Ungarische Rock-Kultur

Seit fünf Jahren höre ich nun fast nur noch ungarische Musik, in erster Linie Rockmusik. Auch dort hauptsächlich die Klassiker, also jene Gruppen, die vornehmlich in den 70er oder 80er Jahren ihren Kultstatus begründeten. Es gab – der DDR vergleichbar – im Sozialismus eine vielfältige Musikszene, sehr ausdifferenziert und oft mit den künstlerischen Mitteln subtil und subversiv arbeitend. Das  geht vom Schlager über den Rock und Hard Rock bis hin zum Heavy Metal. Nur sehr wenig davon drang zu uns – Omega etwa –, aber heute weiß ich, daß die ungarische Szene qualitativ noch besser war als die ostdeutsche. Vor allem die Zahl der gut ausgebildeten Musiker scheint mir hier höher zu sein, allein das Angebot an herausragenden Sängern ist phänomenal.

Auf meinem MP3-Player befinden sich circa 125 Platten, die ich immer wieder aufs Neue höre, beim Sport, wenn ich unterwegs bin, auf dem Rad etc. Anfänglich ging es um die Sprache – da ist der Lerneffekt leider eher gering – und natürlich um das Verständnis von Land und Leuten. Heute ist es mir Bedürfnis.

In Zukunft werde ich hin und wieder einen Titel herausgreifen, kurz vorstellen, ein paar Hintergründe benennen und den Text übersetzen. Die Auswahlkriterien können ganz unterschiedlich sein: vielleicht ist es ein legendäres Lied, eine quasi-Hymne, oder es hat hohen künstlerischen Wert oder aber der Text ist von Interesse oder es verrät uns etwas über die Ungarn oder es gefällt mir ganz einfach. Sehr oft dürfte der Grund folgender sein: So etwas wäre in Deutschland nicht (mehr) möglich. In gewisser Beziehung herrscht in Ungarn eine größere Meinungs- und Kunstfreiheit als in Deutschland – in anderer eine kleinere.

Ich beginne mit „Ismerös Arcok“, einer Band, die es zwar erst seit gut 20 Jahren gibt, deren Lied „Nélküled“ (Ohne Dich) allerdings zu einer Art vierter offizieller Hymne[1] geworden ist. In ihm wird der Schmerz der Trennung thematisiert, der Trennung von jenen fünf Millionen Ungarn, die durch den „Friedensvertrag von Trianon“ – in Ungarn hört man oft „Friedensdiktat“ –  von der Heimat getrennt wurden. Ich habe es selbst erlebt, wie das Publikum bei einem Konzert – man sitzt hier viel öfter – aufsteht, die Hand ans Herz legt und wie bei der Nationalhymne mitsingt. Die Texte der Gruppe sind oft anspruchsvoll, ihr Komponist und zugleich Herz und Kopf der Gruppe, Attila Nyerges, stellt hochkünstlerische Ansprüche. Auch literarische Zitate, etwa von Sándór Márai oder Albert Wass, werden bearbeitet. Man scheut auch das politische Bekenntnis nicht. Das kann man schon an den Bildbotschaften ersehen: hier die aktuelle Neuerscheinung.

Das Lied „Europa 2017“ ist eine direkte Antwort auf die Migrationskrise und richtet sich ausdrücklich an die Europäische Union und an Deutschland. „Deutschland, dein Rückgrat wurde gebrochen.“ Es drückt das Entsetzen und Unverständnis vieler Ungarn aus, die 2015 mit ansehen mussten, wie Europa sich im Namen eines humanitaristischen Trugbildes selbst aufgab. Aus diesem Schock resultiert bis heute eine gewisse Resilienz, auch wenn die Sorgen sich seither bereits mehrfach gewandelt haben. Wenn dieser Tage in der Nähe von Szeged die größten derzeitigen Rockbands sich zu einem dreitägigen Festival zusammenfanden, dann darf man gewiß sein, daß diese Botschaft in vielerlei Formen und Sprachen verkündet wurde. Ob Kárpátia, ROMER, Ismerös Arcok, Dalriada, Leander Kills, Takcsapda, Depresszió, Hungarica oder Nemzeti Hang – sämtlich Giganten –, sie alle werden, jeder auf seine Weise, in dieses Horn blasen, sie werden ihr Land, ihr Kultur, ihre Sprache und ihre Geschichte feiern und verteidigen

[1] Nach dem „Himnusz“ (Nationalhymne von Kölcsey Ferenc), de, „Nemzeti Dal“ (Petőfi), dem „Szózat“ (Vörösmarty Mihály).

Europa 2017

Von © Ismerős Arcok [1]

Siehst du, Europa? Dazu hat das Gutsein und

Látod, Európa? Hát ide vezetett a jóság,

die alles gestattende liberale Krankheit geführt!

 Mindent megengedő liberális kórság!

Ich ertrage es nicht, dein bestürztes Gesicht zu sehen:

Nem bírom nézni döbbent arcodat,

Zusammenlebend kann man den anderen erst kennenlernen.

Lakva ismerni meg a másikat.

Wenn es das wirtschaftliche Interesse verlangt,

Ha a gazdasági érdek azt kívánja,

Schließt man die Tür der Heimat bis in die letzte Ecke auf.

Hazája kapuját sarkig kitárja.

Deuschland! Dein Rückgrat ist gebrochen!

Németország! Eltört a gerinced!

In 20 Jahren – wo werdet Ihr sein, was meinst du?

Húsz év múlva hol lesztek, szerinted?

Du hättest gern meinen Boden – das glaube ich gern,

Kéne a földem – elhiszem,

würdest gern mein Wasser trinken, aber mir ist

Innád a vizem, de énnekem

das Gefühl der Angst nur allzu bekannt,

Túl ismerős érzés a félelem,

Du kannst mir nichts nehmen, nur mein Leben.

Nem vehetsz el mást, csak az életem.

Refrain:

Ihr, in Brüssel, ihr rachsüchtigen Schweinehunde,

Ti Brüsszelben acsarkodó nagykutyák,

Auf zu hohen Rößern reiten verlogene Dummköpfe!

Túl magas lovakon szédelgő ostobák!

Wenn es euch bisher noch niemand gesagt hat:

Ha nem mondta volna senki még előttem,

Als Partner, nicht als Sklave, hatte ich mich angeschlossen.

Én partnernek és nem szolgának szegődtem.

 

[1] © Ismerős Arcok: “Európa 2017” (Leczó – Nyerges), Album: Csak A Szöveg! 2017 (Übertragung: Seidwalk)

siehe auch: Ungarn in Rock

3 Gedanken zu “Ungarische Rock-Kultur

  1. Franz schreibt:

    A) A. Wass war ein drittklassiger, antisemitischer und nazifreundlicher Schriftsteller. b) der erwähnte Song „Nélküled“ von „Ismerös Arcok“ ist ein faschistisches Lied, das voller völkischer Blutmythologie ist: „egy vérböl vagyunk“ – „wir sind aus einem Blut“. Mit „wir“ sind alle Magyaren gemeint, v.a. die, die nicht in Ungarn leben, sondern (wie im Artikel geschrieben) seit 1920 in den Nachbarländern, die Rede ist im Song von 5 Millionen. Das ist eine Lüge, außerhalb Ungarns lebten nicht einmal 1920 5 Millionen: damals etwa 3.5 und heute max 2 Millionen. c) Ismerös Arcok, Kárpátia und Hungarica sind außen-rechts Bands, in Deutschland träten sie vor einem DVU, NPD oder AfD Publikum auf.

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    • Vielen Dank für die Aufklärung! Gut, daß wir das jetzt wissen und daß Sie so wachsam waren!

      Ihr Urteil über Wass beruht auf der Lektüre welcher Werke? Wobei mich vordergründig das „drittklassig“ interessiert – das andere ist für die künstlerische Beurteilung unwichtig.
      Heute gibt es weltweit ca. 15 Mio Ungarn, davon leben 10 Mio in Ungarn, bleiben fünf übrig.
      Rechts-links, das sind so Zuschreibungen, Konstrukte – man könnte auch sagen, das sind Bands, die ihre Heimat und Kultur lieben und die das historische Unrecht, das ihrem Heimatland zugefügt wurde, nicht vergessen wollen. Ansonsten gilt: Wo gesungen wird, da lass dich nieder, schlechte Menschen kennen keine Lieder.

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      • Franz schreibt:

        a) Ich habe selbst etliche Wass-Werke gelesen (z.B. „Ember az országút szélén“, „Jönnek“ usw.), literaturwissenschaftliche Untersuchungen seines Oeuvres rezipiert, bin in der ungarischen Literatur gut bewandert, lese, spreche und schreibe und publiziere auf Ungarisch usw. Daher kommt meine Abqualifizierung von Wass aufgrund seines Stils, seiner Personenbeschreibungen, seiner Personencharakterisierungen, seiner Plots, seiner Klischeebilder, die er in seinen Werken transportiert usw. Durch all das kann er allenfalls als ein drittklassiger völkischer Schriftsteller gelten. b) Auch weltweit gibt es keine 15 Mio Ungarn, allenfalls 13,5 Mio. https://de.wikipedia.org/wiki/Magyaren#:~:text=150.000%20bis%20200.000%20Personen.,und%20in%20den%20St%C3%A4dten%20(z. c) Ja, rechts-links sind Konstrukte, das stimmt. Irgendwie muss man ja schablonisieren, zusammenführen, auf einen Nenner bringen. Und Kárpátia etc. verdienen aufgrund ihrer politischen Inhalte (Revisionismus usw.) die Bezeichnung rechts. https://www.deutschlandfunk.de/fremde-welten-teil-1-orban-rechtsrock-und-der-ungarische-102.html

        Seidwalk: Diese Vorwürfe und Einschätzungen sind bekannt und werden seit Jahren repetiert – vor allem von … ähm … links und von politisch interessierter Seite. Ich habe zur Frage schon einmal Stellung bezogen.: Wass – Schund oder Kunst. . Letztlich sind es Auffassungsfragen. Man kann also zu unterschiedlichen Urteilen kommen. Wie bei allen Autoren unterscheiden sich die Werke qualitativ. Aber schon „Farkasverem“ läßt den begnadeten Autoren erahnen mit großartiger Personalie und situativen Ideen, auch wenn Wass lange brauchte, seinen Romane konstruktive Einheit zu geben. Selbiges gilt für „Csaba“. In „Tizenhárom almafa“ und „Elvásik a veres csillag“ versucht er sich sogar am Schelmenroman. Nicht umsonst heimste Wass auch schon in jungen Jahren namhafte Preise ein, etwas den Baumgarten-dij – die Laudatio hielt Babits Mihály ….

        Ohne die Kenntnis von „Adjátok vissza a hegyeimet“ und „A Funtineli Boszorkány“ und „Kard és Kasza“ sollte man ein Urteil nicht wagen. Tatsache ist, daß er in Ungarn enorme Beliebtheit erlangt hat, daß die Bücher Millionen Menschen berührt udn auch in Deutschland kenne ich Leser (einer Übersetzung), die von diesen Texten langfristig stark angesprochen wurden. Andere mögen das als trivial einordnen.
        Im Übrigen hört man ähnliche Urteile auch über Hamsun, den Nobelpreisträger, dem Wass gleicht. Das ändert nichts daran, daß er ein Gigant der Weltliteratur ist.

        Das „völkisch“ ergibt sich aus Ihrer Liste noch immer nicht – es ist auch keine Kategorie, die mich interessiert: siehe:

        Volk oder Völk? Grundtvigs Grundlegung
        Volklichkeit

        In Ungarn ist die Zahl 15 Mio allgemein verbreitet, ob sie empirisch stimmt, spielt dabei keine Rolle – vergessen wurden die Ungarn in beiden Amerika und im Rest der Welt

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