Sprache und Sein – produktives Paradox

Lesen ist auf etwas zugehen,das gerade entsteht und von dem noch keiner weiß, was es sein ­wird … Italo Calvino

Es gibt seit je eine Schere zwischen der Sprache und dem Sein, doch erst mit der Moderne beginnt diese sich in einem solch rasanten Tempo zu spreizen, daß es zunehmend schwie­riger wird, das Sein sprachlich bewältigen zu können, dem Sein zu ent-sprechen. Zu­nehmend werden die Menschen vom Sein überrannt – sie werden, im Verhältnis zu diesem, sprachlos. Dabei wird das überschüssige Sein erst vom Menschen in die Existenz gesetzt. Überschüssig ist das Sein, das nicht sein oder nicht wahrgenommen werden müßte. Nicht, daß es den Men­schen je­mals ge­lungen wäre, selbst dem nicht überschüssigen Sein zu entspre­chen – aber das muß­te auch nie sein. Daß die Sprache keine Seinsverdopplung sein und auch nicht an­streben kann, ist evident, und die Sprache in der Geschichte entsprach, alles Über­schüssige abge­zogen, immer nur dem, was sein mußte – um zu überleben. Die neu­zeitli­chen Proble­me betreffen folglich nicht den Überlebenswortschatz und auch nicht dessen Mangelerscheinungen, die auszufül­len das Überlebenwol­len nicht verlangte.

Im weitesten Sinne hängt das mit der Produktion zusammen. Nicht nur, daß es eine un­vorstellbar große Zahl von mehr oder weniger gewollten Produkten zu bewältigen gilt, erzeugt jedes dieser Produkte eine Reihe ungewollter Sekundärprodukte in Form von Din­gen, ­Kon­stellationen, Veränderungen, Sorgen, Freuden etc. Oftmals sind diese erst sehr viel später wahrnehmbar und niemand weiß, welche Sekundärprodukte jedes einzelne Produkt noch gebären wird.

Wiederum wird unsere Wahrnehmungsmöglichkeit ständig erhöht, so daß die andere Seite des Produzierens, des producere, des Vorführens, Hervor­führens den Hiatus weiter vergrößert, insofern sie bislang nie Wahrgenommenes aus dem Dunkel der Natur- und Gesellschaftsgeheimnisse hervorführt, vor unser Auge. Noch nie haben Men­schen so viel wahrnehmen können, wollen und müssen, so viele Dinge, so viele Zusammenhänge, so viel Leid, so Gro­ßes, so Kleines, so Neues, so Altes. Das hat nicht zuletzt eine Veränderung dessen zur Folge, was wir als Gegenwart bezeichnet haben, eines Zustandes des gesicher­ten, kon­stanten Gegen­ständlichen, das wiederum unseren Lebenszustand, unsere Lebens­verhält­nisse als von ge­wisser Dauer sicherte. Diese wird zunehmend liquidiert, verflüssigt, zu einem Fluß, in den man nicht zweimal steigen, in dem man keine dauernden Erfah­rungen mehr sammeln kann und an den keine Erwartungen mehr geknüpft werden können.

Um die gerufenen Geister sprachlich bannen zu können, muß der Produktionsmaschine eine Sprachmaschine nachgeschaltet werden, ohne die paradoxe Situation negieren zu wollen, daß die Produktionsmaschine selbst partiell eine Sprachmaschine ist und umge­kehrt.1 Wir müs­sen dar­über reden kön­nen, um über­leben zu kön­nen. Es liegt in deren We­sen, perma­nent hin­ter­herzu­hinken. Vermag jene infinit zu arbei­ten, diese ist dazu nicht in der Lage, ihrer Exten­sion sind allein schon bio­lo­gi­sche Gren­zen gesetzt, von techni­schen ganz zu schwei­gen. Man denke nur an die von Eco bespro­chene Frage, wie man jemandem noch in 10000 Jahren – mehr als die bisherige zivilisato­rische Geschich­te umfaßt! – klar machen könne, daß be­stimmte Ge­biete, in denen wir heute radio­aktive Ab­fälle abla­gern, gefährlich sein werden.2

Offensichtlich gibt es, und das in zunehmendem Maße, mehr Sein als Sprache.3 4 Man kennt die Versuche, das sich ausbreitende Nichts (das Nicht-repräsentiert-Sein) in der Spra­che, diese klaf­fen­de Wun­de zu schließen, das „Zeugs“5 sprachlich zu verwinden: die Schöpfung von neuen, von Fach­ter­mi­ni: die An­glizis­men, Neo­lo­gis­men, Tech­nologismen, Nominalis­men, Wortver­knüp­fun­gen, Formeln, Komprimierungen etc. – das alles sind zu­meist eilig auf­ge­kleb­te Pfla­ster, an deren Wirk­sam­keit ledig­lich geglaubt werden kann, die mit einer existen­tiellen Hoff­nung be­laden werden. Sie sind oft unre­flek­tiert ge­blie­ben, ent­sprin­gen einer Panik des Defizits und produ­zieren nicht selten neue Defizite. Es bleibt vor allem in der Verantwor­tung von Kunst und Philo­sophie, Alter­nati­ven zu bieten – nicht zu den Be­grif­fen, sondern zu den Schöpfungen – und es sind ja gera­de die Dichter und Den­ker, die, weil sie darunter leiden, die Divergenz von Wirk­lich­keit und Sprache themati­sie­ren.

Hof­mannsthals be­rühmter Chandos-Brief gilt gemein­hin als Para­debeispiel, aber auch Hei­deggers Wort­schöpfungen, die den histori­schen und ety­molo­gi­schen Reich­tum rückzuholen versuchen, oder Blumen­bergs Metapho­rologie, die im sprach­lichen Bild, der „ab­solu­ten Meta­pher“, jene Größe ausmachte, die semanti­sche Ver­armung der rationa­li­sti­schen Spra­che zu kom­pensieren, nicht zuletzt auch Witt­gensteins Versuch, Sprache zu positivie­ren, zu for­mel­lie­ren, spielen in diese Verant­wor­tung hinein.

Für Deleu­ze hatte die Philosophie vor allem eine Funktion, „die vollkom­men aktuell bleibt: Begriffe schaffen, Begriffsschöp­fung. Nie­mand kann dies an ihrer Stelle tun“6. In der Tat „kämpft“ der Dich­ter an derselben Front, „Schneisen ins Chaos schla­gen“, doch wird er dabei weni­ger zum Be­griffs­schöpfer, als er die vorfindliche Spra­che stets als Basis nutzt, um in und mit ihr neue Konstellatio­nen herzustellen.

Mit Foucaults frühem Text „Raymond Roussel“ wird diese Diskrepanz zwar nicht erstmals thematisiert, wohl aber in maßgeblicher Weise. Er geht von eben diesem Befund aus, „daß es weniger bezeichnende Vokabeln als zu bezeichnende Dinge gibt“.7 Wie erwähnt, das meint nicht die natürliche, ursächliche Konstellation, nicht die Kapitulation der Spra­che vor einem Baum etwa, dessen grüne, flächige Auswüchse an den Ästen die Sprache recht oberflächlich „Blätter“ nennt, ohne die Kraft aufzubringen und auch nur den Versuch zu wagen, jedes mit einem eige­ne­n Namen zu beehren.8 Problematisch wird der Befund erst, wenn der Sprachgegenstand produktiver „Natur“ ist.

Nun gibt es aber auch eine sprachinterne – aus welchen sprachhistorischen Gründen auch immer – Armut zu konstatieren, die Schwäche, in vielen Fällen nicht eindeutig zu sein, schon auf der Wortebene, umso mehr auf der Ebene der Wortverknüpfungen, der Sätze, der Texte, der Bücher. Das Wort bildet einen Halo, einen Lichthof, in dessen Schein die Bedeutungen schillern. Etwa das Phä­no­men iden­ti­scher Wör­ter und Wortlaute bei diver­gen­ten Be­deu­tun­gen: die Ban­de (die Gang) und die Bande (die Um­gren­zung – um ein Beispiel Fou­caults zu nehmen), der (Wasser-) Fall und der (Krimi­nal-) Fall. Oder das noch viel­fältigere Phä­no­men der fast identischen Wör­ter, die sich durch minimale Unter­schiede auszeichnen, wie z.B. ge­schlechtlicher Art: der Tor und das Tor, die Heide und der Heide, der Rentier und das Rentier etc. Oder schließlich Freuds Traum-Assoziation, die die Ähre zur Ehre macht.9 Aus die­sem ver­meintlichen Mangel der Eindeu­tigkeit erwächst nun – so para­dox das klin­gen mag – ein Großteil jenes Potentia­ls der Sprache, das sie dazu befä­higt, defizi­täre Bereiche aus­zufüllen. Foucault spricht dies­be­züglich von der „wunder­baren Eigen­schaft der Sprache, reich zu sein durch ihren Man­gel“ (21). Diese Welt der unbe­grenzten Sprach­möglichkei­ten öffnet sich in den mi­nimalen Differenzen, seien sie nun semantischer, pho­nologischer, morphologischer, gram­matikali­scher, syntakti­scher, orthogra­phischer Art. In dieser Vielfalt der Armut, in diesem Riß, den die feinen Differenzen eröffnen, in dieser Falte des Sprach­materials siedelt sich der Dichter an10. Hier findet er den Raum und die Utensilien, um zu sagen, was zu sagen und was nicht zu sagen ist. Allein diese Eigen­schaft der Sprache läßt sie leben, andern­falls wäre sie ein kalter, billiger, schlechter Ab­klatsch des Seins, das sie nur verdoppeln könnte, ohne dies je zu erreichen oder es gar zu bereichern. So vermag die Sprache Sein einzuset­zen, und sie tut dies in eben jenen For­men: als Überschüssige geht sie ins Rau­schen über, der Rest saugt Sein ab.

Diese Risse sind miteinander verbunden, hier direkt, da über Umwege, sie bilden Kreuzun­gen und Knoten, sie fließen in Ströme oder verästeln sich in Rinnsale, die selbst vertrock­nen können, sie bilden Brücken und Tunnel aus, kurz: sie formen sich zu einem Labyrinth. Einem solchen Labyrinth versuchte Foucault anhand des Werkes von Roussel nachzuge­hen.

Jedenfalls insistiert Foucault auf diesen Bereich, auf diese Differenz in der Wiederho­lung, die den Reichtum der Sprache, der in der Armut begründet liegt, Begriffe und Be­deutung nicht in Kongruenz bringen zu können, auf die inhaltliche Differenz in der forma­len Bedeutung. Aus dieser Konstellation erwächst der Raum für die Mehrdeutigkeit, der wieder­um Voraussetzung für Eindeutigkeit oder wenigstens Deutlichkeit sein kann. „Aus diesem Raum der Verschiebung“, wie Foucault sagt, „erwachsen alle rhetorischen Figuren“ (22) und mit ihnen die Vielfalt des Sinns. Freilich ist dies ein allgemeiner Befund, und es käme immer darauf an, die subjektive Spezifik, die Kraft der Nutzbarmachung, die man Sprachmacht nennt, aufzuzeigen. Keinesfalls öffnet sich dieser „tropologische Raum“ nur in der künst­lerischen oder kunstvollen Sprache, sondern er ist, wenn auch durch eine kumulative Bereicherung durch die Kunst, seit altersher in der Sprache vorfindlich. Alle diese rhetori­schen Figuren11 sind, mehr oder weniger, im all­täglichen Gebrauch. Nicht ihre bloße Anwendung läßt den Künstler erkennen, sondern ihre gelungene, ihre kunstvolle Anwendung, in der Regel jene, die „heimlich zwei Dinge“ – wenn nicht sogar mehrere – „mit den selben Worten sagen“ (23).

Das geschieht in der eponymen Aussage, im eponymen Satz, der das Gegenteil der Synonymie verkörpert und ist besonders dann gelungen, wenn die Differenz in der Wiederholung an diese schon fast nicht mehr glauben läßt. Was dabei wiederholt wird, muß nicht vom Sprechenden selbst präsentiert werden, sondern liegt in der Regel im Sprachschatz verborgen, versteckt sich in den Sprachkonventionen. Satz A, der anonyme Satz, ist immer schon da, auch wenn er nicht hier ist, und kann erst dann zur Voraussetzung für den eponymen Satz a sein, wenn er vom synonymen Satz A‘ differiert und wenn er präsentiert wird. Dies ist die Aufgabe des Künstlers: die Präsentation und ihre Form. Der eponyme Satz kann an sich und in sich mehrdeutig sein. Er kann seine Mehrdeutigkeit aus sich selbst heraus entfalten, er kann aber auch als synonymer Satz durch seine Stellung und seine Funktion im Sinnzusammen­hang zum eponymen Satz mutieren, ja er kann sogar vom Künstler und/oder Rezipienten erst zu einem solchen gemacht werden. Der Sinnzusam­menhang wiederum kann die erstaun­lich­sten Ausdehnungen erfahren, die von der „Dauer“ des Graphems/Phonems/Lexems/Semems über die einer Biographie oder eines Diskurses bis hin (theoretisch) zur gesamten Schrift­lichkeit und Überlieferung reichen kann. Das mag nicht immer sinnvoll sein, ist wohl aber möglich. Foucault bietet zur Ver­bildlichung die Metapher einer Rosette an, deren Kreise nicht identisch, wenngleich ähn­lich sind, die sich überschnei­den (27). Man könnte es auch als transversale Bewegung beschreiben, die alle Sinn­dimen­sionen und -zeiten durch­eilen kann.

Bevor die andere Seite des Verhältnisses betrachtet werden kann, ist noch eine wesentli­che Präzisierung vonnöten, denn wenn es bislang den Anschein haben konnte, daß es gerade die sprachlichen Einheiten seien, die jene soeben beschriebenen Möglichkeiten eröffneten, so ist doch gerade das Gegenteil der Fall. Die sprachliche Einheit selbst ist nichts ohne das, was sie nicht ist, ohne ihr Vorgängiges und Nachfolgendes, ohne das letztlich, wel­ches sie erst zur Einheit konstituiert: das Nichtsprachliche, das Nichtgesagte, die Lücke, das Schwei­gen. Das Nicht­sprach­liche ist nicht mit dem Nichtsprechenden zu verwechseln; die Lücke etwa verspricht oft viel ohne zu sprechen, vor allem ist sie selbst keine Sprache, sondern deren Bedingung.

Die sprachliche Einheit selbst ist totalitär, denn indem sie spricht, ver­hindert sie Sprechen gerade dann, wenn man über Sprache spricht. Man könnte das den blinden Fleck, den toten Win­kel der Spra­che nennen. Man kann Sprache immer nur sprechen und nie zum Thema machen, anderer­seits läßt sie sich nicht anders als sprachlich thematisieren. Dies beschreibt eine grundsätz­liche Aporie der Sprache: daß wir mit Hilfe der Sprache sprechen, verunmög­licht das Spre­chen über die Sprache (mit deren Hilfe wir gerade spre­chen), daß wir in der Sprache sind, verunmöglicht den Blick auf die Sprache (in der wir sind). Als Sprachspur ist sie Garant für die Abwesen­heit des Trägers. Spuren sind nur lesbar, wenn ihr Pendant abwesend ist, ja sie sind sogar erst dann Spuren12. Wo etwas oder je­mand spricht, ist nichts, kein Et­was und kein Je­mand. Ande­rer­seits war dort etwas oder jemand. Etwas oder Je­mand ist in der Lücke verschwun­den, vom Schwei­gen ver­schluckt, weswe­gen es über­haupt nur spre­chen kann. In diesem Zwi­schen­raum werden die Rich­tungska­priolen geschla­gen, hier wuchert der Sinn so üppig, daß er nie wird ausge­schöpft werden können. „Was zählt, ist der in den Zwi­schenräumen der Spra­che herr­schen­de Anteil des Zufäl­ligen, die Art und Weise, in der es dort, wo es herrscht, entzo­gen, am Ort seiner dunklen Niederlage aber gerühmt wird“ (47). Die Lücke ist das Einge­ständnis des Man­gels, der Mangel (an Tat­sächlichkeit) die Bedin­gung des Reichtums. Der Reich­tum ist eine der Möglichkeiten. „Wenn die Spra­che eben­so reich wäre wie das Sein, wäre sie das unnütze und stumme Double der Dinge; es gäbe sie nicht“ (189).

Dies wiederum gilt nur für eine hypothetische Absolutheit. Wenn diese nicht gegeben ist – und wie wir gerade gesehen haben, kann sie nicht gegeben sein, allein weil wir sprechen -, dann kann selbst dieser Reichtum die entscheidenden Differenzen beinhalten: durch eine Verarmung asketischen Typus. Das ist dann der Fall, wenn Sprache Sein ist oder viel­mehr, sein soll, dann also, wenn das Wort beim Wort genommen wird: eine lang bekannte Pra­xis, die Außenseiterliteraturen – Komik, Satiren, Nonsens – immer schon prägte. Man denke an Carroll, Rabelais, an bestimmte Märchen, an Schweijk usw., vor allem aber an Till Eulenspiegel, dessen Streiche nahezu alle mit dieser Möglichkeit spielen und die gerade daraus ihre Boshaftigkeit erlangen, denn gesetzt den Fall, man wolle diese von ihm gna­denlos ausgenutzten Paradoxa und Unreinheiten der Sprache beseitigen, dann wäre sie in der Tat dazu verurteilt, das Sein zu doubeln; sie wäre mithin verunmöglicht, wenigstens aber stark technisiert und ausgedehnt. Hier kommt es einmal mehr auf den sinnvollen Gebrauch an. Die Folge einer Verabsolutierung der terroristischen Eulenspiegel-Logik der Spra­che – die er freilich nie anstrebte, sondern immer nur unter dem sozialen Nutz­aspekt ge­brauchte – wäre eine totalitäre Sprach-Logik. Oder eine Sprachnaivität und -äußer­lichkeit, wie sie Kin­dern mit­unter eigen ist und wie sie Sartre themati­siert und diagno­sti­ziert, so­wohl bei sich selbst13 als auch bei Flaubert. Er hält die „verbale Materiali­tät“, die sich in der „Ver­wechslung von Zeichen und Bedeutung“ manifestiert, zum einen für den Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zum anderen, zum weiteren für ein Emp­finden der Inkom­mensura­bilität von Leben und Worten, Empfindung und Sprache, die mithin, trotz ihres traumati­schen Charakters, Bedingung werden, das zukünftige Schreiben als Weltent­wurf, den Übergang vom Idioten zum Genie erst zu ermöglichen.14 Es handelt sich folg­lich um eine durchaus ambivalente Erfahrung.

Es bedarf immer einer gewissen Gewalt, um Sprache derart zu instrumentalisieren, denn die Sprache besitzt a priori eine Mehrdeutigkeit auf allen Ebenen. Schon ein einziges Wort vermag in den verschiedensten Abhängigkeiten (Kontext, Zeit, Ort, Sender, Empfän­ger) die schillerndsten Bedeutungen annehmen, so daß es in der Regel die Potenz hat, mehr zu sagen, als es bedeutet bzw. mehr zu bedeuten, als damit gesagt werden soll. Um so mehr ist dies bei Sätzen oder gar Büchern der Fall. Schon daher ist eine Interpretation, gelin­de gesagt, stets ein schwieriges Unterfangen. Wir wollen mit unseren Wörtern immer mehr sagen, als sie sagen, und sie sagen andererseits mehr, als wir wollen. Das liegt in dem ei­genartigen Paradox begründet, daß es nicht nur mehr Sein als Sprache gibt, wie zu sehen war, sondern ebenso mehr Sprache als Sein. Darauf hat, wie Deleuze mit­teilte, insbe­sondere der Struktura­lismus hingewiesen: „Zwei gegebene Serien, eine Signifi­kanten-Serie und eine Signifikats-Serie, die eine weist einen Überschuß, die andere ein Fehlen auf, wo­durch sie sich in ewigem Ungleichgewicht, in ständiger Verschiebung auf­einander bezie­hen.“15, aber das Grund­sätzliche des Verhältnisses gehört zu den jahrhun­derte­al­ten Themen von Literatur und Literaturreflexion, verkörpert in der Ambiva­lenz von Sprachskeptizismus und der Verdamm­nis, nichts anderes als Sprache zur Ver­fügung zu haben, um sich auszudrücken, letztlich der Sprache vertrauen zu müssen. Kurz, der Mensch als der Herrscher im Reich der Sprache, als ihr Dompteur wird zugleich von ihr beherrscht und dressiert.

Um eine Erscheinung, ein Ereignis, ein Ding, einen Sachverhalt, ein Gefühl beschrei­ben zu können, stehen unzählige Varianten zur Verfügung. Das beginnt schon bei der Sprach­wahl, und ganz gleich, welcher Sprache man sich bedient, keine Beschreibung wird und kann der anderen gleichen. Besagter Eskimo wird das Phänomen Schnee ganz anders charakterisieren, ganz anders wahrnehmen als ein New Yorker Stadtneurotiker oder ein südti­roler Skilehrer. Die ungarische Sprache etwa enthält noch heute grammatikalisch verankertes Reiter- und Nomadendenken, betont Geschwindigkeiten und Distanzen ganz anders als andere europäische Sprachen usw.

Hier gilt, was Wittgenstein feststellte, daß die Sprache die Grenzen unseres Seins bestimmt.

Aber auch innerhalb einer Sprache existieren unerschöpfliche Möglich­keiten, etwa die der Wahl des Diskurses – die natürlich keine oder eine erzwungene ist – und der damit ver­bun­de­nen Dis­kurs­spra­che. Für den Physiker stellt sich das (diskursive) Phä­no­men anders dar als für den Künstler, für den Kran­ken anders als für den Gesunden, für eine Frau anders als für einen Mann, eine Alte wird etwas ande­res darin sehen als ein Kind, kurz: ich neh­me etwas anderes wahr als du, ja selbst für mich ändern sich die Rela­tionen. Jede daraus erwachsen­de sprachliche Äuße­rung betrifft dieses eine Phänomen, jede wie­derholt sprach­lich dieses eine Stück Sein, und doch differieren sie alle von­ein­ander. Ja, selbst die gleiche Äußerung von zwei Personen am sel­ben Ort, zur selben Zeit oder von einer Person zu verschiedenen Zeiten sind nie die glei­chen. Und doch: das Sein wird nie getrof­fen werden! „Es gibt immer ein Übermaß an Signifi­kantem“16, heißt auch, daß es mehr Be­zeich­nungsmög­lichkeiten gibt als zu Bezeich­nen­des.

Aus diesem grundlegenden Paradox der Sprache, daß es einerseits mehr Sein als Sprache, zugleich mehr Sprache als Sein gibt, erwächst die gesamte Palette sprachlicher Möglich­keiten und die Möglichkeit der Sprache. Dies ist zugleich der Nährboden der Logik des Sinns, die, aus jenem grundsätzlichen Paradox erwachsen, nicht anders als paradox sein kann.

In dieser hypersensiblen Zone, in der Sprache und Sein aufeinanderprallen, sollten die Kunst und die Liebe (zur Weisheit) anzutreffen sein – sind sie es nicht, haben sie stattdessen ausschließlich klare moralpolitische Botschaften, weisen sie auf ihre Obsoleszenz, ihre eigene Verfehlung, ihren Fehlwuchs auf vergiftetem Nährboden hin.

1 Vgl. Martin Heidegger: Feldweg-Gespräche. in: GA 77, S. 100f.
2 Umberto Eco: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München 1994, S. 185f. 
3 Im Übrigen gibt es auch andere Formen des Versuchs, der Übermacht der Wirklichkeit gerecht zu werden, nicht­sprachliche Formen, wie etwa die Malerei, die Musik, die Architektur. Insofern diese letztlich sprachlich referiert werden, sind sie hier von Interesse.
4 Vgl. Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt 1999, S. 150 ff.
5 Vgl. Baudrillard: Das System der Dinge
6 Gilles Deleuze: Unterhandlungen 1972 – 1990. Frankfurt 1993, S. 198. vgl. auch: Was ist Philosophie? Frankfurt 1996, S. 9
7 Michel Foucault: Raymond Roussel. Frankfurt 1989. S. 20
8 Auch hier gibt es eine gewisse Relativität, etwa wenn Inuit mehr als ein Dutzend Begriffe haben für das, was wir „Schnee“ nennen und vielleicht noch als Skifahrer in Pulver- und Pappschnee differenzieren können.
9 Sigmund Freud: Traumdeutung. in: GW 2, S. 411
10 Raymond Roussel wählte Foucault deswegen, weil bei diesem jener feine Riß so weit ausgedehnt wurde, daß die Differenz eines Wortes ein ganzes Buch zu füllen vermochte. Gerade darum, um die größtmögliche Ausweitung geht es, darum, „diese Leere maximal zu vergrößern, sie solchermaßen bestimmbar und vermessbar zu machen und sie sogleich durch eine ganze Maschinerie, durch eine Fantasmagorie auszufüllen, die die Differenzen mit der Wiederholung verbindet und sie in diese aufnimmt“ (Deleuze: Lust und Begehren, S. 43), es geht also letztlich darum, diese Leere aufzufüllen, die Armut in einen Reichtum, die Abwesenheit in eine Fülle zu verwandeln.
11 Foucault nennt Katachrese, Metonymie, Metalepsis, Synek­do­che, Antonoma­sie, Litotes, Metapher, Hypallage; vor allem die Ironie, die Onomato­pöie, die Allegorie, die Personifikation und die Periphrase wären zu ergänzen.
12 „Aber genau das ist die Logik der Spuren, durch etwas vorausgesetzt zu sein, das nicht da ist. … Jedes Reden über etwas ist zugleich die Verhinderung, daß es selbst spricht“ (Kurt Röttgers: Spuren der Macht. Begriffsgeschichte und Systematik. Freiburg/München 1990, S. 42).
13 Vgl. Sartre: Die Wörter. Berlin 1988, S. 184 oder: Schwarze und weiße Literatur. Aufsätze zur Literatur 1946 – 1960. Reinbek 1986, S. 94ff. u.a.
14 Sartre: Der Idiot der Familie. Reinbek 1986, S. 11-61
15 Gilles Deleuze: Logik des Sinns. Frankfurt 1993, S. 71
16 Ebda. S. 71

siehe auch: Die Geschichte der Zukunft

2 Gedanken zu “Sprache und Sein – produktives Paradox

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Einige Gedanken zu dem nicht ganz kurzen Aufsatz. Ich gestehe gleich ein, dass ich nur in Guerilla-Taktik operiere, weil für mich darin zu viele undefinierte oder Allgemeinbegriffe gebraucht werden. (Frühestens immer erst nach drei verstandenen Exempeln einen Oberbegriff bilden!) Es fällt wohl leicht, Schluss- oder Plausibilisierungskette zu bilden, wenn assoziativ entlang solcher Vagheiten konstruiert wird. Ein klassisches Beispiel bei Büchner: „Denn wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein Schuft, also, wer arbeitet, ist ein Schuft.“

    Es gibt mehrere Millionen Arten auf der Welt, trotzdem haben die Biologen bei ihrer Benennung keinerlei prinzipielle Probleme. Die Unangemessenheit oder Untauglichkeit einer sprachlichen Beschreibung von Wirklichkeitsbereichen kann seine Ursache auch in einer dafür untauglichen Sprache haben. Das Benennungssystem der Biologen ist ein Baukastensystem, dessen Elemente auch ohne jeden konnotativen Mehrwert taugen. Mit Komponierbarkeit sprachlicher Bausteine erreicht man eine starke Komplexitätsreduktion, während ein System eigentümlicher Benennungen irgendwann scheitert. Die Bausteine müssen sich dazu aneinander fügen lassen. Das wird dann nicht gerade eine dichterische Sprache. Ich habe aber den Eindruck, Sie bemängeln gerade die fehlende anthropologisch-konnotative Fracht, das fehlen anrührender, zum Herzen sprechender, vielleicht „identitärer“ Obertöne. Das könnte der falsche Weg sein.

    Die reichhaltigsten Vokabulare haben Wissenschaften und auch Technik. Es scheint mir, dass die Unübersichtlichkeit der nicht vom Menschen geformten Welt hinter jener der Artefakte nicht zurücksteht. Zumal man ja auch etwas in hohem Maße schon verstanden haben muss, um dann überhaupt erst ein technisches Artefakt erstellen oder einen Prozess betreiben zu können. Die Apperzeptionsanforderungen der Welt sind also viel umfangreicher als die der Menschenwerke.

    Ich nehme an, die individuelle Wahrnehmung hat eine recht beschränkte Kanalkapazität, es gibt da wohl biologische Filter.

    Den sprachlichen Nachbau der wuchernden anthropogenen Phänomene dürfte wohl am meisten die geringe Geschwindigkeit behindern, mit der sprachliche Zeichen konventionalisiert werden. Allerdings haben die Massenmedien hier auch zu einer Beschleunigung geführt. Wie lange brauchte es doch einst, bis Gottes-Phantastereien eine feste Definition bekamen, und wie schnell können die Massenmedien heute den beflissenen Nachplapperern Sprachkonventionen aufprägen!

    Ihre Klage über die sprachliche Armut scheint so etwas wie die Enttäuschung über die Entzauberung der Welt auszudrücken. In das Bedauern der letzten zumindest mag ich nicht einstimmen. Ich sehe das anders: immer mehr zu wissen ist wünschenswert, und wenn dann von relativ immer weniger davon eine Saite in unserem Herzen angeschlagen wird, was tut’s! Mancher sieht das sicher anders.

    Ich habe noch die Klage einer Freundin im Ohr, dass viele aus der Alltagssprache übernommene mathematische Begriffe (in der Algebra etwa: Verknüpfung, Gruppe, Ring, Körper usw.) von dieser her einen Bezug auf die Erfahrungswelt in sich trügen, auf den man sich dann nicht verlassen könne, um zu gültigen Schlüssen zu kommen. Von den üblichen Beweisen wiederum habe sie nie etwas gehabt, weil sie die bewiesenen Sätze nach diesen regelmäßig weniger als vorher verstanden habe. Meistens sähe man es ja einem unmittelbar Satz an, ob er gültig sei. Der Anspruch einer Philologin, überall hermeneutisch vorgehen zu können …

    Vor der bilderreichen Rive-gauche-Sprache, die vielleicht vom selben Anspruch angetrieben wurde, halte ich besser inne.

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    • Das sehe ich alles ganz unemotional – weder Sehnsucht, noch Bedauern. Lediglich sich bewußt machen, daß wir diese Doppelschere Sprache-Sein-Sprache nie schließen werden können. Das sind wunderlicherweise relativ späte Erkenntnisse, die aus dem Nonsens geboren (Carroll) über die Sprachkritik (Mauthner und seine Logokratie), den Strukturalismus in den Poststrukturalismus (Derrida und sein Logozentrismus aber eben auch Foucault/Deleuze) und damit ins akademisch-offene Bewußtsein eingedrungen sind. In der Sache wesentlich, in der Form variabel. (Der Büchner ist nicht ganz fair.)

      Trotzdem sehe ich die „Entzauberung“ problematisch ebenso wie den Satz „Immer mehr zu wissen ist wünschenswert“. Daran würde ich die Mengenausrichtung einerseits hinterfragen, andererseits zuerst wissen wollen, was „Wissen“ hier bedeutet. Sie scheinen aus den Natur- oder Ingenieurswissenschaften zu kommen und dort meint man eine Massierung des technischen Wissens könne existentielle Probleme lösen. So viel halte ich nicht von menschlicher Intelligenz und ein Blick aus dem Fenster scheint mich zu bestätigen. Wir sind prinzipiell überfordert in der Weltkonfrontation, allein schon aus jener apriorischen Doppelschere heraus. Andererseits ist die Sprache unsere einzige Chance.

      Ich orientiere mich da bis auf weiteres an Heidegger – noch habe ich nichts wesentlicheres kennengelernt – und halte Buddha für wissender als Einstein oder Hawking …

      Das ist die Sprache, in die ich als Studierender – hier ist die Verlaufsform berechtigt – hineingeworfen wurde. Ich nutze diese Sprachspiele auch aus taktischen Gründen der Nichtfeststellbarkeit und um voreiligen Etikettierungen zu entgehen. Sie haben trotz seriösen Inhalts auch selbst-karikativen und -karitativen Charakter. Karitativ indem sie helfen, einen gegangenen Weg sichtbar zu machen, aber auch als Gesprächsangebot auf ganz anderer Wellenlänge. Man spürt in der Tat, daß diese Sprache, für die man vor 30 Jahren bejubelt wurde, nicht mehr ganz stimmig ist.

      PS: Übrigens tun sich im Ungarischen einige ganz spannende Sprachschneisen auf. Die ungarische Sprache denkt Distanzen, Geschwindigkeiten und Verhältnisse anders als die „europäischen“ Sprachen und hat auch ein eigenartiges Verhältnis zum „haben“. Foucault hätte Ungarisch lernen sollen – es wäre ein anderes Buch herausgekommen.

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