Der Engel vom Himmel

An einer zentralen Stelle in Albert Wass‘ wohl bekanntestem Roman “Adjátok vissza a hegyeimet“ („Gebt mir meine Berge zurück“), wird der Leser Zeuge einer berührenden Szene. In einer Höhle tief in den siebenbürgischen Wäldern haben sich nach der Niederlage gegen die Sowjetunion zwei Dutzend Menschen versteckt, Ausgestoßene, Räuber, politisch Verfolgte, Partisanen, Irre und Heilige, und führen verzweifelt den Kampf gegen die Besetzer fort. Aber das Leben in der Wildnis, mitten im Winter, läßt die Leute verrohen und vertieren. Gerade war es einigen von ihnen gelungen, ein Militärfahrzeug zu plündern, die geraubten Wodkaflaschen machen am Lagerfeuer die Runde, als  tief aus der Höhle eine singende Frauenstimme erklingt.

Diese Frau ist dem Tode geweiht. Ihr Leben wurde von den Russen zerstört, Mann und Kinder getötet, der Hof niedergebrannt, sie selbst mehrfach vergewaltigt. Die Krankheit, die sie dabei davontrug, trägt sie wie einen Orden, wie eine Waffe – als Hure schlich sie um die Kasernen mit dem Ziel, so viel wie möglich der fremden Männer anzustecken. Als endlich auch jener Offizier, der damals ihr Leben zerstört hatte, über ihr kniet, da beißt sie ihm die Kehle durch. Auf der Flucht in den Wald, schließt sie sich den Freischärlern an.

Wie das Lied erklingt, da bleibt die Welt da oben stehen. Sie singt das Lied „Der Engel vom Himmel“ („Mennyből az angyal“).

„Und mit einem Mal stellten wir alle bestürzt fest, daß Weihnachten war. Die Gesichter wurden blaß. Die Hand des Schmiedes verharrte in der Luft. Sein Mund blieb offen und sein eines Auge begann zu glänzen, verschleiert, seltsam. Dem Baron glitt die Flasche aus der Hand und schlug an einen Stein. Niemand griff danach. Das Doktorfräulein sank auf die Knie und faltete ihre Hände, wie jemand der betet, und in ihren Augen glühte die überirdische Freude der Wahnsinnigen. Und die sieche Frau, jene, die dem fremden Offizier in die Gurgel gebissen hatte, sang mit schöner klarer Stimme im Inneren der Höhle „Der Engel vom Himmel“. Wir standen versteinert, und langsam, einer nach dem anderen, nahmen wir die Fellmützen vom Kopf. Plötzlich war gedämpftes Schluchzen zu hören, und wir haben alle dorthin geschaut. Der alte Baron hatte seinen grauen Schopf an die moosige Felswand gelehnt, und seine gebeugten Schultern erbebten, erbebten vom Schluchzen.

Und drinnen sang die Frau. Und wir alle, die wir dort standen, gedachten in diesen Minuten etwas, dem Haus, der Frau, den Kindern, den einstigen Weihnachtsabenden, und diese Erinnerung schmerzte wie eine brennende Wunde, und die niedrige Höhle um uns herum war erfüllt mit schwerem, schwarzem Schmerz. Jemand stöhnte stumpf auf, und die Zähne des einäugigen Schmiedes knirschten. Und die Frau sang.”

Bei diesem Lied handelt es sich um das bedeutendste und bekannteste Weihnachtslied der Ungarn – vielleicht unserem „Stille Nacht” vergleichbar.  Es ist wohl an die 300 Jahre alt und hat seine Wurzeln im Volkslied. Ursprünglich bei den Széklern in Siebenbürgen gesungen, ist es heute in der gesamten ungarischen Welt verbreitet.

Und so geht es und das sagte es:

Vom Himmel herab kam der Engel zu euch
Ihr Hirten, ihr Hirten!
Nach Bethlehem zu eilen
Sehet nur, sehet nur.

Gottes Sohn, der geboren
In der Krippe, in der Krippe
Er sei euer Heiland
Wahrlich, wahrlich.

Neben ihm steht seine Mutter,
Maria, Maria.
Liegt er neben den Tieren, in der Krippe
Ihr heiliger Sohn, ihr heiliger Sohn.

Und sie gehen ihn zu grüßen
Sogleich, sogleich
Schönes Geschenk tragen sie in ihren Herzen
Bei sich, bei sich.

Den kleinen Jesus gleichermaßen
beten sie an, beten sie an
Den großen Gott für so viel Gutes
Alle segnen ihn, alle segnen ihn.

Übersetzungen: © Seidwalk

2 Gedanken zu “Der Engel vom Himmel

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