Die Geschichte der Zukunft

Die Geschichte der Zukunft und die Frage der Identität

Anthropologie ist jene Deutung des Menschen, die im Grunde schon weiß, was der Mensch ist und daher nie fragen kann, wer er sei. Denn mit dieser Frage müßte sie sich selbst als erschüttert und überwun­den bekennen. (Martin Heidegger)
Sicher gibt es bei Heidegger ein Bemühen, den Namen Nietzsche oder das „Wer ist Nietz­sche“ auf die Einheit der abendländischen Metaphysik, ja auf die Ein­zigkeit einer Grenzsi­tuation auf dem Gipfel dieser Metaphysik zu reduzieren. Und dennoch war die Frage „Wer ist X?“ seiner­zeit, auf Denker bezogen, eine seltene Frage; sie ist es noch immer, wenn man sie nicht in einem trivialen biographi­schen Sinn versteht. (Jacques Derrida)

Wie Alice das Wunderland durchstreift, gerät sie an eine blaue Raupe, mit der sie ins Ge­spräch kommt. Mit der Frage „‚Wer bist du?‘ erkundigte sie sich gelangweilt und mit schläfriger Stimme“. Alltäglicher und banaler kann ein Dialog kaum beginnen und doch: „Diese Eröffnung der Unterhaltung war nicht gerade ermuti­gend“. „‚Ich weiß nicht recht, mein Herr‘, antwortete Alice ziemlich kühl, ‚wenigstens augenblick­lich nicht'“. Dieses Nichtwissen über das eigene Sein hat seine Gründe, die jenseits der abstrusen Situation liegen. Sicher, in Alices Fall spielt die Verunsicherung eine wesentliche Rolle, denn seit sie sich im Wunderland befindet, mußte sie die wunderlich­sten Verände­rungen an sich erfahren, so daß sie Identitätsprobleme bekommt: „Ich bin nicht ich“. Was aber hätte sie antworten können auf die Frage „Wer bist du“?

Nun, vielleicht mit ihrem Namen: Ich bin Alice. Oder sie hätte ihre gesellschaftliche Position festmachen können: Ich bin ein Kind, ein Mädchen[1], eine Schülerin, Engländerin… Ge­nau diese beiden Antworttypen hätten die Raupe jedoch kaum befriedigt, andernfalls hätte sie, pe­dantisch wie sie ist, gefragt: Wie heißt du? oder Was bist du? Es sind dies die modernen Umformulierungen der Frage „Wer bist du?“, die sich auf einen dritten Fragetyp subsumie­ren lassen: Was hast du?! Was hast du für einen Namen? und: Was hast du für eine ge­sellschaftli­che Position?

Die Frage nach dem Wer des Seins entpuppt sich als ein kompliziertes Ding, das sich wandelt und dessen Differenzen kaum noch realisiert wer­den. Die Schwierigkeit mit der Frage „Wer bist du?“ muß auch Alice erfahren, deren Ge­spräch mit dem Insekt sich zirkulär gestaltet, denn nach einigem Hin und Her gelangt man an den Ausgangspunkt zurück: „Aber wer bist du eigentlich?“.

Woraus ergeben sich nun diese Schwierigkeiten mit der Frage, deren Beantwortung wir offensichtlich verlernt ha­ben?

Aus wenigstens zwei Gründen. Da ist zum einen die Differenz von Haben und Sein, die längst als solche erkannt ist.[2] Der (von Gott) entfremdete Mensch, so der Mystiker, der von der Arbeit und damit von sich selbst, von den anderen und der Gattung entfremde­te Mensch, so Marx, gerät von der Seins- in die Habenorientierung, so Fromm. Seinsver­ges­senheit (mit Heideg­ger) ist die Folge, der Mensch definiert sich nunmehr nicht nach dem, was er ist, sondern dem, was er hat. Zum anderen unterscheidet sie sich in einem wichti­gen Punkt von ähnlich klingenden Fragen nach dem Wie, Was, Warum, Wann oder Wo. Sie läßt sich auf keine modale, temporale, lokale, kausale Entität zurückfüh­ren, sie läßt sich nicht auf einen Ort, eine Zeit, einen Grund, auf eine Art und Weise, eine Charak­teri­stik eingrenzen. Sie ist also viel weniger als diese Fragen und doch viel mehr, denn sie bein­hal­tet sie alle.

Es gibt offenbar einen Ausweg aus dem Dilemma, das besagte Frage produziert, einen, den Alice zwar entdeckt, aber nicht geht. Sie antwortet der Raupe weiter: „Ich weiß, wer ich war“. In der Tat ist es eine Frage der Geschichte, der Zeit, denn wo, wann, wie, was ich bin als Voraussetzung des Wissens, wer ich bin, „läßt sich nur historisch erklären“. Insbe­sondere Hermann Lübbe wurde nicht müde, den Sinn dieser Redeweise aufzuzeigen. Sie ist demnach „nur dort am Platz, wo eine begründete Rationalitätserwartung enttäuscht wird und ein funktional der erwarteten Rationalität sich nicht fügendes Element einzig gene­tisch, durch Rekurs auf die Geschichte des gegebenen Zusammenhangs sich plausibel machen lässt“. Das betrifft, so Lübbe, vor allem jene Rudimente, die ihren funktio­nalen Sinn, nicht aber ihre Präsenz verloren haben. (z.B. die Stummeltrittbretter des VW-Käfer, die funktionslos geworden sind und sich daher nur als Relikt der Kutsche erklären ließen.)

Wie wir gesehen haben, träfe diese Begrün­dung auch auf unsere Frage zu, die in nahezu allen europäischen Sprachen fortlebt, deren Sinn jedoch selbst in Frage steht, bereitet sie doch offensichtlich Antwortschwierig­keiten, und die möglichen Antworten verweisen auf andere Fragen. Ihre Rationalitätserwar­tung wird jedoch nicht nur wegen ihres Funktionsverlustes (vorausgesetzt wird, daß sie einmal be­antwortbar war[3])  enttäuscht, sondern, auch wegen der in ihr insi­stieren­den Paradoxa. Zwar kann man diesen letztlich nicht ausweichen, wohl aber kann man sie verdrängen, auf einen größeren Zusammenhang verweisen. „Stets handelt es sich um Ge­gebenheiten, die sich dem vertrauten Funktions- oder Handlungssinn der Systeme nicht fügen, in­nerhalb derer sie angetroffen werden. Eben deswegen, weil die gemeinten Bestän­de sich aus dem Funktions- oder Handlungssinn der fraglichen Systeme nicht er­klären lassen, verbleibt zu ihrer Erklärung einzig jene spezielle Erklärungssorte, die wir eine ‚histo­rische Erklärung‘ zu nennen pflegen. Dabei hat die fragliche historische Erklä­rung stets die Form der Erzählung derjenigen Geschichte, der herkunftsmäßig der als dis­funktio­nal iden­tifizierte und eben deswegen erklärungsbedürftige Bestand sich verdankt.“

Das heißt wohl nichts anderes, als daß sie nicht zu be­ant­wor­ten ist, sondern erzählt werden muß, oder anders: die Antwort wird eine Geschichte sein müs­sen.

Genau genommen existieren auch andere Antwortformen, doch sind diese immer selbstwidersprüchlich, wenig gewinnbringend und anzweifelbar. Etwa, wenn mit „Ich bin ich“ oder „Ich bin, der Ich bin“ geantwortet werden würde. Formal wäre der An­spruch der Frage damit er­füllt, doch der Verweis eines Ich auf ein anderes Ich dreht sich im Kreise und ist in der Ich-Prämisse angreifbar, denn das Ich selbst, das ja hin­ter­fragt wurde, bleibt unangetastet. Wenn Rim­baud sagt: „Ich ist ein ande­rer“, dann werden die Proble­me sichtbar[4], und auch der Schizophrene zeigt, wie wenig fest diese Kongruenz ist. Und, um ehrlich zu sein, wer kann schon für sich behaupten, ständig das selbe Ich zu sein? Alice glaub­te zu wissen, wer sie war, als sie „heute morgen auf­stand“, aber seither habe sie sich mehr­fach verwandelt. Wer wüßte nicht, daß er am Mor­gen ein anderer ist als am Abend, im Schlaf ein anderer als im Wachen, beim Essen ein anderer als beim Sex. Auch die Verlaufsform, als weitere Mög­lichkeit, gerät in ähnliche Schwierigkeiten (z.B.: Ich bin X su­chend.). Sie ver­weist jedoch schon auf eine narrative Form, denn der Verlauf ist immer schon erzählend. Man wird also eine, seine Geschichte erzählen müssen, um die Frage adäquat beantworten zu können.

 So ist man also, wer man war, mehr noch, man ist nie, sondern war immer nur. Was man aber war, läßt sich immer erst erken­nen, wenn man weiß, wer man sein wird. Die wesentliche kon­stitutive Zeit der Geschichte ist nicht die Vergan­genheit, sondern die Zukunft. In ihrem Zusammenspiel und ihrer Interdependenz konstituie­ren sie Geschichte.

So ist die Frage „Wer bist du?“ eine Frage des Äon. Deleuze unter­schied zwei Lesarten der Zeit: Chronos und Äon. „Chronos ist die einzig existierende Gegenwart, der aus Vergangenheit und Zukunft ihre beiden derart ausgerichte­ten Dimen­sionen macht, daß man immer von der Vergangenheit zur Zukunft übergeht“. Es ist also das „ist“, das nie ist: der heraklitische Fluß, mehr noch, der des Kratylos.[5] Chronos verschlingt unentwegt seine Kinder: Vergangenheit und Zukunft. Äon da­gegen „ist die Ver­gan­gen­heit-Zu­kunft“. „Ge­mäß Äon insi­stie­ren und subsistieren in der Zeit aus­schließ­lich die Ver­gangenheit und die Zukunft“. Er ist das „ist“, das war und sein wird.[6] Die Frage, „Wer bist du?“ ist also eine Frage des Äon, denn ­man ist nie Wer, son­dern war und wird immer nur Wer sein. Deswe­gen im­pliziert „histo­risch erklä­ren“ Ver­gangenheit und Zu­kunft. Die Antwort auf die Frage ist meine Ge­schich­te als Historie und Zukunft.[7]

Wir besitzen eine Zeit­form, die dem anschei­nend ge­recht werden könnte, das Futur II, so daß die Frage „Wer bin ich?“ als „Wer werde ich gewesen sein?“ gestellt werden muß. Sie ist überhaupt nur als solche stellbar und erhält ihren Sinn erst, wenn sie unter ihrer Oberfläche diese Trans­formation durchmacht. Hier begeg­nen wir wieder der paradoxa­len Dialek­tik; auf neuer, gewisser­maßen höhe­rer Stufe holen uns die Paradoxa ein, denn:

  1. Ist diese Frage erst nach dem Ende, im mensch­lichen Falle nach dem Tod beantwortbar – aber nicht mehr stellbar. Freilich mag ein Stellver­treter die Ge­schichte nun erzählen, doch mangelt es ihm zum einen am authen­tischen „Ich“ – weshalb es auch die Geschichte nicht geben kann; weil es keinen Erzähler gibt, und falls doch, dann hat dieser eine Erzähler außer sich selbst keinen Zuhörer -, zum ande­ren ist seine Zu­ver­läs­sig­keit, im Sinne der Ge­schich­te zu er­zäh­len, aus Per­sön­lich­keits- und Gege­ben­heits­grün­den zwei­fel­haft, allein schon weil die einzig legiti­me Kontroll­instanz auf­grund eigenen Able­bens abwesend ist.[8] Auch wenn das Ende nicht der Tod ist, sondern, sagen wir mal, einen neuen Lebensab­schnitt be­grenzt, so wird es schwierig, die Frage objektiv zu beant­wor­ten, da sich der Blick, die Perspektive auf das Zurücklie­gende geän­dert hat. Ar­beitet der Stell­vertreter schließlich als Chronist parallel, ist die legitime Kontrollinstanz also anwesend, gerät der Erzähler in ein weiteres Dilemma, wel­ches ihm Authentizität oder gar Objektivi­tät von vornherein ver­unmöglicht: er ist der Macht des Anderen ausge­setzt und er ist sich dieser Macht bewußt.[9]
  1. Kann sie den Para­doxa des Sinns nicht ent­gehen, weil sie, auch wenn sie die abge­schlosse­ne Zu­kunft bein­haltet, nur präsen­tisch gestellt werden kann.

Letztlich schält sich folgende Aporie heraus: Die Frage „Wer bin ich?“ ist weder be­ant­wortbar noch vermeidbar. Da sie im Äon wirkt, ist sie nicht beantwortbar, da sie die existentielle-, die Identifikations­frage schlechthin, die summa eines Lebens, einer Exi­stenz ist, bleibt sie unver­meid­bar. Man kann sogar sagen, daß es (je)den Menschen nur noch solan­ge geben wird, wie er diese Frage stellen kann, denn er ist nur so lange und mit ihm das Sein, solange er Wer ist. So betrachtet bleibt der heideggersche Entwurf der „Seins­verges­senheit“ auf halber Stufe stehen und ließe sich durch den eines Seinsverlustes ergän­zen, wie ihn Micha­el Ende etwa in seiner „Unendlichen Geschichte“ beschreibt, vor allem aber Baudril­lard philoso­phisch thematisiert.

Das Sein verschwindet aufgrund der Beschleu­ni­gungsten­denz und Verflüssigung der Gegenwart, der das identifikatorische Bewußtsein entgegen­tritt. Erfahren wird es als beängstigende Kontingenz. Es ginge dem­nach nicht in erster Linie um eine Wie­der­erinne­rungs­ar­beit, son­dern um eine Seins­kom­pensation, wozu Er­innerung lediglich dienlich sein kann. Die Kom­pensa­tion des Ver­lustes an Sein erfolgt vor allem durch eine Ontolo­gisie­rung des Men­schen, der sich dem „On“ entgegenwirft, um sein eigenes Sein erfahren zu kön­nen. Die Ge­schichte er­innert uns daran, daß es dieses Sein gegeben hat, noch gibt, und sie versichert uns, daß es das Sein auch in Zukunft geben wird. Ande­rerseits macht sie uns die Trennung vom Sein bewußt. Das ist der dreifache Sinn der Frage „Wer bin ich“? und die Basis ihrer kompen­satorischen Arbeit.

Je schneller die Ver­änderun­gen vonstatten ge­hen, je geschwin­der die Zustände wechseln, um so öfter muß die Frage ge­stellt, mehr noch, sie muß be­antwortet wer­den. Weil Alice dies nicht tat, kumu­lie­ren ihre identifi­katori­schen Schwierig­keiten. Da­gegen steht die Welt still, während man seine Geschichte erzählt, die Frage be­antwortet. Man wird dabei nie lernen, wer einer wirk­lich ist, erst recht nicht, was zu tun oder zu lassen sei, aber den Verlust an Sein kom­pen­sieren und seine Beschleunigung bremsen. Denn wenn man auch nicht lernt, was zu lassen ist, so läßt man es doch, solange man erzählt oder einer Erzäh­lung lauscht. Nur wo noch Geschichten erzählt werden, ist man noch Wer.[10]

Eben jene geschichtlichen, geschichtsträchtigen und -gebärenden, jene erzählenden Ge­sell­schaf­ten sind es, die den Mo­der­ni­sie­run­gen noch wider­stehen, und wo nicht, dort wur­den sie okku­piert, keines­wegs aber haben sie dieses Ende der Geschichten und Geschichte aus sich selbst heraus her­bei­geführt. Die moderne Gesell­schaft dagegen ist von Bildern, von einer unfaß­baren Bil­der­flut ge­zeich­net, die zwar nicht selten mit dem Anspruch daher­kom­men, (meist klei­ne) Ge­schich­ten zu erzählen, doch in Wahr­heit nur noch Geschehen reka­pi­tulie­ren oder gar nur imitieren[11] und imaginieren. Ihnen fehlt nämlich die geschicht­liche Ein­bin­dung, inso­fern jede Ge­schich­te immer eine unendli­che ist; jede wirk­liche Geschichte schließt an vorherige an und pflanzt sich in nachfolgen­den fort, sie ist mit allen anderen Geschichten vernetzt. Wo dieses Netz zer­reißt, zerreißt Ge­schichte. Die Frage ver­langt also, dies alles bedacht, förm­lich nach einer eige­nen For­mu­lie­rung, die dem inhä­ren­ten Para­dox Rech­nung zu tragen ver­mag. ­Die Ant­wort auf die Frage ist meine Ge­schich­te als Ver­gan­gen­heit und Zu­kunft. Um zu wis­sen, wer ich bin, muß ich klären, wer ich war und wer ich sein werde. Erst, wenn ich gewesen sein werde, kann ich wissen, wer ich bin.

PS:

Um das bei­spiel­haft auf­zuzei­gen, reicht schon ein Blick in ein phan­tasti­sches „Ju­gend­buch“. Wie in der „Un­endli­chen Ge­schichte“ gesche­hen, kann sie das logi­sche Para­dox lösen, zwar nicht ein-, aber doch auflö­sen. Russells Paradox etwa, das besagt, daß, abgesehen von absoluten Mengen (z.B. die Menge aller Mengen) keine Menge Element ihrer selbst sein kann und das unterlaufen wird in dem Moment, als die „Unendliche Geschichte“ in sich selbst vorkommt. Sie kann den, als fiktiv-heuristisches Mittel gedachten, „Idealen Chronisten“ ins Leben rufen, der die Auf­gabe hat, alles im Mo­ment seines Geschehens aufzuschreiben[12] und des­sen Un­mög­lich­keit Danto ausgie­bigst argumen­tativ vorführte, schon wegen dessen Paradox der Regressivität, denn er müßte, während er alle Geschehnisse aufschreibt, auch sich selber als Geschehen beschreiben, schreiben, was und daß er sagt, daß er schreibt ad infi­nitum. Genau dies aber läßt Ende den „Alten vom wandernden Berge“ beim Ca­nos­sagang der Kindlichen Kaiserin ­tun, wenn­gleich er als Autor enthoben ist aufzuklären, wie dies ge­schieht. Schließlich kann sie, die Literatur, den Autor, der sie schreibt, ersetzen und damit Foucaults unerfüllbaren Wunsch, nicht anfangen zu müssen und gesagt zu werden, erfüllen, also nicht erzählen zu müssen, sondern erzählt zu werden.

Fußnoten:
[1] So lautete die Antwort auf die Frage der Taube, die Alice für eine Schlange hielt: „Ich bin…ich bin ein kleines Mädchen!“ Allerdings fragt die Taube sinnigerweise: „Na, was bist du denn?“.
[2] vgl. vor allem Fromm, wo versucht wird, eine Art Symbiose zweier Denker des Seins, Meister Eckhart und Marx, herzustellen.
[3] Denn, so präzisiert Lübbe andernorts noch einmal, handelt es sich um Fälle, „in denen innerhalb eines funktionalen Zusammenhangs zwischen den Elementen eines Systems Elemente auffällig werden, weil sie ersichtlich funktionslos sind und sich in ihrem Dasein einzig durch ihre Tauglichkeit für Funktionen erklären lassen, die früher einmal in dem gegebenen System erfüllt sein mußten, inzwischen jedoch in Prozessen der Systemumbildung untergegangen sind“ (Hervorhebung von mir).
[4] …die Alice übrigens gleich zu Beginn ihrer Abenteuer durchlebt, als sie mehrere Identitäten durchspielt: „War ich unverändert, als ich heute morgen aufstand? Ich glaube fast, daß ich mir ein bißchen fremd vorkam. Nun weiter: Wenn ich nicht ich bin, wer in aller Welt bin ich dann? Das ist mir ein Rätsel!“ (20).
[5] …der meinte, „man dürfe überhaupt nichts aussagen, und nur noch den Finger bewegte und den Herakleitos tadelte, weil dieser es für unmöglich erklärt hatte, zweimal in den selben Fluß zu steigen. Er selber meinte nämlich, es sei nicht einmal einmal möglich“ (Capelle 315)
[6] Alice im Spiegelland: „Nach der Vorschrift erhältst du nur Marmelade morgen und Marmelade gestern, doch nie Marmelade heute.“
[7] …daß man hierzulande rückwärts lebt‘, erklärte die Königin freundlich. ‚Das macht anfangs etwas schwindlig.‘ – ‚Rückwärts leben!‘ wiederholte Alice verblüfft. ‚Davon hab‘ ich noch nie gehört!‘ – ‚Es hat den großen Vorteil, daß das Gedächtnis nach beiden Richtungen funktioniert'“ (Spiegelland 178).
[8] Von Luther und Napoleon existieren die meisten Lebensbeschreibungen – wie viele Leben hatten sie? Entweder, alle Beschreibungen stimmen, dann gibt es keine Identität, sondern hochgradige Schizophrenie, oder keine stimmt und dann gibt es auch keine. Alles, was dazwischen sein könnte, ist un­auflöslich, folglich auch ohne Identitäts­gewinn.
[9] vgl. Röttgers: Spuren 452ff.
[10] Man ist überhaupt nur noch am Leben, wenn Geschichten erzählt werden, weshalb man im arabischen Erzählraum, etwa in den Geschichten von Tausendundeiner Nacht, dem Tod auszuweichen versuchte, indem man bis zum Morgengrauen erzählte. (vgl. Theweleit: Orpheus 1047)
[11] vgl. dazu etwa Eco: „Über Gott und die Welt“ 36 – 102 u.a. oder „Apokalyptiker und Integrierte“
[12] „Was immer geschieht, er weiß es stets im selben Moment, in dem es geschieht, er weiß sogar, was in anderen Köpfen vorgeht. Er besäße zudem die Gabe der instantanen Transkription…“ (Danto: Geschichts­philosophie 241).
Quellen:
Capelle, Wilhelm: Die Vorsokratiker. Berlin 1958
Carroll, Lewis:
-: Alice‘s Adventures in Wonderland. Herfordshire 1992. dt.: Alice im Wunderland Leipzig 1990
-: Through the Looking-Glass and what Alice found there. Herfordshire 1992. dt.: Alice im Spiegelland. Leipzig 1990
Danto, Arthur C.: Analytische Philosophie der Geschichte. Frankfurt 1980
Deleuze, Gilles:
-: Logik des Sinns. Frankfurt 1993
-: Differenz und Wiederholung. München 1992
Eco, Umberto:
-: Apokalyptiker und Integrierte. Zur kritischen Kritik der Massenkultur. Frankfurt 1986
-: Über Gott und die Welt. Essays und Glossen. München 1996
Ende, Michael: Die unendliche Geschichte
Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt 1996
Fromm, Erich: Haben oder Sein. München 1976
Lübbe, Hermann:
-: Die Einheit von Naturgeschichte und Kulturgeschichte. Bemerkungen zum Geschichtsbegriff. in: Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse Nr.10. Mainz 1981
-: Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Analytik und Pragmatik der Historie. Basel/Stuttgart 1977
-: Geschichtsphilosophie. Verbliebene Funktionen. in: Jenaer philosophische Vorträge und Studien 2. Erlangen/Jena 1993
Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte. MEW 40
Röttgers, Kurt:
-: Der kommunikative Text und die Zeitstruktur von Geschichten. Freiburg/München 1982
-: Spuren der Macht. Begriffsgeschichte und Systematik. Freiburg/München 1990
-: Texte und Menschen. Würzburg 1983
Theweleit, Klaus: Buch der Könige. Orpheus und Eurydike. Basel/Frankfurt 1991

 

3 Gedanken zu “Die Geschichte der Zukunft

  1. Doch Futur II ! Kennen Sie Harold Blooms „strong poet“? Diese Figur ist eine Nietzscheaner, der das „Werde, der du bist“ ästhetisch aufs Leben anwendet: wer werde ich geworden sein? Und der poetische Imperativ lautet dann: niemals nicht bloß das Objekt der Einflüsse der Anderen gewesen sein, man s e l b s t gewesen sein, dann wäre das Leben geraten. Blooms „anxiety of infuence“ ist die Paranoia des starken Dichters – was, wenn ich immer bloß ein Abklatsch bin, und nicht m i c h erzählen können werde, sondern die Erzählungen der Anderen?
    „Man kann den anderen nur ertragen, indem man ihn erzählt“. (N.G. Dávila)

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Einsichten, gesogen aus der Kopula.

    „Im Ganzen – haltet euch an Worte!
    Dann geht ihr durch die sichre Pforte
    Zum Tempel der Gewißheit ein.“

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    • Richtig ist:
      Einsichten, gesogen in der Kupola.

      Denn eben wo Begriffe fehlen,
      Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
      Mit Worten läßt sich trefflich streiten,
      Mit Worten ein System bereiten,
      An Worte läßt sich trefflich glauben,
      Von einem Wort läßt sich kein Jota rauben.

      Der Begriff ist „die Identität“ und ist „die Geschichte“ – diese Begriffe fehlen nun mal; ob man Worte drum machen muß, kommt auf die Denkfreude an, wie mir scheint. Immerhin sind diese sarkastischen Worte des Teufels in ein gigantisches (selbstironisches) Wortgebilde eingefügt … wer ungeschützt über den Philister lacht, ist wohl selbst einer.

      Als Antwort auf Pérégrinateur 29.8.2016 (West-östlicher Dschihad):

      „Die Wendung „das Paradox aller Geschichtsschreibung […], daß Historie nur im Futur II geschrieben werden kann“ ist misslungen. Geschichtsschreibung, die immer vergangenen Dinge darstellt, so wie sie eigentlich gewesen sind, benutzt Vergangenheitstempora oder allenfalls das historische Präsens, Klio braucht kein Futur. Das Futur II nun gar ist die passende Zeitstufe für selbstgewisse Propheten, die was sich angeblich zutragen wird, als in der Zukunft schon vollendet vorstellen wollen.
      Vermutlich sollte umgekehrt ausgedrückt werden, dass Geschichtsschreibung nur darstellen kann, was eben vorher schon geschehen ist. Das lässt sich ohne Erborgungen aus der Grammatik recht und schlicht sagen.“

      … Worauf ich Ihnen eine Fortsetzung zur Klärung des Gedankens anbot.

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