Neue Stammtischparolen

Jeder kennt das: man liest unsere Presse und greift sich alle paar Minuten kopfschüttelnd an den Kopf. Es gehen einem ein paar Gedanken durch selbigen, aber ehe man sie ausgefaltet hat, liest man schon den nächsten Artikel – das Drama beginnt von vorn. Man muß nicht immer alles bis ins Kleinste ausdeuten. Manchmal – auch aus Selbstschutz – genügt das Stammtischniveau.

Terror ist gut, Kontrolle ist besser: Schweden hat wie Deutschland ein Clan-Problem. Schreibt der „Focus“: „Er ist das Oberhaupt eines libanesisch-stämmigen Clans, dessen kriminelle Mitglieder einen Vorort der schwedischen Hauptstadt terrorisieren, manche sagen gar: kontrollieren.“

 

Schock in der Morgenstunde. Für einen kurzen Moment sah die deutsche Presse voraus, daß Angela Merkel nach ihrem Scheitern als Bundeskanzlerin in der EU landen könnte: „Mit Äußerungen zu ihrem gestiegenen Verantwortungsgefühl (sic!) für Europa hatte sie Spekulationen über einen Wechsel auf einen wichtigen EU-Posten angeheizt.“ Als Synästhetiker lösen solche Nachrichten bei mir musikalische Assoziationen aus.

 

Wie war das gleich? Man dürfe nicht verallgemeinern. Wieder ein Opfer einer Messerstecherei, wieder eine Vergewaltigung, aber es sind nicht die Flüchtlinge. Wenn aber ein führender FPÖ-Politiker – genau genommen zwei – sich hinters Licht und zu irrsinnigen Aussagen verleiten läßt – die offenbar aber ohne Handlungskonsequenz blieben – dann war nicht dieser Mensch verantwortlich, sondern dann wird seine Partei, mehr noch, „die Rechtspopulisten“, mehr noch, sogar alle Rechtspopulisten der Welt werden in die Verantwortung genommen:

„Dieser ungeheuerliche Skandal zeigt, Rechtspopulisten verachten unsere Werte wie Pressefreiheit und Rechtsstaatlichkeit und arbeiten an der systematischen Aushöhlung der Demokratie.“ (Baerbock, Grüne)

„Menschen wie Strache haben nichts in einer Regierung zu suchen. Wir müssen bei der Europawahl verhindern, daß Rechtspopulisten in Europa an Einfluß gewinnen können.“ (Ziemiak, CDU)

„Rechtspopulisten sind die Feinde der Freiheit. Mit Rechtspopulisten gemeinsame Sache zu machen, ist verantwortungslos“ (Maas, SPD)

„Die Lehren aus dem Strache-Skandal sind glasklar: Man koaliert nicht mit Rechtsradikalen! Auf die Konservativen ist im Kampf gegen die rechten Nationalisten und Demokratiefeinde keinerlei Verlaß!“ und: „Salvini, Strache, LePen, Wilders, Orbán, Kaczynski, Gauland, Höcke, Weidel… die Rechtsradikalen (sic!) und ihre nationalistischen Helfershelfer bedrohen Frieden+ Wohlstand, Freiheit+europäische Demokratie. Sie sind eine Gefahr und auf Konservative ist kein Verlaß bei der Gefahrenabwehr“ (Stegner, SPD)

„Die AfD sah sich verwandt im Geiste. Wird sie sich jetzt von der FPÖ distanzieren?“ (Lindner, FDP)

#Strache zeigt: Jede Regierung mit Nazis (sic!) ist moralisch & politisch verkommen. @CDU muß endlich Brandmauer zur #FPÖ-Schwester #AfD errichten.“ (Kipping, Linke)

„Die Zeit“ geht noch weiter. Dort genügt „ein enges Verhältnis zu Rußland und Viktor Orbán als Vorbild“ als Inkriminierungsgrund, alle über einen Kamm zu scheren.

Muß man sich auf der Zunge zergehen lassen, von blendender innerer Stringenz: „Tatsächlich hat Strache aber nichts Singuläres gesagt. Vielmehr hat er – ungehemmt – gezeigt, wes Geistes Kind er ist und damit ist er durchaus repräsentativ für Europas Rechtspopulisten.“ Also sprach Marietta Slomka, ZDF Heute Journal 18.5.2019 (10:00 min.).

 

In einem Weimarer Museum, das videoüberwacht war, habe ich vor ein paar Jahren einen 50-Euro-Schein gefunden. Das Museum war leer, es war nicht zu ersehen, daß der Schein einem bestimmten Besucher gehören könnte. Wenn ich ihn abgebe, so war mein Gedanke, wird er in der Tasche der Kassiererin verschwinden. Also steckte ich ihn ein. Das war falsch und, wie ich später erfuhr, eine Straftat – Bargeld über 10 Euro darf nicht einbehalten werden. An die Szene mußte ich denken, als ich Strache sich auf Ibiza um Kopf und Kragen reden hörte. Nur war sein Köder ausgelegt.

Stabsplanmäßig wurde ihm eine Falle gestellt, wurde über Monate hinweg sein und Gudenus‘ Vertrauen erschlichen, wurde ihm schließlich das unmoralische Angebot gemacht, der Geldschein ausgelegt und darauf gewartet, daß er ihn nehme. Er nahm ihn übrigens nicht, er redete nur darüber, ihn zu nehmen. Er wollte ihn auch nicht in die eigene Tasche stecken, sondern seiner Partei damit helfen …

In einer Zeit, in der man Messer verbieten will, weil sie Morde verursachen, wird umgekehrt der Fisch bestraft, der in einen vergifteten Köder biß. Daß Menschen Fehler machen und Dummes tun, überrascht mich nicht, daß man sie aber aus politischen Erwägungen zu Vergehen verleitet, entsetzt mich. Und daß man hämisch darüber jubelt, ekelt mich nur noch an.

Es ist enormer Schaden für die europäische Demokratie entstanden, nicht nur, weil ein Parteivorsitzender glaubte, mit dem Gedanken spielen zu dürfen, die Medien zu beeinflussen oder Staatsaufträge zu vergeben – was im Übrigen wohl überall gang und gebe ist –, sondern vor allem, weil ihm – vermutlich rechtswidrig – eine Falle gestellt wurde und dieses Rechtsvergehen von Leitmedien genutzt wurde, um aktiv Politik zu machen, einen politischen Gegner als Politiker und als Mensch zu zerstören.

 

Schäuble will die Klarnamenpflicht im Internet. „Für eine offene Gesellschaft ist es schwer erträglich, wenn sich die Menschen bei Debatten im Internet nicht offen gegenübertreten“. Das ist komplexer, als Schäuble sich eingesteht. An sich eine gute Sache, wenn die Prämisse stimmt: die „offene Gesellschaft“. Ich denke dabei weniger an Beleidigungen, Gewaltphantasien, Perversität etc., die auszumerzen ein lohnenswertes Ziel darstellt, sondern an die Meinungsfreiheit.

Sind wir eine „offene Gesellschaft“? Können wir ohne Angst vor Repression, vor Nachteilen, vor sozialer Exklusion wirklich alles – im korrekten Ton – sagen? Tatsache ist doch, daß bestimmte Meinungen gesellschaftlich-medial sanktioniert werden, daß man im schlimmsten Falle von Antifa oder Hooligans attackiert werden kann, daß es bestimmte Bereiche der Historie gibt, die gesetzlich vor alternativen Auslegungen geschützt werden.

Wichtiger, als die Beseitigung der Alias-Namen, wäre es, ein Klima zu schaffen, das man als „offene Gesellschaft“ bezeichnen darf. Dazu wäre zuerst eine mediale Parität herzustellen, dazu wäre die Politische Korrektheit als Grundübel zu bekämpfen, dazu müßten Politiker und Medien ihren Beißreflex bei „rückwärtsgewandten“ Meinungen beherrschen lernen, dazu müßte der weit verbreitete Automatismus, eine nicht genehme Ansicht sogleich vor den Kadi zu zitieren, unterbrochen werden, dazu müßte man vor allem beginnen, Argumentation primär nicht nach Meinungen, politischen Standpunkten, nach Glauben oder auch Irrtümern zu bewerten, sondern nach Gehalt, nach Herleitungskorrektheit und, ja, auch nach existentieller Bedeutung für den Sprechenden. All das ist in einer Mißtrauensgesellschaft jedoch kaum zu erwarten. Von einem gestandenen Politiker sollte man freilich den Einblick in diese Zusammenhänge erwarten dürfen. Alles andere ist Populismus unter dem Klarnamen Wolfgang Schäuble.

 

Schönes, weil unpolitisches Beispiel des medialen Extremismus. Es gilt nur noch das Absolute. So sieht die Presse die „Karriere Madonnas ruiniert“, sie habe „sich entthront“, nachdem sie einen schwachen Auftritt beim Europäischen Gesangswettbewerb hingelegt hat.

Madonnas Karriere ist 40 Jahre alt, sie hat Eingang in Kunst, Literatur und Philosophie gefunden. Ich prognostiziere: in ihrem Nachruf wird dereinst kein Wort über diesen Auftritt stehen. Diese Überschriften sind reiner Sensationalismus, Klickköder, Nonsens. Sie begegnen uns tagtäglich.

 

Pop Poppen Popper

Was existiert, sind ungenaue Wörter, außerstande, etwas genau zu bezeich­nen. Schaffen wir außergewöhnliche Wörter – unter der Bedingung, von diesen­ den al­lerge­wöhn­lichsten Gebrauch zu machen, und die Entität, die sie be­zeich­nen, nicht minder exi­stent werden zu lassen wie den ge­wöhnlichen Gegen­stand. Gilles Deleuze

Wenn man eine ausführliche Antwort schuldet und sie im Moment nicht geben kann, dann rettet oft ein Witz. Mit dem schnell hingeworfenen Wort, „daß Poppers Hauptwerk eines der katastrophalsten philosophischen Fehlleistungen der Moderne ist und voller intrinsischer Totalitarismen steckt“, wurde ein Faß aufgemacht, das ich jetzt nicht leeren kann. Aber ein alter Text fällt mir dazu ein – und Popper findet darin nur ein Mal Erwähnung –, den ich hier etwas verschämt einwerfe.

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