Der Gottes-Draht

Ich empfehle – ungelesen – jedes neue Buch von Peter Sloterdijk – er ist die überragende Intelligenz unserer Zeit.

So auch dieses; wenn auch mit Abstrichen. Die Bedenken sind doppelter Natur. Wo immer Bekenntnis analytisch und auf bislang unerhörte Art und Weise tangiert wird, darf man scharfe Gegenreaktionen erwarten, die sich zeittypisch als „Verletzungen“ artikulieren werden. Zum anderen übersteigen die Gedankengänge mitunter das Fassungsvermögen des Rezensenten, der sich folglich in einer Legitimationskrise befindet. Andere Kritiker haben diese Demütigung auf Sloterdijks Belesenheit zurückgeführt – er bewegt sich scheinbar leichtfüßig zwischen zeit- und raumspezifischen Diskursen, vom Urstromland bis zur urbanen Postmoderne, beherrscht sämtliche Diskurssprachen –, ohne den Affront in dieser Bewunderung zu bemerken, denn Bildung ist Beleidigung und ein Schimpfwort, wenn man nicht nachweisen kann, daß der Belesene auch etwas daraus zu machen weiß und nicht nur repetiert. Daß aber genau ist Sloterdijks Signet – man hat es seit Nietzsche, seinem ständigen Kronzeugen, nicht mehr so ausgeprägt wahrnehmen dürfen –, die gewußten und angeeigneten Dinge nicht nur in einem Narrativ zusammenzuschweißen und die Bruchstellen durch gekonnte linguistische Manöver oder logische Arabesken zu überdecken, sondern hinter den Phänomenen in ihrer unendlichen Vielzahl ein bislang ungesehenes Typisches, Höheres, Abstrakteres auszumachen. Der Volksmund spricht vom „um-die Ecke-denken“. Kein Lebender kann sich in dieser Begabung mit ihm messen, soweit ich sehen kann.

„Den Himmel zum Sprechen bringen“ schließt an verschiedene offen liegen gelassene Fäden an. Zum einen schreibt Sloterdijk William James weiter, der in „Die Vielfalt religiöser Erfahrung“ – nicht zufällig schrieb Sloterdijk das Vorwort zur Neuausgabe[1] – dem Rätsel der regionalen und zeitlichen Ausdifferenzierung eines allgemeinen Phänomens auf die Spur kommen und in „Der Wille zum Glauben“ die dahinterliegenden Psychoenergien deutlich machen wollte, zum anderen steigt Sloterdijk noch einmal in selbst getretene Spuren: In „Weltfremdheit“ (1993) widmete er sich der inneren Dynamik religiöser Segregation am Beispiel des Anachoretentums, in „Gottes Eifer“ (2007) – einem Beifang der Überlegungen zum Thymos („Zorn und Zeit“) – fragte er nach den Antriebsenergien und den Akzelerationslogiken der monotheistischen Religionen auf ihrem unabänderlichen Weg zur Zivilisierung und in „Nach Gott“ von vor drei Jahren widmete er sich der theologischen Aufklärung über die Theologie bis zum allgemeinen Empfang der Botschaft Zarathustras.

Die Theologie wird nun hinter sich gelassen; sein jetziges Ansinnen spiegelt das Zentralwort „Theopoesie“ wieder. Es soll den Redeverkehr zwischen Gott und Menschen einfangen. Da es auf der Erde ein starkes und zunehmendes Bedürfnis – in den verschiedenen religiösen Ausformungen – nach Gott gab und gibt, dieser sich aber als oft schweigsamer, rätselhafter oder zumindest unberechenbarer Gesprächspartner erwiesen hat, der zudem nur wenigen Auserwählten (Moses, Jesus, Paulus, Mohammed etc.) die Gnade einer direkten Kommunikation zuteil werden ließ, haben Menschen immer wieder auf mehr oder weniger künstlerische oder poetische Art und Weise versucht, den Herrn zum Sprechen zu bringen oder doch wenigstens zu erraten, was er sagen würde, wenn es ihn gäbe und zu sprechen gelüstete. Freilich, im Begriff der poeisis (Erschaffung) liegt ein notwendiger Affront den Erschaffenen oder sich als erschaffen Wähnenden gegenüber.

Im ersten Teil beruft sich Sloterdijk – Autor des frühen Buches „Der Denker auf der Bühne“ – auf einen altgriechischen Theatertrick: man ließ den Gott mithilfe einer technischen Konstruktion, die den zukunftsschwangeren Namen „theologeion“ trug, in die Arena schweben, um ihn an den Sorgen und Kämpfen und auch Sünden der Erdlinge aktiv teilnehmen zu lassen. Diese Metapher wird durch die Zeiten verfolgt bis hin zu den spätkatholischen Kuriositätensammlungen der Dogmatik. Im zweiten Teil verfolgt er die häufigsten Stil- und Zielmittel der Theopoesie wie „Zusammengehörigkeit“, „Geduld“, „Übertreibung“, „Kerygma“, „Suche“ usw.

Auch wenn das als „abgehoben“ erscheinen mag, so sind die Rückbezüge in die Gegenwart jederzeit sichtbar, wenn auch nicht immer so klar ersichtlich wie in den recht unzeitgemäßen Äußerungen zu Islam und Koran oder der Kritik solcher Kampfbegriffe wie „Volk“, „Nation“ oder „Identität“. Warum freilich die poetischen Selbstbildungskräfte in Hinblick auf Gott konstitutiv sein, beim Volk – also einer „Demospoesie“ – versagen sollen, ist nicht ausgeführt.

Immerhin lernt der Leser in dieser kommentierten Ausgabe der gesammelten theologischen Paradoxien, daß Glauben, dessen Rechnung logisch aufgeht, unmöglich ist. Im letzten Abschnitt zieht Sloterdijk die Fäden seiner bis dahin scheinbar schwebenden gedankensatten Assoziationen überraschend straff zusammen – hier klärt sich die Frage „wozu?“ endgültig – und begründet den notwendigen Autoritätsverlust des Religiösen in der Moderne: sich verselbständigende „Diesseitspraktiken“ haben der Religion und ihren Institutionen die Kompetenzen entzogen, befriedigen mit eigenen Mitteln den numinosen Bedarf; Religion ist „der Rest, der nach dem Abzug von allem bestehen bleibt, was in die Wissenschaft, die Ökonomie, das Justizwesen, die Philosophie usw. abwandert“ und eine „Beihilfe zur Auslegung des Daseins“ darstellt. Der Begriff der Religionsfreiheit erhält hier eine doppelte Bedeutung: die Religion sei frei, ihre sozialen Funktionen zu entlassen, sie müsse den sozialen Ensembles keine Zusammenhaltsmotive mehr liefern – diese seien also auch frei von der Religion –, sie müsse sich zum zweiten einer neuen Konkurrenz um die Existenzdeutung stellen, namentlich der Philosophie und der Künste. Religion erringt eine „erhebende, skandalöse Nutzlosigkeit, sie ist so überflüssig wie die Musik“, sie erlangt Luxuscharakter, ihre Institution dürfe nun den Rang einer Körperschaft des öffentlichen Rechts beanspruchen.

Die sprachliche Kunstfertigkeit, in der Sloterdijk diese – für einige bittere – Erkenntnisse kleidet, ist ein Paradebeispiel eines Textes – letztlich löst er damit das nicht gehaltene Versprechen postmodernen Schreibens ein –, der verletzungsfrei, ohne jegliches Zündeln, über wahren Explosivstoff spricht und zudem genügend Selbstsicherungen einbaut, die vor weltanschaulichem Mißbrauch schützen (sollen). Eventuell auftretende Verspannungen werden durch eine omnipräsente, immer wieder aufblitzende Heiterkeit und Ironie – man liest dieses ernsthafte Buch mit einem Dauergrinsen im Gesicht – gekontert.

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie. Frankfurt/M. 2020. 344 Seiten. 24,80 Euro

[1] In ihm finden wir eine These des nun vorliegenden Buches vorformuliert: „Ein überstarker Gott, der als Herr der höheren Gewalt und als Urgrund des Zufälligen die Menschenwelt – allen schönen Theologenworten von menschlicher Freiheit zum Trotz – in heteronomer Umklammerung hält, mußte in einem Zeitalter von Unternehmern, Selbsthelfern und Mobilisateuren der große Unbrauchbare werden; gerade als Allmächtiger wurde er ein Fremder auf Erden, ein extraterrestrischer Störer des eigenwilligen zivilisatorischen Betriebs.“
zuerst erschienen (gekürzt und leicht bearbeitet) in „Sezession“ Heft 99

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