Haddsch

 „So before I was nine I had learned the basic canon of Arab life. It was me against my brother; me and my brother against our father; my family against my cousins and the clan; the clan against the tribe; and the tribe against the world. And all of us against the infidel.“ (Leon Uris: Haj)

Vor einiger Zeit gab es wieder eine dieser sich selbst in den Schwanz beißenden Jubelschlangen. Demnach seien 89% der Araber gegen den IS. Macht im Umkehrschluß 40 Millionen Sympathisanten …

Wer sind diese Menschen, die in Massen aus Syrien, Irak, Afghanistan und dem Maghreb seit kurzem unsere Straßen beleben? Die arabische Seele zu ergründen, hatte sich der amerikanisch-jüdische Autor Leon Uris schon vor Jahrzehnten vorgenommen. „Exodus“ wurde ein gigantischer Welterfolg, noch interessanter in dieser Hinsicht ist freilich sein spätes Werk „Haddsch“. Hauptanliegen dieses großangelegten historischen Romans ist neben der Durchleuchtung des israelisch-arabischen Konflikts in seiner geschichtlichen Entstehung die Suche nach dem Verständnis der Tradition, der Denk-, Fühl- und Seinsweise der arabischen Menschen, insbesondere die palästinensischen und beduinischen muslimischen Araber.

Durch politische Gegnerschaft, aber persönliche Freundschaft sind der Jude Gideon Asch, ein Pionier der Kibbuz-Bewegung, und der Muktar Hadschi Ibrahim, schicksalhaft aneinander gebunden. Ihr jeweiliger Lebensweg wird verfolgt und nebenbei die gesamte Geschichte der Region, vom Sykes-Picot-Abkommen 1916 über die jüdische Besiedlung, den 2. Weltkrieg, die Gründung Israels, die Vertreibung der Araber bis in die 50er Jahre hinein. Der Stoff ist hyperkomplex und verlangte nach einem schriftstellerischen Genie, um auch künstlerisch bewältigt zu werden. Das ist Uris nicht, weshalb der Roman zahlreiche Schwächen aufweist, als Informationsquelle taugt er in weiten Passagen trotzdem. Wer also die historischen Fäden dieses epischen Konfliktes ausrollen will, findet hier einiges.

Empfehlen möchte ich das Buch vor allem wegen seiner gruppenpsychologischen Analysen und zugleich davor warnen. Denn Objektivität darf man von einem Zionisten vermutlich nicht erwarten. Trotzdem: auch wenn der Blick in die arabische Seele voreingenommen und in seinen Urteilen auch bösartig ist, so läßt er den Leser doch nicht im Dunkeln darüber, was diese Seele quält. Beim tief verwurzelten Antisemitismus angefangen, über die islamische Primitivgläubigkeit inklusive der Lernverweigerung im geschlossenen System und der Ein-Buch-Kultur, aus der sich ein Werte- oder Unwerteset speist, bis hin zur massiven sexuellen Unterdrückung und den zahlreichen Sexualnöten, die für Mann und Frau und Pubertierende systematisch und zwangsweise geschaffen werden, der damit verbundenen Minderwertigkeit der Frau, dem strengen Patriarchalismus, und nicht zu vergessen das Stammes- und Clandenken, das permanente Lavieren, Koalieren, Alliieren und wieder Separieren und Sezessionieren nach pragmatischer, aktueller und individueller Nutzeneinschätzung. Es wird ein undurchdringliches Netz aus Familienbanden, Ehen, Verwandtschaften, Erbschaften gestrickt, aus Interessen, Konflikten, Freund- und Feindschaften, Abhängigkeiten, Hierarchien, aus Bündnissen und Racheverbänden, Gelassenheit und Reizbarkeit, aus Männlichkeitskult …

In dieser plakativen Deutlichkeit könnte man das heutzutage gar nicht mehr sagen – Uris stünde vermutlich auf dem Index der PC-Inquisition …

Vorgeschlagen wird nichtsdestotrotz eine Erklärung, weshalb es arabischen Staaten wesensmäßig schwer fallen muß, eine nach westlichem Maßstab freie, fortschrittliche und offene Gesellschaft zu schaffen. Immerhin konnte Uris Mitte der 80er noch recht unbedarft einfach ausplaudern, was man sich heute mühsam wieder erarbeiten muß: die Idiosynkrasien des Islamismus.

Wie gesagt, wir sprechen hier von historischen Personen; man darf nicht den Fehler begehen, diese mit modernen Menschen im Allgemeinen oder konkreten Personen im Besonderen zu verwechseln. Seither ist ein halbes Jahrhundert vergangen und wenn es diesen idealtypischen Charakter überhaupt noch geben sollte, dann dürfte man ihn am ehesten in den vergessenen Tälern des (freilich paschtunischen) Hindukusch oder bei den letzten Nomaden der Wüste vermuten.

Der Grundkern des arabischen Seins, der viele erfolgreiche Jahrhunderte aufzuweisen hat, dürfte trotzdem recht gut getroffen sein. Man hätte sich freilich weniger quasi-polemische Wertung gewünscht, denn es geht hier nicht um besser oder schlechter, sondern um eine wesenhafte Differenz, ein Anderssein, das es anzuerkennen gilt, wenn ein friedliches Zusammenleben möglich sein soll.

Leon Uris: Hadji. 2 Bind. Grafisk Forlag. København 1984
Leon Uris: Haddsch. Verschiedene Ausgaben ab 1984, ca. 600 Seiten
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