Dann geh doch!

In seinen autobiographischen Schriften entsinnt sich Albert Wass einer berührenden Szene.[1] Er war elf Jahre alt, als der Dichter Sándor Reményik folgendes Gedicht im Hause Wass verlas. Reményik galt damals als einer der begabtesten siebenbürgischen Dichter, ein Hauptvertreter des Transsylvanismus. Während der Dichter die Zeilen deklamierte, so erinnert sich Wass, marschierten draußen vor dem Fenster rumänische Truppen vorbei. Erdély – wie die Ungarn Siebenbürgen nennen – wurde von Rumänen besetzt und durch den Trianoner Vertrag dem südlichen Nachbarn zugeschlagen. Die Ungarn hatten eine schwere Entscheidung zu treffen – von dieser handeln die Zeilen.

Im Zimmer herrschte stille, feierliche Stimmung. Der junge Wass sieht die Rührung in den Gesichtern der Eltern und Großeltern, die Tränen in den Augen der Frauen. Die Zeilen sprechen von einer Schicksalsentscheidung: Gehen oder bleiben? Über diese Frage hatte es in der ungarischen siebenbürgischen Gesellschaft und später auch im Helikon-Dichter-Kreis erhitzte Diskussionen gegeben. Sándor Makkai etwa, neben Wass, Aaron und Reményik vielleicht der bedeutendste Autor des Landes, seit 1926 auch Bischof der Reformierten Kirche, traf eine eigene Entscheidung, zog sich 1937 vom Bischofsamt zurück und verließ Erdély in Richtung Debrecen. Der Text, den er dann als Begründung unter dem Titel „Nem lehet“ (Es kann nicht sein) veröffentlichte und in dem er die Unhaltbarkeit des Minderheitenlebens aufzuzeigen versuchte und die Schwierigkeiten, noch im eigenen Land weiterleben zu können, erregte großes Aufsehen[2].

Albert, der Knabe, bricht das betroffene Schweigen in obiger Situation, indem er zu „Onkel Sándor“[3] – Sándor bacsi – geht und ihm sagt: Ich bleibe auch! Zusammen mit dir will ich dieser Docht sein, jene Welt in Brand zu setzen.

Die Geschichte wollte es anders: Reményik blieb tatsächlich und zog sich in die innere Emigration zurück. Wass hingegen floh 25 Jahre später das Land und landete über Deutschland in Florida, wo er den Großteil seines Lebens verbringen sollte. Als er an jene Szene zurückdenkt, da weiß er schon, daß er wohl nie mehr Heimatboden betreten wird, in dem Reményik seit 1941 bereits begraben liegt. Der alte Mann denkt an die vielen Krähen, die noch immer dort auf dürren Ästen sitzen.

Docht wurde er dennoch – nicht als Kämpfer, sondern als umkämpfter Autor, den die einen vergöttern und die anderen verteufeln.

Ich habe dieses Gedicht übersetzt[4], weil es auch auf eine aktuelle Frage eine Antwort gibt – die man, wie die Geschichte der beiden Männer zeigt, verschieden beantworten kann. Man muß sie sich nur stellen.

Dann, wenn du kannst!

Geh doch, wenn du kannst …
Geh, wenn du denkst,
Daß irgendwo, wo auch immer in der großen weiten Welt
Du dein Schicksal leichter ertragen kannst,
Geh…

Flieg wie die Schwalbe, gen Süden,
Oder gen Nord, wie der Sturmvogel,
Hoch oben vom unermesslichen Himmel,
Erspähe den Ort,
Wo sich deine Nistwünsche entfalten.
Geh, wenn du kannst.

Geh, wenn du ohne Glauben
Glaubst: die Heimatlosigkeit da draußen
Sei weniger bitter, als hier drinnen.

Geh, wenn du glaubst,
daß da draußen in der Welt
aus deiner Seele, aus diesem empfindsamen, lebendigen Holz
die  Erinnerung keine neuen Kreuze zimmert.

Aus deiner Seele nachlassendem Sturm
Steigen unbemerkt tausend neue Stimmen auf,
Heult, schreit,
nagelt dich an das Kreuz der Erinnerung
das Heimweh und die Sorge.
Geh, wenn du nicht glaubst.

Wenn du siehst, daß alles verloren ist:
Eher, anstatt hier das Joch zu tragen,
Wirf in den Wind all deine alten Träume;
Wenn du dann siehst, daß alles verloren ist,
Geh in die unberührten Wälder, jenseits der Meere[5]
Zwei arbeitende Hände anzubieten.
Dann geh, wenn du in der Lage dazu bist.

Ich bleibe hier, zu Hause!
Krächzend und düster,
Wie eine Winterkrähe auf einer dürren Schwarzpappel.
Noch weiß ich nicht:
Ob mir ein stiller Platz bleibt,
Aber ich bleibe hier.

Ich werde der nagende Wurm[6] im fremden Baum sein,
Ich werde die Neige im leergetrunkenen Kelch sein,
Im fremden Blut werde ich das Gift sein,
Miasma, Fieber, schleichendes häßliches Gewürm[7],
Aber ich bleibe hier!

Ich will die Totenglocke sein,
Die begräbt: die in den Ohren der Hörenden fleht
Und aufwiegelt: das Unsrige zurückzuholen!
Ich will die Zündschnur sein,
Ein Teil der Lunte, das Blut entflammen,
Das noch zehn – hundert Jahre schwelt
In der Asche, in der Nacht.

Bis es das Schießpulver der Bitterkeit erreicht
Und dann….!!!

Noch weiß ich nicht:
Ob mir ein stiller Platz bleibt,
Bis dahin, Krähe auf dürrer Schwarzpappel:
Ich bleibe hier.

[1] Wass Albert: Voltam. Szentendre 2020. S. 77 f.
[2] Siehe: Takaró Mihály: Wass Albert regényeinek világa. Budapest 2004. S. 60
[3] Reményik
[4] Ein zweistrophiger Mittelteil wurde ignoriert, da er dem deutschen Leser unverständlich bleiben muß – darin werden spezifische Ereignisse der siebenbürger Geschichte beispielhaft erwähnt.
[5] Amerika
[6] szú = Borkenkäfer, Holzwurm
[7] ferég = Wurm

2 Gedanken zu “Dann geh doch!

  1. Ulrich Sckaer schreibt:

    Dieses große Gedicht, um das Sie unsere Muttersprache bereichert haben, zeigt den entscheidenden Zwiespalt.
    Ich habe Jahre gebraucht bis zur Entscheidung: Ich bleibe hier – nicht als ferég, eher als der nagende szú – und begleite meine gerade erwachsen gewordenen Kinder, wenn sie es möchten, bei ihrer eigenen Entscheidung, – um die sie wohl nicht herumkommen werden. Vermutlich wird es ihnen, so oder anders, leichter fallen als mir. Auch die Kenntnis der tragischen Zeilen von Sándor Reményik kann dazu beitragen.
    In den vergangenen drei Tagen sah ich mehrere Formationen von Kranichen auf ihrem Zug und hörte ihre weittragenden Gespräche. Das ist doch auch eine Perspektive.

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