Zwei ewige Lebensweisheiten

Im letzten halben Jahr habe ich viel Albert Wass gelesen. Romane, Novellen, Autobiographisches, Briefe, dazu auch Sekundärliteratur, biographische und literaturwissenschaftliche. Entgegen meiner Gewohnheit habe ich fast keine Anstreichungen oder Notizen gemacht, einfach nur gelesen, genossen, aufgesaugt, wirken lassen, ich wollte ein Gefühl für diesen Autor entwickeln, wollte mich einfühlen, eindenken, wollte ein inneres Urteil finden. Denn nach der Lektüre der ersten beiden Romane stand der Verdacht im Raum, daß wir es mit einem ganz Großen zu tun haben, einem vergessenen Genie, der häufig zu lesenden Ansicht gegenüber, daß Wass literarisch bedeutungslos und ohnehin ein Nationalist und dergleichen sei.

Ein dezidiertes Urteil darüber wird es später geben. Daß er ein Autor von Rang ist, steht für mich nun außer Frage, überrascht hat mich die Vielfalt der künstlerischen Mittel, der artistischen Sprachen, die der Autor beherrschte. Zwar halte ich noch immer die  beiden Werke „Adjátok vissza a hegyeimet“[1] und „A funtineli boszorkány[2] für seine bedeutendsten – unübertroffen, da künstlerisch einzigartig –, weiß nun aber, daß es mehr zu entdecken gibt und es sich lohnt, noch ein, zwei Jahre zu investieren – immerhin stehen circa 80 Bände Wassiana im Regal.

Zwei seiner immer wiederkehrenden Stilmittel seien bereits verraten. Zum einen findet Wass wiederholt einfache, fast volkstümliche, aber starke Bilder, um Grundsätzliches darzustellen. Das kann der Wunsch des begabten Jungen sein, Laternenanzünder zu werden, oder die Parabel vom guten und vom schlechten Korn auf der Waage des Händlers, oder das Lehrstück von einem Manne, der zu Gottes Ehren Säulen aus Sandkörnern baut – also das Unmögliche tut – und diese durch seinen Glauben miteinander verbindet usw.

Zum anderen überrascht Wass immer wieder mit tiefen Lebensweisheiten. Das sind Gedanken und Sätze, die man eigentlich von jedermann hätte hören können und vielleicht auch hört und überhört, wenn sie aber aus diesem Munde kommen, auf seltsame Weise lange im Gedächtnis bleiben und immer wieder überdacht werden. Deshalb zähle ich Wass zu den Weisheitsautoren. Diese Weisheiten werden entweder direkt ausgesprochen, meist fast nebenbei, so daß man sie auch überlesen kann, oder aber als Handlung eingewoben, müssen also auch dort erst wahrgenommen werden. Sie sind nicht in Stein gemeißelt, sie kennen auch ihre Widerlegung und jedes Leben muß selbst entscheiden, ob diese Regeln für es in Frage kommen. Vielleicht sind sie auch nur situativ anwendbar – wer weiß.

Eine lautet – aufgrund der aufsaugenden Lektüre kann ich nicht mehr sagen, wo ich sie gelesen habe –, eine lautet also: Gehe nie an einen Ort zurück, an dem du glücklich warst. Gemeint sind Lebensorte, Heimatorte, Epochenorte.

Das Leben geht weiter, wie oft sehnen sich Menschen, deren Dasein sich änderte, zurück an jenen früheren Ort des Glücks, in der Hoffnung, an das alte Leben anknüpfen zu können.

Wass selbst mußte diese Erfahrung machen. Seine Heimat sind die Wälder Siebenbürgens. Er lebte in dieser Natur und unter diesen Menschen sein ganzes Leben lang – im Geiste. Aber er war noch keine 40 Jahre alt, als Krieg und Besetzung ihn aus der Heimat vertrieben und er nach Jahren der Emigration in Deutschland schließlich in den USA eine neue Heimat fand, in der er mehr als weitere 40 Jahre zu leben hatte. All sein Sehnen galt seiner verlorenen Heimat, die er nie wieder betreten sollte. Sie spielt in allen seinen Werken eine tragende Rolle und selbst nach Jahrzehnten konnte er noch aus dem Gedächtnis exakte Beschreibungen der Orte, Atmosphären, der Sprache und des Menschenschlages geben. Auch als seine tägliche Umgangssprache längst das Amerikanische war.

Sicher, selbst wenn er gewollt hätte: der Weg war ihm lange Zeit ohnehin versperrt. Siebenbürgen war nun rumänisch und kommunistisch und im Land galt er als Kriegsverbrecher, seine Werke wurden verbannt und gerieten auch in Ungarn in Vergessenheit. Erst nach dem Zerfall des Ostblockes hätte sich vermutlich für den Hochbetagten eine Gelegenheit ergeben, zumindest nach Ungarn zu reisen, wenn schon nicht nach Siebenbürgen. Aber er tat es nicht. Und er tat gut daran, denn das Land seiner jungen Jahre gab es nicht mehr, er hätte es vermutlich nicht wiedererkannt und sein Herz hätte aufgrund des Verfalls geblutet.

Ist möglicherweise ein Bild von Text „Magyarnak lenni nem α szó, a név, az Ősök, az élet... え0・・ magyarrá csak a δζί tesz és a lélek! Wass Albert“

Hochzeit mit Eva Siemers in Hamburg – Wass im Dolman.

Auch privat lebte er diese Maxime. Die überraschend schnelle Trennung von seiner Frau, die aufgrund ihrer Tuberkulose-Krankheit kein Visum für Amerika bekam und vorerst mit dem jüngsten Sohn in Hamburg bleiben mußte, um später nachzureisen, und die baldige Ehe mit einer Amerikanerin, wirkten menschlich seltsam und werden von den wohlwollenden Biographen wie eine heiße Kartoffel behandelt. Der tiefere Grund dürfte aber in jener Lebensmaxime liegen. Vielleicht ist sie ihm in diesem ersten Jahr in der Fremde überhaupt erst aufgegangen.

In den Briefen an seine Ehefrau Eva ändert sich schnell der Ton und es kann fast hartherzig wirken, wie er sich plötzlich von ihr lossagt. Äußerlich mögen es administrative Gründe gewesen sein, die die Nachreise verunmöglichten, innerlich hatte Wass aber schnell begriffen, daß nun ein neues Leben beginnt, in vollkommen neuen Umständen und daß sich auch seine Lebensaufgabe komplett geändert hatte.

Er gehörte nun zu den Emigranten, sein Einfluß im Heimatland war beendet, ab jetzt galt es, in den USA für die Sache Siebenbürgens zu kämpfen, hier mußten zum einen die Auslandsungarn für die Sache lebendig gehalten und zum anderen Einfluß auf die amerikanische Politik erlangt werden, die Interessen der siebenbürgischen Ungarn in den großen internationalen politischen Gremien auf die Tagesordnung zu bringen. Wass hatte kleinere Erfolge damit, die weltpolitischen Entwicklungen waren freilich zu stark, um wirklich etwas ändern zu können, aber für einen standhaften und prinzipienfesten Menschen gibt es keine Alternative: er muß tun, was er für richtig hält, sei es auch umsonst. Die Ehefrau gehörte schon nicht mehr dieser neuen Welt an, die neue Frau – die dann seine große Liebe wurde – war die ideale Gefährtin für die neue große Aufgabe.

Keine Fotobeschreibung verfügbar.

Albert Wass mit zweiter Frau, der Amerikanerin Elizabeth McClaint

Doch ganz unabhängig von Wass‘ Biographie bleibt der Gedanke valent. Er ist ja auch nicht neu, er ist uralt – „Laßt die Toten ihre Toten begraben.“ – und doch bekommt er aus einem solchen Mund neue Bedeutung. Man sollte es unterlassen, verloschene Lieben wieder anzuzündeln. Beendete Freundschaften haben ihren vergangenen Wert auch für die Zukunft als Erinnerung, aber es wäre ein Fehler, sie aktualisieren zu wollen. In seiner Hiob-Geschichte beschreibt Wass sehr eindrücklich den Geruch des niedergebrannten Hauses, der durch den Regen ausgelöschten Asche – es wäre fatal, dort ein neues Feuer zu entfachen oder gar ein neues Haus bauen zu wollen.

Der zweite lautet – und auch hier weiß ich die genaue Stelle nicht mehr zu sagen –: Wenn dich durch einen existentiellen Verlust, Trauer, Gram und Sorge zu stark niederdrücken, dann wechsle den Ort, ändere dein Leben radikal, springe heraus aus deinen Zusammenhängen.

Wir alle kennen Menschen, die sich jahrelang nach dem Verlust – durch Trennung, durch Tod – des geliebten, des zentralen Menschen in ihrem Leben martern und grämen, vielleicht irre werden, sich mit Alkohol betäuben, das Sonnenlicht meiden oder sich in wilde Vergnügungen stürzen … Sie haben ihr Leben an dieser Liebe ausgerichtet, sie waren und sind abhängig geworden. Man kann ihnen zureden, so viel man will: tu dies, tu das. Man kann versuchen, sie abzulenken. Nichts hilft. Es kann auch nicht helfen, weil sie von den gleichen Fäden umsponnen werden, in denen sie auch damals, als sie sich noch glücklich wähnten, verstrickt waren. Wer unter Menschen lebt, ist zugleich von ihren Sorgen und Beziehungen eingesponnen.

Hier hilft vielleicht nur eines und diese Entscheidung muß aus der Person selbst kommen, weshalb es sinnvoll und notwendig ist, diesen Gedanken schon lange vorher präsent zu haben, sich damit auseinanderzusetzen, ihn einzuüben.  Ein Neubeginn: andere Menschen, andere Luft, anderes Land, andere Sprache, andere Beschäftigung, andere Rhythmen.

Ein Neuanfang wirkt zuvor beängstigend, wird aber oft als befreiend empfunden, hat man ihn einmal gewagt. Wenn man sich darauf vorbereitet hat, muß man vielleicht auch nicht komplett von Null anfangen, hat sich schon Sicherheiten geschaffen. Meist aber fallen die Dinge wieder ineinander, eines ergibt das andere. Die einst geliebte Person ist deshalb weder vergessen noch verraten worden. Sie war Bedingung dafür, daß man die Kraft für einen Neuanfang gefunden hat.

Und ganz wichtig: die erste Weisheit nicht vergessen!

[1] Gebt mir meine Berge zurück
[2] Die Hexe von Funtinel

siehe auch: Wass – Schund oder Kunst

Der Engel vom Himmel

und andere

Ein Gedanke zu “Zwei ewige Lebensweisheiten

  1. Flosafraca schreibt:

    Schon die anderen Artikel haben mein Interesse an Wass geweckt. Würde ihn gerne lesen, aber deutsche Übersetzungen sind rar, meist alt, meist sehr teuer. Neue Bücher habe ich nicht gefunden. Ungarisch wäre kein Problem, aber das verstehe ich nun wirklich nur „kicsit“.

    Gibt es da eine Quelle, wo ich mich in Deutsch bedienen könnte?

    Seidwalk: Im Moment gibt es die noch nicht. Wenn ich nicht irre, dürfte es bald eine erste neue Übersetzung eines Romanes – „Gebt mir meine Berge zurück“ – geben. Darüber werde ich natürlich informieren, sobald ich sie in der Hand halte.
    Im Moment kann man bei Amazon, Booklooker, ZVAB etc. die „Hexe von Funtinel“ in ein oder zwei Exemplaren recht günstig bekommen. Das ist die Übersetzung von Podmaniczky. Der hatte auch Márai übersetzt. Die Wass-Übersetzung halte ich aber für fraglich, sie ist zudem sehr stark – etwa um ein Drittel – gekürzt. Dennoch gibt das Buch einen ersten Einblick. Es ist unter dem seltsamen Titel „Es sind die größten Schmerzen nicht worüber Frauen weinen“ erschienen.

    Flosafraca: Danke sehr. Dann werde ich mich wohl in Geduld fassen und auf die Neuübersetzung warten.

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