Weihnachtsmarkt in Ungarn

Denkt man an Weihnachten, denkt man automatisch an den – Islam.

Wird es die Gefühle unserer Muslime verletzten? Darf es noch Weihnachtsmarkt heißen? Sind die Krippen, die figürlichen Darstellungen des Gotteskindes, ein Sakrileg? Darf man den Zwarte Piet noch zwart machen? Sind Krippenspiele in der Schule schon Missionierung und eine Zumutung für Kinder muslimischer Eltern? Ist der dritte der drei Heiligen Könige eine religiöse oder rassistische Beleidigung? Warum wird das Thema an deutschen Auslandsschulen in der Türkei verbannt? Dürfen Muslime überhaupt Weihnachten feiern? Und dürfen Weihnachtsmarktweihnachtsmänner die „islamophobe“ AfD oder die Identitären „liken“? Dürfen die Roster Schweinefleisch enthalten und kann man die Kartoffelpuffer noch mit Schmalz braten? Sind wir auf den Weihnachtsmärkten noch sicher oder sind radikalisierte Kinder mit verdächtig dicken Rucksäcken aller Beachtung wert? Und wie sieht es mit den Betonwällen aus? Fragen über Fragen.

Letztes Jahr waren sie noch alle virulent. Vor einem Jahr lief ich mit einer Gruppe syrischer Flüchtlinge über den Plauener Weihnachtsmarkt. Sie waren damals gerade erst angekommen, hatten sich an Land und Leute noch nicht gewöhnt. Aber auch die Plauener schauten oft skeptisch. Ich hatte meine Augen überall. Vielleicht – ich weiß es nicht – aßen sie Schmalz. Mehrfach mußte ich sie ermahnen, leiser zu sprechen und gleich zu Beginn gab es aus Sicherheitsgründen eine Vergatterung.

Es wäre spannend, zu sehen, wie sich die Verhältnisse ein Jahr später verändert haben. Dieses Jahr aber schlendere ich vollkommen selbstvergessen über einen viel kleineren Markt in Ungarn. Es gibt ihn noch nicht lange, erzählt man. Überhaupt habe das Stadtzentrum sich in den letzten fünf Jahren verändert – Häuser wurden saniert, Straßen gepflastert, Bänke und Laternen aufgestellt … oft mit Geldern der Europäischen Union. Fährt man dagegen ein paar Kilometer aus der Stadt heraus, empfangen einen die brachen verwahrlosten Felder. Die Landwirtschaft scheint am Boden zu liegen und ich frage mich, ob die EU da auch ihre Finger im Spiel hat?

Egal! Heute ist Weihnachtsmarkt. Niemand denkt hier an den Islam oder irgendjemandes verletzte Gefühle. Man ist hier unter sich. Die Ausländer sind wir, aber niemand beäugt uns. Sobald man an einen Stand tritt, wird man freundlich angesprochen: „Tessék“ – „Bitte“, „Pardon“, „Was wünschen Sie?“. Wir stammeln ein paar Worte: „Sajnos, nem tudok magyarul“ – „Leider verstehe ich kein Ungarisch“. Die Chancen sind gut, daß schnell ein paar Worte in deutsch hervorgekramt werden.

Der Platz wird mit Musik beschallt. Westliche, meist englische Weihnachtsschlager von Jingle Bells bis Slade, keine traditionelle Weihnachtsmusik, wie man das aus Deutschland kennt. Man merkt dem Markt an, daß er sich noch im Probestadium befindet. Aber er expandiert. Weihnachtskitsch wird angeboten, Kerzen, Figuren, Nippes, Gebimmel, Klunkern … Zwischen Buden stehen lebensgroße Krippen aus Strohpuppen. Junge Mädchen, als weiße Engel verkleidet, teilen Werbezettel aus. Ein kleiner dicker Weihnachtsmann steht etwas ratlos herum und vertritt sich die verfrorenen Füße. Es riecht nach Zuckerwatte. Die Augen der Kinder leuchten.

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Größte Attraktion ist der Baumkuchenstand. Über Holzkohle wird ein dünn auf eine Spindel aufgerollter Teig gebacken und danach im Zucker gedreht. 1000 Forint der große Kuchen, der kleine die Hälfte. Die Schlange ist hier besonders lang. Geduldig warten die Menschen. Man wartet hier überhaupt viel und vollkommen selbstverständlich. Den Kuchen muß man einfach probieren. Nur die Kinder hüpfen unruhig von einem Bein aufs andere und schauen verzaubert in die Glut, bis ihr Kuchen goldgelb gebacken ist.

Mich fasziniert der Schnitzer nebenan. Vor allem Bauernfiguren hat er anzubieten, dann Kruzifixe, Jesusfiguren, Madonnen und sogar Adam und Eva mit Feigenblatt. Aber auch Teller und Uhren in Trianon-Form: das alte, große Ungarn ist noch immer gegenwärtig.

Uhren in den alten Grenzen der Zeit

Uhren in den alten Grenzen der Zeit

Den Teller gibt es in verschiedenen Aufteilungen: einmal Ungarn während der Türkenherrschaft – wie eine Gletscherzunge hatte das Osmanische Reich sich zwischen Siebenbürgen und Westungarn hineingefressen – und einmal als Ungarn nach dem Friedensvertrag: Oberungarn, Siebenbürgen, Kroatien und Slowenien als separate Eßflächen. Geschmackssache.

Derweil ist unser Kürtöskalács fertig. Noch dampfend wird er im Vanillezucker gedreht, von der Spindel genommen und in eine Papiertüte gepackt. Alles ganz einfach, direkt und unkompliziert – wie das gesamte Weihnachten im Süden Ungarns.

Békés, Boldog karácsonyt kívánok!

 

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