Carossa: Rumänisches Tagebuch

Gerade mal drei Monate des Jahres 1916 umfaßt dieser schmale Band Tagebuch, Einquartierung in Frankreich, Verlegung nach Siebenbürgen, Märsche, Einquartierungen, wieder Märsche, wieder Einquartierungen, nur wenige Kampfhandlungen … Hans Carossa begleitet den Troß als Arzt, mit nahezu sezierendem Blick, scheinbar emotionslos zeichnet er das große Treiben auf, verliert den Blick für das individuelle, das menschliche Schicksal nicht, bestaunt, inmitten der herbstlich-winterlichen Kriegswirren die grandiose Natur, zeichnet akribisch eigene Träume auf, notiert am Wegesrand verwesende Leichname und zerfetzte Torsi, erinnert sich eindringlicher Poesie.

 

Immer wieder wagt er das überraschende poetische Bild: „Wie Gasperlen aus einem Sumpf, brodelt eine Schießmaschine“; „Man sah hinter durchsichtigem Wolkenhäutchen den abnehmenden Mond als embryonenhafte Goldgestalt“; „Jeder Morgen bringt Nebel und ist wie eine graue Puppe, aus welcher blau der Tag emporfliegt“ etc.

Seine Sprache ist ehrlich, wahrhaft künstlerisch, aber nie prätentiös, in Zügen erinnert sie an Jüngers reflektierende Prosa ohne jedes Pathos freilich. Denn auch wenn Carossa ein höchst eigenes Bild des Krieges zeichnet, authentisch und glaubhaft, so enthält er sich doch jeglicher politischer Positionierung, historischer Einschätzung oder gesellschaftlicher Analyse.

Krieg ist Fatum, Krieg ist momentanes Sein.

„Was liegt am Geschehen? Den Schmerz, der den Menschen dahin verhärtet, wo es kein Hungern, kein Frieren, keine Tränen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit weigernder Beschwörung zurückweisen muß, dies letzte große Heiligtum der Menschen, jedem höchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine Angelegenheit für Greuelerzähler und Seelenspäher daraus machen?“


Über allem schwebt undurchdringlicher Melancholienebel, von Inseln der Lebensfreude überragt. Der Tod des Freundes wird im Nebensatz erwähnt, dem Tod einer Katze widmet er zehn Seiten.

Man braucht eine Weile, um sich in diese Stimmungsglocke hineinzulesen, ist man aber einmal drinnen, so liest man atemlos, oft zwei-, drei Mal den selben kunstvollen und erzerschütternden Satz – und so abrupt wie das Buch einsetzte, so plötzlich und ohne Ankündigung schließt es auch, der Leser schreckt daraus hervor, wie aus einem berückendem Alptraum. Es bleibt lange an einem haften, es wird Spuren hinterlassen haben …

Hans Carossa: Rumänisches Tagebuch. Insel Verlag. Leipzig 1924

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