Das vermeidbare I-Wort

FireShot Capture 735 - ZDF zur Winnetou-Debatte_ Bitte „I-Wort“ vermeiden - www.berliner-zeitung.de

Wenn die Enkelkinder da sind, weht hier ein anderer Wind. Jetzt sind sie endlich in dem Alter, mit den Indianern zu spielen. Davon habe ich schon lange geträumt.

Es gab in der DDR eine ganze Indianer-Kultur, Indianer-Sammlungen, Indianer-Börsen und ungezählte Indianer-Fans. Mein Bruder und ich spielten ewig mit unseren Indianern und haben uns natürlich auch als Indianer verkleidet. Eines unserer liebsten Spiele im Winter war das Indianer-Schießen. Wir stellten unsere gesamte Sammlung aus Indianern (und Cowboys) im Flur in einer langen Reihe auf und schossen sie mit über ein Lineal gespannten Gummis ab, einen Indianer nach dem anderen Indianer. Zur Faschingszeit wollten wir beide nur Indianer sein und manchmal gab es Streit, weil es nur ein Indianer-Kostüm gab. Draußen war es freilich einfacher: eine Taubenfeder ins Haar gesteckt, ein Bogen gebastelt, dazu ein Messer – meist ein Stock – in den Gürtel und fertig war der Indianer, wie er im Buche steht.

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Vorbild für Knaben: schleichende Indianer

In unserer Indianer-Sammlung gab es alles: schießende Indianer, reitende Indianer, sitzende Indianer, liegende Indianer, anschleichende Indianer, Speer- oder Tomahawk tragende Indianer, Zauber-Indianer und auch einen abgeschossenen Indianer; dazu einen Indianerhäuptling, sogar Indianerweibchen – die nannte man Squaw, d.h. so schrieb man sie – und vermutlich sogar Indianerkinder. Wir hatten auch ein Indianerdorf, aus Indianerzelten bestehend, ein Indianer-Lagerfeuer, sogar eine Art Indianerburg, die es so vielleicht im Leben gar nicht gegeben hat. Ein unvorstellbar reichhaltiges Phantasiereich nur aus Indianern und Feinden von Indianern.

Unser großes Vorbild war Gojko Mitić, der berühmte Fernseh-Indianer. Überhaupt waren die DDR-Indianerfilme um vieles besser als der Winnetou-Indianer. Chingachgook die große Schlange oder Osceola oder Tecumseh hießen seine geheimnisvollen Indianernamen. Gojko sah auch noch so aus wie ein Indianer, eine echte Rothaut – mit ein bißchen Kunstfarbe im Gesicht (Triggerwarnung: Menschen mit Schminke im Antlitz könnten sich verletzt fühlen!). Er war Jugoslawe, das erklärte alles, sprach auch nicht richtig Deutsch, was ihm in der Rolle zugutekam, denn die echten Indianer konnten auch kein Englisch. Alles sehr authentisch!

Und die Indianer waren immer die Guten. Die ganze DDR war ein Indianerland und alle hielten immer zu den Indianern. Man mußte schon ein Gesicht haben wie Rolf Hoppe etwa oder so klein sein wie Fred Delmare, um überhaupt als Cowboy im Indianerfilm mitspielen zu dürfen. Und einmal sah man die Indianer-Frau sogar nackt und wunderschön im glasklaren See baden; das war eine Sensation! Wer hatte schon mal eine nackte Indianerin gesehen?

Habe ich schon das Mosaik erwähnt, die Indianer-Serie – eigentlich hieß sie „Amerika-Serie“, aber das stört hier nur. Dort waren die drei Digedags auch Indianer und lebten bei den Indianern, bei Rote Wolke und seinem Indianerstamm, und halfen den Indianern.

Mosaik. Die Digedags Und Häuptling Rote Wolke | Kinderbücher | KINDER |  Trading Post

Und jetzt ist die Zeit, wo die Enkelkinder alt genug sind, endlich mit den Indianern zu spielen, Indianer zu sein, sich Indianerzöpfe zu flechten, Indianer-Federschmuck aufzusetzen, Friedenspfeife zu rauchen und einfach ganz unbeschwert mit den Indianern zu spielen. Ich werde ihnen jede einzelne Indianer-Figur vorstellen, werde ihnen die Mosaiks vorlesen und mich an ihrer ungetrübten Freude erfreuen.

Aber Halt: Was lese ich da? Man soll nicht mehr Indianer sagen, das „I-Wort“? Jemand fühlt sich beleidigt? Jemand möchte lieber I statt Indianer genannte werden? Ich sage euch mal eins: Das interessiert mich nicht die Bohne, auch nicht die Indianerbohne – darauf mein großes Indianer-Ehrenwort!

siehe auch: Zeit, „Neger“ zu sagen

11 Gedanken zu “Das vermeidbare I-Wort

  1. Wir haben als Kinder auch gerne Indianer gespielt. Aber mein Vater hat uns von Anfang an beigebracht, dass man nicht mit Waffen auf Menschen zielt. Wenn also „Spiele“ wie Indianer Schießen jetzt geächtet werden, finde ich das gut! LG Ulrike

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Diese Lehre ist sicher gut für Staaten mit weit verbreitetem Waffenbesitz, in denen also Kinder gelegentlich auch an wirkliche Waffen herankommen können. Aber welchen praktischen Nutzen hat das in den anderen? Man könnte meinen einen erzieherischen, weil man so nebenbei Achtsamkeit auf andere Menschen lerne. Erziehung wird aber überschätzt, meist wohl weil man sich wünscht, eine Besserung der Menschen wäre mit ein bisschen Predigt und Ähnlichem ganz einfach erreichbar. Ein Talisman, wie ihn so so viele am Spiegel ihres Autos hängen haben.

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    • Sie sprechen ein wichtiges Problem an. Bevor wir das angehen, muß aber noch einiges geklärt werden:
      1. Haben wir nicht auf Indianer, sondern auf Indianer-Figuren geschossen
      2. Haben wir keine Waffen auf Menschen gerichtet, sondern Spielzeuge, Imitate oder auch nur imaginierte Waffen
      3. Können die Ansichten Ihres Vaters kaum als Begründung für allgemeine Handlungsvorgaben gelten – es sei denn, Sie sprechen von Ihrem himmlische Vater.

      Unabhängig davon, halte ich Ihre Position für problematisch, wenn auch verstehbar.
      Das „Sterben“ war beim Lebend-Indianerspiel immer ein wesentlicher Bereich, das theatralische „Getroffensein“, das imaginäre Auseinandersetzen mit dem eigenen Tod, hatte einen wichtigen kathartischen Effekt. Auch die imaginäre Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des Tötens war wichtig. Das sind bedeutende pädagogische Erfahrungen, die Zwangspazifisten nicht machen können und unterdrücken müssen. Es steht die These im Raum, daß eine Gesellschaft, in der diese Affekte nicht spielerisch abgeführt werden dürfen, latent deutlich aggressiver wird.

      Am meisten aber stört mich die Absolutheit. Wie jede absolute Aussage, führt auch diese in den gewaltsamen Exzeß oder in die Aporie, umso mehr, da sie die Anthropologie des Menschen mißachtet.

      Der Satz Ihres Vaters ist korrekt, wenn es sich um echte Waffen handelt. Ich habe ihn in der Militärzeit oft gehört und wir hatten auch einmal einen Fall eines Beinschusses aufgrund der Mißachtung dieser Regel.

      Ein weites Feld, das man nicht am Rande diskutieren sollte. Im Übrigen haben weder ich noch mein Bruder je einen Menschen getötet oder auch nur verletzt – als Bsp. einer Nichtlinearität.

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      • Wenn man auf Figuren schießt, ist der Schritt zu lebendigen Menschen nicht fern. Ich halte Ihre Argumentation für leichtsinnig. Aber ich merke auch, dass es keinen Sinn macht. mit Ihnen zu argumentieren.

        Seidwalk: Ich nehme es sportlich! Mir fällt dazu nicht mal was Ironisches ein.

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      • Um Ihre Kinderstube sind Sie wahrlich nicht zu beneiden, seidwalk. Was ist mit Ihnen los? Ich bescheinige Ihnen neben vermutlich unheilbarer Großmäuligkeit gerne mindestens noch eine Wahrnehmungsstörung, nicht nur die Semantik betreffend. Zum Beispiel, wenn ich auf die Geschichte vom Unsinn der Impfung verweise, verstehen Sie, daß ich Impfungen verteufle. Ulrike gibt das Stichwort Pazifismus und Sie finden sich blitzartig, oder besser krampfartig bei Exzeß und Aporie wieder. Ein Schnipsgummi in Ihren Händen kann somit zur gefährlichen Waffe werden. Denken Sie mal darüber nach, und werden Sie auch Pazifist 😂

        Seidwalk: Schon geworden!

        Es bestätigt sich immer öfter: ein Beitrag ist nur so gut, wie das Verständnis seiner Leser.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Ich muss mich heutzutage beständig zügeln, nicht zu häufig das D-Wort zu benutzen. (4 Buchstaben, davon zwei gleich, und es ist nicht „Dutt“. Bleiben immer noch wenigstens zwei Möglichkeiten, wie auch bei „N-Wort“.)

    ――――――――――――――――

    Technischer Hinweis:

    Wenn ich zufällig mit der Maus auf die Kachel für das Benutzer-Avatar-Bild links neben den Benutzerdaten gerate, wird ein schwarzes Popup mit weißer Schrift des Inhalts „Dieses Bild wird angezeigt, wenn Du einen Kommentar hinterlässt. Klicken, um es anzupassen.“ angezeigt, das nicht mehr weggeht. Das ist ziemlich lästig, weil es das Selbstgeschriebene abdeckt, das man so nur mühsam oder gar nicht kontrollieren kann. Ich wäre ja noch bereit gewesen, irgend ein Bild, vorzugsweise

    dort zu hinterlegen, aber es kommt eine Aufforderung zu einer Kontenerstellung weiß Gott wo. Dazu nein!

    Nachtrag: Da die Bildeinbindung des Animated-Gif-Bildes nicht geklappt hat, siehe

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