Szegediner Überraschungen

Ich wache mit Kopfschmerzen auf. Es war keine gute Nacht: zu laut, zu warm, die Matratze zu hart, zu viel roter Wein. Ohne Frühstück fahren wir die 20 km nach Szeged. Dort muß irgendwo ein Kaffee her!

An der Theiß finden wir einen Parkplatz. Wir stehen am linken Ufer und schauen eine Weile auf den zweiten mythischen Fluß Ungarns. Es wird oft vergessen, daß auch Ungarn ein Zweistromland ist. Petőfi hatte dem Fluß in einem ellenlangen Sang ein Denkmal gesetzt.

Eines Sommerabends stand ich lange
an der Theiß, da, wo wie eine Schlange
sie sich windet und die Túr empfängt,
die sich wie ein Kind zur Mutter drängt. …

Wir schlendern durch die Innenstadt und saugen das Flair auf. Der touristische Blick sucht stets nach Vergleichen – leider! Barcelona kommt in den Sinn oder auch Wien, aber eher Barcelona. Die Belváros, die Stadtmitte, ist wie die katalanische Hauptstadt in Karrees aufgeteilt und wird aus schönen Palazzi gebildet, von denen einige in ihrer eigenartig verschnörkelten Architektur sogar fern an Gaudí erinnern. Nur die Menschen sind ganz anders: es gibt hier kein Multikulti.

Auf dem Dugonics Tér trinken wir endlich einen Kaffee zu europäischen Preisen. Ein Fehler. Immerhin gibt uns die Aussicht auf den Platz, den Springbrunnen vor der Universität, in dem Kinder plantschen, und die Universität Gelegenheit über die Unterschiede nachzusinnen. Hier, wo es freies WLAN gibt, würde man in jeder deutschen und in vielen europäischen Städten Gruppen junger Männer sitzen sehen, deren Hautfarbe oder Habitus den Unterschied zu den Einheimischen deutlich machen würde. In Szeged jedoch nichts davon. Hier und da ein chinesischer Student oder auch ein europäischer, aber in ungarischen Städten sind Muslime oder Araber versprengte Touristen oder Studenten und im Übrigen sehr rar.

Wenig später kommen wir an einer Cukrázda vorbei, einer Konditorei oder einem Kaffeehaus, das der k.u.k.-Zeit zu entstammen scheint. Es hilft nichts, schon um drin zu sitzen (und die Toilette zu nutzen), muß es noch ein „Fekete“, ein „Schwarzer“ sein und dazu gibt’s ein opulentes Stück Torte und alles zum Spottpreis.

Es ist Wochenende und nur wenige Geschäfte haben geöffnet. Auch wenn ich wohl nie in meinem Leben ein ungarisches Buch lesen werde, kann ich an einem Antiquariat nicht vorübergehen. Allein zu sehen, was es gibt, ist spannend genug. Ein Land wie Ungarn, sprachlich so jenseits aller Weltliteratur, muß Abstriche in Kauf nehmen. Die Klassiker sind übersetzt – ich blättere in einer Goethe-Ausgabe, aber auch Zola, Dante, Dickens und Borges sind da. Trotzdem, wer als Ungar über den Tellerrand hinausschauen will, muß Fremdsprachen lernen. Umso erstaunlicher, daß die meisten Magyaren darauf verzichten. Selten trifft man einen Menschen, der fließend Deutsch oder Englisch beherrscht und also in der Lage wäre im Original zu lesen.

Imre MadáchsAz ember tragédiája“, „Die Tragödie des Menschen”, das Nationalepos, das oft, wenn es um Tiefgang und Komplexität geht, mit „Faust” verglichen wird, steht in circa zehn verschiedenen Ausgaben da. Gar nicht weit davon – wir befinden uns im Regal „versei“ – eine freudige Entdeckung: ein schmales Bändchen übertragener Stefan-George-Gedichte. Das kann beim besten Willen nicht dort stehen bleiben!

Gekauft hätte das sobald sowieso keiner. Szeged ist hoffnungslos links. In ganz Ungarn gibt es diese Diskrepanz zwischen Stadt und Land, jung und alt, gebildet und ungebildet. Je größer die Stadt, je jünger die Leute, je studierter, desto linker. Was ich noch nirgendwo gesehen habe, findet sich an Szegediner Straßen: Antifa- und Punk-Graffitis. Junge Mädchen haben kurze Haare, sind tätowiert und bärtige Hipster laufen neben Dreadlock-Typen her.

Freiheit! Demokratie! © Németh György

In der Einkaufspassage stellt ein Karikaturist plumpe regierungskritische Cartoons aus, die so wenig subtil sind, daß es fast peinlich wirkt: Ungarn als Bettler in zerschlissenen Kleidern, die kommende Wahl als Weg über eine brüchige Hängebrücke, mit Wurzeln versehene, aber luftige Reden haltende Parteibonzen, kleine, ängstliche Mäuse, die vor gigantischen Bürokratie-Katzen zittern und dergleichen. Einige Besucher lächeln, die meisten reagieren pikiert.

Dann stehen wir gänzlich unvorbereitet vor dem gigantischen Dom, der in gleißender Sonne erstrahlt. Fast 100 Meter ragen die Türme in die Höhe.

Die Architektur verunsichert. Wir lassen uns auf einer der vorderen Bänke nieder und nehmen die Stimmung auf. Meine Frau meint, Jugendstilelemente zu erkennen, aber ich belehre sie eines Besseren: das ist der Einfluß der Ostkirche, hier sieht man Byzanz und in der Ornamentik sogar den Islam: Der Orient beginnt an der Theiß. Zu Hause schlage ich nach: Die Kathedrale ist gerade 100 Jahre alt geworden, sie wurde von Frigyes Schulek entworfen und der Innenraum „zeigt deutlichen Einfluß des Jugendstils“.

Von Eindrücken ermüdet, beschließen wir die Rückfahrt – und doch stehen die drei größten Überraschungen noch bevor.

Da ist zum einen die Fischsuppe. In Ungarn gibt es zwei Orte, die für ihre Fischsuppe berühmt sind, einer liegt an der Donau und heißt Baja und im anderen sitzen wir und schlürfen die Suppe. Seit je diskutiert halb Ungarn, welche die bessere Suppe sei und meist wird der Streit über Lokalpatriotismus entschieden. In Baja liegt ein großes Stück Fisch, meist Karpfen, in der feurigen Suppe, die zudem jede Menge ungarische Nudeln enthält. Szeged dagegen – den berühmten Szegediner Gulasch mit Sauerkraut gibt es in Deutschland übrigens viel öfter als in Ungarn – verzichtet auf Beilagen und kocht die Filetstücken direkt mit, was die Suppe deutlich „fischiger“ macht. Ich lege mich fest (und riskiere damit Freundschaften): die Bajaer Fischsuppe ist sehr gut, die Szegedi Halászlé ist besser.

Vom Essen etwas müde schlendern wir noch ein wenig und stehen plötzlich vor dem Helden-Tor. Sofort bin ich elektrisiert. Zwei überdimensionierte strammstehende Soldaten im Mussolini-Stil – sie könnten auch der Werkstatt Arno Brekers entsprungen sein – flankieren den Weg aus der Innenstadt heraus. Ihr martialischer Blick, hart, eisern und ein wenig arrogant, wäre in Deutschland kaum noch erträglich und hätte, wenn nicht zum Abriß, so doch mit Sicherheit zu antifaschistischen Verschönerungen geführt. Im Tor prangt ein faszinierendes Fresko, das den Weg des Soldaten, den Kampf, aber auch das Leid der Familien und den möglichen Tod darstellt. Alles seltsam verfremdet, fast comicartig. Über allem thront ein segnender Jesus.

Die Idee des Tores stammt von Kuno Klebersberg, einem Justizminister unter Horthy, jenem Klebersberg also, dessen Sarkophag wir im Seitenschiff des Doms sahen. Auch die Fresken stammen aus den 30er Jahren und erinnern und ehren die hunderten toten Szegediner, die im Ersten Weltkrieg ihr Leben ließen. Die Kommunisten ließen sie übertünchen, aber vor 10 Jahren oder so – es wirkte alles sehr frisch – wurden sie frei gelegt, restauriert und feierlich eingeweiht. An den acht Säulen finden sich an je allen vier Seiten lange Namenslisten der Gefallenen. Darunter deutsche Namen, jüdische, serbische …

Und noch ein letztes Mal holt uns die Geschichte ein. An einem dieser großartigen Palazzi oder Bürgerhäuser prangt in luftiger Höhe ein überdimensioniertes Relief Béla IV., jenes Bruders der Heiligen Elisabeth von Thüringen. Mit dem Fernglas läßt sich entziffern: 1247 – 1997 Szeged 750 Jahre.

Béla war ein bedeutender ungarischer König, dessen Größe aus Ungarns Niederlage erwuchs. Die Mongolen hatten das Land fast vollständig verwüstet und große Teile der Bevölkerung gemetzelt. Von zwei Millionen Ungarn soll die Hälfte vernichtet worden sein und von den Überlebenden ging erneut die Hälfte an Armut und Krankheiten zugrunde.

Die Geschichtsschreibung streitet darüber, ob dieser frühe Genozid islamisch war. Batu Khan soll in diesen Jahren den Islam angenommen haben – die meisten der Krieger dürften freilich noch schamanischen Bräuchen angehangen haben. Nur ein historischer Zufall, der ferne Tod des Groß-Khans, dessen Nachfolge nun ausgefochten werden mußte, bewog Batu Khan, den Feldzug abzubrechen. Béla, der zuvor mehrfach vernichtend geschlagen wurde, stand plötzlich vor einem Vakuum. Er nutzte die Gunst der Stunde, einte die Stämme, holte deutsche und wallonische Siedler ins Land – prägend wurden auch die asiatischen Kumanen, die auf der Flucht vor den Mongolen zwischen Donau und Theiß eine neue Heimat fanden. Béla baute ein Heer auf, ließ Burgen und Festungen bauen, organisierte die Bürokratie und war so in der Lage, spätere Mongolenstürme abzuwehren. Ohne ihn hätte es Ungarn wohl nicht weiter gegeben – so wie es Deutschland ohne Otto I. oder Friedrich II. so nicht gegeben hätte.

Aber kann man sich eine moderne Ehrung dieser Kaiser in Deutschland vorstellen?

siehe auch: In Geschichte baden

Ein Tag in Serbien

 

Ein Gedanke zu “Szegediner Überraschungen

  1. Danke für den Artikel, er brachte mir wieder die Erinnerung an einen Aufenthalt in Ungarn. Eine Studienfreundin hatte mich eingeladen, mit Ihr und ihrer Schwester Bekannte in Ungarn, in Mérk zu besuchen. Das war Anfang der 80iger Jahre. Mit der Bahn ging es bis in die Nähe des Dörfchens, dann mit dem Bus weiter. Zum Busfahrer ging meine Frage „Merk?“ Achselzucken und etwas ungarisch. Noch mal eher so „Mörk?“ Kopfschütteln. Also Zettel mit Adresse gezeigt „Ahh, Mörk!“ Ja, und was habe ich anders gesagt? Er hat uns jedenfalls freundlich in Mérk abgesetzt.

    Ich habe keine Ahnung, wie es jetzt dort aussieht, aber ich hatte den Eindruck, dass das so die übliche Lebensweise auf dem Lande war. Ein kleines langgestrecktes Häusschen, ein beachtliches Stück Land dahinter mit Mais und Melonen. Ein in der Erinnerung dunkles Zimmer, Wohnzimmer würde ich denken, mit einem kleinen Altar und der rund 80 jährigen Oma der Familie, die noch immer das Sagen hat.

    Melonen gab es frisch vom Feld, reife Melonen erkennt man am Klopfgeräusch. Ich habe da nie Unterschiede gehört, aber unsere Gastgeberin hat uns die richtigen rausgesucht. Die Kerne bekamen die auch rumlaufenden Hühner.

    Und als es nach Debrecen zum Blumenkarneval gehen sollte, hatte ich diese im Artikel eingangs genannten Kopfschmerzen samt Magenverstimmung, so dass ich das leider nicht sehen konnte. Aber die Beschreibung zu Szeged hat mich daran erinnert.

    Viele Grüße aus Plauen

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