Mein Rumänisches Tagebuch

„Rumänisches Tagebuch“ – so nannte Hans Carossa seine knappen Kriegserinnerungen – ein Buch, das durch seinen kühlen, sachlichen Ton hervorsticht. Man kann es sich als Beispiel nehmen, wenn man fremde Länder bereist.

Über die Osterfeiertage haben wir eine kleine Rundreise gemacht, die in den Südosten Ungarns und den nordwestlichen Zipfel Rumäniens führte.

Die erste Station war Makó im südlichen Alföld, der ungarischen Tiefebene, im heutigen Komitat Csongrad, eine halbe Autostunde hinter Szeged, der Komitatshauptstadt. Schon die verschiedenen Namensgebungen weisen auf eine bewegte Geschichte hin. Deutsch heißt die Stadt Makowa, rumänisch Macǎu und hebräisch מאַקאָוו.

Wie überall sind die Straßen von Wahlplakaten gesäumt, aber nirgendwo bekommt man das Gefühl, es würde jemanden interessieren. Die Stadt ist berühmt und das aus drei Gründen. Heute kennen die meisten nur noch das Heilbad, das „Hagymatikum“, das auch unser primäres Ziel war.

das „Hagymatikum“

„Hagyma“ – das ist die Zwiebel. Es gehört zu den modernsten Bädern des Landes, großflächig eingerichtet, originelle Architektur in Zwiebelform und viele Innen- und Außenbecken mit verschiedenen Temperaturen und Heilwassern. Besonders attraktiv ist der neue Saunabereich, den man in Ungarn immer in Badebekleidung betreten muß.

Dort herrscht angenehme Ruhe – bis drei dicke Männer den Raum betreten, alle mit Magyarenbart aber dunklem Teint. Sie setzen sich und ihre Konversation, deren Sprache ich nicht einordnen kann, lautstark und in keiner Weise durch die Anwesenheit anderer Gäste gestört, fort. Der älteste – es scheint eine drei-Generationen-Runde zu sein – bürstet sich frenetisch seine Fußsohlen ab und unmittelbar danach seinen Körper und den Kopf und beginnt von vorn. Russische und Ungarische Sprachfetzen scheinen sich zu mischen, aber die Physiognomie ist Pakistanisch – es bleibt an diesem Ort nur eine Hypothese: sie sprechen eine Art Romani, sie wirken wie ein einschlagender Meteorit auf befriedetem Gelände und als sie die Kabine wieder lautstark verlassen, geht ein Aufatmen durch die Gästereihen.

Die Zwiebel ist der zweite Grund. Sie ist im Stadtbild allgegenwärtig, nicht nur in architektonischer Form, sondern auch als Bronzeguß, als Stadteingangsfigur und als Thema im Heimatmuseum. Eine kleine rote Zwiebel, die in großen Mengen und über einen dreijährigen Prozeß gesät und geerntet wird, und zwar Samen und Knolle. Sie wurde von der EU sogar  den geschützten Arten/Produkten zuerkannt. Im Außenbereich des Museums, wo man ein paar alte Lehmkaten und Lagerhäuser erhalten hat, kann man den aufwendigen und zum Teil ingeniösen Prozeß der Zwiebelzucht und -auswahl nachverfolgen. Um die strohgedeckten Dächer summen die Wildbienen.

Ganz anders die Innenausstellung, die etwas steril und bieder wirkt. Sie gibt einen groben Überblick über die ungarische Geschichte seit der Habsburger Zeit. Eine Vitrine ist Miklós Horthy gewidmet, eine andere Mátyás Rákosi. Der eine gilt in Deutschland als Handlanger Hitlers – eine stark verkürzte Sicht, wie Viktor Orbán letztes Jahr betonte – der andere als stalinistischer Schlächter; beide wären in unseren Museen kaum der neutralen Ausstellung und einer gewissen Veneration ausgesetzt worden.

Das zentrale Denkmal, überlebensgroß mit gegossenen geschlechtergetrennten Bewunderern, für Lajos Návaj – wie über all in Ungarn ist die Liste der Denkmäler lang.

Von Makó ging, drittens, schließlich auch eine der größten und fatalsten technischen Revolutionen der Neuzeit aus. Der Stadt berühmtester Sohn – neben Joseph Pulitzer war József Galamb (1881-1955), ein Maschinenbauingenieur, der durch seine Konstruktion des „Modell T“ von Ford[1], das 15 Millionen Mal verkauft wurde, und des Fordson Traktors, half, die Welt zu verändern. Es ist überhaupt eine Auffälligkeit, wie viel technische Brillanz dieses Land hervorgebracht hat. Vom Kugelschreiber bis zur Programmiersprache, vom Streichholz bis zur Atombombe, vom Zauberwürfel bis zum Transformator …, überall hatten ungarische Technikgenies ihre Finger im Spiel und man darf die Frage wagen, ob nicht auch die sehr „konstruktivistische“ Sprache der Ungarn dabei eine Rolle spielte.

Wenn man die Galamb-Familienbilder im Museum sieht, dann begreift man auch die Geschwindigkeit des „Fortschritts“. Das Mütterchen in schwarzem Taftkleid und Haube, der Sohn selbstbewußt und mit herausforderndem Blick im feinen Tweet und die Kinder in lasziven Kleidern, offenen Hemden, lässig und arrogant und die Tochter forsch ihren Busen präsentierend.

Fortsetzung folgt

[1] Henry Ford: „Sie können einen Ford in jeder Farbe haben – Hauptsache er ist schwarz“ – das war das T-Mobil!

Siehe auch:

Das tausendjährige Reich

Szegediner Überraschungen

In Geschichte baden

Denkmal und Schande u.a.

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2 Gedanken zu “Mein Rumänisches Tagebuch

  1. Pérégrinateur schreibt:

    In Ungarn gibt es auffällig viele Mathematik- und Physik-Wettbewerbe, und zwar schon lange – da könnte sich Deutschland eine große Scheibe abschneiden. So etwas kitzelt sicher manche Begabung hervor. Was da von was herrührt, ist natürlich etwas spekulativ.

    Ob der analytisch-flektierende Sprachbau hineinspielt, wie Sie annehmen? Vielleicht. Man könnte aber auch umgekehrt für plausibel halten, dass mehr Bildungsinteressierte gerne auf die Mathematik und ähnliche rigide-regelhaften Wissenschaften ausweichen, wenn die Grammatik der eigenen Sprache ein gar zu wildes Gestrüpp ist. Mir fällt allerdings der Name keines einzigen römischen Mathematikers ein …

    EIn Freund, der Ungarisch lernte, hat mich einmal über das System der dimensionalen Kasus und Partikeln im Ungarischen belehrt, das hörte sich nach meiner inzwischen vage gewordenen Erinnerung recht erschöpfend und systematisch an: Allative, Lokative und Ablative, dazu ein wirklich komplettes System von Lagerelationen, ohne dass man dafür Adpositionen komponieren oder sogar erst noch auf dem Weg der Lexikalisierung befindliche Metaphern benutzen müsste.

    Lernen die Ungarn denn gut Fremdsprachen? Oder macht der Luxus, eine sehr regelhafte Sprache zu haben, eher davon abspenstig, in die Dschungel der anderen einzutreten?

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    • Führen Sie mich nicht Versuchung über die ungarische Sprache zu schreiben. Das wäre ein unerschöpfliches Thema. Sie ist ein großes Wunder. Ich bin ernsthaft am Überlegen, ein Sabbatjahr zu nehmen, alles hinzuschmeißen und nur in diese Sprache einzutauchen – anders ist es nicht zu machen. Meine Ungarischlehrerin wollte mich zur Motivation mit einem Deutschen bekannt machen („man kann es lernen“), der „schon ganz gut Ungarisch spricht“: der Mann lebt seit 30 Jahren hier …

      Auch George Bernard Shaw soll sich 30 Jahre damit beschäftigt haben und zu dem Schluß gekommen sein: „„Nach dem ich das Ungarische Jahre lang studiert habe, bin ich überzeugt, daß mein Lebenswerk wesentlich wertvoller geworden wäre, wenn ich sie als Muttersprache hätte. Denn mit dieser seltsamen, vor uralten Kräften strotzende Sprache kann man viel genauer die winzigen Unterschiede und geheimen Regungen der Empfindungen beschreiben.“

      Interessanterweise sind es die Ungarn selbst, die immer wieder behaupten, die Sprache sei „unlogisch“ oder „unsystematisch“. Das Gegenteil ist der Fall, auch wenn es sehr viele „Ausnahmen“ gibt.

      Es gibt 18 – 27 (manche sagen 44) „Fälle“, semantische Kasus: Nominativ, Akkusativ, Dativ. Illativ, Inessiv, Elativ, Sublativ, Supressiv, Delativ, Allativ, Adessiv, Ablativ, Terminativ, Instrumental, Kausal, Translativ, 2 Formal, Essiv-Formal, 3 Essiv-Modal, Distributiv, Soziativ, 2 Temporal, Multiplikativ …, die alle als Suffix gebildet werden.

      Als agglutinierende Sprache wird fast alles als Suffix behandelt, von denen es bis zu sechs pro Wort geben kann plus ein Präfix. Jedes Verb kann theoretisch über 5000 Formen annehmen: http://wiki.verbix.com/Documents/Hungarian

      Besitz, Möglichkeit, Zahl, Verneinung, Zeit … werden alle angehängt. Man denkt also von hinten. Einige Suffixe können zu Personalpronomen umgebildet werden. Jedes Modalverb wird verschieden gebildet. Raumverhältnisse verlangen sogenannte Postpostionen, die jeweils nach Person (x6) und Bewegungsrichtung (wo, woher, wohin) variieren und ihrerseits auch als zweites Glied einer Komposition genutzt werden können (előtt = vor+Dat., elé=vor+Akk, elöl=vor weg, délelőtt=vormittags usw.) …

      Ein großartiges, phantastisches Gebäude – man darf sich schon fragen, was das „mit einem Menschen macht“, der in dieses Denken hineinwächst.

      Das Fremdsprachenniveau ist schlecht. Deutsch relativ weitverbreitet, weil es Überreste des Zweisprachigen gibt. Englisch nur unter den Jungen und in den Städten. Ansonsten viel Interesse und wenig Erfolg.

      Hier noch ein ganz unterhaltsamer Artikel zum Problem: https://www.oppisworld.de/ungarn/ungart04.html

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