Sloterdijk Backstage

Fortsetzung von: Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

Nach jeder der drei Gesprächsrunden über die Begriffstrias „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ im November 2018 am Berliner „Volkstheater“, gab es die Gelegenheit, aus dem Publikum heraus Fragen zu stellen. Sloterdijk machte aber keinen Hehl daraus, daß er diesen Teil der Veranstaltung gern kurz gehalten haben möchte. Die Uhr ging auf zehn, in der ersten Reihe saßen Freunde und Bekannte, z.T. Berliner Kunstgrößen, man wollte vermutlich noch irgendwo essen gehen …

Jedes Mal klopfte mir das Herz bis zum Hals, denn jedes Mal brannten ein paar Fragen auf der Seele, aber bevor ich mir die meine zurecht gelegt hatte – man wollte ja auch nicht anfangen, vor versammelter Mannschaft herumzustottern – war das Mikrophon bereits an jemanden vergeben. Die wenigsten davon erinnere ich noch. Einer schlug vor, ob man denn auf den Begriff der Freiheit nicht gänzlich verzichten solle, die Frage war aber so direkt und plump vorgetragen, daß man ihren tieferen Sinn – wenn sie denn einen hatte – nicht erkennen konnte und Sloterdijk zu einer Ein-Satz-Antwort zwang: Die Freiheit sei unhintergehbar. Damit war eine von zwei oder drei Fragen verbrannt.

Ich selbst fand sie gar nicht so abwegig, denn auch meine Überlegungen gingen in ähnliche Richtung. Am Tag zuvor war bereits eine ähnliche Frage gestellt worden, die nach dem Verhältnis von Freiheit und Würde – „Ich glaube, Würde ist älter“, sagte Sloterdijk. Er betonte den Fakt, daß fast alle Verfassungen demokratischer Staaten, sich ähneln und zwar, weil sie alle ein Leid zu bewältigen hätten. Auch das GG sei auf der Basis des „Nie wieder“ entstanden. Applaus! Danksagungen. Ende.

Hier hätte ich gerne angeknüpft. Mittlerweile hatte ich mir schnell ein paar Stichpunkte aufgeschrieben. Ich stand noch unter dem frischen Eindruck der Lektüre von Sloterdijks Aufsatz „Von pseudonymer Politik. Über einige weit verbreitete Mißverständnisse der Demokratie“, der in „Die Zukunft der Demokratie“ veröffentlicht wurde. Dieses Buch sollte ich für eine führende metapolitische Zeitschrift rezensieren – man kann eine leicht abgeänderte Version der Rezension auch auf diesem Blog lesen.

Meine Frage hätte – entsprechend den Stichpunkten – in etwa so gelautet:

„Wir leben doch in seltsamen Zeiten. Zum einen befinden wir uns in einer Gesellschaft, die wie keine andere je zuvor Wohlstand, Gerechtigkeit und Frieden generiert. Und dennoch scheint diese Gesellschaft, an deren Erhalt doch alle interessiert sein sollten, über Nacht zerrissen worden zu sein, tun sich zwei scheinbar unversöhnliche Lager auf – und die Nacht, von der ich rede, war eine im September 2015. Zeigt das nicht – wie Sie das in Ihrem Aufsatz auch darlegen – die Volatilität dieser Gesellschaft  und ihrer Herrschaftsform der liberalen Demokratie? Denn neben der herausragenden Positivbilanz der letzten Jahrzehnte, kann man eine dramatische Negativbilanz doch nicht übersehen. So sind die demokratischen Gesellschaften offenbar für eine maßlose ökologische Belastung verantwortlich, so basiert ihr Erfolg nicht zuletzt auch auf der ökonomischen Ausbeutung der sogenannten „Dritten Welt“, so produziert sie „letzte Menschen“ wie am Fließband, mit „Müll“ – Stichwort Ökologie – und Unsinn in den Köpfen. Diese Negativbilanz wiegt schwer, zumal nicht zu sehen ist, wie die demokratische Welt diese existentiellen Fragen aus sich selbst heraus lösen können soll. Ergäbe sich daraus nicht zwangsläufig die Frage – wenn diese Prämissen stimmen –, die Frage danach, ob wir tatsächlich an der Demokratie als Herrschaftsform festhalten müssen oder darf man mit Nietzsche schon sagen: „Was fällt, das soll man auch noch stoßen“?

Nun gut, ich hatte nicht den Mut und die Geistesgegenwart, diese Frage zu stellen. Aber immerhin ermutigte mich meine Begleiterin dazu, nach Ende der Veranstaltung noch einmal auf die Bühne zu gehen, mein Buch signieren zu lassen und ihn vielleicht dort zu befragen.

Sloterdijk war bereits angezogen, den Schal um den Hals gelegt, winkte er jemandem zu und zeigte auf die Uhr, als ich zu ihm trat. Ohne Unterlage kritzelte er seine Unterschrift unter besagten Aufsatz. Währenddessen fragte ich ihn:

„Sie erwähnten dieses ‚Nie wieder‘ auf dessen Eindruck das Grundgesetz beruhe. Aber glauben sie wirklich, daß das, was nie wieder kommen soll, auch wiederkommen könne?“

Er stutzt einen Moment und antwortet sybillinisch, daß alles, was entstehe, eine gewisse historische Notwendigkeit habe. Also wurde ich noch einmal konkreter, auch wenn man ihm anmerkte, daß er gern gehen wollte.

„Mir kommt es jedoch so vor, als sei diese Gefahr, die uns vor allem von der politischen Linken und von Teilen der Presse als Menetekel an die Wand gemalt wird, in der heutigen Zeit doch keine reale Berechtigung mehr hat. Dazu“ – ich spürte, daß ich zu lang rede – „dazu seien doch die soziologischen, demographischen Voraussetzungen nicht gegeben und schließlich haben wir doch alle durch die historische Erfahrung, einen Aufklärungsprozeß durchlaufen.“

Während ich dies sagte wurde ich von einem unterbrochen, der ein Autogramm haben möchte und ein anderer drückte ihm ein dreibändiges Werk in persischer Sprache in die Hand, als er antwortet:

„Ja, da haben Sie wohl recht. Für die europäischen Länder sind solche Szenarien wohl nicht mehr zu befürchten. Sie stellen ohnehin das kleinere Übel dar – es gibt weit dringendere Fragen.“ – „Sie meinen die ökologische Frage?“ – „Die ökologische und die demographische. Gerade im arabischen Gürtel gibt es hier einen Dynamismus, verbunden mit einem Vernichtnungswillen, der das Schlimmste befürchten läßt.“ – „Also“, wage ich noch einmal einzuwerfen, „also kann das, was nicht wiederkommen soll, dort doch wiederkommen?“ – „Das bleibt zu befürchten … aber ich fürchte, ich muß nun gehen.“

Und ich lasse ihn gern gehen, denn eine deutlichere Klarstellung konnte es nicht geben. Hier war es, was er im öffentlichen Gespräch zu vermeiden versuchte: der klare Gedanke zu vollkommen evidenten Erscheinungen, die man in einer PC-gerechten und vom linken Diskurs dominierten Öffentlichkeit, kaum oder doch nur durch rhetorische Floskeln hindurchscheinend, ausdrücken kann.

Dieser Artikel ist exklusiv für den Seidwalk-Blog geschrieben worden. Bitte nicht auf anderen Seiten als Text einstellen.

siehe auch: Sloterdijk und die Berliner PC-Welt

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