Klima-Kleber kapieren

Immer wieder hört man Erstaunen, Unverständnis, große Verunsicherung, weshalb die sogenannten Aktivisten diverser radikaler apokalyptischer Umweltschutzbewegungen sich ausgerechnet an berühmte Kunstwerke kleben und diese mit seltsamen Materialien beschmutzen. Was kann man denn gegen van Gogh, Klimt oder Raffael haben? Die Antwort ist bedeutsam – nur wenn wir sie finden, können wir diese jungen Menschen verstehen.

FireShot Capture 755 - Vincent van Gogh_ Tomatensuppe-Attacke auf Gemälde ist Populismus - S_ - www.stern.de

© Stern

Die Differenz zu anderen Aktionen ist offensichtlich. Wer das Auto als existenzbedrohende Gefahr identifiziert, der will es zum Halt bringen. Das Ankleben auf Straßen enthält keine subtile Botschaft, auch das sich Festleimen an Luxuskarosserien ist schnell begriffen. Dies sind die Fortsetzungen des klassischen Reifenstechens oder Scheibenzerschlagens, ihre Neuheit besteht in der Weigerung, unmittelbar destruktiv zu sein. Ein zerstochener Gummi hat nur einen neuen zur Folge, mehr Abholzung, mehr Kautschuk, mehr Energieaufwand …, löst das Problem also nicht, sondern perpetuiert es nur. Bringt man den Verkehr zum Stehen, so hat man die Megamaschine zumindest für einen kurzen Moment an dieser einen Stelle ins Stottern gebracht. Es hat freilich nicht lang gedauert, bis man auf das Problem der mittelbaren Destruktivität stieß, etwa indem man Rettungswagen den Weg versperrte, die sonst vielleicht einen Tod hätten verhindern können. Es tut nichts zur Sache, wie hypothetisch diese Aussage ist, es zählt die Möglichkeit.

Aber warum nun teure Kunst? Die erste Antwort liegt bereits in der Frage; weil sie teuer ist und zwar im doppelten Sinne. Es mögen auch ganz pragmatische Gründe eine Rolle spielen, etwa die leichte Zugänglichkeit, das zu erwartende Medienecho. Aber auch das hat etwas mit dem Teuren zu tun. Diese Kunstwerke repräsentieren mehr als nur einen materiellen Wert, sie sind nicht nur pekuniär teuer, sie sind uns teuer, wertvoll, kostbar als Kunst- und Kulturwerke. Darin liegt die versteckte Botschaft der „Aktivisten“.

Sie haben sich in ein komplett angstgetriebenes Denken hineinmanövriert, das alle Mittel zu rechtfertigen scheint, und hebeln damit den Kantschen Konsens der Zweck-Mittel-Formel[1] aus. Noch sind es nur menschliche, menschheitliche Werke, die man zum reinen Mittel erklärt, bald dürften es auch direkt Menschen sein.

Ihre Botschaft ist klar und deutlich: sie propagieren den Kulturbruch, das Ende eines Zeitalters, ja das Abbrechen der geschichtlichen Kontinuität. Sie sind im höheren, im Eigenverständnis positiven Sinn, kulturlos, sie haben sich aus der kulturellen Kumulation abgemeldet und behaupten, daß all das, all die geistigen und künstlerischen Güter im Angesicht der dräuenden Katastrophe nicht mehr zählen, d.h. sie nehmen für sich in Anspruch, diesen Schatz an Wissen, Können, Fertigkeiten nicht mehr zu benötigen, denn die Aufgaben der Zukunft können damit nicht mehr gelöst werden, mehr noch, schlimmer noch, dieses Wissen – „Herrschaftswissen“ – hat uns erst an den Rand der Extinction geführt. Das Argument, daß es kulturelle Substanz braucht, um hochkomplexe Probleme lösen zu können oder es doch zumindest zu versuchen, wirkt nicht mehr überzeugend. Nietzsche hatte mit seiner Formel „Umwertung aller Werte“ als erster diese Dynamik erfaßt.

Indem sie sich an das Wertvollste der europäischen Kunst und Kultur wagen, signalisieren sie deren von nun an geltende Wertlosigkeit. Daß die uns bedeutenden Werke zudem mit Büchsenfraß beschmiert werden, ist ebenfalls bezeichnend, denn Heinz Tomato Soup steht nicht erst seit Andy Warhol und Richard Pettibone – die man zitiert – für die totale Entkultivierung auch der Eßkultur, also des basalsten aller Weltzugänge, die vor allem von Amerika ihren Siegenszug antrat, es verbündet sich auch mit dem Konzept der postmodernen Beliebigkeit, dem konturlosen Gemisch, dem Brei der Insignifikanz.

Man muß diesen Leuten fast dankbar sein, sprechen sie doch einen Grundgedanken – der noch immer versteckt erscheint – unserer Epoche aus, der auch dann seine Gültigkeit hätte, wenn es keine Klima-Apokalypse gäbe, wenn der Lebensstil des modernen Menschen vom ihn tragenden natürlichen System problemlos abgefedert werden könnte.

Denn nicht erst die Angst, die drohende Apokalypse entkoppelt uns von der Geschichte und relativiert alles kulturell Geschaffene, sondern bereits Technik und Geschwindigkeit haben diesen Prozeß – selbst, wie gesagt, wenn sie ökologisch folgenlos blieben – in Gang gesetzt. Die Lebenswelten dieser letzten zwei oder drei Generationen sind so dramatisch von allen vorherigen unterschieden und also im Verständnis abgeschnitten, daß Worte oder Zeichen – und mögen sie noch so künstlerisch vollendet sein – sie nicht mehr erreichen können. Und das gilt zunehmend auch umgekehrt.

Die moderne Menschheit ist in eine neue Epoche eingetreten, die alle vorherigen komplett beendet, nicht mal mehr im hegelschen Sinne aufhebt, sondern tatsächlich beendet. Über zehntausend Jahre war die generationelle Tradierung gewährleistet, Neues kam stets hinzu, aber in sehr kleinen Portionen, so daß Anpassung und Verständnis jederzeit gewährleistet waren, selbst über viele Generationen hinweg. Noch die Renaissance, ja selbst die Klassik hatten ein weit verbreitetes Einfühlungsvermögen in die griechische und römische Kultur, mühelos wurden anderthalb Jahrtausende überbrückt, weil man noch immer zu Fuß gehen oder ein Pferd besteigen mußte, weil man noch immer hinter dem Pflug herlief, man sich im Kampf noch immer Mann gegen Mann gegenüberstand und man sich besuchen mußte, wollte man sich sehen oder mündlich austauschen… All das kommt an sein Ende. Was wissen diese jungen Leute noch von der Sixtinischen Madonna, was können sie noch wissen?

Und sie schreien es uns in ihren Aktionen ins Gesicht: Nichts! Sie kommen nicht mehr von dort her und sie sehen in der Vergangenheit nur die Wurzel aller Zerstörung. Und zerstören sie nun selbst. Sie sind kulturell elternlos, sie sind die ersten legitimen Kinder der Singularität.

Freilich, sie werden von uns, den Älteren, den Kulturmenschen, den Kulturmitteln auch unterstützt und überhaupt erst möglich gemacht. Sie sind Terroristen – man muß dafür nicht die RAF bemühen, auch wenn die Wege ganz offensichtlich in diese Richtung weisen. Sie sind Terroristen aus mehreren Gründen: sie verbreiten die Schreckensbotschaft – das ist die Definition des Wortes „Terror“ gleich in doppelter Gestalt: als apokalyptische Vision und als zerstörerischer Akt des Geliebten und Geschätzten, und sie vertrauen auf das Medium, denn Terror kann nur dann als solcher fungieren, wenn er sich der medialen Verstärkung gewiß ist. Auch deswegen muß es Van Gogh sein.

Will man diesen Terror unmittelbar bekämpfen, dann helfen weder Gegenaggressionen noch langfristige politische Pläne, ihren Forderungen so schnell als möglich nachzugeben. Man kann diese Art Terror nur durch das Kappen der Aufmerksamkeit beenden. Keine Kamera, keine Nachrichten, kein Reporter, Ignorieren der selbstgenerierten Skandale auf sozialen Netzwerken … das wäre das einzige Mittel.

Leider wird es nicht in Erwägung gezogen werden, denn das widerspräche ebenjener Akzelerationslogik, die der modernen Gesellschaft zugrunde liegt, die jene Aktivisten beenden wollen, indem sie sich ihrer bedienen, und die den radikalen Kulturbruch letztlich hervorbringt.

[1] „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst“.

2 Gedanken zu “Klima-Kleber kapieren

  1. M. Wolff schreibt:

    Meiner Ansicht nach hat hier der Autor erheblich mehr Intelligenz bei den Aktivisten unterstellt und in deren Aktionen hinein interpretiert, als tatsächlich vorhanden ist. Die wollen nur Aufmerksamkeit und ihr (eigenes ) Foto in den Medien veröffentlicht sehen. Dann kann man sich „gut“ und „wichtig“ fühlen.- Klicks und Aufmerksamkeit, das ist die Währung der heutigen Jugend. Die Zusammenhänge, die hier unterstellt werden, würden diese Typen nicht mal verstehen, wenn sie diese hier lesen würden.

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Mit Verlaub gesagt, die materielle Kultur, die Technik, die Wissenschaft sind ebenfalls Teil der Kultur und müssen tradiert werden. Mich schmerzte es nicht, wenn eine von Tausenden Schmerzensreicher, mit expressivem Gesichtsausdruck und aus inzwischen grauschwarzschmierigem und wurmstichigen Holz geschnitzt, den Weg alles Vergänglichen ginge.² Aber wenn sich Technik und Wissenschaft verlören, dann hätten wir ein großes kulturelles und übrigens auch materielles Problem.

    Und wir haben es. Denn in der jüngeren Generation, von der ein immer höherer Anteil auf die Universität geht, studiert ein absolut immer geringerer Teil naturwissenschaftliche und technische Fächer. Dazu noch pullulieren die „naturwissenschaftlichen“ Bindestrichfächer, deren Benennung allein nicht selten an Loriots Szene zu Frau, Umwelt und Karneval erinnert.³ Offensichtlich hat er mit diesem Tripel treffend die Innenpolitik der letzten und vielleicht noch nächsten 20 Jahre in den westlichen Staaten treffend charakterisiert. Erst die Erhöhung der Arbeitsproduktivität durch Technik hat es überhaupt ermöglicht, dass die Gesellschaft produktiv nutzlose Klassen in einem großen Ausmaß hervorbrachte, weil sie durch Umverteilung aus dem Arbeitsprodukt der anderen ernährt werden konnten. Klassen mit selbstredend Ideologien der eigenen Unverzichtbarkeit und mit umfassender ökonomischer und naturwissenschaftlich-technischer Ahnungslosigkeit, dabei aber selbstgewissem Führungsanspruch. Die deshalb, angeführt von lauten und vorbildlich in allem außer selbstgerechter Moral ungebildeten politischen Protagonisten¹, eifrig am Ast sägen, auf dem sie selbst sitzen.

    Das Ärgernis bei der Klebejugend ist nicht diese selbst, sondern die klügeren Älteren, die sich von naiven und ideologisierten Jüngeren auf der Nase herumtanzen lassen. Vermutlich wurde in der Kindheit der „Aktivisten“ zu wenig „geklebt“ – oder doch zumindest nach kindlicher Missetat der Nachtisch entzogen.

    ――――――――

    ¹ Quel embarras de richesse! Jetzt will Pressluft-Annalena auch noch ein Land schützen, das Hunderttausende von Kilometer entfernt liegt.
    ² Um Riemenschneiders [Marienretabel] (https://de.wikipedia.org/wiki/Herrgottskirche_(Creglingen)#Marienretabel) in Creglingen wäre es dagegen schade.
    ³ Frau, Umwelt und Karneval, Szene aus Loriots Film Ödipussi

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