Allahu Akbar – eine Klarstellung

Es scheint in der deutschen Presse und Öffentlichkeit ein Mißverständnis zu existieren, wenn es um die islamisch-arabische Phrase „Allahu Akbar“ geht. Zwischen ihr und dem Terror wird ein Kurzschluß herbeigeführt, der schlimme Folgen haben kann.

fireshot-screen-capture-019-focus-online-nachrichten-www_focus_deGerade eben wurden verschiedene, auch systemkonforme Medien nicht müde, die letzten Worte des Berlin-Terroristen – sein „Allahu akbar“, bevor er auf die italienischen Carabinieri schoß – in diesen Zusammenhang zu stellen, als sei dieser Ruf Beweis für religiösen Fundamentalismus.

Daher tut Aufklärung Not.

So viel Arabisch beherrscht mittlerweile jedermann: „Allahu akbar“ heißt „Gott ist groß“ oder „Gott ist größer“. Was nun? Beides ist korrekt. „Allah“ ist der einzige Gott und „akbar“ ist der Elativ – die absolute Steigerungsform (Superlativ) – des Adjektivs „kabīr“ (groß), den man im Deutschen nur durch Steigerungspartikel („sehr“, „extrem“, „wirklich“ etc.) bilden kann.

Gleichzeitig drückt der Elativ aber auch den Komparativ, also die Vergleichsform („größer als“) aus. Insofern könnte „Allahu akbar“ theoretisch beides bedeuten: „Gott ist groß“ und „Gott ist größer (als)“. Freilich braucht die Vergleichsform immer den Vergleich, die Vergleichsgröße – im islamischen Kontext ist das: Alles.

Das sind durchaus relevante Unterscheidungen, denn der Gedanke des „Gott ist größer“ hat sozialpsychologische und logische Folgen. Man kann alles mögliche an Größen anführen, nichts und niemand kann der Absolutsetzung Gottes Stand halten. Ein Mensch, der diesen Gedanken tief verinnerlicht hat – durch willentliche Annahme, durch tagtägliche Übung und durch eigene Demut – muß zwangsläufig einen anderen Weltzugang haben als jemand, der an die Veränderbarkeit des Daseins glaubt.

Es ist, etwas despektierlich ausgedrückt, ein cleverer Psychotrick, der auch anderen Religionen und Weisheitslehren bekannt war, aber selten in dieser exterritorialen Form. Das antike „Panta Rhei“ gehört ebenso dazu wie das „alles ist vergänglich“ des Buddha oder das „sola fide“ Luthers.

Der Islam hat diese „Idee“ lediglich in ein Absolutes gesteigert und dadurch neue Psychoenergien freigesetzt.

Die Praxis des „Takbīr“ – das ist der theologische Terminus für das Aufsagen der Formel – ist nun bedeutend vielfältiger, als der mediale Dauerbezug zum Terror insinuiert. Die Gebetseinführung und der Gebetsruf dürfte die häufigste Form sein – immer wenn der Muezzin zum Gebet ruft, beginnt er mit dieser Formel. Oft wird sie künstlerisch interpretiert. Das „Takbīr“ ist die zweite Pflicht des Gebets1. Das tägliche Gebet enthält die Formel ebenfalls und es ist dann eine Form des Bekenntnisses. Es stärkt den Gläubigen im Glauben daran, daß Gott bei ihm und er bei Gott ist. In der Gemeinschaft ausgesprochen fördert sie das Zusammengehörigkeitsgefühl. Damit kann sie als „Streßregulator“ dienen, aber auch einen Willen und eine Entschlußkraft ausdrücken. Diese kann sich sowohl aktivistisch als auch fatalistisch äußern, zur Tat animieren oder zum Ertragen des Schicksals, des Leids, des Seins beitragen. Umgekehrt kann es aber auch Freude und Dankbarkeit phrasieren. Wer schon einmal eine arabische Fußballübertragung gesehen hat, der wundert sich vielleicht über den exzessiven Gebrauch der Floskel nach einem Tor. Auch bei Feierlichkeiten, etwa der Geburt eines Kindes oder dem Tod eines geliebten Menschen (Youtube ist voller grausamer Szenen)  oder zum Ende des Opferfestes kann man es hören.

Der dschihadistische Gebrauch ist nur eine und eine pervertierte Form der Glaubensformel! Der Automatismus, das „Takbīr“ mit Fanatismus gleichzusetzen, ist falsch, greift in den meisten Fällen mindestens aber zu kurz.

Ergo: Das „Takbīr“ enthält eine ganze vielfältige Theologie – das ergibt sich schon aus der Absolutheit der Setzung – und muß von Fall zu Fall bewertet werden.

Wer sich z.B. Videos von gewaltsamen innermuslimischen Konflikten anschaut, wird beide kämpfenden Seiten „Allahu akbar“ rufen hören; Täter und Opfer sind darin vereint. Aber auch wenn Bomben in zivilen Vierteln einschlagen, wenn Verletzte oder Leichen geborgen werden, wenn Krieger oder Terroristen andere Menschen töten oder die Tötung – etwa bei Straßenminen – beobachten, wenn unmittelbare Gefahr droht und man ganz einfach menschliche Angst um sein Leben hat … überall wird man das „Allahu akbar“ hören. Es wirkt wie ein repetitives Kinderlied.

Seine vereinende Kraft wird etwa in der alten libyschen Nationalhymne oder im Schriftzug auf der irakischen Flagge wahrnehmbar.

Und eine der ersten Empfehlungen an meine syrischen Schüler war es, den Klingelton auf den Handys zumindest in der Öffentlichkeit leise zu schalten, um keinen Ärger zu bekommen und um Deutsche nicht zu verängstigen. Den Syrern diente das „Allahu akbar“ als Gebetsmahnung, es erinnerte daran, daß nun die Zeit des Gebets heran sei. Aber es war auch ein Stück Heimat …

Diese Szene hat mich auch gelehrt: Man muß und sollte keine Angst vor dem „Takbīr“ haben, auch wenn es unangenehm berührt. Der Kurzschluß zum Terrorismus ist in den meisten Fällen falsch! Selbst das letzte „Allahu akbar“ des Mörders Anis Amri ist vermutlich eher der Streßsituation geschuldet als einer dschihadistischen Überlegung.

Die Instrumentalisierung dieses Zentralgebets gehört zur perfiden Angst-Strategie des radikalen Islamismus und auch des ideologischen Anti-Islamismus. Es soll wie ein Trigger funktionieren und es liegt an uns, sich nicht triggern zu lassen. Stattdessen sollte man auf die Rufer zugehen und ihnen die deutschen Bedenken erläutern.

Es wäre fatal, in jedem „Allahu-akbar“-Sager, also in jedem Muslim, einen Islamisten oder gar Terroristen zu sehen. Es wäre der Beginn des Bürgerkrieges.

1Reidegeld: Handbuch des Islam. S. 294

 

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