Denkanstöße – Sloterdijk VII

Wenn wir im folgenden von „Gesellschaft“ sprechen, bezeichnet der Ausdruck weder (wie im virulenten Nationalismus) einen monosphärischen Behälter, der eine abzählbare Population von Individuen und Familien unter einem politischen Wesensnamen oder einem konstitutiven Phantasma einschließt, noch (wie für manche Systemtheoretiker) einen unräumlichen Kommunikationsprozeß, der sich in Subsysteme „ausdifferenziert“.

Wir verstehen unter „Gesellschaft“ ein Aggregat aus Mikrosphären (Paare, Haushalte, Betriebe, Verbände) verschiedenen Formats, die wie die einzelnen Blasen in einem Schaumberg aneinander grenzen und sich über- und untereinander schichten, ohne füreinander wirklich erreichbar noch voneinander effektiv trennbar zu sein. Es gibt gewiß, nach Ernst Blochs evokativer Formulierung, „viele Kammern im Welthaus“ – sie haben aber keine Türen, möglicherweise sogar nur Blindfenster, auf die eine Außenszene gemalt ist.

Die Blasen im Schaum, daß heißt die Paare und Haushalte, die Mannschaften und Überlebensgemeinschaften, sind selbstbezüglich verfaßte Mikrokontinente.

Wie sehr sie auch vorgeben, mit Anderem und Äußerem verbunden zu sein, sie runden sich doch zunächst nur jeweils in sich selber ab. Weltbildend sind die symbiotischen Einheiten je in sich und für sich – neben benachbarten Weltbildner-Gruppen, die auf ihre Weise das gleiche tun und mit denen sie unter dem Prinzip der Ko-Isolation zu einem interaktiven Verbund zusammengezogen sind. Ihre Ähnlichkeiten untereinander scheinen den Schluß zuzulassen, sie stünden untereinander in reger Kommunikation und seien füreinander weit geöffnet; in Wahrheit gleichen sie einander meistens nur aufgrund ihrer Entstehung in gemeinsamen Nachahmungswellen und aufgrund analoger Medien-Ausstattung. Operativ haben sie miteinander meistens so gut wie nichts zu tun. (Man denke an die Insassen von Automobilen, die in Kolonnen hintereinander fahren: Jede Fahrgemeinschaft bildet intern eine resonante Zelle, zwischen den Fahrzeugen hingegen herrscht Isolation – und das ist gut so, denn Kommunikation würde Kollision bedeuten.) Ihre Abstimmung geschieht nicht in direktem Austausch zwischen den Zellen, sondern durch die mimetische Infiltration von ähnlichen Mustern, Erregungen, infektiösen Waren und Symbolen in jede einzelne.

Zu einer früheren Zeit wären diese Thesen vor allem an den Kernfamilien zu demonstrieren gewesen – denn fortpflanzungsbereite Paare bilden seit je (und wohl auch für die Zukunft) das plausibelste Exempel wachstumsfähiger Dyaden. In der Gegenwart lassen unsere Befunde sich auf kinderlose Paare, ja sogar auf Alleinlebende in ihren speziellen cocooning-Formen ausweiten.

Wir betonen, daß die Zelle im Schaum nicht im abstrakten Individuum besteht, sondern in einer dyadischen oder multipolaren Struktur. Die Schaumtheorie ist unverhohlen neo-nomadologisch orientiert: Ihre Nomaden jedoch haben die Grundform von Dyaden oder komplexeren seelenräumlichen, gemeindlichen und mannschaftlichen Gebilden.

Peter Sloterdijk: Sphären III. Schäume. Frankfurt 2004. S. 59ff.

(Absätze: Seidwalk – der Text ist im Original absatzlos)

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