In Geschichte baden

Wer ein Denkmal will, sollte nach Ungarn gehen. Wahrscheinlich gibt es kein anderes Land, in dem per capita so viele Denkmäler – Statuen, Büsten, Reliefs, Gedenktafeln – zu finden sind, wie in Ungarn, außer vielleicht Nordkorea, dort aber nur von drei Personen in ewiger Wiederholung.

Sicher, es hilft, ein Heiliger gewesen zu sein oder die Türken im Alleingang vertrieben oder die große Revolution angezettelt oder sich gar als Märtyrer geopfert zu haben, aber schon wenn man nur gut Geige spielen konnte, sich auf der Bühne halbwegs vernünftig bewegte oder ein, zwei lesbare Bücher geschrieben hat, kann man sich eines Denkmals sicher sein und selbst ein Architekt, Doktor, Ingenieur, Maler, Zeichner, Karikaturist oder einfach nur ein beliebter Bürgermeister … alle haben eines abbekommen.

In Szeged, wohin wir einen dreitägigen Ausflug machen, bestätigt sich die ungarische Erinnerungskultur komplett. In allen Städten sieht man Rákóczi, Petőfi, Kossuth oder Déak aber in jeder einzelnen noch eine ganze Reihe, oft hunderte anderer Persönlichkeiten. Und manchmal muß man nicht mal Ungar oder Mann sein, um nächtlich als Alabaster angestrahlt zu werden. So hat es Erzsébet, also Elisabeth, besser bekannt als Sissi, in Szeged auch dazu gebracht. Im Gegensatz zu ihrem Gemahl war sie in Ungarn stets sehr beliebt.

Eine andere Erzsébet nimmt uns zuerst mit ihrem Charisma gefangen: die Heilige. Zuletzt war sie uns auf der Wartburg begegnet, wo ihr ein kitschiges Mosaikzimmer gewidmet ist. Hier im Süden Ungarns ist sie Schutzheilige des Thermalbades in Mórahalom. Wir haben uns in der kleinen Stadt ein Zimmer gemietet – ausgerechnet in der Kertész-utca – und nutzen das Bad, bevor es am darauffolgenden Tag nach Szeged geht.

Elisabeth ist allgegenwärtig. In Deutschland kennt man sie als Elisabeth von Thüringen, hier ist sie Elisabeth von Ungarn. Tatsächlich entstammt sie dem alten Königshaus der Arpaden, ist Tochter András II. und Schwester des bedeutenden Königs Bela IV., der uns später noch begegnet. Über ihre Verheiratung mit dem Thüringer Landgrafen Hermann I. gelangte sie bereits als Kind nach Thüringen und wurde unter anderem auf der Runneburg in Weißensee erzogen, wo ich in den späten 80ern und 90ern zehn Jahre lang an einer archäologischen Ausgrabung teilgenommen hatte – man sieht sich.

Trotz ihres sehr kurzen Lebens ranken sich zahlreiche Legenden um sie. Einige der Szenen schmücken das Bad in Mórahalom. Jeder einzelne Raum steht unter einem besonderen Schutz: Glasfenster, Kruzifixe, Emporen, in Bronze eingelassene Gebete, Marienbilder usw.

38 Grad im Heiligenschein

Ob es daran liegt, daß die Stimmung trotz Vollbelegung Ruhe und Gemütlichkeit ausstrahlt? Es gibt hier keine Hinweisschilder, wie man sich in einem öffentlichen Bad zu benehmen hat, denn es gibt hier niemanden, der sich nicht benehmen kann. Wenn ein Kind schreit, kümmern sich die Eltern schnell um es, planscht eines zu ausgelassen, reicht ein Wink der Mutter oder des Vaters und benimmt sich jemand zu forsch, dann regulieren das ein paar strenge Blicke. Man ist unter sich, man spricht nicht nur eine Sprache, man kann auch die unhörbaren Signale und Codes verstehen.

Das Heilwasser hier ist stark. Steigt man aus den warmen Becken, dann meldet sich der Körper. Es kribbelt die Haut, der Kreislauf muß sich neu justieren und auch die Verdauung berichtet von der heilenden Wirkung. Erschöpft fallen wir abends ins Bett.

Doch ist an Schlaf vorerst nicht zu denken. Vor unserem Fenster sitzt eine Gruppe serbischer Jugendlicher, hört Musik und quatscht. Alles kein Problem. Erst als die Uhr zehn schlägt und mehr, wird es eines. Während ich noch ein paar Vokabeln pauke, versucht meine Frau zu schlafen. Sie drehen die Musik hoch – ein unangenehmer jaulender Singsang, dem die orientalischen Einflüsse anzuhören sind. Wir sind wirklich im Süden! Dann ermahnen sie sich selber und werden wieder leise, bis irgendeiner erneut aufdreht. Bei jedem Male werden meine antiserbischen Affekte stärker. Wie soll ich meine Aversion sonst in Begriffe fassen? Soll ich auf Jugendliche an sich wütend werden oder auf die fremde Musik oder was? Nein, es sind die Serben in diesem Moment – so wie ich für sie wahrscheinlich der Deutsche bin. Nationalität ist Identifikation, ob wir es wollen oder nicht.

Schließlich – es ist gegen 23 Uhr – stellen sie das Radio ab und gehen leise in ihre Zimmer. Am Tag darauf spreche ich mit meiner Frau darüber. Sie, die Lehrerin, meint: „Es ist doch erstaunlich, wie ruhig und gesittet, diese serbischen jungen Leute sind. In Deutschland müßte man lange suchen, um so rücksichtsvolle Jugendliche zu finden.“

Und wahrscheinlich hat sie sogar recht.

Fortsetzung folgt:
Szegediner Überraschungen
Ein Tag in Serbien

siehe auch: Denkmal und Schande

Ein Gedanke zu “In Geschichte baden

  1. lynx schreibt:

    In meiner Umgebung ermahnen wir uns immer wieder gegenseitig: wenn wir nur noch alles in Rückblicken wahrnehmen, wenn nur die Vergangenheit schön war und wir nur noch darüber reden – dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir alt werden. Alt werden ist unvermeidlich. Aber wem gehört die Zukunft? Den Alten oden den Jungen? Der dumme Alte wird motzig. Der weise Alte wird still und lauscht und lächelt.

    Seidwalk: Sie sind noch zu jung, um das zu verstehen!

    Die Zukunft gehört den kommenden Alten! Würden sie nämlich nicht alt werden, dann hätten Sie keine Zukunft. Zukunft und älter werden sind Synonyme.

    Pérégrinateur: Ein Satz von Bertolt Brecht:

    Die Jugend ist die Zukunft eines Volkes – aber erst, wenn sie erwachsen ist.

    Lynx: Oh, merci für das Kompliment. Endlich darf ich mich mal wieder jünger fühlen, als ich bin.

    Seidwalk: Wir sprechen hier vom geistigen Alter. Selbstredend!

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