Deutschland, deine Wege

Der Kampf um die Deutungshoheit auf unseren Straßen ist in vollem Gange. Historisch Gewachsenes, aber politisch Unkorrektes – wie z.B. eine „Mohrenstraße“ – soll in Frage gestellt werden.

Gerade erregte der Beschluß der „Kommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen“ Aufsehen. In dieser altehrwürdigen Universitätsstadt sind Namen wie Hindenburg oder Alban Stolz unerwünscht geworden und Richard Wagner, Richard Strauß, Turnvater Jahn und sogar der klassische deutsche Philosoph Fichte oder der geniale Biologe und Taxonom Carl von Linné bereiten den Stadtoberen Bauchschmerzen – oder Kopfzerbrechen?

Am prominentesten ist mal wieder Heidegger. Der nach ihm benannte Weg – im Übrigen unbewohnt – muß weg, auch wenn Heidegger das hellste Licht der Universitätsgeschichte war. Grund: Heideggers Parteimitgliedschaft (NSDAP) und ein paar interpretationsbedürftige private Tagebuchnotizen, die eifrigen Nichtlesern, aber Erbsenzählern antisemitisch sind, wiegen das bahnbrechende hundertbändige Werk auf – wofür man Heidegger in der ganzen Welt bewundert und bestaunt. Heidegger hat für Deutschlands Anerkennung mehr getan als …, aber das gehört nicht hierher.

Gewöhnlich gibt es Umbenennungen nach politischen Wenden. So wurde in meiner Geburtsstadt 1990 die „Thälmann-Straße“ wieder zur „Hauptstraße“ und die „Karl-Marx-Straße“ schnell in die „Kaiserstraße“ umbenannt … Man fragt sich also, welche politische Revolution wir gerade verpaßt haben …

Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt interessante Strategien, wie man mit dem Problem umgehen kann.

In Ungarn etwa strotzen die Städte vor Helden, Heroen, Politikern, Generälen, Denkern und Dichtern – an jeder Straßenecke ein Stück stolze Geschichte. Keine Stadt ohne eine Sándor Petőfi utca, ohne eine – meist große – Straße, die Lájos Kossuth, István Széchenyi, János Hunyadi, Ferenc Deák usw. im Namen trägt. Viele Istvàn, János, László, Lájos, Attilla, Ferenc, Miklós, Jószef usw. Bedeutende Frauen scheint die ungarische Geschichte nur wenige zu kennen.

Dafür werden Künstler aller Art geehrt, aber auch berühmter Klerus, und wenn eine Straße mit „Szent“ beginnt, dann hat man es mit einem heiligen König – István oder László –, einem heiligen Heiligen – Jánós oder Péter und Paul – oder sogar einer Szent Margit oder Szent Erzsébet (die Heilige Elisabeth) zu tun.

Hinzu kommen die Ortsheiligen, die Lehrer, Ingenieure, Weltreisenden, Künstler, Parlamentsmitglieder, Industriellen, Bischöfe, Ärzte, Philanthropen … die der jeweilige Ort hervorgebracht hat.

Der Namenskrieg ist gerade in vollem Gange. Die Bürgermeister haben in dieser Frage große Macht und können ihr Stadtbild nach eigenen Scheuklappen gestalten und da im Moment das konservative bis rechte Lager dominiert – Fidesz und Jobbik – darf man gespannt sein, wer noch alles aus der Mottenkiste gezogen wird. Man nähert sich mit diversen Horthy-Statuen bereits der ersten Allee im Namen des Reichsverwesers an. Umgekehrt werden Relikte der Sowjetzeit beseitigt, von Gorki und Majakowski bis Roter Stern, Pionier und Partisan.

Dänemark geht einen ganz anderen Weg und umgeht damit gekonnt den Kursstreit nach Windrichtungswechsel. In den dänischen Städten, vor allem in den kleineren, muß man lange suchen, bis man einen Straßen-Namen findet. Lediglich die historisch gewachsenen Zentren bewahren mitunter die Erinnerung an eine Heilige. Ansonsten dominieren unverfängliche geographische Namen: Weststraße, Nordallee, Strandweg, Hafenstraße, Kristianslundsstraße oder der allseits beliebte „Skovvej“, der Waldweg. Kirchen, Friedhöfe, Monasterien und dergleichen dürfen in den Namen auch nicht fehlen.

Wenn schon Dichter und Denker, dann unverfängliche: Gustav Wied, Pontoppidan, Martin A. Hansen usw. Es gibt hunderte „H.C.Andersen-veje“, aber nur ganz wenige Wege, die die Namen Johannes V. Jensens (Nobelpreisträger, „völkisch“) oder Hans Kirks („marxistisch“) tragen, obwohl der eine den bedeutendsten Roman („Konges Fald“) und der andere den meist verkauften aller Zeiten („Fiskerne“) geschrieben hatte – keiner von beiden ist – man ahnt es schon – „völkisch“ oder auch nur „marxistisch“.

Und unter den Königlichen dürfen nur ein paar scheinen und die heißen seit 1481 alle Christian oder Frederik und sind über alle Kritik erhaben.

Am liebsten aber dekliniert man gerne die Natur durch. Ganze Stadtviertel werden der Vogelkunde gewidmet – Möwenweg, Lerchengassen, Spatzenpfad, Habichtsdamm  – oder der Flora, den Bäumen, den Gräsern, den Blumen. Und der Kompositionsfreude ist keine Grenze gesetzt: „Lykkedalsvej“ (Glückstalweg), „Stenlængegårdsvej“ (Steingebäudehofweg) und dergleichen sind keine Seltenheit.

Das ist nichtssagend – aber konfliktvermeidend und glücksbringend – und zeitlos, fast so zeitlos wie Heidegger. Wie schrieb doch Klonovsky: daß es egal sei, „was heute akademische Tagelöhner und andere publizistische Gartenzwerge über Heidegger und Wagner befinden. In ‚tausend Jahren‘, wenn niemand mehr weiß, was Deutschland war und wo der SC Freiburg spielte, werden sie einer der wenigen Gründe sein, warum in einigen Winkeln dieses Planeten noch ein paar geistvolle Menschen Deutsch lernen.“

2 Gedanken zu “Deutschland, deine Wege

  1. Man fragt sich also, welche politische Revolution wir gerade verpaßt haben …

    Genial!
    ML twitterte kürzlich, ein „Agnes-Miegel-Weg“ solle in deren Heimatort in „Igelweg“ umbenannt werden, das paßt auch in pérégrinateurs Kindchenschema. Übrigens: je kleiner der ostdeutsche Ort, desto wahrscheinlicher noch die Thälmann-, Luxemburg- und Majakowskistraße. Und wie lange Rostocks mir damals schon ob seiner systemüberdauernd klugen Benennung sympathischer „Patriotischer Weg“ wohl noch so heißen darf?

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Männer machen halt immer Ärger. Schon im Jugendalter bringen sie den Dreck von ihren Naturexpeditionen an ihren Hosen in die Wohnung, als Erwachsene haben sie dann zuweilen verrückte Ideen, über die alle nur den Kopf schütteln können, und die manchmal sogar vorher völlig unbekannten sexistischen oder rassistischen Ideen den Weg bereiten, wie es zum Beispiel Linné tat.

    Wieso bloß musste er die eine Art von Fortpflanzungsorganen bei Pflanzen als weibliche und die andere als männliche bezeichnen, obwohl nichts in ihrer Funktion diese Metapher nahelegte? Hätte er nicht ein anderes, mainstreamingneutrales Begriffspaar dafür benutzen können, etwa schwarz und weiß? Ach nein, besser doch nicht, das hätte ja rassistisch aufgefasst werden können. Oder positiv und negativ. Ach nein, das schon gar nicht! Na dann vielleicht rot und grün. Die paar seltenen Missverständnisse, die bei Blütenbeschreibungen dann hätten auftreten können, hätte er im Interesse unser aller Vorurteilslosigkeit willig in Kauf nehmen müssen. Dass Farben unendliche Abtönungen kennen, wäre zudem heute sehr nützlich, wo sich jedex xihrseine geschlechtliche Identität gänzlich selbst zu konstruieren willens ist. (Ich selbst verstehe mich zum Beispiel als cishysterisch.) Und wir hätten zudem heute die wunderbar nützlichen Begriffe grün- und rotpositioniert.

    Die Dichter sind dann noch viel gefährlicher als die Wissenschaftler. Dass da einer mit dem Greifen (!) im Namen Verse verfasst wie

    WIr sind doch nunmehr gantz / ja mehr denn gantz verheeret!
    Der frechen Völcker Schaar / die rasende Posaun
    Das vom Blutt fette Schwerdt / die donnernde Carthaun.
    Hat aller Schweiß / vnd Fleiß / vnd Vorrath auff gezehret.

    geht ja gar nicht. Die „frechen Völcker“ etwa bedienen sehr gekonnt xenophobe Klischees; die Perfidie des Ausdrucks ist am besten daraus abzulesen, dass der raffinierte Autor sich die Ausrede eröffnet, die Völker als Ellipse von Kriegsvölker auszugeben. Vermutlich fände man im erhaltenen persönlichen Briefwechsel bei freiburgisch-gründlicher Analyse auch noch Stellen, wo er einem antifranzösischen oder antischwedischen Ressentiment freien Lauf lässt. So etwas können wir heute im immer enger zu vereinenden Europa nicht brauchen.

    Zudem fehlt gewiss jede sensible Kontextualisierung des von ihm erlebten, und wohl zugegebenermaßen nicht ganz angenehm erlebten Krieges. Ich kenne mich da zwar nicht aus, aber bin mir trotzdem sicher, dass es da bestimmt viele Priusse gab, etwa deutsche Kreuzzüge wider die Schweden oder theodiske Nickeligkeiten bei der Aufteilung des karolingischen Reiches, die manches erklären oder vielleicht sogar rechtfertigen. Schlimmstenfalls könnte der Dichter sogar von einer Unvergleichlichkeit des von ihm erlebten Geschichtsereignisses geschrieben haben, aber da kennen wird dann nichts mehr und nur eine.

    Und nun denken wir konstruktiv. Keine Männernamen mehr auf Straßenschildern!

    Frauennamen gehen an, sofern die Trägerinnen alt und bedeutungslos genug sind, so dass nichts mehr herauskommen und der advocatus diaboli nichts mehr finden kann. (Notabene: Die Bedeutungslosigkeit war in diesem Falle natürlich immer nur Folge der Diskriminierung.) Der Moses im Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz im alleweil an der Spitze des Fortschritts marschierenden Berliner Bezirk Kreuz-Halbmond-Davidstern-Hammer-und-Sichel-und-Rosa-Winkel-Berg (kleiner Vorgriff von mir, leider waren Frau „Wow“ Emckes endlich allen bekannte Prädilektion und viele andere nicht mehr unterzubringen) ist insofern eine dumme Nachlässigkeit.

    Die deutschen Neubaugebiete haben schon länger Tiere als Straßennamensgeber. Leider aber haben sich über sie Schwadronen von Vogelnamen gelegt, die nämlich heikel sind. Einmal, weil in der Tierklasse nicht jenes Übergewicht an femininen Artnamen besteht, mit dem endlich Geschlechtergerechtigkeit herzustellen wäre. Zum anderen hat bekanntlich die Natur die männlichen Vögel sichtbarer gestaltet als die weiblichen, so dass also hierbei doch wieder die Assoziationen der vogelkundigen Schilderleser fehlgehen, was unbedingt zu verhindern ist.

    Ich schlage deshalb vor, auf andere Tierklassen (im biologischen wie im allgemeinen Sinne) auszuweichen, mit denen endlich eine treffliche Erziehung des Publikums erzielt werden kann. Nutztiere scheiden aus meiner Sicht aus, weil bei ihnen onomastisch besonders häufig nach Geschlecht differenziert wird. Mancher mag denken, umso besser, dann ziehen wir eben nur die Namen der weiblichen Tiere heran. Die Einzelbetrachtung bringt einen schnell davon ab. Denn Sau zu Eber, Kuh zu Stier, Gans zu Ganter und selbst noch Ente zu Enterich transportieren eine große Tierfrauenverachtung. Bei einer Kuhstraße dächte mancher vielleicht auch frech an Anton Kuh, also einen Satiriker und respektlosen Menschen; das muss ja nun nicht gerade sein. Und nimmt man stattdessen die Färse, so denken alle nur an die laufstärkeren Männer oder gar an Achilles; damit käme man also vom Regen in die Traufe. In ökologischer Betrachtung erweist sich zudem die Kuh als große Quelle klimaschädlichen Methans, was sie für gewöhnlich auch nicht durch Flugreisen zu Weltklimatagungen auszugleichen gesonnen ist; sie ist also in Wirklichkeit sehr böse.

    Ein fast idealer Kandidat scheint mir dagegen der Regenwurm zu sein. Ein Zwitter, sieht nichts, hört nichts, frisst alles, was man ihm vorsetzt und ist zudem „öko“. Außerdem gibt es davon in Deutschland über vierzig Arten, für die wünschenswerte, zumindest begriffliche Buntheit ist also gesorgt. Bei allen anderen Würmern dürften genausowenig ethisch-onomastische Probleme auftreten. Man könnte also in jeder Stadt Tausende von Menschen beherbergende Wurmviertel einrichten; in Pforzheim und bei Aachen natürlich besser nicht.

    Der einzige Nachteil dabei ist ein gewisser emotionaler Attraktivitätsmangel dieser nützlichen Tiere. Es bleiben uns aber notfalls die noch nicht geschlechtsdifferenzierten Jungkosetiere mit beim Menschen wirksamem Kindchenschema: Häschenstraße, Hündchenstraße, Kätzchenstraße, Mäuschenstraße, Vögelchenstraße usw. usf. Das Denkmal für den unbekannten Soldaten könnte man dabei noch auf den unbekannten Heuler umwidmen. Das alles passte ganz gut in den Zug der Zeit.

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