Sloterdijk, ohne zu lachen

„Daher sage ich, wir leben nicht so sehr in einer Umwälzung als in einer Ausfaltung. In meinem Sphärenbuch habe ich sogar den Vorschlag gemacht, den Begriff Revolution fallenzulassen und ihn durch Explikation zu ersetzen.“ (Sloterdijk: Ausgewählte Übertreibungen)

Schon Mitte der 80er Jahre, also lange bevor Sloterdijk zum deutschen Interview-Orakel wurde, das auf alles eine Antwort haben soll und offensichtlich auch eine hat, schon damals notierte Otto Kallscheuer in sein Tagebuch: „sturzbesoffen und zugleich überwach, bin ich mit Freunden seit drei Stunden im Gespräch mit Peter Sloterdijk. Ich habe ihn eben erst auf dieser Fete kennengelernt und bin begeistert. Wir reden über Gott und die Welt, vom Bumsen bis zur Negativen Dialektik; endlich einer, der etwas von Philosophie versteht und vom Leben …“[1] Kallscheuer traf den Nagel auf den Kopf und trifft ihn noch immer und wenn es eines Beweises noch bedurft hätte – hier ist er: „Ausgewählte Übertreibungen“!

Dreißig von geschätzten 300 in den Jahren 1993 – 2012 gegebenen Interviews finden auf fast 500 Seiten Platz und sie sollen das breite Spektrum des Sloterdijkschen Denkens repräsentieren. Es sind Leichtgewichte darunter, mit hohem Unterhaltungswert, aber auch hochanspruchsvolle philosophische Vertiefungen. Dort, wo sich Sloterdijk mit Gleichgesinnten auf Augenhöhe unterhält – das sind die langen Gespräche mit Thomas Macho und Ulrich Raulff – wird man Zeuge symphilosophischer Großereignisse. Das Paradestück dieser performativen Kunst bilden übrigens die beiden als Bücher veröffentlichte Großinterviews „Die Sonne und der Tod“ (2001) und „Selbstversuch“ (1996) dar.

Dort wird direkt philosophisches Neuland rekognosziert und gesichert. Werkkenntnis und Bekanntschaft mit der Geschichte der Philosophie ist da Voraussetzung, um in den vollen Genuß zu kommen. Ansonsten mag diese Sammlung durchaus auch als Einführung hilfreich sein, denn es werden die wesentlichen Vokabeln des Werkes durchbuchstabiert. Die „Kritik der zynischen Vernunft“, „Schäume“, „Zorn und Zeit“ und „Du mußt dein Leben ändern“ stehen besonders im werkhistorischen Mittelpunkt. Mancher bislang noch dunkle Gedanke wurde mir dabei erhellt.

Aber den wirklichen Wert macht das Überraschungspotential aus. Sloterdijks Vermögen, Dinge und Zusammenhänge von einem ganz anderen Gesichtspunkt zu betrachten, schafft immer wieder wunderbare Aha-Erlebnisse und wenn man glaubt, man habe das Ganze nun begriffen, dann kommt eine neue Gedankenpirouette, dann wird ein neuer Haken geschlagen.

Die vielfältigsten Themen, vom Wetter bis zu Heidegger, von Babylon bis in die ferne Zukunft (man kann an dieser Stelle noch nicht mal einen Bruchteil der angesprochenen Themen erwähnen; pure Fülle!) werden besprochen und überall – das ist fast gespenstisch – brilliert Sloterdijk nicht nur durch Wissen und Kenntnis, sondern denkt die Dinge überraschend weiter. Daß sich dies auf einem Sprachniveau bewegt, das man nur „künstlerisch“ oder „literarisch“ nennen kann, verblüfft den Kenner nicht mehr, aber ich weiß auch, daß es viele Menschen gibt, die darauf mit Ressentiment, mit Abneigung ja sogar Haß reagieren, wo andere innerlich feiern. Hier gilt der alte Satz: tolle et lege. Et ride.

Am meisten aber beeindruckt der Witz! Was Deleuze einst über Nietzsche sagte, gilt eins zu eins für Sloterdijk: „Wer Nietzsche liest, ohne zu lachen, ohne viel zu lachen, ohne oft und manchmal wie verrückt zu lachen, für den ist es, als ob er Nietzsche nicht läse.“

Peter Sloterdijk: Ausgewählte Übertreibungen. Gespräche und Interviews 1993-2012. Berlin 2013. 476 Seiten

[1] Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“. Berlin 1987

Peter Sloterdijk zum 70. Geburtstag – siehe auch:

Makabres Paradox

Sloterdijks Kunst des Philosophierens

Sehr geehrter Peter Sloterdijk

Zur Sloterdijk-Debatte

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