Transversale Vernünfteleien

Ein jegliches Reich, so es mit sich selbst uneins wird, das wird wüst; und eine jegliche Stadt oder Haus, so es mit sich selbst uneins wird, kann’s nicht bestehen. (Matth. 12.25)

Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, Jürgen Habermas recht zu geben, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Wir sind im Reich des Transversalen angekommen. Auch allerletzte Gewißheiten verschwinden, Fronten lösen sich auf und immer mehr politisch-historische Tatsachen lassen sich immer weniger mit dem gewohnten Besteck sezieren. Selbst der Riß bekommt Risse.

Nun also der Krieg in der Ukraine, der dazu zwingt, Position zu beziehen. Davor war es Corona, die Westbindung, dieMigration und davor der Klimawandel, die Atomenergie, Windräder usw. und jedes Mal wird es schwieriger, sich in den gewohnten Beziehungen zu finden. Man wird zur Meinung gezwungen, denn keine Meinung haben oder sich zurückhaltend zu äußern gilt heutzutage als eine der verräterischsten: sie wird als aggressiver Affront gegen jeden Mainstream interpretiert. Dabei wird das Gemisch an Allianzen immer bunter und chaotischer. Man sieht sich mit einem Male an der Seite einer Ulrike Guérot oder muß einem Schlappschwanz wie Ingo Schulze zustimmen, während ewig gewähnte Bündnisse in Detailfragen wie Staub zerfallen.

Gerade an den Randparteien läßt sich das wunderbar beobachten. Durch Linke und AfD gehen vielfältige Trennlinien, sie alle verlieren zusehends an Kontur und Identität, das gemeinsame Band – hier das soziale, dort das ethnische – bindet nur noch schwach, bis in die politischen Kapillaren hinein, ja bis in die Individuen hinein kriecht der Zweifel. Und es kann auch gar nicht anders sein, denn die Entscheidungen, die zu treffen sind, nehmen immer öfter den Charakter der Unentscheidbarkeit an. Je komplexer die Probleme werden, umso weniger lassen sie sich anhand einer gut-schlecht oder richtig-falsch oder links-rechts-Dichotomie entscheiden. Alles ist jederzeit alles zugleich – Lüge und Wahrheit, Irrtum und Erkenntnis und wie die Sonne Heines geht sie vorne unter und kehrt hinten zurück.

Wolfgang Welschs Konzept der „Transversalen Vernunft“, das er vor 25 Jahren im Endbereich der philosophischen Postmoderne entwarf[1], teils, um diese noch zu retten, erlangt neue Aktualität, wenn auch anders, als intendiert. Die Spaltung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethiken kommt in die Phase der Selbstüberholungen und wird fluide. Welsch hatte sein Konzept gegen den „pluralen Verstand“ geschrieben, ihm ging es weniger um die sich jeweils benachbarte Vielfalt und die Akzeptanz von deren Existenz, als um die „Bedeutung der Übergänge“, um eine „transversale Vernunft inmitten der Konstellation von Pluralität“. Was diesen Gedanken überholt hat, ist die Annahme klar zu distinguierender Vernünfte, die dann ineinander verfließen könnten. Nein, heutzutage gibt es schon diese sich selbst identische Vernunft in der Vielzahl nicht mehr. Es gibt nur noch Vernünfteleien, d.h. innerhalb der identischen Einheiten, von den politischen bis zu den personellen, taktische Übereinstimmungen, die an der nächsten Kreuzung sich schon wieder trennen und erbitterte Feinde werden können, es gibt nur noch die kleine Vernunft, die außerhalb ihrer keinen grundlegenden Konsens mehr zuläßt und doch zu vollkommen absurden, wenn auch kurzlebigen Allianzen und Bruderschaften führt.

Für das politische System, für die „Demokratie“ wird das entscheidende Folgen haben, die im Konkreten kaum, im Allgemeinen sehr wohl abzusehen sind. Denn je größer die Unsicherheit, umso größer das Bedürfnis nach Führung. Die kleineren Parteien können das schon wegen ihrer Größe nicht leisten, sie werden zu kämpfen haben, überhaupt als organisierter und weltanschaulich gebundener Zusammenschluß weiterexistieren zu können. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir diesen Niedergang gerade bei den „Linken“ live studieren können. Wenn sich im Juni kein Parteitagswunder ereignet, dann könnte nach dieser Legislaturperiode und dem Exodus aus dem Parlament das Kapitel bald beendet sein. Die AfD, die im Moment noch über eine Stammwählerschaft verfügt, die allerdings wegstirbt, könnte diesem Beispiel bald folgen.

Auch die sogenannten „Volksparteien“ werden sich weiter fragmentieren. Habecks durchaus bemerkenswerte Ankunft in der Realpolitik stellt etwa eine enorme Belastungsprobe für die Grünen dar. Wie verhält man sich zu Rußland, zur Ukraine, zu Nord Stream 2, zu Waffenlieferungen, zu seinen Verbündeten, zur Versorgungskrise, zur Inflation, zu Corona … und zu Lauterbach? Fragen über Fragen, jede einzelne in viele Richtungen beantwortbar, aber keine lösbar im Sinne einer sauberen Lösung. Die schärfsten Kritiker kommen aus den eigenen Reihen und wetzen das Messer am Schleifstein der kleinsten Differenz.

Ihr Führungsanspruch wird also weiter sinken, was nicht heißt, daß es starke saisonale Schwankungen geben kann. Fall-Aufstieg-Fall-Aufstieg, heute Messias, morgen der Deibel: ob Schulz, Scholz und Schelz, ob die Grünen, ob die CDU oder die FDP, sie alle haben die Achterbahnfahrten durch. Gewählt wird letztlich eine Momentaufnahme, die  nichts Dauerhaftes mehr repräsentiert und bald in Legitimationsnöte gerät. Linke werden plötzlich zu Kriegstreibern oder Nazis, und Rechte zu Pazifisten usw.

An die Stelle der Parteien mit ihren fertigen Organisationen und Apparaten werden zunehmend Bewegungen treten, die sich – egal, ob sie sich wie die „Piraten“, „Die Basis“ oder die „Freien Sachsen“ zu Parteistrukturen mineralisieren – nur noch auf einem Minimalkonsens in einer Detailfrage gründen und darüber hinaus meist weder Ideen noch ein Konzept haben. Hinzu werden ethnische Gruppierungen kommen oder Interessengruppen Benachteiligter und Diskriminierter, die ebenfalls nur ihr eigenes Süppchen kochen.

Sollte jemals eine davon an die Macht gelangen, dann wird man sich durchzuwurschteln versuchen, bis man bei der nächsten Wahl wieder in der Versenkung verschwindet und eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Nicht unwahrscheinlich, daß – wie in Italien schon durchexerziert – Komiker oder Politverweigerer oder irgendwelche Schamanen für einen kurzen historischen Moment das Steuer übernehmen und man kann nur hoffen, daß während dieser Zickzackfahrten kein Eisberg, kein Riff wartet.

Man wird damit auch leicht zur Beute – der Staat ist es ohnehin seit langem als Selbstbedienungsladen aller möglichen Gruppen und das Land wird es von außen werden, denn Sieger wird die Struktur bleiben. Demokratie hin oder her: wer klaren Kurs halten kann, wer noch über Vernunft verfügt, wird in dieser Welt der transversalen Vernünfteleien wohl historischer Gewinner werden.

[1] Vernunft. Die zeitgenössische Vernunftkritik und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt 1996

3 Gedanken zu “Transversale Vernünfteleien

  1. Konservativer schreibt:

    Sehr geehrter seidwalk
    Wenn Sie gestatten.
    „…
    Demokratie hin oder her: wer klaren Kurs halten kann, wer noch über Vernunft verfügt, wird in dieser Welt der transversalen Vernünfteleien wohl historischer Gewinner werden.“

    Ich hoffe, daß Sie mit Ihrer Einschätzung richtig liegen.

    Meine Position, was den Krieg in der Ukraine anbelangt, ist folgende (in einfachen Worten):

    Unser hiesiges, d.h. das westliche Narrativ stinkt 10.000 Kilometer gegen den Wind.

    Das einheimische Establishment tanzt gegenwärtig einen wahren Veitstanz, einige Lieblinge von Gestern wurden zu den Parias von heute (da hilft es wenig bis gar nicht, wenn diese Menschen (z.B. Schwesig) reumütig zu Kreuze kriechen. unser Ex-Kanzler Schröder weiß das, er war Teil des „Vereins“),
    Der ehemalige Flakhelfer Habermas äußert Verständnis für Kanzler Scholz, der doch inzwischen bereits umgefallen ist und seine Bedenken „über Bord geworfen hat“.

    Wie das federführende Establishment des Hegemons tickt …

    hahahaha … würg …

    musikalischer Ausklang:

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  2. Ein im Gegensatz zu den Altherrenkommentaren bei der SiN durchaus lesenswerter und sehr persönlicher Text, den ich jedoch besser mit transzendentalen Blödeleien überschrieben hätte. Habermas Recht zu geben und sich an der Seite von Ulrike Guerot zu sehen, sind aus meiner Sicht einfach unentschuldbare Ausrutscher auf dem sicher nicht erst seit heute glatten Meinungsparkett. 😂

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  3. Pérégrinateur schreibt:

    • „Wenn man sich plötzlich gezwungen sieht, Jürgen Habermas recht zu geben“ – dann sollte man die eigenen Gedanken noch einmal sehr genau prüfen.

    • „Auch allerletzte Gewißheiten verschwinden“ – Gewissheiten sind oft Selbsttäuschungen, und gerade die allerletzte am ehesten.

    • „Nun also der Krieg in der Ukraine, der dazu zwingt, Position zu beziehen.“ – Wenn dieser Zwang sozial ist, ist er in aller Regel nicht logisch. DIe Zurückhaltung des Willens im Stile Montaignes ist übrigens immer möglich.

    • „jedes Mal wird es schwieriger, sich in den gewohnten Beziehungen zu finden.“ – So what.

    • „aggressiver Affront gegen jeden Mainstream“ – Der Mainstream hat die Eigentümlichkeit, nur einer zu sein.

    • „Dabei wird das Gemisch an Allianzen immer bunter und chaotischer.“ – Was ist denn ein Gemisch von Allianzen? Allianz meint gemeinsames Wirken im Streit – aber findet das wirklich statt, oder liegen vielmehr nur unübliche Meinungsübereinstimmungen vor?

    • „während ewig gewähnte Bündnisse in Detailfragen wie Staub zerfallen“ – In oder an? Im ersten Falle ist das Wort Bündnis etwas zu hochtrabend, denn bei einem solchen geht es doch um wesentliche Einsätze. Im zweiten kann es nicht weit her gewesen sein mit den Bündnissen.

    • „Durch Linke und AfD gehen vielfältige Trennlinien, sie alle verlieren zusehends an Kontur und Identität“ – Bildbruch.

    • „bis in die Kapillaren hinein, ja bis in die Individuen hinein kriecht der Zweifel“ – Bildbruch. Übrigens mag ich gerade diesen Kriecher. Aber keine Sorge, die meisten zweifeln doch nicht, sondern wechseln von der einen gefühlsbestimmten Gewissheit direkt zur anderen, nicht ohne dabei die vorherige eigene Einstellung schlankweg zu vergessen. Das für die Grünen (ich meine das Fußvolk) so kennzeichende Getriebensein durch die Emotion findet man auch anderswo recht häufig. Jeder Propagandist wird immer gerade darauf setzen.

    • „denn die Entscheidungen, die zu treffen sind, nehmen immer öfter den Charakter der Unentscheidbarkeit an“ – Wie wäre es mit einem weniger bombastischen Hintersatz „fallen immer schwerer?“

    • „Je komplexer die Probleme werden, umso weniger lassen sie sich anhand einer gut-schlecht oder richtig-falsch oder links-rechts-Dichotomie entscheiden.“ – Wer denn sich wirklich selbst bedacht entscheidet und nicht nur mitläuft, entscheidet sich gewiss nicht anhand einer Dichotomie. Die Dichotomie ist allenfalls bei den getroffenen Entscheidungen zu erkennen, falls es denn wirklich nur zwei mögliche Ausgänge gibt.

    • „Alles ist jederzeit alles zugleich – Lüge und Wahrheit, Irrtum und Gewißheit und wie die Sonne Heines geht sie vorne unter und kehrt hinten zurück.“ – Das ist mir zu postmodern-schwallig formuliert. Übrigens ist Gewissheit nicht das Gegenteil von Irrtum, dieser ist objektiv, jene ein innerer Zustand.

    • „Die Spaltung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethiken kommt in die Phase der Selbstüberholungen und wird fluide. “ – ?

    • „‚transversale Vernunft inmitten der Konstellation von Pluralität‘“ – Meint vielleicht, schlichter gesagt: Die rationalen Entscheidungen werden eklektisch.

    • „Nein, heutzutage gibt es schon diese sich selbst identische Vernunft in der Vielzahl nicht mehr.“ – Was soll das heißen? Vielleicht einfach nur „Verschiedene entscheiden sich verschieden“?

    • „Denn je größer die Unsicherheit, umso größer das Bedürfnis nach Führung. Die kleineren Parteien können das schon wegen ihrer Größe nicht leisten“ – Die nach fremder Führung verlangen, sind in der Regel mit einem einzigen Führer am besten bedient.

    • „wer klaren Kurs halten kann, wer noch über Vernunft verfügt, wird in dieser Welt der transversalen Vernünfteleien wohl historischer Gewinner werden.“ – Die Erfolgsbilanz der Philosophenkönige ist so besonders groß nicht. Erfolgsträchtiger dürfte sein, wer einen Jargon beherrscht, mit dem er scheinbar jedem verspricht, was dieser haben will. (Walter Serner „Weltanschauungen sind Vokabelmischungen, die Freiheit ist ein Lunapark.“)

    Stefan Kunze: Also, also, das war jetzt aber gemein – wenn auch ungemein lehrend und bildend! :-))

    Seidwalk: Sie zwingen zur Aufmerksamkeit – danke! Dort, wo Ihre Kritik berechtigt ist, wurde korrigiert, der Rest ignoriert.

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