Denkanstöße – Sloterdijk VI

Einige willkürliche und ganz subjektiv ausgewählte Beispiele von Sloterdijks aphoristischer, oft ironischer Prägnanz aus seinem neuesten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“. Selbstverständlich aus dem Kontext gerissen.

Götter sind Vagheiten, die durch Kult präzisiert werden.

Zu seinen (Jesu) Dichtern wurden die Evangelisten, die seine Geschichte vom Ende her erzählten. Sie zögerten nicht, ihren Lehrer, dessen Worte vor den fatalen Ereignissen nach seinem Einzug in Jerusalem bei ihnen nachhallten, sagen zu lassen, was er gesagt haben müßte, sollte seine irdische Erscheinung den Sinn haben, ohne den sie nur der Stoff zum Bericht eines Scheiterns wäre.

Doch was ist Christentum, wenn nicht eine Übereilung, die sich schließlich mehr Zeit nehmen mußte, als anfangs vorgesehen? War es nicht zu Beginn nur eine Wanderkarte für Entwurzelte und Hinüberstrebende, die in Gebrauch blieb, bis die Kirche vor den Zwängen der Bodenhaftung kapitulierte und sich lieber über Apostelgräbern in einer imperialen Metropole festsetzte, als an den Wurzeln des Himmels zu hängen?

„Religion“, um den verwirrenden Ausdruck faute de mieux vorläufig weiter zu verwenden, bedeutet die Abschaffung der Sorglosigkeit – man könnte ebenso sagen: die beginnende und sich vollendende Verdächtigung der Spontaneität.

Glaube ist die Unmöglichkeit unbedeutend zu sein. Meint jemand, ihn erreicht zu haben, rechnet diese Person sich zu der Schar der Guten – später: der zum Gut-Sein-Können Erwählten.

Menschen existieren als anthropopoetische Wesen. Was immer sie tun, es ist Teil ihrer lokalen Anthropodizee. Sie bringen ihre Menschwerdung – und ihre Abgrenzung vom Unmenschlichen – voran, indem sie sich an das angleichen, was sie sich in Bezug auf ihr Höheres „vormachen“.

Die maßgeblichen „Religionen“ im engeren Sinne des Wortes sind de facto theopoetische Gebilde, deren starkes Merkmal darin besteht, alles zu unternehmen, um ihre Vergleichung mit Mythen, Kulten und Fiktionen anderer Kulturen aus dem Weg zu gehen. Sie tun dies, indem sie, zum einen, die Bindung ihrer Glaubenssätze an den Ritus strikt orthopraktisch aufrechterhalten, zum anderen, indem sie Impulse zum häretischen, das heißt wählerischen und abspalterischen Umschreiben der heiligen Schrift mit Hilfe orthodoxer und vollständiger Normierung eindämmen. Sie sagen nein zu bloß religiösen Einfällen. Systemtheoretisch formuliert: „Es darf nicht dahin kommen, daß jedermann irgend etwas behauptet.“ In diesem Gesichtskreis bleibt das Religiöse eine Frage der Observanz.

Der Glaube – in dem anspruchsvollen Sinn, der die historisch erfolgreichsten Offenbarungsreligionen bezeichnet – artikuliert sich punktgenau an der Stelle, wo funktionierende Plausibilität und funktionierende Absurdität zusammentreffen.

Man könnte meinen, der Koran bilde sub specie aeternitatis einen einzigen zeit- und raumbezogenen Satz, der aufgrund der Zwänge irdischer Syntax die Erwartungen an ein logisch geordnetes Nacheinander frustriert. Wenn auch in ihm die Reihenfolge die Botschaft ist, muß sie strikt esoterisch sein.

Das 19. Jahrhundert ist nicht bloß durch die Figuren der „Götterdämmerung“ (Überweltverblassen) und „Gesellschaftsdämmerung“ (Soziophanie als Aufgang der universalen Immanenz) zu kennzeichnen. Die übergreifende philosophische Signatur der Epoche verrät sich in der Abenddämmerung der Stabilitäten. Sollte man in philosophischer Terminologie Auskunft zu der Frage geben, was Modernität ausmacht, eine Antwort könnte lauten: Sie führt das Programm des Denkens und Handelns in Funktionsbegriffen durch. Anstelle feststehender Substanzen rechnet sie mit Variablen in vielfältig gestaltbaren Praxisfeldern.

Der Schluß vom Unverständlichen auf das Geheimnisvolle macht Theologie möglich.

„Religion“ bleibt bemerkenswert, solange sie ihre Faszination hütet – sprich: sofern sie die Fähigkeit an den Tag legt, durch vernunftferne Verzauberungen, bizarre Rituale und wohldosierte Absurditäten Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Der katholische Taufpriester ist in der Sache ein Rettungssanitäter, der den Säugling einen Tag nach der Geburt sakramental reanimiert.

Der Spuk der Geistsphäre „Kirche“, später umbenannt in „Kultur“ …

Zur Moderne bekennt sich, wer die Mode für wichtiger hält als die Tradition. Von Grund auf modern ist der Zustand, in dem Kopftuchdesigner mit Friseuren konkurrieren.

Den Agitationen gehen stets die Konditionierungen voraus, ja, sie haben selbst konditionierende Effekte. So wie manche Asthmatiker schon beim Anblick von Plastikrosen einen Anfall von Atemnot erleiden, geraten ausreichend konditionierte Genossen bei der Lektüre der Prawda und analoger Organe westlicher Publizistik in Haßzustände, sobald sie in einem Artikel auf Wörter wie „Kapitalismus“ stoßen. Nach geeigneter Vorbereitung erzeugt ein abstrakter Ausdruck wie „das Bestehende“ stark aversive Reaktionen, während Reizwörter wie „Kreativität“ und Mobilitätsklischees wie „sich selbst neu erfinden“ intensive Appetitreflexe auslösen. Pawlow starb trotz hohem Alter zu früh, um beobachten zu können, wie sich seine kulturphysiologischen Annahmen in den westlichen Konsumnationen nach 1950 bewahrheiteten.

Als letztbegründet und widerspruchsfrei kann keine seiner (Gottes) Eigenschaften gelten, außer der einen, daß er, wie Hiob demonstriert, imstande ist, scheinbar gerade Lebenswege zu unterbrechen. Er muß es hinnehmen, diese Fähigkeit mit dem für seine Dummheit bekannten Zufall gemeinsam zu haben.

William James war Psychologe genug, um die Beobachtung geltend zu machen, daß es beim Glauben, wenn er denn spontaner Glaube ist und nicht bloß Folge einer lebenslang anhaftenden frühen Inkulturation, an erster Stelle um eine Eigenleistung des erwachsenen Gläubigen geht, zumal bei den Gebildeten. Er nennt diese Leistung den Willen zum Glauben – ohne Rücksicht auf die althergebrachte Theologenthese, der Glaube sei als solcher bereits eine von oben gewährte Gnade. Wie jeder Rückgriff auf die Gnade folgt auch dieser dem Zweck, die auflösende Reflexion zum Halten zu bringen: Bliebe sie frei beweglich, ginge das Denken vor die Gnade zurück, indem es einen Willen bzw. eine Bereitschaft zur Annahme der Gnadengabe als deren Bedingung offenlegte. Um auf dem Prius der Gnade insistieren zu dürfen, würde eine zweite Gnade gebraucht: die Gnade des Willens zur Annahme der Gnadengabe Glaube. Aus dem Spiel gegen den Willen geht die Gnade nur dann erfolgreich hervor, wenn sie den Willen überredet, aufzuhören.

Läßt man die Definition von Religion als dem Rest gelten, der nach dem Abzug von allem bestehen bleibt, was in die Wissenschaft, die Ökonomie, das Justizwesen, die Medizin, die allgemeine Therapeutik, die Medientheorie, die Linguistik, die Ethnologie, die Unterhaltungsliteratur, die Politologie usw. abwandert, behält man einen Bereich zurück, den man so schlicht wie vage umfassend Beihilfe zur Auslegung des Daseins nennen darf, bis hin zur Aufhellung des Unverfügbaren und zur Domestikation des Unheimlichen.

Was von den historischen Religionen bleibt, sind Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen. Das übrige ist Anhänglichkeit, begleitet vom Verlangen nach Teilhabe.

siehe auch: Der Gottes-Draht

Peter Sloterdijk: Den Himmel zum Sprechen bringen. Über Theopoesie. Frankfurt/M. 2020. 344 Seiten. 24,80 Euro

16 Gedanken zu “Denkanstöße – Sloterdijk VI

  1. Otto Reincke schreibt:

    Kein noch so eleganter Wortzauber kann darüber hinwegtäuschen, daß auch der Atheismus, welcher die Abwesenheit Gottes beweint, nichts als Gottlosigkeit in ihrer entblößenden Armut ist. Die Diffamierung der Naivität und die Herabsetzung des Glaubens scheinen mir beide Säulen bei der Inthronisation des Intellektes zu sein, der meint, dadurch, daß er Dinge benennt, die Welt zu erfassen. Jemand, der den Sendungsbefehl – gehet hin in alle Welt… – immer nur und ausschließlich auf sich selbst bezogen, interpretiert hat, (Μετανοεῖτε) kann angesichts eines Befundes, wie: „Was von den historischen Religionen bleibt, sind Schriften, Gesten, Klangwelten, die noch den einzelnen unserer Tage gelegentlich helfen, sich mit aufgehobenen Formeln auf die Verlegenheit ihres einzigartigen Daseins zu beziehen. Das übrige ist Anhänglichkeit, begleitet vom Verlangen nach Teilhabe.“ nur mit offenem Munde stehen bleiben! In diesem Zusammenhang erübrigt es sich auf das dazugehörige (Πιστεύετε) einzugehen. Als Beobachter bleib es einem jedoch zu konstatieren: Die Welt bleibt interessant und die Wendungen und Weigerungen des Geistes, sich seiner Kraft und Macht bewußt zu werden, scheinen immens.

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    • Michael B. schreibt:

      Die Diffamierung

      Ich finde den diesem Satz unmittelbar Vorausgehenden dann doch etwas erheiternd — „entbloessend“?

      […]

      Jemand, der den Sendungsbefehl – gehet hin in alle Welt… – immer nur und ausschließlich auf sich selbst bezogen, interpretiert hat

      Sind Sie damit selbst gemeint? Ich haette hier staerkere Zweifel anzumelden.

      Wie ich Missionare „liebe“. Das teile ich uebrigens mit den ziemlich tief Glaeubigen in meiner Familie. Die haben fast noch bessere Detektoren fuer so etwas.

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    • Adorján Kovács schreibt:

      Als Antwort auf Otto Reincke.

      Stimme Ihnen völlig zu. Sloterdijk, der mir zunehmend leid tut, reitet immer noch die verendende Mähre der atheistischen Aufklärung, die schon stolpert und gleich stürzt – aber er reitet sie stolz in prächtiger Uniform…

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      • Michael B. schreibt:

        reitet immer noch die verendende Mähre der atheistischen Aufklärung

        Wenn ich jetzt ein Religionshasser waere, wuerde ich sagen: Es gibt um Groessenordnungen mehr und aeltere Pferde, von denen leider zu viele Leute nicht merken wollen, dass sie wohl schon einige Zeit tot sind.

        Aufklaerung hat sicher ihre Schwaechen, aber ihren Hauptgedanken haben die Allermeisten noch nicht einmal als Versuch begonnen zu reiten.

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        • Adorján Kovács schreibt:

          Ja, das ist einer der flotten, leider oft zu flotten Sprüche Sloterdijks, in diesem Fall angelehnt an die alte Bultmannsche Floskel von dem, was man im Zeitalter des Rasierapparats (bei S.: des Handys) nicht mehr glauben oder machen könne. Dazu D. von Wachter: »Die Redeweise „Man kann heute nicht mehr an X glauben“ ist nur dann sinnvoll, wenn es heute Beweise gibt, die es früher nicht gab. Sie überzeugt nur dann durch die Vernunft, wenn diese Beweise auch genannt und am besten auch erklärt werden. Die oben zitierte Aussage Rudolf Bultmanns beispielsweise, man könne heute nicht mehr an Wunder glauben, ist nur dann sinnvoll, wenn es heute Beweise gibt, die es früher nicht gab. Wann immer an die Vernunft und an das Man-kann- heute-nicht-mehr-glauben-Gefühl appelliert wird und keine Beweise genannt werden, sollte das unseren Verdacht erregen. Wir sollten Argumente fordern; irgend etwas, was den Grund darstellt, weshalb die betreffende These vertreten wird und das uns von der These überzeugen sollte.
          Ebenso sollte der Ausdruck „die moderne Vernunft“ oder „die nachmetaphysische Vernunft“ unseren Verdacht erregen, denn Vernunft hat keine Attribute.« (aus: Die kausale Struktur der Welt).
          Natürlich nennt Sloterdijk neben überreden wollenden Apercus auch überzeugen wollende Argumente, die andere auch wirklich überzeugen mögen, mich (und nicht nur mich) nicht. Dass er die quasi-Bultmannsche Formel: ,wo Handy, da kein Gebet‘ bemüht, zeigt jedenfalls sehr schön, von welcher Denkrichtung er abhängt. Das ist okay, sollte aber zu mehr Demut führen: So originell, für wie er ihn verkauft, ist wenigstens dieser Ansatz nicht. Bei anderen Themen mag das anders sein, und selbstverständlich umfasst Sloterdijks reiches Werk mehr als diese aufklärerischen Platitüden, die er in „Nach Gott“ und seinem neuesten Buch vertritt.

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          • @ Adorján Kovács

            Diese extreme Zuspitzung stammt nicht von Sloterdijk, sondern von mir. Aber egal, in beiden Fällen steht das Handy natürlich nur symbolisch – es ersetzt Dinge wie „die Technik“, „die Wissenschaft“, „den Fortschritt“ und dergleichen. Es wird auch nicht der je individuelle „Sprung in den Glauben“, der Glaube an die Existenz Gottes, davon berührt – das ist jederzeit möglich und wird auch ganz neue Formen finden -, aber es zeigt – übrigens auch überwältigend empirisch! -, daß die modernen Lebensweisen, im Gegensatz zu früheren, viel einfacheren, deutlich ärmeren, schicksalsabhängigeren etc., zunehmend ohne Gott auskommen können und dies schon lange tun. Immer mehr Menschen sehen in Gott ein Konstrukt. Im tiefsten Kern ist die Theologie selbst dafür verantwortlich, denn sie hat durch ihren Streit erst den Zweifel in den institutionalisieren Glauben getragen.

            Heute jedenfalls ist Gott in der Breite funktionslos geworden, seine Aufgaben werden von anderen Gesellschaftsbereichen übernommen, er ist ein Luxus geworden, den man sich leisten mag oder auch nicht. Seine letzte und ewig uneinnehmbare Bastion ist der Glaube selbst. Den kann man nicht par ordre du mufti verbieten, er wird sich aber weiter verringern und/oder in „Vielfalt“, in Individualität auflösen, so weit, daß Kirchen zunehmend ihre Dachfunktion verlieren – was sie im Übrigen auch schon seit langem tun.

            All das ist gänzlich unabhängig von Ihrem oder sonst jemandes Glauben und dieser wird auch nicht angegriffen. Es ist eine nüchterne Bestandsaufnahme und die ist essentiell: Rechne mit deinen Beständen oder: „Rechne mit deinen Defekten. Gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen.“ Tun wir das nicht, gehen wir von den falschen Prämissen aus, dann ist aller Widerstand umsonst.

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            • Adorján Kovács schreibt:

              Ich verstehe, was Sie meinen, bin aber mit der Analyse und der Prognose nicht ganz d‘accord. Erstens weiß ich gar nicht, ob es weltweit stimmt, dass immer mehr Menschen „in Gott ein Konstrukt sehen“ und „ohne ihn auskommen“. Vielleicht im Westen, und nicht einmal da bin ich mir sicher, ob das mit dem Wort „Auskommen“ gut beschrieben ist. Die Betreffenden existieren sicherlich biologisch, wirken auch in der Welt und lassen sich nach ihrem Verenden (deren eigenes Wording!) unter einem Baum anonym im Friedwald verscharren. Ich kenne viele solcher Menschen und es stimmt, es werden mehr. Wer hat diesen Menschen ins Herz gesehen? Ich nicht. Weltweit stimmt die Analyse sicher nicht, und ich will Sloterdijk (oder Ihnen) jetzt nicht westlichen Hegemonialismus vorwerfen, weil er glaubt, dass das Licht aus dem Westen kommt. Zweitens stimmt die Analyse der zunehmenden Säkularisierung zwar kurzfristig (letzte fünf, sechs Jahrhunderte) und die Prognose vielleicht auch in absehbarer Zukunft, aber was heißt das schon? Beide stimmten und stimmen nie zu 100%. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Aufklärung (z. B. Robespierre) und ihre Erben (Illuminaten, Freimaurer, Transhumanisten) keineswegs auf Gott verzichten. Das „House of One“ ist der Tempel der Zukunft, vielleicht mit einem Schuss Scientology drin. Das hat doch was.
              Drittens wird hier subkutan eine Rationalität unterstellt, die nicht vorhanden ist. Die Menschen, die nicht mehr glauben können oder nicht mehr an kirchlichen Institutionen hängen, haben ja keine rationale Abwägung von Gründen vorgenommen, sondern sie sind durch Erziehung und Propaganda zu ihrer scheinbaren „Einsicht“ gebracht worden. Auch und reichlich durch blanke Gewalt. Gut, man könnte sagen, früher war das umgekehrt nicht anders. Hier komme ich zum vierten Punkt.
              Denn es ist m. E. überhaupt keine Frage der Lebensbewältigung, der Sinnsuche, der Ordnung, der Lebensweise o. ä. Dinge, ob man mit Gott rechnet oder nicht, sondern eine Frage der Wahrheit. Diese metaphysische Wahrheitsfrage hat zunächst nichts mit Religionen oder Konfessionen zu tun; das ist oft der Fehler, der hier gemacht wird. Das heißt: Es ist zunächst völlig egal, ob ich mich besser fühle oder meinem Leben einen Sinn gebe, wenn es Gott gibt. Die Frage ist nur: Ist es wahr? Ich denke, es ist das, was Sie meinen, wenn Sie den Theologien vorwerfen, hier durch Streit Unruhe und Zweifel hineingebracht zu haben. Ich halte allerdings den Zweifel für das Denken für wesentlich, und das Christentum ist (zusammen mit seinem Vorläufer, dem Judentum) m. W. die einzige Religion, die sowohl am Zweifel als auch am vernünftigen Denken im Glaubenszusammenhang festgehalten hat. Das ist einer der Gründe, die mich meine Entscheidung für das Christentum haben treffen lassen.
              „Sprung in den Glauben“ ist mir zu kierkegaardisch-protestantisch. Nein, so subjektiv ist Glauben nicht, und der Irrationalität des „Credo quia absurdum“ hänge ich als Katholik nur bei einigen dogmatischen Konstrukten, nicht aber beim Kern des Glaubens an. Benn hingegen hat recht, und ich folge ihm, aber möglicherweise anders, als Sie ihn verstehen. Ich sehe nüchtern das, was Sie sehen und was auch Rod Dreher in seiner Benedikt-Option sieht. Aber ist Wahrheit eine Parole oder ein Bestand? Wie sagte Gómez Dávila doch: „Das Scheitern des Christentums ist christliche Doktrin.“ Was ändert das an der Wahrheit? Unterliegt sie neuerdings einer Mehrheitsabstimmung? Ist es das, was Sloterdijk und Sie unter „überwältigender Empirie“ verstehen?

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              • Ich fange von hinten an: Wahrheit wird hier natürlich nur als „Bestand“, also als das, was ist, verstanden. Wenn es nun aber wahr wäre, daß es Gott nicht gibt, nicht als ontologische Entität? Das exakt ist ja das Ergebnis der Aufklärung, der Wissenschaft und Technik und Philologie und sogar der Theologie in ihren extremsten Auslegungen, daß sie Gott immer mehr Bereiche abringen und mit vernünftigen oder vernünftigeren Erklärungen aufwartet, die die Phänomene ebenso aber mit weit weniger Aufwand erklären können. Und im Christentum ganz besonders, denn das ist doch eine enorme Zumutung – Occams razor – für das kritische Denken – mit all seinen Absurditäten, Dilemmata, Widersprüchen, Glaubensvoraussetzungen (Gott als Mensch, Unbefleckte Empfängnis, Trinität, Parusie …) usw. die das Denken als solches überfordern und letztlich ja in den Glauben zwingen, will man es annehmen.

                Die andere Seite dieser Medaille ist ganz zweifellos, daß gerade die Paradoxien das Christentum über 2000 Jahre theologisch beschäftigten und damit am Leben erhielten. Ganz anders hingegen der Islam, dessen Erfolgsstrategie im Gegenteil darin besteht, den Zweifel und die Theologie weitgehend einzudämmen.

                Insofern ist das kritische Denken konstitutiv in die Christenreligion eingebettet und es hat ihm viele Jahrhunderte gedient – jetzt aber erleben wir den „dialektischen Umschlag“, jetzt frißt die inhärente Kritik ihren Vater auf.

                In Sloterdijks Beschreibung der Religion (an sich) als Theopoesie ist der Schöpfungsbegriff – den er so nicht nutzt – zentral: nicht Gott schuf den Menschen, sondern der Mensch schuf Gott, jedoch nicht im Sinne Feuerbachs, sondern im (auto)poetischen Dialog. Hier steht er in der eingestandenen Nachfolge Nietzsches und dessen „Tollen Menschen“: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Natürlich bedenkt er auch die Folgen, so wie Nietzsche das getan hatte: „Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchen Wassern könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?“

                Daß der Tod Gottes eine enorme Katastrophe war, ist und bleibt, steht ganz außer Zweifel – aber es gibt starke Gründe anzunehmen, daß er wahr ist.

                Wenn ich mich mit Gläubigen unterhalte, dann kommt fast immer die Behauptung, man habe sich irgendwann im Leben „für Gott entschieden“ – ich würde daher auch nicht allen Nichtglaubenden unterstellen, sie seien in ihren Atheismus hineingeworfen worden. Im Gegenteil, bis vor Kurzem gehörte noch eine ganze Portion Mut dazu, sich gegen den Glauben zu entscheiden – könnte es in den USA etwa einen Präsidenten geben, der aktiv atheistisch wäre? Auch kenne ich ehemalige Muslime, die ihren Glauben verloren haben, dies aber in den communities nicht zu sagen wagen … dazu – zum Leben ohne Gott – gehört vielerorts noch Mut und Kraft und also wohlüberlegte Entscheidungen. Was nichts daran ändert, daß viele Menschen einfach ihren Kindheits(un)glauben unreflektiert zu Ende leben.

                Und schließlich: auch wenn Sloterdijk alle Religionen bedenkt, spricht er in „Den Himmel zum Sprechen bringen“ zuvörderst von den drei Monotheismen und damit auch ganz wesentlich von der westlichen Welt. Der Islam findet ein paar häretisch-ironische Erwähnungen. Ausführlich werden die christlichen Schulen besprochen. Aber es sollte nicht vergessen werden, daß er – wie fast immer, etwa bei der Frage der Globalisierung – bis zu den alten Griechen zurückgeht. Dort wurde auch – unter anderen Vorzeichen – die Theologie erfunden.

                Beeindruckend finde ich, daß sie unter „kurzfristig“ fünf, sechs Jahrhunderte verstehen. Sprechen wir in 1000 Jahren noch mal drüber.

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                • Adorján Kovács schreibt:

                  Als Antwort auf seidwalk.

                  Gott ist tot als „Ergebnis der Aufklärung, der Wissenschaft und Technik und Philologie und sogar der Theologie“? Dafür sind diese Richtungen und Fächer nicht kompetent. Das wäre eine Frage exakter Philosophie und nicht jener literarischen Ergüsse, die wir seit etwa Hegel für Philosophie halten sollen. Nietzsche, der ja eigentlich kein Philosoph, sondern Philologe war, hat auch mehr lauthals konstatiert als sauber begründet. Das traf in der religionsfeindlichen Atmosphäre des 19. Jh.s zwar auf offene Ohren, aber was heißt das schon?
                  Wenn Sie nun gerade Occams Razor anführen, empfehle ich R. Swinburnes Buch „Gibt es einen Gott?“, in dem Gott gerade als einfachste Antwort bezeichnet und damit begründet wird. Vielleicht sollte auch ein interessierter Mensch, der von der Wahrscheinlichkeit von Gottes Tod redet, J. Seiferts Buch „Gott als Gottesbeweis“ lesen. Ich verstehe aber, dass es sich oft auch um vorsprachliche Entscheidungen handelt, welche Literatur man zu Rate zieht. Das trifft auch auf Sloterdijk zu, der ebenfalls zu den literarisch orientierten Philosophen gehört, die Probleme eher mit grobem Pinsel als exakt unter minuziöser Berücksichtigung der Pro- und Contra-Argumente untersucht. Übrigens hat gerade Platon die Existenz Gottes für so gesichert gehalten, dass er für deren Leugner die Todesstrafe für angebracht hielt. Nur so viel zur Antike; freilich wird diese platonische Aussage weniger gern zitiert.
                  Abschließend noch eine kleine, vielleicht auch Sie interessierende Schrift: „Die Aufklärung existiert nicht“ (http://www.professorenforum.de/bibliothek/artikel/detailansicht/die-aufklaerung-existiert-nicht/).

                  Seidwalk: Dank für die Anregungen! Ist das der Seifert, der die Schachphilosophie geschrieben hat? Jaj, da bin ich ein gebranntes Kind und davon hatte ich hier Zeugnis abgelegt: „Josef Seifert: Schachphilosophie“ – aber das nur nebenbei.

                  Adorján Kovács: Ja, das ist er. Ihr Text setzt sich ja eindringlich und kenntnisreich mit Seiferts Schachphilosophie auseinander. Ich erlaube mir, ihm Ihren Text zu schicken, denn er kennt ihn wahrscheinlich nicht. Vielen Dank auch für den Hinweis.

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              • Michael B. schreibt:

                @Adorján Kovács

                Das ist schon sehr tendenzioes verpackt, was Sie hier vorbringen:

                Das andere ist, dass die Aufklärung (z. B. Robespierre) und ihre Erben (Illuminaten, Freimaurer, Transhumanisten)

                Diese Leute sind sicher nicht „die“ Aufklaerung. Ja, Robespierre hat sich explizit darauf berufen, aber die meisten Inquisitoren haben sicher auch einen Glauben statuiert, dem selbst ich sie nicht ohne Weiteres zuordnen wuerde.

                Das „House of One“ ist der Tempel der Zukunft, vielleicht mit einem Schuss Scientology drin.

                Ich finde es immer wieder erstaunlich, mit welcher Selbstverstaendlichkeit mancher sich selbst so nennende Glaeubige den „Unglaeubigen“ jede Form von Spiritualitaet, Transzendenz und weitere Dinge auf ein Niveau herunterformulieren, welches entweder einem weissen Blatt gleichkommt oder grundsaetzlich mit abfaelligen Attributen behaengt ist. Als haette man das Ganze als religioeser Mensch automatisch auf einer nur den Anhaengern verstaendlichen Stufe gepachtet.

                Die Menschen, die nicht mehr glauben können oder nicht mehr an kirchlichen Institutionen hängen,

                Ueber den Unterschied zwischen diesen beiden Dingen muss man selbst einer Menge literally Glaeubiger nur wenig erzaehlen, sie haben sehr unterschiedliche Folgen.

                haben ja keine rationale Abwägung von Gründen vorgenommen, sondern sie sind durch Erziehung und Propaganda

                Wie auch sonst 🙂

                Auch und reichlich durch blanke Gewalt.

                So natuerlich noch, ich vergass.

                zu ihrer scheinbaren „Einsicht“ gebracht worden.

                Anders als ’scheinbar‘ und Anfuehrungsstrichen um die Einsicht kann das natuerlich im Ergebnis dann nicht aussehen.

                Wissen Sie Herr Kovacs, ueber echten Glauben kann man sich kaum unterhalten – der Punkt ist sogar, das ist dann auch i.a.R. ueberhaupt nicht noetig. Ich als Unglaeubiger habe mit Leuten die einen solchen besitzen, eigentlich nie ein Problem. Die haben es auch nicht noetig, in jedem zweiten Satz Gift zu hinterlassen. Unter anderem dadurch kommt man mit ihnen oft ganz reibungslos auf die grundlegenden Dinge des Lebens.

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                • Adorján Kovács schreibt:

                  Als Antwort auf Michael B..

                  Gift? Nein. Das Gift liegt, wie soll ich sagen, nicht im Auge des Betrachters, sondern auf der Zunge des Schmeckers, um es so auszudrücken.
                  Wissen Sie, es geht bei solchen Gesprächen nicht um Streit um des Streites willen, sondern das Thema ist das Wichtigste, das Menschen überhaupt haben. Deshalb haben Menschen immer darum gestritten, weil sie meinten, das Thema sei so wichtig, dass der Streit sich lohnt. Man kann das so kursorisch wie hier gar nicht seriös behandeln.
                  Ich finde es aber immer wieder interessant, dass sich „Ungläubige“ (Ihr Begriff, nicht meiner) jedesmal auf den Schlips getreten fühlen, wenn jemand, der, wie Sie sich auszudrücken belieben, ein „sich selbst so nennender Gläubiger“ ist, nicht sofort kuscht vor der vermeintlich überlegenen Erkenntnis der Atheisten. Schlechtes Gewissen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls gibt es keinen Grund, das Gespräch abzubrechen, falls man nicht beziehungslos wie Zombies nebeneinander her leben will – „reibungslos“, wie Sie das nennen.
                  Nur kurz noch zu den von mir genannten Beispielen für Aufklärer: Natürlich gab es friedlichere Vertreter, aber mir ging es um die Agitatoren, die top-down die aufklärerische Homo-mensura-Ideologie durchsetzen wollten und wollen, aber trotzdem nicht auf einen Gott verzichten. Wenn Sie die überaus friedlichen Kommunisten zu den Aufklärern zählen wollen, so waren die natürlich atheistisch; heute aber zeichnet sich ab, dass der Islam eine große Attraktivität für die postmoderne Identitäts-Linke hat, die das globalistische Projekt zusammen mit den Big Tech-Konzernen vorantreibt.

                  @ Michael B.:
                  sich „Ungläubige“ […] auf den Schlips getreten fühlen, wenn

                  Ich gab doch eigentlich genuegend Beispiele aus Ihrem eigenen Beitrag zu meiner Begruendung des Auf-den-Schlips-getreten-Fuehlens. Mit Ihrem ‚wenn‘ hat das eigentlich wenig zu tun, wenn ich mir beides nebeneinander durchlese. Ich finde jedenfalls in meinem posting nichts, was Art und Inhalt Ihres Glaubenserwerbs voellig unter der Guertellinie fortlaufend ‚bewerten‘ moechte.

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        • Michael B. schreibt:

          „Früher hat man gebetet, heute hat man eben das Handy“

          Mehreres Interessantes in dem Artikel:

          die Sehnsucht nach Beachtung im ersten Teil als eine generelle Grundlage fuer Glauben
          die Transformation zur Beachtung durch eine imaginierte Oeffentlichkeit und die damit verbundene technokratische Inkarnation des haargenau selben Anliegens
          Gewissen als Polizist der Gottheit. Hier wuerde ich widersprechen – jedenfalls als einzige Funktion, aber moeglicherweise uebersehe ich Ironie.

          Was mir auch aufstoesst sind die Bemerkungen zu Wissenschaft, wie die im letzten Abschnitt. Die kommen immer haeufiger von verschiedenster Seite. Wissen die Leute nicht, was der Unterschied der Wissenschaft nach Wesen und ihrer Ausbeutung – speziell ideologischer Art – ist? Das ist doch eigentlich elementar. Das Gleichnis vom Messer, welches man zum Zwiebelschneiden oder zu anderem benutzt ist weiterhin gueltig, egal wie abgegriffen das manchmal vorkommt.

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  2. Dieter Zorn schreibt:

    Ja nun, solange rund ein Drittel, oder sind es mehr, zur Stabilisierung ihres Ich die alten Glaubenssätze jedweder Religion braucht, wird es nichts mit der Aufklärung. „Wage zu denken“, setzt eben voraus, dass man das kann und will. Das scheint mir bei vielen nicht der Fall zu sein, weshalb sie immer und immer wieder auf dieselben Schimären hereinfallen: Götter, Despoten, Politiker, Oligarchen, Juristen, … Momentan gefallt mir der Shakespeare-Spruch aus dem STURM am besten: „Die Hölle ist leer. Die Teufel sind alle hier unten.“

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  3. Michael B. schreibt:

    Danke fuer den Ausschnitt, jetzt weiss ich wie der Spruch zum Dauergrinsen gemeint war. Vielleicht sollte ich der Frau Dagen noch ein kleines Weihnachtsgeschaeft bescheren.

    Seidwalk: Ja, steigen Sie mal vom Berg herunter – und grüßen Sie bitte Frau Dagen von mir!

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  4. gute texte vorallem morgens um richtig in ruhe aufzuwachen.schreibe an einem buch über (Arbeitstitel)“homocracy/humanocracy-ein relistisches Kunstmärchen“,und finde immer mehr interessante Denkanstösse ,Diskussion hat da kein richtigen Platz.Freue mich auf nächste Beiträge.Alen

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