Leben im geborgten Licht

Denkanstoß – Sloterdijk XI

An der Vegetationsgrenze begegnen sich das aufsteigende Leben, das am Felsigen endet, und das Felsige, das zum Leben herabgeht. Nietzsche wagt sich in seinen Randgängen der Lebendigkeit bis an die Grenze der absoluten Mineralogie heran, indem er die „wirkliche Wahrheit“ fast ganz aus der Sphäre der organischen Empfindlichkeit hinausverlegt. Wie, wenn Empfindung, Nervlichkeit, Störbarkeit, Subjektivität und alles, was daraus folgt, nur ein „Versehen des Seins“ wäre?[1] Wenn das, was wir das Innere nennen, nur ein Epiphänomen wäre, das auf dem Mineralischen aufsitzt, ein Spiel von Botenstoffen in organischen Hypothesen namens Körpern? Indes das sachlich Wahre das Tote wäre, das sich den Luxus des irrenden, überempfindlichen, onto-allergischen Lebens leistet?

Bis das begriffen wird, leben wir im geborgten Licht einer bisher lebensnotwendigen falschen Unterscheidung. Der Gott, der reines Licht war, schwindet zugleich mit der Aufhebung des Tod/Leben-Gegensatzes. Sein Verblassen erzeugt überall in der Welt eine Psychosphäre der zwei Geschwindigkeiten. Wo Gott plötzlich verschwunden war, rissen Lücken auf, in die totalitäre Ersatzwahrheiten einströmten, die atheistische Sowjetunion an erster, das zootheistische „Dritte Reich“ an zweiter Stelle. Das Empire der Globalisierung, das nach den ideologischen Monstren aufkam, begnügt sich bislang mit flüchtigen Kulten in Seitenkapellen der weltumspannenden Konsumkathedrale. Wo Gottes Leute Verlängerung beantragten, um sein Verblassen in geordneten, man sagt auch: ökumenischen Formen zu organisieren, nimmt die geschehende Geschichte die Züge einer Nachspielzeit zum Theodrama an – bei nicht wirklich offenem Ende, da Gottes Chancen auf solide Wiederkehr langfristig nicht günstig stehen. In der gestundeten Zeit treten weiterhin die letzten Personenhaften, die Seelenvollen, die beati possidentes von Innenwelten auf, die auf Gott nicht verzichten, weil sie ohne ihn nicht sagen könnten, warum ihrem Ermessen nach eine einzelne Seele soviel wiegt wie die ganze Welt. Sie dürften hierzu sogar Kant zitieren: Was einen Preis hat, besitzt Wert; was keinen Preis hat, besitzt Würde. Von der Länge der Nachspielzeit für die Würde hängt ab, wie die Konflikte der politischen und religiösen Überlebensgruppen verlaufen, namentlich jener, in denen der Wille zum Glauben sich auf den Frequenzen des Ressentiments und des ins Wanken geratenen Überlegenheitsgefühls äußert.

Wenn viele sensible Geister seit der Wende zum 20. Jahrhundert von der Empfindung sprechen, Zeugen einer fortgehenden Innenweltenleerung zu sein, knüpfen sie, wissend oder nicht, an Nietzsches stärksten Intuitionen an. In einer nicht publizierten Variante des schicksalhaften Paragraphen 125 der Fröhlichen Wissenschaft läßt Nietzsche den Tollen Menschen in seinen Spekulationen über die Folgen von Gottes Tod Ansätze einer kritischen Theorie des Lebens, des Lichts und der finalen Farben vortragen:

„Noch sehen wir unseren Tod, unsere Asche nicht, und dies täuscht und macht uns glauben, daß wir selber das Licht und das Leben sind – aber es ist nur das alte frühere Leben im Lichte, die vergangne Menschheit und der vergangne Gott, deren Strahlen und Gluthen uns immer noch erreichen – auch das Licht braucht Zeit, auch der Tod und die Asche brauchen Zeit! Und zuletzt, wir Lebenden und Leuchtenden: wie steht es mit dieser unserer Leuchtkraft? verglichen mit der vergangner Geschlechter? Ist es mehr als jenes aschgraue Licht, welches der Mond von der erleuchteten Erde erhält?“[2]

Das Höhengrau des litosphärischen Denkens erweitert sich in den redseligen Ahnungen des Tollen Menschen, jenes hysterischen Diogenes, zu einer Stimmung verallgemeinerten Zwielichts. Nur in ihm konnten Szenarien wie die von Samuel Becketts Theaterstücken auftauchen, „grau wie nach Sonnen- und Weltuntergang“, um Adornos Charakterisierung der Endspiel-Atmosphäre zu erwähnen. Während die praktische Welt über Abendrotverlängerungen nachdenkt und ihre Uhren auf verlorene Zeitzonen umzustellen versucht, indem sie zu allem, was neu aufkommt, umgehend ein Neo und ein Post anfügt, hat das interepochale Grau der längsten Dämmerung seine diskrete Herrschaft angetreten. Es gehört einer Dämmerung, die ständig in der Schwebe bleibt zwischen Perfekt, Imperfekt und Futur eins und zwei. Auf Sonnenuntergänge hat sie mit künstlicher Beleuchtung geantwortet, auf Sonnenaufgänge mit Jalousien. Mittag? Kein Anschluß unter dieser Nummer.

Peter Sloterdijk: Wer noch kein Grau gedacht hat Eine Farbenlehre. Frankfurt/M. 2022. S. 208ff.
[1] Das spielt auf die berühmten Worte Nietzsches an: „Hüten wir uns, zu sagen, dass Tod dem Leben entgegengesetzt sei. Das Lebende ist nur eine Art des Toden, und eine sehr seltene Art.“ Die fröhliche Wissenschaft. KSA 3, S. 467
[2] KSA 9, S. 631f.

siehe auch: Graue Eminenzen

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