Der Heimatbegriff der Magyaren

Zum 15. März

Aus den beeindruckenden Wortkaskaden in Sandor Petőfis Gedicht „Europa schweigt“ („Europa csendes“) ragt in der dritten Strophe ein seltsamer Fremdkörper heraus, der den Fluß der Alliterationen und das wellenhafte Auf und Ab der Satzmelodie wie eine scharfe Zäsur seltsam zu stören scheint.

Oh hon“ heißt die Vokabel und sie kann vielleicht einiges erklären.

 

Wenn es um „Heimat“ geht, dann beanspruchen die Deutschen oft eine Sonderstellung. Das Wort ist vielfältig aufgeladen. Selbst Wikipedia muß von der Neurobiologe bis zum Nationalsozialismus alles auffahren, um es in etwa verständlich zu machen, und unterscheidet zwischen räumlicher, zeitlicher, sozialer, kultureller und emotionaler Dimension und kann es doch nicht einfangen.

Das Wort „Heimat“ hat immer einen Sinnüberschuß, den Sprache nicht fassen kann – schon aufgrund ihrer Sukzession.

Es gilt als unübersetzbar. Tatsächlich versagen alle anderen Sprachen, wenn es um die mythische Aufladung des Begriffes geht. Sie haben den Begriff nicht oder nur Schwundstufen davon.

Oftmals spielt das Haus oder das Heim – als Heimstätte, Behausung oder Wohnung – eine Rolle. Das russische дома = zu Hause (дом = Haus) oder das tschechische „domov“ machen das ebenso deutlich wie das skandinavische „hjem“, das die Wörterbücher zwar auch als Heimat wiedergeben, das im Grunde aber nur das „Heim“ oder das „zu Hause“ ist. Auch wenn man es als Kompositum „hjemland“ präsentiert, geht diese Dimension verloren. Ähnlich das englische „home“, „homeland“ oder „fatherland“. Und auch die romanischen „patrias“ der Spanier, Italiener oder Rumänen wecken ganz andere Intuitionen und sind im Übrigen von der πατρίς der alten Griechen übernommen.

Die Franzosen – seltsam genug – gehen einen anderen Weg: „lieu d’origin“ mehr noch „pays natal“, also der Herkunftsort oder das Geburtsland müssen herhalten – aber kein Franzose wird somit das deutsche „Heimat“ verstehen können. Vielleicht könnte man das russische und bulgarische родина gelten lassen? Allein, es hat die Wurzel „род“ = Geschlecht, Ahnen … usw.

An den exotischen europäischen Sprachen wie Albanisch, Estnisch, Baskisch, Gälisch und dergleichen will ich mich nicht versuchen: es bleibt die Tatsache, daß allein die Deutschen in Mitteleuropa das Wort „Heimat“ kennen.

So zumindest dachte ich, bis ich Petőfis Gedicht und jenes seltsame „Oh hon“ kennenlernte.

„Auf Ungarisch heißt ,Heimat‘ ‚szülőföld‘“, sagt Wikipedia und sagt damit die Wahrheit – die halbe. Das ist ein klassisches Kompositum aus „szülő“ (was sowohl Eltern als auch Gebärende bedeuten kann) und „föld“ (Erde, Boden, Grund etc.) Besonders „föld“ ist für sich ein faszinierendes schillerndes und tiefreichendes Wort; im riesengroßen „Ungarisch-Deutschen Großwörterbuch“ nehmen seine Varianten allein vier Seiten in Beschlag. Und dennoch ist die „Elternerde“ oder „Geburtserde“ kein Vergleich mit der „Heimat“.

Aber „hon“ ist es! Und in Petőfis exklamatorischer Zentrierung (Oh=Oh) begreifen wir instinktiv seine emotionale Tiefe.

Hon“ gehört zu jenen ungarischen Wörtern, die ich „Urwörter“ nenne (dazu später vielleicht mehr) und die sprachgeschichtlich sehr, sehr weit zurückreichen dürften. Sie zeichnen sich fast alle durch Einsilbigkeit aus, man kann sie auf nichts mehr zurückführen oder reduzieren, sie sind wohl als archaische Rufe oder Schreie zu denken, und sie zeigen uns, was den alten Magyaren, den Nomaden und Kriegern, wirklich und existentiell bedeutsam war.

Ich bin natürlich nicht in der Lage, den Gehalt der Silbe „hon“ tatsächlich zu verstehen und auch die meisten zeitgenössischen Ungarn, wenn sie keine Petőfis sind, werden kaum noch ahnen, was dieser Ruf bedeutete. Aber ich wage die These, daß es eine Vokabel ist, die unserer „Heimat“ entspricht und vielleicht sogar noch unübersetzbarer, noch gedankenreicher ist.

Das Wort wird kaum noch gebraucht, aber es ist in Termini wie „honnosság“ (Staatsbürgerschaft) oder „honismeret“ (Heimatkunde) oder „hontalan“ (heimatlos, staatenlos) noch präsent – das moderne Ungarisch hat freilich andere Begriffe für diese Phänomene in Gebrauch.

Am vielsagendsten ist jedoch der „Honvéd“ – den man vielleicht noch aus dem Geschichtsunterricht kennt. Die Honvéd-Armee, die Großteils aus Freiwilligen bestand, war es, die in der 48er Revolution nach Kossuths Geniestreich der Anwerbung, die Hoffnungen der Ungarn auf Freiheit am Leben hielt – um letztlich gegen die vor allem russische Übermacht zu unterliegen. Genau in dieser Phase, Anfang 1849 verfaßte Petőfi sein Gedicht vom schweigenden, die Ungarn verratenden Europa.

Der „Honvéd“ ist also, ganz prosaisch ausgedrückt, der Soldat – so wird das Wort oft übersetzt, tatsächlich aber ist er der „Verteidiger der Heimat“. „Hon“, die Heimat und „véd“ – auch so ein Urwort mit endlosen Vokalbelreihen – „verteidigen“, „schützen“, „schirmen“. Auch das „Heimweh“, das „honvágy“ ist ähnlich schillernd und tief in Geschichte und Volkssentiment verwurzelt, auch wenn es erst in der Revolution geprägt worden ist[1], oder der „honos“, der „Alteingesessene“…

Wenn wir die These wagen, daß die Sprache ein wesentlicher Faktor eines volklichen oder nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls ist, dann wird eine aufschlußreiche Parallele zwischen den Deutschen und den Ungarn, deren Schicksale sehr vielfältig ineinander verwoben sind, deutlich. (Es gibt im Übrigen eine ganze Reihe von Vokabeln, die, seltsamerweise, sich gegenseitig förmlich spiegeln, ohne daß sie in irgendeiner Form sprachhistorisch verwandt sein können – auch dazu später vielleicht mehr).

Freilich entäußert sich diese seltsame Verwandtschaft ganz unterschiedlich. Während die Deutschen spätestens seit der Verwindung der 12 Jahre auffällige Schwierigkeiten mit der Heimat haben – was die Bedeutung des Begriffes nur unterstreicht, allerdings negativ –, lebt in Ungarn ein ungewöhnlich starkes affirmatives Heimat- und Identitätsgefühl, das sich vom religiös dominierten Zusammenhalt der slawischen europäischen Völker noch einmal unterscheidet.

Ein Grund dafür, wenn wohl auch nur ein kleiner, ein Puzzlestein mithin, dürfte der Besitz eines eigenen unübersetzbaren Heimat-Begriffes sein.

[1] Bart, István: Hungary & the Hungarians. A concise Dictionary of Facts ans Beliefs, Costums, Usage & Myths. Budapest 2009, S. 73

Siehe auch:

Europa schweigt

Nationallied – Petőfi

Nemzeti Dal – Übersetzung

Nationallied – Präsentation

Ein Gedanke zu “Der Heimatbegriff der Magyaren

  1. Pérégrinateur schreibt:

    Ich halte wenn nicht den Heimatbegriff, so doch die Heimatempfindung für universell. Die Franzosen haben etwa den Ausdruck « avoir le mal du pays », wörtlich übersetzt also „heimatkrank sein“, das ist vielleicht sogar stärker als unser vageres „Heimweh haben“.

    Beispiel:

    Joachim du Bellay, aus Liré im Anjou an der unteren Loire mit seinem milden ozeanischen Klima und seinen schiefergedeckten Häusern stammend, humanistisch gebildet, Mitglied im Dichterkreis der Pléiade, war voller Antikenbegeisterung nach Rom gezogen, um einem Verwandten, der Botschafter beim Heiligen Stuhl war, den Hausstand zu verwalten, und kam dort nun weder mit der ihm nur oberflächlich anmutenden Freundlichkeit der Südländer zurecht, noch ertrug er leidlich die öde Tätigkeit.

    ――――――――――――――――
    Joachim du Bellay

    Les Regrets

    XXXI

    Heureux qui, comme Ulysse, a fait un beau voyage,
    Ou comme cestui là qui conquit la toison,
    Et puis est retourné, plein d’usage et raison,
    Vivre entre ses parents le reste de son aage !

    Quand reverray-je, helas, de mon petit village
    Fumer la cheminee, et en quelle saison
    Reverray-je le clos de ma pauvre maison,
    Qui m’est une province, et beaucoup d’avantage ?

    Plus me plaist le sejour qu’ont basty mes ayeux,
    Que des palais Romains le front audacieux ;
    Plus que le marbre dur me plaist l’ardoise fine,

    Plus mon Loyre Gaulois, que le Tibre Latin,
    Plus mon petit Lyré, que le mont Palatin,
    Et plus que l’air marin la douceur Angevine.

    ――――――――――――――――
    Prosaübersetzung:

    Glücklich ist, wer wie Odysseus eine schöne Reise getan hat,
    oder wie jener, der das Vließ eroberte,
    und danach, reich an Bräuchen und Verstand, heimkehrte
    um zwischen den Seinen sein restliches Leben zu verbringen!

    Ach, wann werde denn ich wieder sehen, wie über meinem kleinen Dorf
    der Rauch aufsteigt, und in welcher Jahreszeit
    Werde ich die Hecke meines ärmlichen Hauses wiedersehen,
    Das für mich wie eine Provinz ist und noch viel mehr?

    Besser gefällt mir die Wohnstatt, die meine Ahnen erbaut haben
    Als die kühnen Stirnseiten der römischen Paläste;
    Mehr als der harte Marmor gefällt mir der feine Schiefer,

    Mehr meine gallische Loire als der latinische Tiber,
    Mehr mein kleines Liré als der palatinische Hügel
    Und mehr als die Seeluft die Milde des Anjou.

    ――――――――――――――――
    [Man beachte das sehr feine letzte Reimpaar -in/-ine, mit nur einem Geschlechtsunterschied männlich (Rom) und weiblich (Frankreich).]

    Noch ein „nationaler“ fassendes heimatkrankes Gedicht von ihm:
    ――――――――――――――――

    Joachim du Bellay

    Les Regrets

    IX

    France, mère des arts, des armes et des loix,
    Tu m’as nourri long temps du laict de ta mammelle,
    Ores, comme un aigneau qui sa nourrice appelle,
    Je remplis de ton nom les antres et les bois.

    Si tu m’as pour enfant advoué quelquefois,
    Que ne me respons-tu maintenant, ô cruelle ?
    France, France, respons à ma triste querelle :
    Mais nul, sinon Écho, ne respond à ma voix.

    Entre les loups cruels j’erre parmi la plaine,
    Je sens venir l’hyver, de qui la froide haleine
    D’une tremblante horreur fait herisser ma peau.

    Las, tes autres aigneaux n’ont faute de pasture,
    Ils ne craignent le loup, le vent, ni la froidure :
    Si ne suis-je pourtant le pire du troppeau.

    ――――――――――――――――
    Prosaübersetzung:

    Frankreich, du Mutter der Künste, der Waffen und der Gesetze,
    lang hast du mich mit der Milch deiner Zitzen genährt,
    jetzt aber, wie ein Lamm, das nach seiner Amme ruft,
    erfülle ich Höhlen und Wälder mit deinem Namen.

    Wenn du mich doch einst als Kind anerkanntest,
    warum antwortest du mir nun nicht mehr, du Grausame?
    Frankreich, Frankreich, anworte meiner traurigen Klage,
    aber niemand außer Echo antwortet meiner Stimme.

    Zwischen den grausamen Wölfen irre ich über die Ebene,
    ich spüre den Winter kommen, dessen kalter Hauch
    meine Haut sich mit bebendem Schrecken sträuben lässt.

    Ach, deine anderen Lämmer entbehren nicht der Weide,
    sie fürchten weder Wolf, noch Wind, noch Kälte;
    und dabei bin ich doch nicht das übelste der Herde.

    ――――――――――――――――

    https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_du_Bellay – Deutscher Wikipedia-Artikel zu Joachim du Bellay
    https://fr.wikisource.org/wiki/Les_Regrets_(du_Bellay) – Les Regrets
    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ruines_du_ch%C3%A2teau_de_Joachim_du_Bellay.JPG?uselang=fr – Die Reste der heimatlichen Hütte

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