Was man (nicht) darf und was man (nicht) sollte

Laß die Einbildung schwinden, und es schwindet die Klage, daß man dir Böses getan. Mit der Unterdrückung der Klage „Man hat mir Böses getan“ ist das Böse selbst unterdrückt. Mark Aurel

Die Welt hat ein „neues“ Totschlagargument. Eine grüne Politikerin – ich kann mir ihren Namen nicht merken, vermutlich aufgrund der kognitiven Dissonanz – hat es dieser Tage wieder aktualisiert. Demnach warnt sie vor Vergleichen von „Aktivisten“ der „Letzten Generation“ mit der „RAF“. Das würde „den Terror verharmlosen und die Opfer verhöhnen“ und das sei unstatthaft, das darf man nicht. In letzter Zeit wird dieses Argument immer öfter benutzt, demnach dürfe man dieses mit jenem nicht vergleichen, weil es diesem nicht gerecht werde und die Opfer verhöhne.

FireShot Capture 749 - Lang_ „Letzte Generation” ist keine „Klima-RAF” - www.wiwo.de

Ich halte diese Konstruktion für hanebüchen und vor allem für eine verkappte Einschränkung der Meinungsfreiheit. Natürlich darf man das vergleichen, wie man alles mit allem vergleichen darf, allein schon, weil man es kann. Ob man es vergleichen sollte, ob es sinnvoll, ob der Vergleich stimmig ist, bleibt eine andere Frage. Wer einen schiefen Vergleich zieht, macht sich nicht moralisch, sondern nur intellektuell schuldig und sollte an dieser, nicht an der Moralfront angegriffen werden.

Ähnlich auch bei anderen Phänomenen, die neuerdings verstärkt die Gemüter erhitzen. Da darf man sich zum Beispiel nicht die Haare verfilzen lassen, weil das kulturelle Aneignung sei, oder man darf sich dieses oder jenes Kostüm nicht mehr überziehen, man darf sich das Gesicht nicht mehr anmalen, um in eine andere Identität zu schlüpfen oder diese zu spielen. Demnach dürften Männer, die sich gern als Frauen verkleiden, dies nicht mehr, weil sie sich als Privilegierte anmaßen, eine unterdrückte Minderheit (von 50%) zu imitieren – aber hier gilt das natürlich nicht. Unsinn: Diese Männer dürfen sich natürlich anmalen, so wie sich auch jeder andere nach seinem Gusto anmalen, ankleiden oder nicht waschen darf. Ob er es tun muß, ist eine andere Frage. Er muß es aber tun können.

Oder noch ein Beispiel. Man darf über X oder Y keine Witze mehr machen, darf sie nicht beleidigen, beschimpfen etc. Außer natürlich, man sagt „Alman“ oder „Kartoffel“ zu den Deutschen[1]. Seien wir offen: Natürlich darf jeder jeden beleidigen oder lächerlich finden, wie er möchte. Ob er es freilich tun muß, das kann man diskutieren. Die Bosheit sagt auch viel über denjenigen aus, über sein Wesen, seinen Charakter. Ein gebildeter, empfindsamer Mensch vermeidet Beleidigungen, auch wenn sie zu seinem theoretischen Repertoire gehören: er nutzt diese Waffe nur in sehr seltenen und wohl durchdachten Fällen, dort, wo sie einen entsprechenden Zweck erfüllen und als eine letzte Ressource – vielleicht einen Schritt vor der Gewalt, die natürlich genauso möglich ist – einsetzt.

Man muß sich Folgendes klar machen: Wer beleidigt wurde, hat sich beleidigen lassen. Es ist primär die Aufgabe des „Opfers“ mit den Angriffen umzugehen, nicht indem man den Angreifer – ausgenommen selbstredend physische Angriffe – reguliert, sondern indem man sich selbst reguliert. Die Welt besteht nur aus Konfrontationen mit der Umwelt, wir sind per natura verletzliche Wesen, die von Umständen, Naturgewalten, Bakterien, Tieren, Pflanzen, Parasiten, ja von unserer eigenen Biologie und natürlich auch von anderen Menschen angegriffen und sogar vernichtet werden können. Dies war so, ist so und wird so bleiben.

Viele dieser Angriffe sind ungerecht oder gemein oder hinterhältig oder böse. Es wird sie auch in einer abgefederten Welt geben. Wir können das Aussprechen von Schimpfwörtern verbieten, das Lachen über Defizite, natürlich, aber ihre Energie wird sich neue Wege suchen. Sicherlich ist es gut, erzieherisch auf eine Zivilisierung hinzuarbeiten, doch ist das der zweite Schritt. Der erste muß immer die Selbstimmunisierung sein. Und das war jahrtausendelang der Konsens – er wurde in elaborierten philosophischen Systemen auch ausgearbeitet, etwa im Buddhismus oder in der Stoa:

„Dein Übel hat seinen Grund nicht in der herrschenden Denkungsart eines anderen, auch nicht in der Veränderung und Umstimmung deiner körperlichen Hülle. Wo also? In dem Teile deines Selbst, wo das Vermögen, über Übel gewisse Meinungen zu hegen, seinen Sitz hat. Möge da keine falsche Vorstellung sein, und alles steht gut.“[2]

[1] Ob jemand zu mir „Alman“, „Kartoffel“, „Boomer“ oder sonst was sagt, sollte mir auf der persönlichen Ebene gleichgültig sein, ich lasse es abtropfen. Früher nannte man die Deutschen „Krauts“, „Boche“ oder „Hunnen“, in Österreich firmieren sie unter „Piefkes“ … man sollte den anderen diesen Spaß lassen. Dennoch interessiert mich das Phänomen natürlich als politisches, sozialpsychologisches, demographisches und als solches kann ich mich theoretisch damit auseinandersetzen und mich auch – als Argumentationsform, als eine mögliche Ausdrucksform – darüber erregen. Wenn der „Hunne“ der kriegerischen Entmenschlichung dient, dann trifft mich die „Beleidigung“ zwar noch immer nicht, aber man kann ihren mörderischen Zweck erkennen und verurteilen.
[2] Mark Aurel: Selbstbetrachtungen

Ein Gedanke zu “Was man (nicht) darf und was man (nicht) sollte

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ricarda Lang wurde jüngst bei einem Besuch (in Ellwangen an der Jagst)[https://www.google.de/maps/place/TAJ+MAHAL+%E2%80%93+Indisches+Spezialit%C3%A4tenrestaurant+u.+Biergarten/@48.964238,10.1300619,17.87z/data=!4m5!3m4!1s0x4798e3936daf074d:0x8692aaa601e99b18!8m2!3d48.9640159!4d10.1305942] von Personen aus dem Umkreis einer deshalb stattfindenden Demonstranten [als Biotonne tituliert][https://www.merkur.de/deutschland/baden-wuerttemberg/bwg-ricarda-lang-proteste-crailsheim-ellwangen-beleidigungen-beschimpfungen-reaktionen-gruene-91798265.html). Man findet mit den entsprechenden Stichworten im Netz auch einen langen Podcast, der von Demonstrationsteilnehmern aufgenommen wurde, und der einen völlig friedlichen Protest mit gelegentlichen Sprechchören zeigt. Einen guten Kilometer weit entfernt vom Protestort am Hauptbahnhof trugen sich in der ehemaligen Kaserne, heute Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber, in den letzten Jahren mehrfach gewalttätige Massenereignisse zu, die nur mit dem Einsatz von Hundertschaften der Bereitschaftspolizei zu beherrschen waren.

    Die Presse meldete das eine (die amerikanischen Kollegen hätten dazu sagen können “fiery but mostly peaceful protests” ) am liebsten nur am Rande oder gar nicht und das andere als entsetzliches und unverzeihliches „Bodyshaming“ . (Einer der Straftatbestände aus der jeweils neuesten Aktualisierung des Englischwörterbuches …)

    Schließlich wird ja das Selbstgefühl einer werten Person damit verletzt, während diese ihrerseits mit ihrer Wirtschaftspolitik bloß den Wohlstand der nicht staatsnahen Bevölkerung und mit ihrer Militärpolitik bloß die Gefährdung und Ausplünderung ihres Landes für großmachtpolitische Zwecke betreibt.

    Es lohnt nicht, hier den alten Hauptautoren der stoischen Lebenshaltung zu bemühen. Denn es geht bei dieser Inkriminierungsasymmetrie den Volkserziehern nicht um das Erlernen der Lebenshaltung des Weltweisen, sondern allein darum, eine Politik, die immer mehr Menschen gegen den Strich geht, gegen jede Kritik zu immunisieren. Wir haben es ja schon anläßlich des Hase-du-bleibst-hier-Kurzvideos bei der Chemnitzer Demonstration gesehen, wie die rechtmeinende Haltung zu sein hat: Gut, zugegeben, da hat ein Zugewanderter einen Menschen vom Leben zum Tode befördert, das kommt nun mal vor. Aber muss man deshalb gleich dagegen demonstrieren? Wer weiß, was sich am Ende aus solchen Demonstrationen entwickelt? Vielleicht sogar eine Delegitimierung der politischen und medialen Klasse? Also muss das im Keime erstickt werden, mit welchen Argumenten und Vorwänden auch immer.

    Natürlich wäre der wichtigere Kritikpunkt gegen Lang, dass sie eine dumme Politik betreibt und vermutlich persönlich so dumm ist, nicht zu wissen, dass man diese am Ende von oben mit staatlicher Gewalt verteidigen muss und auch wird. Wer eine ideologisch motivierte Politik betreibt, die dem Staatsvolk erkennbar nur Nachteile einbringt, wird eben am Ende dahin gelangen, eine (Außerordentliche Gesamteuropäische Kommission zur Bekämpfung von Haßrede, Spekulation und Sabotage)[https://de.wikipedia.org/wiki/Tscheka] einzurichten – denn dass die Politik nicht die versprochenen (apokatastatisch-allweltharmonisierenden)[https://de.wikipedia.org/wiki/Apokatastasis] Wirkungen zeitigt, kann doch allein nur an der böswilligen Opposition ihrer Gegner liegen, dieser „Ratten“, die man deshalb „in ihre Löcher zurückprügeln“ muss.

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