Goethe in Zeiten der Pandemie

Ja, die Natur reagiert nicht bloß gegen die leibliche Krankheit, sondern auch gegen die geistigen Schwächen; sie sendet in der steigenden Gefahr stärkern Mut. (Goethe, Gespräch mit Lobe)
PDF:  Goethe in Zeiten der Pandemie

Es finden sich in Goethes Werken bemerkenswerte Überlegungen und Erfahrungen, die uns heute noch inspirieren können. Denn Goethe war mehr als ein großer Autor und Denker, er war auch ein großer Kranker! Immer wieder schlugen ihn schwere, zum Teil auch lebensbedrohliche Krankheiten nieder – lernen kann man vor allem aus seinen dazugehörigen Überlegungen und aus seinem persönlichen Umgang damit.

In „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt er gleich zu Beginn, wie ihn just in einem glücklichen Kindheitsmoment „ein Mißbehagen und ein Fieber überfiel, wodurch die Pocken sich ankündigten.“

„Die Einimpfung derselben ward bei uns noch immer für sehr problematisch angesehen, und ob sie gleich populare Schriftsteller schon faßlich und eindringlich empfohlen, so zauderten doch die deutschen Ärzte mit einer Operation, welche der Natur vorzugreifen schien. Spekulierende Engländer kamen daher aufs feste Land und impften, gegen ein ansehnliches Honorar, die Kinder solcher Personen, die sie wohlhabend und frei von Vorurteil fanden. Die Mehrzahl jedoch war noch immer dem alten Unheil ausgesetzt; die Krankheit wütete durch die Familien, tötete und entstellte viele Kinder, und wenige Eltern wagten es, nach einem Mittel zu greifen, dessen wahrscheinliche Hülfe doch schon durch den Erfolg mannigfaltig bestätigt war. Das Übel betraf nun auch unser Haus, und überfiel mich mit ganz besonderer Heftigkeit. Der ganze Körper war mit Blattern übersäet, das Gesicht zugedeckt, und ich lag mehrere Tage blind und in großen Leiden. Man suchte die möglichste Linderung, und versprach mir goldene Berge, wenn ich mich ruhig verhalten und das Übel nicht durch Reiben und Kratzen vermehren wollte. Ich gewann es über mich; indessen hielt man uns, nach herrschendem Vorurteil, so warm als möglich, und schärfte dadurch nur das Übel. Endlich, nach traurig verflossener Zeit, fiel es mir wie eine Maske vom Gesicht, ohne daß die Blattern eine sichtbare Spur auf der Haut zurückgelassen; aber die Bildung war merklich verändert.“[1]

Bei den Blattern handelt es sich um eine schwere Viruserkrankung, die zu Goethes Zeiten noch zahlreiche Opfer unter den Kindern forderte, jedes dritte bis fünfte Kind starb daran, die Überlebenden hatten oft mit fürchterlichen Entstellungen zu leben. Es war die erste Krankheit, die durch Impfung besiegt wurde. Im 16. Jahrhundert wurde in China bereits dagegen geimpft, oder besser: geritzt – Ende des 18. Jahrhunderts gelang es durch Kreuzimmunisierung mit Kuhpockenlymphe einen sicheren Impfstoff herzustellen. Goethes Bericht zeugt davon, daß schon Jahrzehnte zuvor durch „spekulierende Engländer“ damit experimentiert wurde, und das mit gutem Erfolg bei denen, die „wohlhabend und frei von Vorurteil“ waren.

Die Blattern (Pocken) @ Wikipedia

Goethes Eltern gehörten nicht dazu und so hatte der Knabe sein unbeschadetes Überleben sowohl dem Glück als auch seiner eigenen Disziplin zu verdanken. Blieb er auch ohne Narben, so schien sein Aussehen sich dennoch verändert zu haben, wie ihm eine geliebte Tante immer wieder mit dem Aufruf „Pfui Teufel! Vetter, wie garstig ist Er geworden!“ versichert hatte.

„Ich gewann es über mich.“ – dieser unscheinbare Satz ist der Schlüssel.

Krankheiten aber begleiteten den jungen Goethe sein ganzes junges Leben hindurch:

„Weder von Masern, noch Windblattern, und wie die Quälgeister der Jugend heißen mögen, blieb ich verschont, und jedesmal versicherte man mir, es wäre ein Glück, daß dieses Übel nun für immer vorüber sei; aber leider drohte schon wieder ein andres im Hintergrund und rückte heran. Alle diese Dinge vermehrten meinen Hang zum Nachdenken, und da ich, um das Peinliche der Ungeduld von mir zu entfernen, mich schon öfter im Ausdauern geübt hatte, so schienen mir die Tugenden, welche ich an den Stoikern hatte rühmen hören, höchst nachahmenswert, um so mehr, als durch die christliche Duldungslehre ein Ähnliches empfohlen wurde.“[2]

Zur „christlichen Duldungslehre“ ging Goethe später auf Distanz, aber der stoische Umgang blieb ihm und wurde – noch vor Kenntnis der eigentlichen Schriften – zur Grunderfahrung.

„Unter die Übungen des Stoizismus, den ich deshalb, so ernstlich als es einem Knaben möglich ist, bei mir ausbildete, gehörten auch die Duldungen körperlicher Leiden. Unsere Lehrer behandelten uns oft sehr unfreundlich und ungeschickt mit Schlägen und Püffen, gegen die wir uns um so mehr verhärteten, als Widersetzlichkeit oder Gegenwirkung aufs höchste verpönt war. Sehr viele Scherze der Jugend beruhen auf einem Wettstreit solcher Ertragungen: zum Beispiel, wenn man mit zwei Fingern oder der ganzen Hand sich wechselsweise bis zur Betäubung der Glieder schlägt, oder die bei gewissen Spielen verschuldeten Schläge mit mehr oder weniger Gesetztheit aushält; wenn man sich beim Ringen und Balgen durch die Kniffe der Halbüberwundenen nicht irre machen läßt; wenn man einen aus Neckerei zugefügten Schmerz unterdrückt, ja selbst das Zwicken und Kitzeln, womit junge Leute so geschäftig gegen einander sind, als etwas Gleichgültiges behandelt. Dadurch setzt man sich in einen großen Vorteil, der uns von andern so geschwind nicht abgewonnen wird.“[3]

Die bewußte Kultivierung des „Leidenstrotz“ dürfte ein wesentlicher Unterschied zu der heutigen Jugend sein. Sie dürfen und können sich auch nicht mehr – wie der junge Wolfgang – auf der Straße prügeln und wenn sie es dennoch tun, dann ist es oft enthemmt und ohne Begriffe und Gefühle, dann ist es kein Ringen, kein „Beißen, Kratzen und Treten“ mehr, kein „Kopf durch den Arm“, sondern schnell werden Messer gezückt, Kampfsporttechniken ausprobiert und der dauerhafte Schaden des Kontrahenten in Kauf genommen oder anvisiert.

Als junger Mann mußte Goethe erneut um sein Leben bangen – er selbst führte es diesmal auf eine falsche Diät zurück, der er sich „in Gefolg von mißverstandenen Anregungen Rousseau’s“ unterzogen hatte. Das aktuelle Äquivalent dürften zahlreiche esoterisch oder moralisch motivierte Diäten sein. Die Folge war ein „heftiger Blutsturz“, „und so schwankte ich mehrere Tage zwischen Leben und Tod, und selbst die Freude an einer erfolgenden Besserung wurde dadurch vergällt, daß sich, bei jener Eruption, zugleich ein Geschwulst an der linken Seite des Halses gebildet hatte, den man jetzt erst, nach vorübergegangner Gefahr, zu bemerken Zeit fand. Genesung ist jedoch immer angenehm und erfreulich, wenn sie auch langsam und kümmerlich von Statten geht, und da bei mir sich die Natur geholfen, so schien ich auch nunmehr ein anderer Mensch geworden zu sein: denn ich hatte eine größere Heiterkeit des Geistes gewonnen, als ich mir lange nicht gekannt, ich war froh, mein Inneres frei zu fühlen, wenn mich gleich äußerlich ein langwieriges Leiden bedrohte.“[4]

Erneut sehen wir Goethe gestärkt aus der Misere hervorgehen: Nicht nur ein neuer Umgang mit anderen Menschen – „Was mich aber in dieser Zeit besonders aufrichtete, war zu sehen, wie viel vorzügliche Männer mir unverdient ihre Neigung zugewendet hatten“ – blieb als Gewinn zurück, sondern auch eine intensive Beschäftigung mit medizinischen, chemischen, mystischen und vor allem alchimistischen Werken setzte ein, deren Spur man bis in den „Faust“ hinein verfolgen kann. Es kommt im Zusammenhang mit dieser Geschwulst zu einem denkwürdigen Ereignis, denn Goethe wird durch einen ungenannten geheimnisvollen Arzt mit Hilfe eines „Universalmittels“ geheilt. Es gab Gerüchte um jenes „wichtige Salz, das nur in den größten Gefahren angewendet werden durfte“. Aber „in den letzten Nöten“ wurde der Arzt geholt und verabreichte die „Universalmedizin“: „Das Salz war kaum genommen, so zeigte sich eine Erleichterung des Zustandes, und von dem Augenblick an nahm die Krankheit eine Wendung, die stufenweise zur Besserung führte. Ich darf nicht sagen, wie sehr dieses den Glauben an unsern Arzt und den Fleiß, uns eines solchen Schatzes teilhaftig zu machen, stärkte und erhöhte.“[5] Worum es sich dabei gehandelt haben könnte, ist seither ein viel diskutiertes Rätsel.

Daß der junge Goethe nach all diesen Erlebnissen zu einer gewissen Hypochondrie neigte, ist wohl nicht überraschend. Es ging ihm nun der Zusammenhang zwischen Krankheit und Angst auf – wollte man gesund bleiben, mußte man seine Ängste besiegen lernen. Er tut das auf ganz eigene Weise, indem er sich in Straßburg eine selbstauferlegte Expositionstherapie auferlegt.

„Ein starker Schall war mir zuwider, krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu. Besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätten zersprengen mögen. Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms, und saß in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfiere in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des ältern Doktor Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines Sohns, in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß nichts dergleichen mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungen der Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahndungs- und schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen und was hiemit verwandt sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal völlig gleich war, ja daß, als in später Zeit mich die Lust ankam, wieder einmal in solcher Umgebung die angenehmen Schauer der Jugend zu fühlen, ich diese in mir kaum durch die seltsamsten und fürchterlichsten Bilder, die ich hervorrief, wieder einigermaßen erzwingen konnte.“[6]

Aus Goethescher Perspektive ist daher der immer wieder vorgebrachte Vorschlag, „Ungeimpfte“ den Alltag auf Intensivstationen vorzuführen und Menschen beim Sterben zusehen zu lassen, durchaus sinnvoll, denn dort könnten sie auch lernen, ihre Ängste – die nicht selten medieninduziert, zumindest aber verstärkt sind – zu überwinden und sich gegen die unleugbare Realität abzuhärten.

Wir wissen auch, daß sich Goethe mehrfach ganz bewußt in Lebensgefahr begeben hatte, um seiner Furcht Herr zu werden. Berühmt ist jene Schlachtszene, beschrieben in „Die Belagerung von Mainz“, in der sich Goethe ganz bewußt in der Schußlinie aufhielt, um die „Kugeln an sich vorbeisausen“ zu hören oder in der „Campagne in Frankreich“, als er das „Kanonenfieber“ erforschen wollte und sich dem Kanonenbeschuß, „wo die Kugeln herüber spielten“, aussetzte:

„Unter diesen Umständen konnt‘ ich jedoch bald bemerken, daß etwas Ungewöhnliches in mir vorgehe; ich achtete genau darauf, und doch würde sich die Empfindung nur gleichnisweise mitteilen lassen. Es schien, als wäre man an einem sehr heißen Orte, und zugleich von derselben Hitze völlig durchdrungen, so daß man sich mit demselben Element, in welchem man sich befindet, vollkommen gleich fühlt. Die Augen verlieren nichts an ihrer Stärke, noch Deutlichkeit; aber es ist doch, als wenn die Welt einen gewissen braunrötlichen Ton hätte, der den Zustand sowie die Gegenstände noch apprehensiver macht. Von Bewegung des Blutes habe ich nichts bemerken können, sondern mir schien vielmehr alles in jener Glut verschlungen zu sein. Hieraus erhellet nun, in welchem Sinne man diesen Zustand ein Fieber nennen könne. Bemerkenswert bleibt es indessen, daß jenes gräßlich Bängliche nur durch die Ohren zu uns gebracht wird; denn der Kanonendonner, das Heulen, Pfeifen, Schmettern der Kugeln durch die Luft ist doch eigentlich Ursache an diesen Empfindungen.“[7]

Schließlich denke man an jene amateurhafte Bergbesteigung zusammen mit Landesfürst Carl August, die Alfred Muschg in seiner Erzählung „Der weiße Freitag“ psychologisch durchleuchtete.

Sich der „Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien“ bedeutete also, seine Angst zu besiegen. Und das galt auch in Bezug auf jegliche Krankheit. In einem denkwürdigen Gespräch mit Eckermann am 8.4.1829 behauptet Goethe sogar, eine Infektion mit Fleckfieber durch reine Willensanstrengung besiegt zu haben. Das Gespräch ging über Napoleon, das „Angeborene des großen Talents“, das die „Welt behandelt, wie Hummel seinen Flügel“, also durch lange Übung erreichte Instinktsicherheit und Kunstfertigkeit. Einem solchen Menschen könne das Schicksal lange nichts anhaben:

Die Pestkranken aber hat er wirklich besucht, und zwar um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne, wenn man die Furcht zu überwinden fähig sei. Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wo ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte. Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.“[8]

Zwei Jahre darauf kamen erneut „ärztliche Dinge an die Reihe“. Noch einmal werden die Blattern diskutiert, mithin die Frage der Impfung. In Eisenach war geimpft worden und dennoch war die Krankheit ausgebrochen und hatte viele Menschen „hingerafft“. Die Impfung geriet in Verruf. Hofrat Vogel war zu Gast und vertrat folgende Position:

„Man hielt die Schutzblattern so sicher und so untrüglich, daß man ihre Einimpfung zum Gesetz machte; nun aber dieser Vorfall in Eisenach, wo die Geimpften von den natürlichen dennoch befallen worden, macht die Unfehlbarkeit der Schutzblattern verdächtig und schwächt die Motive für das Ansehen des Gesetzes.“ Doch Goethe bestand auf seinem alten Standpunkt und erwiderte: „Dennoch aber bin ich dafür, daß man von dem strengen Gebot der Impfung auch ferner nicht abgehe, indem solche kleine Ausnahmen gegen die unübersehbaren Wohlthaten des Gesetzes gar nicht in Betracht kommen.“ Daraufhin entspann sich ein kurzer Dialog: „Ich bin auch der Meinung,“ sagte Vogel, „und möchte sogar behaupten, daß in allen solchen Fällen, wo die Schutzblattern vor den natürlichen nicht gesichert, die Impfung mangelhaft gewesen ist. Soll nämlich die Impfung schützen, so muß sie so stark sein, daß Fieber entsteht; ein bloßer Hautreiz ohne Fieber schützt nicht. Ich habe daher heute in der Session den Vorschlag gethan, eine verstärkte Impfung der Schutzblattern allen im Lande damit Beauftragten zur Pflicht zu machen.“ – „Ich hoffe, daß Ihr Vorschlag durchgegangen ist,“ sagte Goethe, „sowie ich immer dafür bin, strenge auf ein Gesetz zu halten, zumal in einer Zeit wie die jetzige, wo man aus Schwäche und übertriebener Liberalität überall mehr nachgiebt als billig.“[9]

Goethe gibt sich hier als Verfechter der Stärke des Staates zu erkennen, der sich der zunehmenden „Schwäche und übertriebenen Liberalität“ entgegenstellt – er plädiert für eine Art Impfpflicht. Natürlich kann keine Parallele zu unserer Situation gezogen werden, die sich zweierlei von der Goetheschen unterscheidet: einer Todesrate von bis zu 30% plus Verstümmelungen vieler anderer. Zudem handelt es sich um einen vollkommen natürlich und mit einfacher Prozedur gewonnenen, über Jahrzehnte und Generationen erprobten Impfstoff.

Der Begriff der Stärke strahlt bei Goethe vor allem auch in eine andere Richtung aus. Man kann sich demnach auf Krankheiten vorbereiten und zwar durch stoische Gelassenheit, durch Abhärtung, durch Mäßigung und durch Übung. Ins heutige Vokabular übertragen können wir von einem „gesunden Lebensstil“ sprechen – es ist ganz sicher kein Zufall, daß die meisten fatalen Opfer des heutigen Virus zuvor Opfer des westlichen Lebensstils und seiner langjährigen Ernährung waren.

In einem früheren Gespräch mit Eckermann nannte Goethe Poeten, die schreiben, „als wären sie krank und die ganze Welt ein Lazarett“, die immer nur „von den Leiden und dem Jammer der Erde“ sprechen, die „einer den anderen aufhetzen“, „Lazarett-Poeten“: „Ich habe ein gutes Wort gefunden, fuhr Goethe fort, um diese Herren zu ärgern. Ich will ihre Poesie die Lazarett-Poesie nennen; dagegen die echt tyrtäische diejenige, die nicht bloß Schlachtlieder singt, sondern auch den Menschen mit Mut ausrüstet, die Kämpfe des Lebens zu bestehen.“[10] In einem Brief an Zelter zwei Jahre darauf beklagte er die „Tendenz der Zeit, alles ins Schwache und Jämmerliche herunterzuziehen.“[11]

Der wahre Grund der Misere – darauf hat Manfred Osten in mehreren Anläufen hingewiesen[12] – liegt für Goethe im „Veloziferischen“, im „Ultra“, im zu Schnellen und Heftigen und zu Vielen der Zeit, das des Teufels ist.  An Zelter schrieb er 1825 die paradigmatischen Zeilen:

„Alles aber, mein Teuerster, ist jetzt ultra, alles transzendiert unaufhaltsam, im Denken wie im Tun. Niemand kennt sich mehr, niemand begreift das Element worin er schwebt und wirkt, niemand den Stoff den er bearbeitet. Von reiner Einfalt kann die Rede nicht sein; einfältiges Zeug gibt es genug. Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde, dahin streben die Bibelgesellschaften, die Lankasterische Lehrmethode, und was nicht alles. Eigentlich ist es das Jahrhundert für die fähigen Köpfe, für leichtfassende praktische Menschen, die, mit einer gewissen Gewandtheit ausgestattet, ihre Superiorität über die Menge fühlen, wenn sie gleich selbst nicht zum Höchsten begabt sind. Laß uns soviel als möglich an der Gesinnung halten in der wir herankamen, wir werden, mit vielleicht noch wenigen, die Letzten sein einer Epoche die sobald nicht wiederkehrt.“[13]

Sich enthalten, sich selbst üben, entsagen und verzichten lernen, sich abhärten und der Natur entsprechend leben, Angst und Furcht aktiv besiegen, das ist der Weg Goethes. Otto Friedrich Bollnow fand dafür das passende Wort: „Nur als ständiges Üben erfüllt sich das menschliche Leben.“[14]

Johann-Wolfgang-Goethe+J-W-Goethe-Sämtliche-Werke-nach-Epochen-seines-Schaffens-Münchner-Ausgabe

Das Nonplusultra der Goethe-Edition: die Münchner Ausgabe, nach Chronologie organisiert und daher ideal für Kontextstudien
[1] Dichtung und Wahrheit. In: Goethe Sämtliche Werke. Münchner Ausgabe Band 16, S. 39 – alle Zitate entstammen dieser Ausgabe. Hervorhebungen von mir.
[2] Ebda. 40
[3] Ebda. 72
[4] Ebda. 355
[5] Ebda. 367
[6] Ebda. 404f.
[7] Sämtliche Werke Band 14, S. 384
[8] J.P. Eckermanns Gespräche mit Goethe. In: Goethe Sämtliche Werke 19, Münchner Ausgabe S. 314
[9] Ebda. 412
[10] Ebda. 242
[11] Sämtliche Werke 20.2, S. 1198
[12] Denen ich die Anregung verdanke. Vor allem: Manfred Osten: Die Welt »ein großes Hospital« – Goethe und die Erziehung des Menschen zum »humanen Krankenwärter«, Wallstein-Verlag, Göttingen 2021; aber auch: Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit. Zur Modernität eines Klassikers im 21. Jahrhundert, Insel Verlag, Frankfurt am Main/ Leipzig 2003, sowie: Das geraubte Gedächtnis: digitale Systeme und die Zerstörung der Erinnerungskultur; eine kleine Geschichte des Vergessens. Insel-Verlag, Frankfurt am Main/ Leipzig 2004
[13] Sämtliche Werke 20.1, S. 850f.
[14] Otto Friedrich Bollnow: Vom Geist des Übens. Eine Rückbesinnung auf elementare didaktische Erfahrungen. Freiburg 1978, S. 68

Covid-Opfer und Covid-Impf-Opfer

Zwei Artikel mit scheinbar gegensätzlichen Botschaften kreuzten sich heute im Internet.

Zum einen hatte Martin Lichtmesz auf „Sezession im Netz“ den zweiten Teil seiner „Bilanz der Impfschäden“ vorgelegt, zum anderen zeigte sich Jan Josef Liefers, Initiator der #allesdichtmachen-Initiative, nach einem Besuch auf einer Intensivstation geläutert und plädiert nun offen für die Corona-Impfung. Sein Fazit: „Bei keinem der Patienten wäre eine Intensivbehandlung nötig gewesen, wenn sie geimpft gewesen wären.“

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Mein Corona-Tod

Im aktuellen „Focus“ kommt der Chefarzt der Intensivstation einer Münchener Klinik zu Wort und darf dort auch über seine Wut auf Ungeimpfte reden. Demnach arbeite man seit 19 Monaten bis zur Erschöpfung hauptsächlich wegen Corona-Patienten. Alle, zu 100%, der dort Behandelten seien Ungeimpfte gewesen, sagt der Mann. Die Opfer werden immer jünger, – meine Alterskohorte ist deutlich überrepräsentiert –, die Hälfte habe Vorbelastungen wie Diabetes oder Fettsucht, die andere Hälfte aber sei kerngesund. Ob er auch einen Groll auf Adipöse, Trinker, Raucher, Autofahrer, Suizidale – und was weiß ich, wer noch so statistisch überrepräsentiert auf der Intensivstation landet – hat, erfahren wir nicht.

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Homöopathie als Weisheitslehre

Gleich der erste Satz eine Wucht: „Dieses Buch ist keine Chronik einer Entwicklung. Alles, was vom Werden … Hahnemanns erzählt wird, wird mit Hinblick auf seine Vollendung erzählt.“ Tatsächlich wird das Buch in weiten Teilen nicht getrieben, sondern gezogen, nicht die Frage „warum“, sondern „wozu“ gestellt, und das eröffnet ganz andere Möglichkeiten, bringt aber auch Probleme mit sich. Zuvorderst entspricht diese Herangehensweise Hahnemanns Philosophie der reinen Phänomenalität, ist also genuine, komplementäre Aussage, und erlaubt ein intensives Sich-Einfühlen. Ja, Hahnemann wird nicht nur besprochen, er wird sogar direkt an-gesprochen, als wäre er noch immer präsent, immer schon und immer noch da. Und wirklich, die Homöopathie, die Fritsche uns vorstellt, ist plötzlich da und in gewisser Weise ewig und sie beginnt mit ihrem Höhepunkt, kennt also keine eigentliche Entwicklung, nur Varianten, meist Dekadenzen. Nur die tiefsten Weisheitslehren des Taoismus, des Buddhismus und des Kynismus können da mithalten, nur diese beginnen auch mit ihrem Höhepunkt (Laotse, Buddha, Diogenes). Damit, als letztes Ergebnis dieser Herangehensweise, wird der Homöopathie von vornherein ein transzendentaler Charakter zugesprochen.

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Zur Kritik der zahnlichen Vernunft

Sage mir deinen Zahnstand und ich sage dir, wer du bist. Hitler (gechannelt, post mortem)

Oh verdammt – wieder alles verkehrt gemacht. Zufälligerweise treffe ich meine Frau im Badezimmer. Endlich kann ich sie fragen, was ich seit Wochen – seit sie eine Tag- und eine Nachtzahncreme gekauft hatte – fragen wollte. Welche muß man denn nun morgens und welche abends nehmen? Alle vernünftige Logik sagte mir, daß die blaue für die Nacht, die rote für den Morgen gedacht sein muß. Abends ist es dunkel – blau – und morgens glüht die Sonne am Firmament – also rot. Sie spult einen Werbespruch herunter: Morgens Aronal, abends Elmex – das wisse doch jeder und überhaupt: Blau ist der Morgenhimmel und rot die Abendsonne. So ist es: Frauenlogik! Seltsam, aber möglich. Diese Doppelcreme – die übrigens im Ökotest krachend durchfiel – kann wohl nur von einer Frau designt worden sein.

Auf dem Zahnarztstuhl frage ich die Dentistin meiner Wahl nach dem Klopp-Gebiß.

Was das sei und wie man das macht. Sie weiß es nicht, es gäbe verschiedentliche Möglichkeiten, aber sie mag es gar nicht – es ist zu massiv und zu weiß. Farbe B1 sagt sie, das hellste, was es gibt, aber eben nur in der Phantasie der Menschen. Wir rätseln, warum er es hat machen lassen. Vermutlich weil er es kann, finanziell, sage ich, und weil es in Liverpool sicherlich einen guten Spezialisten dafür gibt. Besonders bei dunkelhäutigen Menschen wirke ein solches Gebiß hochgradig gewöhnungsbedürftig, sagt sie und ich muß sofort an Firminio und Couthino denken – Klopps brasilianische –, an Mané – Klopps senegalesischen Spieler. Vermutlich ist es auch Eitelkeit, zieht man die Haartransplantation noch in Betracht. Nötig hatten sie es wohl alle nicht gehabt – Klopps Gebiß vor dem Eingriff war auf der altersgerechten Seite überdurchschnittlich gut. So ist das, die Angst vor der Vergänglichkeit läßt uns alle Möglichkeiten ausschöpfen.

 Vielleicht liegt es auch an seinem Lachen, grübeln wir weiter. Und dann fällt dieses Wort „von acht bis acht“. Wenn er lacht, dann lacht er von acht bis acht. Das ist Zahnarztsprech – wenn er lacht, dann kann man von einem Weisheitszahn (Nummer acht) bis zum anderen sehen. So ist das, der Beruf oder die Beschäftigung, also der Fokus bestimmt die Wahrnehmung. Sage mir, was du machst, und ich sage dir, was du siehst. Der Zahnarzt sieht überall Zähne, der Tattoo-Künstler überall Tattoos, der Modemacher überall schlecht sitzende Kleidung, der Architekt überall Häuser und deren Bauart, der Förster überall Waldschäden, der Künstler überall spannende Formen, Farben, Schattierungen, der Klimawandelbeauftragte überall Klimawandel, der Blogger überall Blogstoff, der Gynäkologe wünschte, er könne endlich mal etwas anderes sehen und der Philosoph sieht überall das Allgemeine – er ist, nach Odo Marquard, der „Stuntman des Experten, sein Double fürs Gefährliche“ oder noch besser mit Sloterdijk: „jemand, der wehrlos ist gegen Einsichten in große Zusammenhänge“. Wer von acht bis acht schaut, übrigens auch, nur kleiner.

Als sie meinen Zahn – dessen Krone zu Bruch ging – noch weiter abschleift, nimmt sie das Wort „grazil“ in den Mund. Ich bedanke mich für diese kundenfreundliche Wortwahl, die wohl meinte, daß da nicht mehr viel zum Beschleifen sei. So ist das, Menschen wollen – wenn es um ihre Eitelkeiten geht oder den Verfall – betrogen werden und kulturvoller Umgang befriedigt dieses Bedürfnis …, weshalb Deutsche im Ausland oft als rüde gelten. In einem Ungarischlehrbuch aus den 60er Jahren lobt die Hauptfigur die besondere Höflichkeit seines Friseurs, weil dieser kein Wort über dessen zunehmende Haarlosigkeit verloren hat und so tat, als würde er schwer arbeiten.

Meine Zahnärztin – wohl unbemerkt – hat das beste Rezept gegen Angstschmerz. Wenn sie sich über meinen Schlund beugt, dann berührt ihre Brust sanft meine Wange – ein ungemein beruhigender Effekt. So ist das, wenn es an die Existenzialien geht – Sorge, Befindlichkeit, Tod und Zahnweh – dann steigen wir hinab zu den Müttern.

Viro-Logisches II

Ursula von der Leyen beschwört die Europäische Union und tadelt jene Nationalstaaten, die souveräne Entscheidungen fällen. Tatsächlich bestätigt die Corona-Krise die Macht des Egoismus, nicht nur an den Verkaufsregalen, sondern auch auf nationaler Ebene. Die Nation zeigt sich nun als das, was sie ist: primär. Die nationale Frage ist – wie Bahro feststellte – „eine objektive Realität von tieferen Gründen als die Klassenfrage“. Nicht Klassen und Schichten finden in der Not zueinander, sondern die Nation. Entitäten wie ein die Nationen negierendes Ideal einer Europäischen Gemeinschaft, in der das Eigenartige nivelliert wird, entpuppen sich plötzlich als Konstrukte, sie sind noch nicht mal „eine objektive Realität“. Umgekehrt bedeutet das: Länder, in denen das Nationalgefühl – und also das Zusammengehörigkeitsgefühl –  systemisch gestört und zerstört wurde, werden derartige Krisen schlechter überstehen können, als mythisch geeinte Länder. Dort, wo sich ein Volk im Selbstverständnis gebildet hat, wird man gemeinsam handeln und auch leiden, sich opfern können; in einer parzellierten Gesellschaft dürften sich die Teile irgendwann gegeneinander wenden.

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Viro-Logisches

Das Corona-Virus hält uns in Atem, die Menge der Informationen, die Geschwindigkeit ihrer Veränderungen überfordert uns alle; selbst sogenannte Experten verlieren den Überblick, es geistern Zahlen und Theorien im Netz umher. Nachfolgend ein paar lose, freie Gedanken, allein aus dem fehleranfälligen Denken geboren und ohne jegliche Expertise.

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