Wass – Schund oder Kunst?

Als wir vor vier Jahren in Ungarn ankamen, fragte ich überall, was man denn kennen, was man lesen müsse, um dieses Land zu begreifen. Dabei fiel immer wieder ein Name, der mir vollkommen unbekannt war. In meinem Regal gab es zwar eine bescheidene ungarische Sektion, aber sie bestand vornehmlich aus den üblichen Klassikern wie Márai, Kertész, Szerb und Szép, daneben ein paar Moderne wie Nádas und natürlich die üblichen realsozialistischen DDR-Bestände. Immerhin waren unter den DDR-Ausgaben auch Petőfi, Jókai, Móricz und Kosztolyáni, die bis heute als die bedeutendsten Ungarn gelten. Gelesen hatte ich nur Weniges und auch davon das meiste vergessen.

Nun aber hörte ich immer wieder den Namen Wass Albert – die Ungarn nennen den Nachnamen zuerst. Die Art und Weise, wie dieser Name ausgesprochen wurde, die funkelnden Augen, die man sogar bei Literaturlehrern sah, machte mich sofort neugierig. Vier Jahre lang hatte ich versucht, Übersetzungen zu bekommen, aber es war nicht möglich. Es gab ohnehin nur sehr wenige – zwei Romane, ein Märchenband –, aber diese waren vermutlich in Kleinstauflagen erschienen und sind heute nicht mehr auffindbar oder sinnlos überteuert.

Es blieb also nichts anderes als das Original zu lesen und ein seltsamer Zufall fügte es, daß mir vor einigen Wochen eine ältere Dame ein Buch in die Hand drückte und sagte: Lies!

45 von 60 Bänden warten auf Erforschung

Sie hatte eine 30-bändige Wass-Ausgabe im Wohnzimmer stehen, die doch nur verstaubte und wollte sie gern loshaben – ob ich die nicht zu gutem Preise kaufen wollte. Es dauerte nur wenige Tage und ich nahm das Konvolut. Denn was ich zu lesen bekam – das war sehr schnell deutlich – war ein Ereignis: Albert Wass mußte ein Autor von Rang sein.

Sein Poem „Üzenet haza” gehört zu jenen Dichtungen, die zum Nationalbestand gehören und kann es an Popularität mit Petőfis „Nationallied“ oder mit Kölcseys „Himnusz“ aufnehmen. Die Strophen enden mit den charismatischen Zeilen „A víz szalad, a kő marad, a kő marad“ – das Wasser verfließt, der Stein bleibt. Daß die deutsche Wikipedia es für notwendig erachtete, uns zuerst mit der Information zu versorgen, Wass sei ein „Dichter völkischer Prägung“ gewesen, macht ihn nur noch interessanter.

Wass scheint nun ein Mann gewesen zu sein, der beides – Härte und Weichheit – in sich vereinte. Das bestätigt auch der Roman „Adjátok vissza a hegyeimet!” – „Gebt mir meine Berge zurück!”, den ich soeben ausgelesen habe. Er ist einer der zwei, drei übersetzen – Zürich 1949 – und nun unauffindbaren Werke. Er wurde im deutschen Exil, in Blaibach (Bayern) geschrieben.

Mein erster Eindruck war: Hamsun! Hamsun-Schule. Ob Wass von der skandinavischen Schule beeinflußt sein könnte, weiß ich nicht. Aber das einfache Leben, das er zu Beginn beschreibt und wie er es beschreibt, die überwältigende Rolle der Natur, das Ein-Mann-Drama etc., das alles erinnerte unmittelbar an Hamsun oder an vergleichbare Werke, Waggerl etwa. Doch nimmt die Geschichte dieses ungarischen Bauernjungen in Siebenbürgen bald eine ganz andere Wendung, nämlich eine weltgeschichtliche.

Der Konflikt zwischen Ungarn und Rumänen ist allgegenwärtig. Wie er sich entäußert, bestimmt die Geschichte, bestimmen die Herren im Frack in Trianon oder in Uniform in Berlin. Trianon bedeutete für die Ungarn den größten Schock ihrer Geschichte und auch in Transsylvanien bekamen sie es direkt am Leibe zu spüren. Daß der Vater nun in den unendlichen Gebirgs-Wäldern keine Waffe mehr tragen durfte, sein rumänischer Nachbar aber sehr wohl, empfanden diese einfachen Menschen als stärkste Kränkung.

Doch mit dem zweiten Wiener Schiedsspruch 1940 änderte sich die Lage komplett – der rumänische Teil Ungarns wurde per Dekret dem Mutterland wieder angefügt. Für den Helden des Romans beginnen ein paar glückliche Jahre – die einzigen seines Lebens.

Er findet ein Mädchen – die Liebe wird ganz zauberhaft scheu und zart beschrieben –, sie gründen eine Familie, bauen sich ein Haus, er wird zum Waldhüter, darf also in seinem geliebten Wald  leben und zudem das Gewehr tragen … das Leben ist einfach, naturnah, komplett. Fast ein bißchen Kitsch.

Erstausgabe

Aber dann greift die Politik wieder ein – er wird zum Militär eingezogen und an die Ostfront geschickt. Von da an zerfällt das kurze Idyll in ewigen Kämpfen. Was begann wie ein Hamsunscher Konflikt zwischen Tradition und Moderne, greift nun weiter aus, wird zur weltgeschichtlichen Parabel. Es folgen Jahre unsäglichen Leids. Als Soldat beginnt er zu töten, seine eigene Familie wird komplett vernichtet, er wird Söldner, Räuber, Freiheitskämpfer, kommt nie wieder zur Ruhe, bewahrt bei all dem aber sein einfaches und reines Gemüt, seine Würde.

Und das macht Wass‘ Einzigartigkeit aus. Er beschreibt eine komplexe und grausame Welt durch die Augen eines Menschen, der vollkommen menschlich bleibt, vollkommen rein, fast unmenschlich direkt und unverstellt zur Welt steht – er ist der Stein, an dem das Wasser abfließt. Die Sprache ist einfach, es geht immer geradeaus, es gibt immer nur das unmittelbar vor ihm Liegende, es geht ums blanke Sein. Das wirkt stellenweise so naiv, primitiv und plakativ, daß man aufstöhnen möchte, daß man sich ernsthaft fragt, ob das überhaupt noch Literatur sei? Aber Wass erzeugt damit – ich weiß noch nicht, wie – einen faszinierenden Sog, der den Leser immer weiter vorantreibt, und irgendwann begreift man, daß der Dichter aus vielen kleinen grauen Steinchen ein grandioses Mosaik geschaffen hat, das die Wesensfragen des menschlichen Lebens zu beantworten versucht.

Akademisches Lesen wird diesen Roman, der zu seinen bedeutendsten und umstrittensten gehört, vermutlich in Bausch und Bogen verwerfen, so unzeitgemäß, so ruhig und gleichförmig, gänzlich ohne sichtbare Brüche, fließt der Erzählstrom dahin.

Auch in Ungarn scheiden sich die Geister. In sozialistischen Zeiten war Wass in beiden Ländern verboten und nahezu vergessen, aber in den letzten Jahrzehnten feiert er eine unglaubliche Renaissance, seine Werke liegen in verschiedenen Ausgaben in den Schaufenstern und werden diskutiert, geliebt und gehaßt.

Auch ich war lange im Zweifel, aber mehr und mehr setzte sich der Eindruck – der nun durch weitere Lektüren getestet werden muß – durch: ganz große Literatur! Da lohnt es dran zu bleiben.

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