1. Geschichte als Experiment

Die menschliche Geschichte ist eine Aneinanderreihung von Selbstexperimenten, deren Folgen unvorhersehbar, in der Regel jedoch langfristig katastrophal sind. Die Entdeckung der Technik durch ein übermäßig gewachsenes, über ein Sprachorgan verfügendes Hirn mit zwei freien Händen hat die Katastrophenkette ausgelöst.

Kultur ist der pflegende und hegende Umgang mit diesen in den Selbstlauf entlassenen Experimenten. Die offenbaren Negativfolgen werden durch neue Experimente zu beherrschen versucht. Zivilisationen sind der letzte verzweifelte Versuch, die apokalyptischen Konsequenzen der Eigenexperimenttherapien einzuhegen. Politik ist das trial-and-error-Verfahren, Zivilisationen künstlich[1] am Leben zu erhalten.

Die Experimentfolge ist akzelerierend, sowohl numerisch als auch temporal. Seit ca. 250 Jahren exponentiell.

Die Zahl der Experimente mit sich selbst ist Legion. Müßig zu diskutieren, womit es angefangen hat: Mit der ersten konzertierten Aktion? Mit dem Knüppel? Mit dem Feuer?

Das „Feuer“ durchzieht die Geschichte wie ein roter Faden vom Lagerfeuer und vom Herd über die Kerze und die Schmiede, das Schießpulver und den Sprengstoff bis hin zur wohl fatalsten Entdeckung der Moderne, dem Verbrennungsmotor. Der Schritt von dort zum Kernreaktor mag technisch enorm sein, geistig war er im Ottomotor bereits angelegt. Die Moderne beruht materiell auf Explosionsprozessen, ideell auf der neuartigen Positivierung des Neuen – das Neue und historisch Einmalige an ihr ist: die apriorische Affirmation des Neuen.

Heute ist es gang und gäbe, das neuste Selbstexperiment als Fortschritt zu bejubeln und sofort einzuführen ohne sich zu fragen, was es mit uns wohl machen wird – als Individuen und als Gesellschaft. Um nur einige zu nennen:

Elektrizität

Atomenergie

Die Chemikalien (wie Glyphosat)

Plastik

Das Auto

Die Pille

Das Telefon

Der Fernseher

Das Windrad

Das Smartphone

Der BitCoin (Börse)

Das bislang letzte große Experiment lief unter dem Namen „Willkommenskultur“. Ohne Plastik, Pille, Telefon, Fernseher, Smartphon oder BitCoin … wäre es nicht möglich gewesen.

[1] (Kunst = téchne)

3 Gedanken zu “1. Geschichte als Experiment

  1. Pérégrinateur schreibt:

    „Das Feuer durchzieht die Geschichte wie ein roter Faden vom Lagerfeuer und vom Herd über die Kerze und die Schmiede, das Schießpulver und den Sprengstoff bis hin zur wohl fatalsten Entdeckung der Moderne, dem Verbrennungsmotor. Der Schritt von dort zum Kernreaktor mag technisch enorm sein, geistig war er im Ottomotor bereits angelegt. Die Moderne beruht materiell auf Explosionsprozessen, ideell […]“

    Das ist mir zu feuilletonistisch. „Feuer“ tritt vergleichsweise selten als Explosion auf, und auch technisch bevorzugt man banalere Verbrennungsprozesse, schon wegen des Verschleißes, der besseren Steuerbarkeit usw.. Als die Züge noch mit Dampf fuhren, mussten zunächst deren Kessel eine halbe Stunde oder eine Stunde vorgeheizt werden, erst dann konnte man losfahren. Ein solches Energieträger-Verbrauchsprofil passt natürlich nicht zur heutigen automobilbeförderten Mikro-Mobilität. wo viele kleine Strecken gefahren werden, aber zu unvorhersehbarem Zeitpunkt. Im Explosionsmotor erzeugt man deshalb gewissermaßen nur häppchenweise das heißere der beiden Wärmereservoire, die zum Funktionsprinzip aller Wärmekraftmaschinen gehören. Schließlich spielen Explosionen bei der technischen Kernenergienutzung überhaupt keine Rolle. Die Zerfallsprozesse finden auf atomarer Ebene statt, so dass hierbei also der etwas spezifisch Makroskopisches bezeichnende Ausdruck Explosion sicher nicht passt. Das davon beheizte Medium übergibt seine Wärme in einem Wärmetauscher auf ein zweites, das dann in einem Dampferzeuger verdampft, der Dampf wiederum treibt eine Turbine; nirgends Explosionen! Selbst wenn auch nur als nloßes Funktionsprinzip hat der Explosionsmotor keinerlei irgendwie leitende Rolle bei der technischen Entwicklung der Kernenergie gehabt.

    Kann es sein, dass Sie nur die erwünschte Konnotation des Gefährlichen beim Wort Explosion auf die Moderne übertragen wollten?

    Ihre Skepsis gegenüber der stillschweigenden Heilserwartung an den gesellschaftlichen Fortschritt teile ich völlig; der technische dagegen macht mir per se keine Angst. Selbst dass kluge Menschen so etwas wie eine Atombombe erfinden konnten, sollte man eher auf dem Konto Stolz auf die Menschheit verbuchen. Dass diese damit dem ersten besten Trottel, der auf der politischen Leiter aufsteigen konnte, den berühmten Knopf gegeben haben, das ist das wirkliche Problem.

    Auf ihre gefährlichsten Pfade begibt sich eine moderne Massengesellschaft gewöhnlich aus individueller Bequemlichkeit, der gegenüber die Sicherheit sehr gerne geopfert wird. Es gibt keinen Zwang der Technik selbst. Die Mütter heute, die schon bange werden, wenn der Sprössling sich auch nur seit einer Stunde nicht per Handy gemeldet hat, müssen es sich selber zuschreiben lassen, dass sie so hysterisiert sind. Wenn die Erfindung und Verfügbarmachung der Pille einen demographischen Einbruch bringt, so zeigt das nur, dass vorher sehr viel öfter unbedacht gezeugt wurde und die Elaborate dieser Übermächtigungen nun der Gesellschaft fehlen. Die wahren Problemquellen sind die Menschen selbst und die dank ihrer geistigen Unzulänglichkeit mögliche Emergenz noch der verrücktesten Moden, bei denen sich gewöhnlich die Befallenen keinerlei Gefahr bewusst sind, eher im Gegenteil, denn „das machen doch alle so“, was die Zuversicht der meisten noch vergrößert. Die von „der Norm genügend“ zu „gewöhnlich, meistens“ abgerutschte Hauptbedeutung etwa des Wortes normal zeigt den üblichen Gleitpfad der Kollektivrodler sehr gut.

    Angesichts der Unverbesserlichkeit der Menschen bleibt einem immerhin die nüchterne Geschichtsbetrachtung: Schauen, wie die Leichen der eigenen Feinde und Freunde vorbeitreiben.

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    • Das „Feuer“ steht jetzt in Anführungszeichen, dank Ihrer Kritik. Man kann sich doch immer gegen berechtigte Kritik mit dem Wort „symbolisch“ wehren – von diesem Recht mache ich hiermit Gebrauch!

      Hiroshima, Nagasaki und Fukushima – um nur ein bißchen mit meinem Japanisch zu prahlen – sollten zur Genüge die Explosivität der Atomenergie aufgezeigt haben. Übrigens auch im kommunikativen, philosophischen Bereich, denn seit die Menschheit sich nicht nur langsam sondern auch in der Explosion auslöschen kann, hat sich das Gespräch zwischen den Menschen neu organisiert. Sloterdijk sprach mal von Bomben-Meditation: Die Bombe als „der wirkliche Buddha des Westens“ und der „einzige Buddha, den auch die westliche Kultur versteht“ (Kritik der zynischen Vernunft I, 256ff.)
      „Heller als tausend Sonnen“ – das war mal ein Bestseller und der Verfasser ein Star – heute schon wieder vergessen, was beweist, daß „Zukunftsforschung“ kein Zweig mit Zukunft ist.

      Als ein Synonym für Explosion könnte man „Ekstase“ – das Außersichgeraten oder „Existenz“ versuchen.

      Mir ist, als hätten Sie in früheren Beiträgen die menschliche Entscheidungsfreiheit nicht so hoch geschätzt, wie Sie das hier tun. Tatsächlich glaube ich, daß „Technik“ eine innere Handlungs-Logik hat (bei Einführung oft nicht absehbar), die letztlich auch realisiert wird. Es entstehen Zwänge und man muß schon ein Buddha sein, ihnen zu widerstehen. (Das wird in der Waffen-Diskussion leider meist ausgeblendet)

      Z.B. Handy. In Genua war ich vor 15 Jahren schon Zeuge eines Dauergespräches. Ein junger Mann stand auf dem Perron und rief seine Frau an, daß er auf dem Perron steht. Der Zug wurde mit Verspätung gemeldet und er informierte seine Frau darüber. Dann fuhr er ein und er rief an, fuhr los, fuhr, hielt … fuhr ein, kam an – alles eine Meldung wert. Vorbei an Nietzsches Portofino und Rapallo – ohne Meldung. In Chiavari stieg er aus und wurde von seiner Frau empfangen. Eigentlich hätte er sie auch dann noch mal anrufen müssen um ihr zu sagen, daß sie da ist (was man in Italien ziemlich häufig sieht: umschlungene Paare in reger Diskussion mit anderen via telefonino.)

      Kurz: Wenn alles zur Meldung wird und zur Möglichkeit, dann ist die Nicht-Meldung auch eine Meldung und zwingt daher zur Meldung – oder zur Imagination der Katastrophe.

      Der Otto-Motor ist mehrfach katastrophal. Er treibt das Gesamtgebilde an – ohne ihn hätte es auch kein Atomkraftwerk gegeben. Er verbraucht Ressourcen, die die „Natur“ in sehr langen Zeiträumen aus den Zyklen ausgeklammert und gespeichert hat und bringt damit das momentane „Gleichgewicht“ durcheinander (damit hatte die Dampfmaschine schon begonnen und eigentlich schon der Schmied) und er hat – wie Sie sagen – unser Zeit- und Raumgefühl irreparabel geschädigt und unsere innere Verfassung auf Plötzlichkeit umgestellt. In dieser letzten Hinsicht wäre er schon problematisch, selbst wenn er als perpetuum mobile funktionieren könnte.

      (Apropos Schmied: in älteren Kulturen galt der Schmied oft als unheimlich und lebte am Rand der Gemeinschaft – erhellendes dazu bei Mircea Eliade: „Schmiede und Alchimisten“. Die damaligen Menschen ahnten noch etwas vom Unheimlichen, was in der Schmiede vor sich ging: das Umformen des Harten und Unbeugsamen in der Glut)

      Ich denke, Stanley Kubrick (bzw. Arthur C. Clark) hat das vollkommen richtig erfaßt in seiner Anfangsszene, deren Abschluß – das lautlos durch den ewigen Raum gleitende Raumschiff – man mitdenken muß. Nur daß der letzte Astronaut den entscheidenden Draht durchschneidet, war zu positiv gedacht und ein Tribut an Hollywood.

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      • Pérégrinateur schreibt:

        Die Rationalität gerade bei den kollektiven Entscheidungen (die man deshalb vielleicht besser Prozesse nennen sollte) fehlt doch sehr häufig, insofern und nur insofern gestehe ich Ihnen einen „technischen“ Handlungszwang zu. In Wirklichkeit ist es jedoch immer ein sozialer Handlungszwang, ähnlich wie vor Jahren etwa bei dieser Nasenberingungsmode. Machbar wäre die Operation schon viel früher gewesen, davor gab es also keine „technischen Durchbrüche“, die nun „erstmals einen schon lange gehegten Traum der Menschheit möglich gemacht“ hätten oder so ähnlich …

        Ich bitte zu verzeihen, dass ich gerne individuell zurechne, was realiter oft nur unüberlegte Folge der Herdenmentalität ist. Der Spannung zwischen einerseits dieser Verantwortlichkeitsanmutung und andererseits meinem Unglauben an die menschliche Willensfreiheit bin ich mir durchaus bewusst. Man könnte das vielleicht als Argumentation auf sehr verschiedener Ebene rechtfertigen – oder mir recht banal zugestehen, dass das Kopfschütteln über manche menschliche Angelegenheit eben seinerseits auch nur ein reflexhaftes Verhalten ist.

        ――――――――

        Dass ohne Ottomotor keine Kernkraftwerke gebaut worden wären, halte ich für zweifelhaft. In den etwas weniger modernen Zeiten zuvor legte man für Transportzwecke etwa an Großbaustellen eben zeitweilig eine Feldbahn an, man nutzte also den etwas weniger bequemen, aber durchaus auch tauglichen Dampf.

        Die frühen Schmiede, die in holzkohlebetriebener Esse aus ebenfalls holzkohlebefeuerten Rennöfen bezogenes Eisen wiederverarbeitet haben, nutzten noch nicht den unterirdischen Wald. Dazu ist auch der andere Rohstoff Eisenerz in der Erdkruste nun nicht gerade selten. (In komparativ lukrativer Konzentration dann natürlich immer.) Doch unter tropischen Bedingungen entstehen durch einen recht schnellen natürlichen geologischen Prozess (Silikatauswaschung) Lateritböden, die schon einmal merklich aufkonzentriertes Eisenerz bieten. Die Bantu-Schmiede haben also noch keinen Rückgriff auf sich verbrauchende Ressourcen nehmen müssen. Das Aasen mit dem Wald kam eher durch die Brandrodung zuwege, oder später in unseren Gegenden durch die Glashüttenwirtschaft, in einigen Bergwerksgegenden auch durch den Bedarf nach Stempeln für den Bergbau, Feuerholz für die Verhüttung; vielleicht auch wegen der Gewinnung des Fließmittels Pottasche nun wieder für das Waldglas. (Pottasch könnte aber möglicherweise auch durchaus ausreichend als Nebenprodukt der anderen Nutzungen angefallen sein.)

        Seidwalk: Vielen Dank! Sie zwingen mich auf jeden Fall immer wieder, genauer hinzuschauen, exakter zu beschreiben, bessere Beispiele zu suchen …

        Über diese Prozesse kann man übrigens auch bei Hamsun und bei Kirk sehr viel lernen. Fortsetzung folgt …

        Ich muß jetzt derailen, bitte das zu entschuldigen: Lese gerade, daß Heiko Maas für Deutschlands Anknüpfungsfähigkeit nach außen zuständig werden soll. Da geht es ja auch um Vernunft. Die hätte man der SPD (und CDU) mit der Entscheidung die telegene und menschlich piepsende Giffey zur Familienministerin zu machen ja fast zugestanden, aber jetzt ist der Beweis da: sie haben keine Ahnung. Das verbrauchteste aller Gesichter an die Außenfront … das muß das Ende der Partei besiegeln.

        Von meiner Seite: reflexhaftes Kopfschütteln

        Pérégrinateur: Ich gönne es Ihnen – einige der angenehmsten Gefühlszustände im Leben kommen in Begleitung solcher reflexhafter Automatismen. Die Nominierung ist seitens seiner Partei wohl auch ein Dankbarkeitserweis für den Bau der Großen Meinungs-Talsperre, unter der man nun friedlich weiterschlafen zu können meint, zumal er doch selbst nur ein Männlein ist; denn Quotendämchen hätte es doch sicher ausreichend viele in der Partei gegeben, um sogar alle Staaten in der UNO mit einer aus Deutschland stammenden Außenministerin zu versehen. Dahin muss man aber schon noch irgendwann mal kommen, sonst läuft weiterhin alles so entsetzlich falsch auf der Welt.

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