Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Man braucht sich nur drei jüngere Ereignisse ins Gedächtnis rufen, um zu verstehen, warum die namhaftesten Denker sehr vorsichtig geworden sind:

Alain Finkielkraut: Ich kann die Nase nicht mehr herausstrecken

Roger Scruton: Anatomy of a modern hit job

Susanne Schröter: Die Kopftuchdiskussion gehört an die Universität

Es ist schlecht bestellt um die Meinungsfreiheit, die Meinungsdiktatur ist eine reale Gefahr. Diejenigen, die nicht müde werden, vor einem neuen Faschismus zu warnen, sind seine realen Protagonisten. Ignazio Silone, ein kommunistischer italienischer Autor soll gesagt haben: „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘“.

Höhepunkt meines fünftägigen Berlin-Besuches im November 2018 war ohne Zweifel der Besuch einer dreitägigen Diskussionsreihe mit Peter Sloterdijk im „Roten Salon“ der Volksbühne.

Mit roten Lettern prangte schon Stunden vor dem Einlaß ein Schild, daß alle Karten ausverkauft seien und Nachfrage sinnlos sei. Nur meiner Begleiterin, einer gestandenen Berlinerin und seltenen Fachfrau in Kultur- und Eventfragen, habe ich es zu verdanken, dennoch teilgenommen zu haben. Sie zeigte sich komplett überzeugt, daß wir trotzdem eine Karte bekommen würden. Und sie hatte recht: man braucht nur eine gewisse Penetranz.

Das Warten bescherte uns auch einige Gespräche mit ebenfalls Hoffenden – die übrigens auch alle noch Zutritt bekamen. Hier versammelten sich die Fans, hatte man den Eindruck. Manch bekanntes Gesicht aus Film und Geisteswelt huschte an uns vorbei. Auf dem Sofa neben uns wurde lautstark die Differenz zwischen Bürger und Denker Sloterdijk besprochen.

Die beiden Herren hatten einen guten Riecher. Denn auch wenn das Thema der dreitägigen Diskussion „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ lautete, so sollte es doch einen heimlichen Subtext geben, auf den sowohl die beiden Moderatoren – Armen Avanessian, „Wiener, Weltenbummler und Philosoph“, und Simone Miller vom Deutschlandradio – als auch das fragende Publikum immer wieder abzielten. Die Gespräche wurden live im Radio übertragen.

Es gibt in diesem Milieu, diesem mutmaßlich linken, akademischen, Berliner Milieu einen starken Konformitätsdruck. Abweichende Meinungen werden unter Druck gesetzt und sollen normiert werden. Und auch wenn es offensichtlich viele Bewunderer im Auditorium gab, auch wenn die beiden Fragensteller die intellektuelle Kluft, zwischen ihnen und dem Philosophen durch die respektvolle Art des Fragens eingestanden, gab es doch mehrfach Momente, in denen die moralische Entrüstung diese Differenz fast etwas schamlos aufzuheben versuchte.

Da wollte man Sloterdijk eine Erklärung, wenn nicht gar Revision seiner migrationskritischen Äußerungen abringen, wollte ihn zur Frage der Gerechtigkeit oder der eigenen Schuld vereidigen, wollte das Gleichheitsideal von ihm bestätigt hören, die Gender-Ideologie verteidigt sehen; da spürte man im Zittern der Stimmen, daß eine Instanz zurück in den Mainstream geholt werden, daß er bekennen und bereuen soll. Einerseits akzeptiert man die überlegene Intelligenz, aber man ist nicht in der Lage, ihr die politisch wenig korrekte Denkweise, die ja ihr Wesen ausmacht, zu verzeihen, wenn es die Substanzfragen betrifft.

Sloterdijk bemerkte natürlich die versteckte Aggression und weigerte sich zu widerrufen. Er flüchtete sich in ein weitschweifiges Umgehen der Frage, vermied, die Konkretheit des Vorwurfes zu akzeptieren und kehrte immer wieder zum eigentlichen Thema der Abende zurück. Dabei bestand er beharrlich auf der Unterscheidung zwischen Philosoph und Bürger und als Bürger habe er andere Pflichten und Sorgen denn als Denker. Es sei seine Bürgerpflicht gewesen, aus Sorge motiviert, die damalige Willkommenskultur zu kritisieren.

Eine etwas klarere Aussage konnte die Moderatorin ihm zur AfD entlocken, mit der er sich – wegen offensichtlichen Mangels an tragfähiger Programmatik – noch nicht ausführlicher beschäftigt habe, die er bis auf Weiteres nach dem jesuanischen Motto „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“ beurteile und da seien die meisten Früchte, die man zu sehen bekam, bislang faul gewesen.

Aber nicht nur das Gespräch, sondern auch das Drumherum war aufschlußreich. Eine Szene blieb mir besonders im Gedächtnis. Nicht weit von uns entfernt saß ein deutscher Kulturjournalist und Autor einer bescheidenen Foucault-Biographie, zu dessen Merkmal der Geworfenheit es zählte, eine dunkle Hautfarbe zu haben. Er fiel während der Gespräche immer wieder durch lautstarkes, echauffiertes Lachen und eine gewisse Unruhe auf, die meist mit seinem IPhone zu tun hatte.

Gerade als Sloterdijk – auf Drängen der Moderation – sich wiederholt zum Thema Ungleichheit und Dritte Welt äußerte, sprang dieser Mensch erneut auf, lief im Seitengang zur Bühne und schoß ein paar Bilder mit seinem flachen Gerät. Währenddessen sprach der Philosoph über natürliche Ungleichheiten, gewisse Erbdifferenzen, „die sich über die Haarfarbe, die Nasenform in allen möglichen physiologischen Merkmalen …“ ausdrückten, und setzte diesen Gedanken just in jenem Augenblick fort – ohne sich des Photographierenden bewußt zu sein –, als jener gerade seinen Rückweg antrat. In diesem Moment sprach Sloterdijk die Worte „… die sich bis hin zu dieser eigenartigen Laune der Pigmente erstreckt.“ Niemand fand Anstoß an diesen Worten, aber der Journalist riß die Arme nach oben, lachte und zeigte auf sich. Daß Sloterdijk anfügte: „Man sollte auf der phänomenologischen Ebene die Möglichkeit der Unterscheidungen nicht inkriminieren“, spielte nun keine Rolle mehr.

Dieser kurze Moment war vielsagend. Er offenbart nämlich ein kaum zu umgehendes Paradox. In einem ausschließlich weißhäutigen Kreis muß sich ein dunkelhäutiger Mensch als anderer empfinden, auch wenn die anderen ihm das nicht zugestehen, so wie ein Mann sich in einer großen Frauenrunde oder ein roter Fußballfan in einem blauen Block seltsam vorkommen muß. „Rassismus“ lag hier also weder von Sloterdijk noch vom Auditorium vor, sondern allein vom „Opfer“ dieses „Rassismus“, der sich – indem er auf sich als den anderen verwies – zugleich die Mehrheit, die zudem links und „antirassistisch“ dachte, eines Rassismus bezichtigte und ihn an sich selbst zelebrierte.

Hinter dieser komplizierten Dialektik verbergen sich Fragen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz. Inwieweit kann sich eine tatsächliche integrierende Identität inmitten phänotypisch anderer überhaupt ausbilden?

Die drei Gespräche sind hier nachzuhören und runterzuladen:
1. Wir haben die Kosten der Freiheitskämpfe vergessen
2. Ausdehnung der Bürgerschaftszone
3. Der Sozialstaat ist die Honigpumpe der modernen Gesellschaft

siehe auch: Sloterdijk Backstage

Circlus Virtuosus

Zur Sloterdijk-Debatte

u.v.m.

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