Géza der Bär

Fortsetzung von: Bären und Salamander

Unser Herbergsvater hat auch das Wesen – und das Aussehen – eines Bären. Mit tapsigen Schritten ist er ununterbrochen unterwegs, organsiert, läuft, redet. Jeden Abend kommen neue Gäste und jeden Abend reden sie sich bei Pálinka und Csiki-Bier die Köpfe heiß. Zwei Abende lang sitzt ein Theaterschauspieler nebst Intendantin an seinem Tisch. Die Gespräche sind immer reichhaltig, sie drehen sich um Politik, Geschichte, Literatur und natürlich um Erdély, um Siebenbürgen und die Ungarn. Zu gern säße ich dort als gleichberechtigter Gesprächspartner, aber die Sprachbarriere, die Schnelligkeit und die komplexen Themen lassen das nicht zu. So versuche ich zu lauschen und zu lernen.

Schnell wird klar, der Mann ist deutlich mehr, als er erscheint. Immer wieder läuft er zu einem Bücherregal und schleppt Beweise heran. Ein dickes Dossier loser Blätter wird jeden Abend hervorgeholt: es ist seine Securitate-Akte, die Protokolle all jener Spitzel – sie tragen die Namen „Abel“, „Zoltán“ oder „Gábor“, waren also ethnische Ungarn im Rumänien Ceausescus –, die ihn und seinen Vater bespitzelt haben. Warum aber war er interessant? Nun, er ist der Enkel von János Kemény und wie der Zufall es will: dieser Kemény spielte hier auf dem Blog bereits eine Rolle … ich selbst kannte ihn nur noch nicht. Wir sehen ihn auf einem Photo neben Sándor Márai stehen … und János Kemény war eine zentrale Gestalt des ungarischen und des siebenbürgischen Kulturlebens.

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Über dem Maros thronend: das Kemény-Schloß in Marosvécs

Das Jagdhaus, in dem wir logieren, gehörte auch den Keménys – nebenbei: die Tür wird dort nie verschlossen. Seinen Namen „Auguszta“ hatte es erhalten, weil Keménys Frau und große Liebe eine Schottin dieses Namens war. Auch sie hatte der Zufall zusammengeführt: Sie und ein Freund fuhren mit dem Motorrad durch Europa, aber just im Dorf hatte die Maschine eine Panne, niemand sprach englisch, also verwies man sie an den Grafen und am nächsten Tag schon machte er ihr einen Heiratsantrag. Sie wurde Ungarin, mochte das Rumänische nicht und soll zum Ende ihres Lebens fehlerfrei gesprochen haben.

Sie hatten ein Schloß besessen, keine 20 km von hier entfernt. Die Kommunisten hatten es ihnen genommen, der Familie wurden 30 Minuten gegeben, ihre wichtigsten Sachen zu packen. Und unser Géza war es, der – zusammen mit seiner Familie, also als rechtmäßiger Erbe – das Schloß Anfang der 2000er Jahre zurückerwarb und in jahrelanger ehrenamtlicher Arbeit, mit privaten, mit Spenden- und mit Geldern der ungarischen Regierung wieder vorzeigbar machte. In den Jahren Ceausescus hatte es als Gefängnis und als psychiatrische Anstalt gedient und wurde komplett heruntergewirtschaftet.

Dieses „kastély“ in Márosvécs (heute: Brâncovenești – aber wir vermeiden, die rumänischen Namen zu nutzen) ist mehr als nur ein historisches Gebäude mit mittelalterlicher Geschichte. Bedeutsam wurde es in den 20er bis 40er Jahren als Treffpunkt der Helikon-Künstlergruppe. Ihr gehörten bis zuletzt 55 Schriftsteller, Poeten, bildende Künstler, Intellektuelle an, die Crème de la Crème der siebenbürgischen Kultur und mitten unter ihnen auch Albert Wass. Von ihm stammt das Wort: … mir fällt es jetzt nicht ein … ich steige die Treppe hinab, wo Géza gerade das Abendessen bereitet und frage ihn nach dem Zitat … und es kommt, wie aus der Pistole geschossen …: „Marosvécs az erdélyi irodalom olympusza volt. Ahova csak lábujjhegyen és lélegzetvisszafojtva lehetett belépni. – Marosvécs war der Olymp der siebenbürgischen Literatur. Wo man nur auf Zehenspitzen und atemlos eintreten konnte.“

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Der Helikon-Tisch wurde gerade restauriert (rechts) – In kleinen Schritten und mit geringen Mitteln rettet Géza Nagy-Kemény das historische Erbe

Mehr noch, im Park hinter dem Schloß steht nicht nur der von Károly Kós aus Sandstein gehauene „Helikon-Tisch“, nicht nur die Gräber János Keménys und seiner Frau, nein, auch die Trauerstätte Albert Wass‘ befindet sich dort. Darauf  – neben wenig gelungenem Portraitrelief – die schlichten Worte: „A kő marad“. „Sírhely“ nennt man das hier, sír bedeutet aber weinen und trauern, man kann es auch mit „Grab“ übersetzen, aber Trauerstätte ist passender, denn von Wass‘ sterblichen Überresten liegt hier nur ein Teil; ein weiterer ist in Florida verblieben, wo er 50 Jahre seines Lebens verbracht hatte, ohne seine Heimat je wiederzusehen, und ein dritter wurde auf dem Istenszéke, dem Gottesstuhl  verstreut.

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Hunderte Kränze und Gedenkschleifen zieren das ungarische Grab Albert Wass‘

Dem Schloß widmen wir einen ganzen Nachmittag. Nur wenige Leute finden hierher, vornehmlich Ungarn, selten Rumänen und wohl noch seltener Ausländer. Der junge Führer kann sich also voll und ganz uns widmen, mehr als drei Stunden lang, wir können ihn mit Fragen löchern. Es ist mittlerweile in einem respektablen Zustand. Nach dem Krieg ist es von der örtlichen Bevölkerung komplett geplündert worden, in den letzten Jahren hat Géza Teile der gestohlenen Sachen zurückgekauft. Alle Räume sind nun zumindest mit zeitgenössischem Mobiliar ausgestattet.

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Die historische Bibliothek – heute ist der Raum leer, dem Parkett entströmt Ammoniakgeruch (wie der Führer es euphemistisch ausdrückte)

Nur das ehemalige Bibliothekszimmer ist noch leer. Man kann es über eine schöne marmorne Wendeltreppe erreichen, aber auch nach Jahrzehnten ist der Uringeruch darin geblieben. Seine Balken und Dielen müssen komplett mit Urin getränkt sein, alles Lüften, Schleifen, Bearbeiten hat es nicht geschafft, dies zu ändern. Dort hausten in sozialistischen Zeiten die Geisteskranken: man muß sie über viele Jahre in ihren eigenen Exkrementen dort allein gelassen haben. Nach der Wende, so erzählt uns der junge Guide, kam ein neuer Vorstand, die Bedingungen wurden besser, heute steht eine nagelneue Anlage auf der anderen Seite des Hügels oberhalb des Maros.

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Detail aus dem Helikon-Zimmer: drei Exemplare der klassischen Ausgabe, in der fast alle Autoren des Kreises veröffentlicht haben, insgesamt 75 Bände

Zuletzt kommen die Zimmer, die an die Literaturbünde, die Zeitschriften, die historischen Ausgaben erinnern. Mein Manna. Ich sauge jedes Wort und jedes Bild auf. Bekannte Namen, schon gelesene oder gekaufte Titel mischen sich mit viel viel mehr Unbekanntem, das nun verführerisch lockt, ungeahnte Lesegenüsse und Erkenntnisse verspricht, aber doch viel zu viel ist für ein einziges Leben. Allein die Zeitschrift „Helikon“ mit ihren 30 000 Abonnenten ist an Bedeutung nicht zu unterschätzen, andere Blätter komplementieren den Schatz. An den Wänden die Portraits der 55 Autoren, in den Vitrinen die typischen, heute klassischen Ausgaben der „Erdélyi Szépmives Céh“, eines Verlages aus Kolozsvár, der eine Reihe Bücher auch in einer Art Wolle oder Filz eingedeckt hat, was das pastorische Element der hiesigen Literatur auch optisch-haptisch unterstreicht.

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Große Versuchung! Noch zu haben: Sammlung der Helikon-Hefte

Am Ende der Führung werden wir von einer anderen kleinen Gruppe eingeholt. Ihnen erklärt Géza auf Rumänisch die Bedeutung von allem. Am Abend im Gasthaus berichtet er dann, wie er die Rumänen bat, doch nur für fünf Minuten sich in die Rolle der Ungarn zu versetzen, um zu verstehen, was die Minorität bewegt. Eine der Frauen sei danach zu ihm gekommen und habe gestanden, daß er recht habe.

Aber das erzählt er nur im Vorübergehen, denn schon gilt es, die nächste Aufgabe zu bewältigen. Eine jugendliche Wandergruppe ist angekommen, vielleicht fünfzehn Leute, alle hungrig und verschwitzt. Sie stammen aus Szendendre, ihr Auto verrät sie als Gymnasialschüler. Aber auch sie bekommen den Pálinka zur Begrüßung und sprechen ihm danach noch fleißig zu. Bevor es zum Essen geht – Zwiebelsuppe, dann Schnitzel mit Puliszka[1] –, sprechen sie ein gemeinsames Gebet. Schließlich hat noch einer Geburtstag; ihm wird ein Buch überreicht, das er gerührt in Empfang nimmt. Es sind die – ich glaube mittlerweile nicht mehr an den Zufall – die gesammelten Gedichte von Albert Wass!

Géza nimmt sich das Buch, hält eine kurze Rede, die Jugendlichen schweigen andächtig, dann schlägt er es auf und rezitiert zwei Verse aus Wass‘ bekanntestem Gedicht: „Üzenet Haza“. Sein Schlußreim, den in Ungarn jeder kennt, lautet:

A víz szalad, a kő marad,
a kő marad.

Das Wasser fließt, der Stein bleibt,
der Stein bleibt.

[1] Davon leben die Menschen in Wass‘ Romanen über Monate – es ist eine Art Polenta.

siehe auch: Der Gottesstuhl

Bären und Salamander

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