Ehrenamt – pro & contra

Ein Erklärungsversuch

Als ich im Herbst letzten Jahres angesichts der endlosen Menschenströme an Herzbeklemmung zu leiden begann – einer diffusen Angst vor der unmittelbaren Zukunft dieses Landes – tat ich zwei Dinge, den Druck abzulassen: ich suchte den Kontakt zu den neuen Menschen als auch zu den Willkommensbegeisterten und ich eröffnete dann diesen Blog – beides diente als Missio sanguinis.

Insbesondere die ehrenamtliche Arbeit stieß mitunter auf Unverständnis in Freundes- und Lesekreis, wurde teils heftig kritisiert, teils erstaunt hinterfragt. Die Kritiker waren der Meinung, daß „der Staat“, der sich diese Suppe eingebrockt hatte, sie nun auch auslöffeln müsse, daß Merkel ihren Satz „Wir schaffen das“ nur hat sagen können, weil sie auf die Masse der Freiwilligen zählen konnte, die als „nützliche Idioten“ das Unhaltbare irgendwie in Gang hielten. Oder sie meinten, daß „der Staat“ zumindest kräftig dafür zu zahlen hätte und hielten insbesondere die unentgeltliche Arbeit für falsch. Für die Zweifler hingegen wirkte meist der scheinbare Widerspruch zwischen Wort und Tat, Theorie und Praxis verunsichernd, denn aus meiner Einsicht, daß uns der Import von Millionen muslimischen Menschen, insbesondere jungen Männern, langfristig in die Katastrophe führen muß, habe ich nie ein Geheimnis gemacht.

Trotzdem gibt es eine ganze Reihe starker Gründe, sich in der „Flüchtlingshilfe“ zu engagieren.

  1. Einsicht in die Realität. Diese Menschen waren nun einmal da, gewollt oder nicht, und das Asylgesetz – gehalten oder gebrochen – versprach zumindest einem Teil von ihnen einen längeren, wenn nicht dauerhaften Aufenthalt. Es mußte unmittelbar mit ihnen umgegangen werden. Wenn man sie jetzt nicht auffängt, so das Argument, dann ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie später in die Kriminalität, die Parallelgesellschaften oder den Sozialstaat abrutschen noch größer und wenn das erst geschehen ist, dürfte der Prozeß irreversibel und die Probleme unlösbar sein.
  1. Möglichkeit der Einflußnahme. An Bahnhöfen und Grenzen, durch die Massenmedien ins Unermeßliche verstärkt, wurde diesen Menschen ein Willkommen und ein Paradies vorgegaukelt, das mit der Realität und der Stimmung im Lande nichts zu tun hatte. Das direkte Gespräch und das Aufweisen der Zeichen der Realität gab mir die Möglichkeit, sie auf die wahre Dimension der Aufgabe vorzubereiten. So konnte ich schon im November voraussagen, daß die Aufnahmebedingungen sich verschärfen werden. Heute bestätigen sich die meisten der Voraussagen – zumindest die von mir betreuten Männer und Frauen sind nicht unvorbereitet. Ich empfahl ihnen damals auch: sollten sie jemanden kennen, der mit dem Gedanken spielt, erst jetzt nach Deutschland zu reisen, diesem abzuraten. Das hat nachweislich einige Eritreer daran gehindert, in die Seelenfänger zu steigen und in mindestens einem nachprüfbaren Fall den Nachzug eines Syrers aus der Türkei gebremst.
  1. Einblick ins System. Wo kann man die Differenz zwischen Schein und Sein besser wahrnehmen als im Sein selbst? Wer die mediale Fassade durchstoßen will, muß sich der Realität aussetzen – auch die Leser dieses Blogs haben davon profitieren können.
  1. Auswahl. Meine Bedingung bei der Mitarbeit im protestantischen Asylhilfe-Zentrum war von Beginn an: ich unterrichte und betreue nur Asylanten mit sehr hoher „Bleibeperspektive“. Zum Erstaunen einiger Mitarbeiter hatte ich es abgelehnt Albaner und Kosovaren zu unterrichten, allein schon aus Selbstschutz, um die eigenen Reserven nicht zu überanstrengen. Tatsächlich sind im Laufe der Zeit einige Helfer wegen Überlastung und Burn Out ausgeschieden. Auch eine Gruppe analphabetischer Afghanen kam nicht in Frage, weil: fehlende …
  1. Lernmöglichkeit. Ein ganz wichtiger Punkt. Natürlich mache ich das nicht aus purer Selbstlosigkeit. Da die Menschen aus fremden Kulturen und religiösen Kontexten einmal da waren, mußte man sie auch studieren und zu verstehen lernen. Je mehr ich sie kennenlernte, umso mehr wurde mir das Ausmaß der Aufgabe bewußt. Im Gegensatz zur verbreiteten Propaganda – Merkel: „Jedem, der Angst verspürt, empfehle ich, wenn sich dazu irgendwie Gelegenheit bietet, einen Menschen, der zu uns geflohen ist, einfach mal persönlich kennenzulernen.“ –, glaube ich nun nicht mehr, daß ein einfaches Kennenlernen etwas bewirkt und je intensiver ich sie kennenlerne, umso größer wird meine Sorge. Der Kontakt, soll er „integrierend“ wirken, verlangt nach hoher persönlicher Intensität, weit jenseits der üblichen Koch- oder Spielabende. Er wird gesamtgesellschaftlich nicht zu leisten sein, es sei denn, es finden sich eine Million aufgeklärte, realistische, kulturvolle Menschen, die im eins zu eins auf täglicher Basis das Gespräch suchen.
  1. Islam verstehen. Der Islam wird die entscheidende Schicksalsfrage sein. Ihn zu verstehen ist essentiell, in der Praxis und in der Theorie. Für mich ist es die dritte Annäherung an diese Religion und mit Abstand die intensivste. Bisher war es reines Buchwissen, nun, vor allem durch die sehr intensiven Gespräche mit Hussain, aber auch durch das Erleben der allgemeinen Praxis, ist zum ersten Mal ein Wesensverständnis, zumindest in Ansätzen, möglich. Dazu ist ein gewisser Einblick in die arabische Sprache unablässig und wo kann man den besser bekommen als unter Arabern? Es war wichtig, Menschen zu treffen, mit denen man auf Augenhöhe diskutieren kann, und es war mir von vornherein klar, daß es diese Begegnungen geben wird.
  1. Europäische Kultur und Kritik verbreiten. Keiner der Flüchtlinge und Migranten hatte auch nur den blassesten Schimmer, wenn es um europäische Geschichte, Geographie und Geistesleben ging. Auch das ist eine Integrationslüge – ohne diese Kenntnisse und ohne eine gewisse Identifizierung mit europäischen Traditionen, kann es keine „Integration“ geben, aber so weit ich sehe, gibt es keinen einzigen Helfer, der sich diese Mühe macht. Meine Syrer wissen heute, wer Luther, Goethe, Marx und Nietzsche waren. Sie haben sich mit der Idee der Reformation und dem „Gott ist tot“ (ein Satz, den sie lange gar nicht fassen konnten) im Rahmen ihrer Möglichkeiten auseinandergesetzt. Sie wissen jetzt wer Hitler war und was der Holocaust und verstehen das deutsche Problem. Die intelligenteren unter ihnen wissen nun auch, was religiöser Zweifel ist und hinterfragen die Dogmen des Islams, die Historizität Mohammeds oder des Korans. Hussain kann jetzt Shakespeare, Dante und Cervantes einordnen und kennt deren nationale Bedeutung. Er weiß seit kurzem, was eine historisch-kritische und eine hermeneutische Herangehensweise ist, er kennt Popper und die Idee der Falsifikation (auch wenn er sie noch nicht verstanden hat), ja er kennt sogar die Grundthesen Christoph Luxenbergs und Karl-Heinz Ohligs, die den Koran als arabo-christliches Dokument verstehen und große Teile aufgrund einer syro-aramäischen Lesart ganz anders verstanden sehen wollen …
  1. Sich selbst dem Zweifel aussetzen. Der Prozeß muß auch umkehrbar sein und zur Selbsthinterfragung dienen. Ebenso wie ich mich mit Christentum und Buddhismus – um nur die „Religionen“ zu nennen – unter existentiellem Vorsatz beschäftige, muß das auch für den Islam gelten. Die prinzipielle Möglichkeit zur Konversion darf nicht ausgeschlossen sein. Bisher deutet nichts darauf hin, daß ein halbwegs gebildeter und aufgeklärter Mensch, der nicht in persönlichen Nöten steckt, am Islam etwas Attraktives finden kann, aber ich will nicht als Feind argumentieren, sondern aus einem wohlwollenden Verständnis heraus, um meine eigenen Überzeugungen immer wieder zu hinterfragen.

So sehr ich Kritik und Verunsicherung verstehe, scheinen mir die Argumente für ein Engagement stärker. Wer dieses Land liebt, sollte beide Wege offen halten.

Siehe auch: Die Droge Glück

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Ein Gedanke zu “Ehrenamt – pro & contra

  1. AMC schreibt:

    Lieber „Seidwalk“, seit Längerem verfolge ich Ihren Blog, auf den ich durch eine Bekannte hingewiesen wurde. Die Argumente Ihrer Skeptiker kann ich gut nachvoll ziehen und würde diese Argumente auch selbst anführen. Es kommt aber auf den Ist-Zustand und auf das praktische Handeln an und auch auf den Erkenntnsigewinn, und da empfinde ich Ihren Blog und Ihr praktisches Handeln samt allem Für und Wider sehr gut. Vor Kurzem besuchte ich eine Veranstaltung zum Thema Islam (beschrieben auf meinem Blog am 22. und 27.7.), das Ergebnis war erstaunlich ähnlich Ihren Ausführungen.

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