Orbán in Berlin

Man muß nicht viele Worte machen, Bild und Ton sprechen für sich. Vom offiziellen Teil abgesehen, hat der Besuch des demokratisch gewählten Ministerpräsidenten eines EU-Mitgliedslandes aus zwei Gründen Furore gemacht. Beide Male empörte sich die Allerweltspresse und im Twitter- und Facebook-Reich war schnell von „Autokrat“, „Diktator“, „Faschist“ und anderem die Rede.

Zum einen hatten „Cicero“ und die „Berliner Zeitung“ – die seit der Verlegerschaft durch Holger Friedrich einen deutliche Wende hin zur tatsächlichen Positionenvielfalt genommen hat und damit eine wichtige Informationsquelle für das widerständige Milieu geworden ist – Orbán zu einem einstündigen Gespräch geladen. Ich empfehle dies vorbehaltlos!

Leser dieses Blogs wissen, daß ich kein Orbán-Anhänger bin – dazu habe ich das Ohr zu nahe an der Stimmung im Land. Vetternwirtschaft und Korruption haben längst kriminelles Niveau erreicht und sind konstitutives Merkmal des ungarischen Politsystems, das ohne die Seilschaften so nicht funktionieren könnte.

Das ändert nichts daran, daß Orbán ein political animal ist, ein Vollblutpolitiker mit hohem Instinkt und Intellekt und daß seine politische Strategie die europäische und deutsche in vielen Punkten moralisch und intellektuell überragt. In dieser Diskussion, die von den Fragestellern kritisch begleitet wird, hört man öffentlich Dinge angesprochen, die in Deutschland kein Mensch mehr wagen würde und könnte – zumindest kein Politiker. Schwer vorzustellen, daß eine Baerbock zu solchen Überlegungen überhaupt in der Lage wäre. Orbáns Ansichten sind von großer Weit- und Tiefsicht geprägt, der beste geopolitische Beitrag seit langem.

Danach besuchte Orbán den ungarischen Nationalspieler András Schäfer beim 1. FC Union Berlin. Wieder geht ein Aufschrei durch die Medien. Ich empfinde das als Schande! Man kann Ausschnitte des kurzen Gesprächs etwa auf dieser Seite sehen (unten). Es ging um rein sportliche Fragen. Der Spieler wirkt schüchtern und taut erst ein bißchen auf, als es um seinen sensationellen Muskelaufbau geht: er hatte sieben Kilo Muskelmasse in Deutschland zugelegt und glaubt sich nun stärker als je. Orbán offenbart sich als Anhänger der Eisernen, aber nur, weil er, Schäfer, der ungarische Nationalspieler, dort spiele. Das ist in Zeiten, in denen die viel gebeutelte Nationalmannschaft gerade einen Höhenflug hat und europäische Größen wie Deutschland und England weghaut, nicht verwunderlich. Außerdem ist Orbán bekanntermaßen ein Fußball-Fanatiker. Zum Schluß läßt er sich sein Trikot signieren. Alles ganz normale Vorgänge – sollte man meinen.

In Deutschland ist aber nichts mehr normal. Schon die Pressekonferenz ist eine Offenbarung. Die Vereinsführung wird gegrillt. Die mediale Reaktion zeigt die tatsächliche Macht des Wokismus und der Cancel Culture in Deutschland. Die Veranstaltung ist deshalb sehenswert, weil sie einen Vereinssprecher des traditionsreichen Ostklubs zeigt, der alle versteckten Angriffe souverän abtropfen läßt. In einem Klima übrigens – wir wollen es nicht vergessen –, in dem der andere Berliner Großklub vor nicht allzu langer Zeit einen ungarischen Trainer aufgrund einer politischen Äußerung gefeuert hatte.  Um die Zukunft des Spielers muß man sich freilich Sorgen machen.

Zum Schluß noch ein Gegenstück. In diesem Artikel kommt eine junge Deutsche zu Wort, die mitsamt Familie nach Ungarn emigrierte, weil sie es in der Heimat nicht mehr ausgehalten hat. Sie entwirft ein anderes Orbán-Bild – das gibt es also auch. Interessant ist, daß sie exakt die gleichen Worte benutzt, wie viele Ungarn, die nach Deutschland oder Europa auswandern: hier, im neuen Heimatland könnten sie endlich frei sagen, was sie wollen.

FireShot Capture 744 - Auswandern nach Ungarn - Keinen Tag bereut - Budapester Zeitung_ - www.budapester.hu

Und beide Seiten haben recht: Deutsche können in Ungarn ihre konservative oder common-sense-Position äußern, denn erstens hört ihnen niemand zu und zweitens entspricht sie offizieller Politik. Und umgekehrt ist es ebenso, denn natürlich wandern vor allem linksorientierte Ungarn aus, deren Stimmen im Herkunftsland wenig Publizität finden. Tatsache ist, daß gerade jetzt wieder mehr Ungarn das Land verlassen als je zuvor. Sicher auch des Geldes wegen. Junge Leute, Familien mit Kindern – während alte Deutsche ins Land strömen. Es gibt, wie immer, kein gut und schlecht, kein schwarz und weiß[1], es gibt immer nur komplexe Verwicklungen und Schattierungen.

Siehe dazu: In Ungarn leben

Willkür hüben: FireShot Capture 746 - (10) Alexander Wallasch on Twitter_ _Kontaktschuld mit Vernichtungswi_ - twitter.com

https://twitter.com/AlexWallasch/status/1580265570724827136

Wie drüben: FireShot Capture 745 - Falsche Prognose zum Nationalfeiertag_ Meteorologen in Ungarn entlass_ - brf.be

https://brf.be/international/1635120/
[1] Für alle, die jetzt anspringen: Die Welt ist bunt genug, man muß sie nicht bunter machen. Es ist ein ebenso großer Fehler, die reale Vielfalt und Buntheit in ein schwarz-weiß-Schema zu pressen, wie die natürliche Mannigfaltigkeit und den Reichtum artifiziell am Leitfaden ideologisch-utopischer Prämissen künstlich vermehren zu wollen.

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