Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Heute, am 26.6., wird Peter Sloterdijk 70 Jahre alt. Ich halte ihn – man entschuldige die Wiederholung – für den bedeutendsten und schillerndsten Denker unserer Zeit. Wie gestern stehen mir die Feierlichkeiten zum 65. noch in Erinnerung – damals hoffte er, noch 13 Jahre leben und arbeiten zu können.

Würdigungen und Zusammenfassungen wird es vermutlich viele geben (die zweifelhaften und vergifteten werden vermutlich überwiegen, denn Sloterdijk ist weder in Academia noch im Reich des Feuilletons je geliebt worden). Dem eine hinzuzufügen, erscheint überflüssig. Anstelle werde ich in den nächsten Tagen einige Bücher über und von Sloterdijk vorstellen.

Beginn der „Sloterdijk-Woche“ soll ein Brief sein, den ich ihm vor ziemlich genau 20 Jahren, in einiger (hoffentlich verzeihbaren) Hybris und noch jugendlicher Euphorie, geschrieben hatte. Damals war mein erstes Buch, noch unpubliziert, gerade fertig geworden. Es hatte zwei Denkern besonders viel zu danken: Gilles Deleuze und Peter Sloterdijk. Ein zentrales Kapitel über den Kynismus wäre ohne die multiplen Anregungen aus der „Kritik der zynischen Vernunft“ gar nicht denkbar gewesen. Daher schien es mir passend, das 600-Seiten-Manuskript an Sloterdijk zu senden. Der Brief, der selbstverständlich unbeantwortet blieb, deutet die Bedeutung dieses Mannes für mein geistiges Leben damals an. Daran hat sich nichts geändert, im Gegenteil, seither sind eine ganze Reihe weiterer wesentlicher Arbeiten aus seiner Feder erschienen.

Sehr geehrter Peter Sloterdijk,

Ihnen die vorliegende Arbeit zukommen zu lassen, dazu bedurfte es einiger Überredungskünste mir nahestehender Menschen, die mich davon überzeugten, daß es zumindest nicht schaden könne. Es ist letztlich ein Dankesabtrag, den ich Ihnen, Ihrem Werk abzuleisten habe. Es wäre mir eine große Freude, wenn Sie dieses kleine Präsent annähmen.

Warum ich nun gerade Sie damit behellige? Aus mehreren Gründen, wovon drei genannt sein mögen. Es gibt, wie ich meine, wie ich erfahren habe, existentielle Lektüren – selten, aber es gibt sie – und bei mir sind das, vielleicht neben Marx und Nietzsche, Feyerabend, Deleuze und Bahro, vor allem einige Ihrer Bücher. Das sind Lektüren, die direkt und unvermittelt in mein ganz privates Leben eingegriffen haben, die dieses veränderten, die mir sagten: „So, wie bisher, kannst und solltest du nicht weiterleben, nicht denken und noch weniger weiterarbeiten”. Aber darüber hinaus wäre gerade dieser Text, der Ihnen nun vorliegt, ohne die Ihrigen gar nicht möglich gewesen, auch aus ganz pragmatischen, thematischen, stilistischen Gründen. Schließlich, um den dritten Grund zu nennen, könnte ich mir kaum einen geeigneteren Leser vorstellen und wünschen.

In universitären Bereichen hat die Arbeit unerwartetes Lob eingeheimst, und doch wurden die unzureichende Ordnung und Systematik immer wieder bemängelt, die Inkonsistenz, die fehlende Strenge, die Unübersichtlichkeit und dergleichen. Genau das aber will sie sein: unsystematisch, unordentlich, inkonsistent, unübersichtlich, labyrinthisch, rhizomatisch, kurz: kein Buch. Und um das akzeptieren, bejahen, um auch von thematischen Voreingenommenheiten abstrahieren zu können, bräuchte man, so dachte ich, einen Leser, wie es Sloterdijk wohl ist.

Es ist letztlich dieses Gefühl der Nähe, dieses Sich-Heimisch-Fühlen in Ihrem Denken, das mich dazu treibt, meinen Dank in dieser Form auszudrücken. Ich fühle mich dabei wahrlich nicht gut, denn es kommt mir anmaßend vor und widerspricht auch meiner immer wiederholbaren Wahrnehmung, selbst die Klappe halten zu sollen, zuzuhören, wenn Sloterdijk spricht.

Wichtig ist mir andererseits, Ihnen bekannt zu machen, daß Ihre Saat, d.h. das, was ich dafür halte, auch solche Blüten treibt, unabhängig davon, ob das tatsächlich in Ihrem Sinne ist oder nicht. Die Arbeit ist im übrigen vollkommen autark, ohne äußeren Einfluß, leider auch ohne „Kontrolleser” geschrieben worden, was eventuell auftretende Ungenauigkeiten oder gar Fehler zwar nicht entschuldigt, aber vielleicht erklärlich macht, und nun, nachdem sie ein gutes Jahr abgelegen hat, ist sie mir fremd genug, um sie vorlegen zu können. Sie ist als subkultureller Beitrag gedacht und ist um des Philosophierens willen –  dem Gegenteil von Philosophie – entstanden.

Es grüßt Sie herzlichst usw.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Sehr geehrter Peter Sloterdijk

  1. Fragezeichen? schreibt:

    In diesem Brief eines jungen Menschen ist keine Hybris zu erkennen. Der Brief ist freundlich, respektvoll und schön geschrieben. Weshalb blieb er “selbstverständlich unbeantwortet“? Ein junger Mensch hätte damals kritischen und zugleich ermunternden Zuspruch gebraucht, Hilfe vielleicht auch. Der Philosoph Sloterdijk war nicht für einen Menschen da. Christus hätte geantwortet, Sloterdijk nicht.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s