ gründen. Deswegen ist Rhizomdenken auch unrettbar postmodern, weil es auf diesen alten Horizont der Erwartungen angewiesen bleibt.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Das Vorgetragene ist für meinen Geschmack doch sehr metaphorisch, was auch immer Deleuze übertragenen Begriffs dazu sagen mag.

    Was soll mit „[dem] Wespe-Werden der Orchidee und [dem] Orchidee-Werden der Wespe“ gemeint sein? Meines Wissens kommt so etwas in der Natur nirgends vor, indem sich die Arten in einem genealogischen Baum voneinander entfernen und nie mehrere Arten zu einer verschmelzen können. Vielleicht eine Ausnahme: Endosymbiose, die etwa zu neuen Zellorganellen geführt hat, auf ganz hoher Zeitskala. In ihrer Entwicklung durch Zellteilung betrachtet, bilden jedenfalls sogar die Zellen eines Metabionten einen Baum.

    Syntaxbäume von Chomsky-Grammatiken des Typs 2 ((kontextfreie Grammatiken), auf die wohl angespielt wird, sind auch nicht notwendig binär, sondern können durchaus beliebige Mehrfachverzweigungen enthalten. Dass jede der erzeugungsäquivalenten Chomsky-Normalformen (!), die man zu solchen Grammatiken immer finden kann, oder auch viele Chomsky-Grammatiken für natürliche Sprachen zur binäre Verzweigung vorsehen, liegt an rein pragmatischem Vorgehen, letztlich also nur an der Willkür der Grammatikaufsteller. Man kann unschwer eine Drei- oder Vierfachverzweigung durch zwei aufeinanderfolgende Paarverzweigungen, Verzweigungen bis zum Faktor 8 mit bis zu drei aufeinanderfolgende Paarverzweigungen ersetzen usw.

    Auf einfacherem Niveau betrachtet: Jede Klassifikation in nur endlich viele Fächer ist als Aufeinanderfolge binärer Aufteilungen zu realisieren, und eine Klassifikation in unednlich viele Fächer ist nicht zu leisten.

    „Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muß mit jedem anderen verbunden werden“ – Das ist zumindest bei den botanischen Vorbildern nicht der Fall. Vielmehr sind die Berührungen lokaler Art; nur Elemente am selben Ort können sich berühren. Und wenn am geeigneten Platz Teile absterben, teilt sich ein Rhizom sogar in zweie. Alle Teile eines Baumes sind übrigens im selben Sinne, nämlich rekursiv über die Verbindungen (hier: Verzweigungen), auch miteinander verbunden, wenn man denn das Verbundensein in beiden Fällen laxer auffassen wollte.

    Ist statt Dekalkomonie etwa Décalcomanie gemeint, vulgo Abklatschbildung?

    Die hin und wieder erkennbare Abstraktionsbasis für seinen Gegenbegriff Baum und den Begriff Rhizom scheint die Organisation des wissenschaftlichen Wissens zu sein. Man muss in der Wissenschaft aber begrifflich Entwicklungsgesetz und Darstellungsregel unterscheiden. Eine Analogie: Wenn Sie in ein Mathematikbuch französischen Stils hineinschauen, finden Sie nicht eben selten eine telegrammartige Abfolge Definition, Satz, Beweis, Definition, Satz, Beweis usw.. Kein Mensch ist bei der Erforschung des behandelten Themas so vorgegangen, vielmehr wurden mehr und mehr konkrete Problemnüsse geknackt, dann heftig abtrahiert, so weit, dass die Schlüsse eben noch gültig sind; für die Lehre mag aber das beschriebene Fließband sinnvoller sein – wenn ich persönlich auch starke Zweifel daran hege.

    Die Baumklassifikation mag zu jedem Zeitpunkt gegenüber der in Gestalt eines beliebigen Graphen überlegen sein, auch wenn diese Klassifikation dann von Zeit zu Zeit möglicherweise umgestoßen werden muss. Auch gibt es durchaus andere Organisationsmethoden, etwa nach mehreren Bäumen unabhägig von einander. (Denken sie an die Biologie: Spezies-Klassifikation, dazu Klassifikation des Ausbreitungstypus, dazu die nach dem Vorhandensein und der Entwicklungsstufe bestimmter Organe, Typus von Winterruhe usw. usf.) Oder nach bestimmten Teilklassen von Graphen.

    Ich hoffe jetzt nur, dass die Rive gauche nicht allzu oft mit relationalen Datenbankmodellen in Kontakt kommt; sonst könnte nämlich vielleicht eine ganz neue Metaphernsau um den Pantheon gejagt wird. Oder auch, entsprechend der lokalen Reorganisation eines Syntaxbaums, mit sogenannten Tree rewriting systems aus der Compilerbautheorie. Oder mit Attributgrammatiken. All das alles sind für Nichtspezialisten vielleicht ziemlich beeindruckende Bezeichnungen. Udn solange eine wie auch immer fassliche Metapher daranhängt, geht wohl alles.

    „Eine Verkettung ist gerade diese Zunahme der Dimensionen in einer Vielheit, die sich in dem Maße automatisch verändert, in dem sich ihre Konnexionen vermehren.“ – Wenn hier „Dimension“ nicht eine bloße Metapher sind, dann weiß ich nicht, was ich noch vorbringen könnte.. Alle uns bekannten Lebensformen leben im dreidimensionalen Raum, und jeder endliche Graph lässt sich schon in den dreidimensionalen Raum einbetten.

    „Wenn es aber das Signum des Nomaden ist, das Denken nicht als Ort, sondern als Weg zu begreifen, wenn er sich also im Zustand des Werdens statt des Seins befindet, dann wird statt des Ergebnisses die Bewegung zum Kriterium, dann kann nicht nach Vollkommenheit, Perfektion oder gar Richtigkeit gefragt werden, sondern muß die Originalität, Kreativität und die Wichtigkeit über den Wert eines Denkens entscheiden.“ – Einen gewissen Wert auf die Richtigkeit des Ergebnisses würde ich beim Denken schon legen.

    Welchen Wert hat eine vorgehende entwickelte Abstraktion, die dann konkrten Wissensdomänen sozusagen aufgeklatscht wird. Meines Erachtens muss man vom Konkreten ausgehen, achtsam Abstraktionen daraus bilden; wenn das ähnliche werden, schön und gut, wenn nicht, auch gut.

    Man beachte, dass das behandelte Modell auch keinerlei Forschungsprogramm anregt. Interessant wäre doch allein, wenn man anleiten könnte, in welcher konkreten Richtung sich die Forschung bewegen sollte. DIe zu finden braucht es aber wohl immer noch den Riecher der Kapazitäten auf dem jeweiligen Gebiet. Spekulative Naturphilosophie in der Art des klassischen Griechenlands und Ähnliches auf anderen Feldern ist dagegen keine große Hilfe. Oder dialektische oder sonstige „allgemeine Entwicklungsgesetze“ der Materie oder auch der Gesellschaft. Vor einigen Jahren hat Stephen Wolfram ein Buch über zelluläre Automaten veröffentlicht, das Furore machte. Er spekulierte, ihre Theorie könne viele eingeführte naturwissenschaftliche Theorien ersetzen. Kein Fachmann in den Einzelwissenschaften ist meines Wissens auf diese Spekulation je eingestiegen, und wahrscheinlich zurecht.

    Noch etwas zu den makroevolutionären Nachteilen des bloß myzelartigen Wachstums, gelesen bei Richard Dawkins. Ein Großteil der Gene bestimmt den entstehenden tierischen und pflanzlichen Organismus nur während der Embryonalentwicklung. Bei nur vegetativer Ausbreitung gibt es keinen starken Vorteil einer Keinzelllinie durch bessere Fitness aus der sexuellen Lotterie, außerdem kann schon durch räumliche Behinderung der anderen Knospungsteile keine wesentlichen Entwicklung von Gestalt oder Organen stattfinden; dazu braucht es die „Rückkehr an den Zeichentisch“, wie es jeweils bei der Embryonalentwicklung stattfindet, wo aus zwei Geschlechtszellen Millarden somatischer Zellen entstehen, die fast alle dasselbe Genom haben.

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    • Dank an beide sachkundigen Kommentatoren mit jeweils validen Einwänden: Man muß sich den Totalitarismus der Rhizomatik tatsächlich erst bewußt machen. Und auch die Frage nach der Umsetzung in der Forschung derartiger Ideenkonstrukte ist prägnant formuliert.

      Deleuze wurde sich der Fragwürdigkeit des Begriffes später auch bewußt und nutzte ihn nicht mehr. Da war er allerdings schon zur Pop-Philosophie und zur Projektionsfläche eines postmodernen „anything goes“ geworden. Seinerzeit – zumindest für Leute die die Fesseln des M/L gerade abgelegt hatten – wirkte es dennoch wie eine Befreiung. Heute scheint das Konzept begraben – umso erstaunlicher, daß Kepel es im Terrorkontext wieder ausgräbt; doch dazu morgen mehr, der zweite Teil.

      Offen bleibt noch immer die Frage, ob Rhizom als ontologische Kategorie bestehen kann, allerdings auch, ob der Begriff mehr leistet als der Holismus oder verschiedene Weisheitslehren … letztlich könnte Sein rhizomatisch „strukturiert“ sein. Und es beschreibt bis zu einem gewissen Grad die postmoderne, nomadische Lebenswelt.

      – „Wespe-Werden“ – meint wohl Pflanzen wie den Wespen-Ragwurz
      – Dekalkomonie eingedeutsche Form von Décalcomanie

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