Huhn oder Ei

Islam und Islamismus zu verstehen, gehört zu unseren dringendsten Aufgaben. Dazu gehört es, auf relevante Stimmen zu hören. In der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ erschien ein Artikel über und ein Interview mit Abdelkader Sadouni, einflußreicher Imam in Nizza, der Stadt des Terrors. Beides kann sehr gut dazu dienen, der Aufgabe ein klein wenig besser gerecht zu werden. (leicht gekürzt)

NizzaDer Imam von Nizza: “Die laizistische Verfaßtheit Frankreichs ist für die Attentate verantwortlich.“  

Abdelkader Sadouni, sunnitischer Prediger im Stadtzentrum: “Die Attentate sind alleinige Schuld der Franzosen.“

© Luca Steinmann/Il Giornale – 19/07/2016

Die Avenue Jean-Mèdecin, die Magistrale Nizzas, die vom Bahnhof bis zur Promenade des Anglais reicht, ist stark bevölkert. Sie wird von handtuch- und sonnenschirmbewaffneten Touristen überquert, die zum Strand gehen. Viele Einwohner Nizzas nutzen sie, um auf der Suche nach Schnäppchen von Geschäft zu Geschäft zu bummeln.

Die Bars und Restaurants sind voll und nichts läßt ahnen, daß sich die Stadt in diesem Moment im Ausnahmezustand befindet. Vor der Basilika Notre Dame treffen sich verschiedene Touristen, die die gotische Fassade photographieren.

Hinter der Kirche, genau gegenüber, wurde inmitten des historischen Zentrums eine Moschee errichtet. Im Laufe der letzten 20 Jahre hat sich das Viertel zu einem islamischen Stadtteil entwickelt. Die Straßen werden ununterbrochen von Männern mit langen Bärten überquert, die Sandalen tragen und lange weiße Tuniken. Alle Lebensmittelläden verkaufen Halal-Produkte, die alten Weinboutiquen wurden in Islamzentren oder koranische Bibliotheken verwandelt. An der Seite der Moschee ist der Fußweg mit Modepuppen zugestellt, die lange weite Gewänder, typisch für die islamische Welt, für Frauen und Männer zu Schau stellen. Dahinter erblickt man ein Geschäft, in dessen Schaufenster neben Kinderbüchern mit Titeln wie „Warum Allah gut ist“, verschiedene Koranausgaben ausliegen.

Dieses Geschäft gehört Abdelkader Sadouni, einem malakitischen sunnitischen Imam mit algerischen Wurzeln, der nun schon seit einigen Jahren das Gesetz Allahs in Frankreich predigt. Immer wieder treten verschiedene Gruppen von Gläubigen ein, um irgendein Produkt zu erwerben, streng islamisch, oder um Rat einzuholen. Es sind Tage, in denen die muslimische Gemeinschaft Nizzas unter großem Druck steht und viele fragen den Imam, wie sie sich verhalten sollen. Der antwortet, man solle sich ruhig verhalten und das Wort Mohammeds weiterhin verbreiten. „Wir tragen für das, was passiert ist, keine Verantwortung – schuldig sind andere“, sagt er.

Abdelkader Sadouni ist einer der am meisten gehörten Prediger Nizzas. Seine Popularität verdankt er seinen Predigten in der Moschee, seinem Geschäft im Zentrum des Viertels, aber auch einer privilegierten Beziehung zu Christian Estrosi, dem ehemaligen Bürgermeister und dem heutigen Regionalpräsidenten. In diesen Tagen wird Estrosi für seine zweideutigen Kontakte mit radikalen Muslimen angegriffen, für Sadouni sind das allerdings nur fruchtlose Polemiken.

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Nizza ist die Hauptstadt der europäischen foreign fighters. Mehr als 100 junge Männer der islamischen Kommune sind nach Syrien gereist. Sie sind einer der bedeutendsten Anlaufpunkte dieser Gemeinschaft. Wie erklären Sie das Phänomen?

In den letzten Jahren waren wir regelmäßig Zeuge der Ausreise nach Syrien vieler junger Muslime aus Nizza, die oft sogar Frauen und Kinder mitnehmen. In den meisten Fällen handelt es sich um Personen, die alle Annehmlichkeiten der französischen Staatsbürgerschaft genießen und trotzdem entscheiden sie sich, die Côte d’Azur zu verlassen, um an einem bewaffneten Konflikt teilzunehmen, und das Risiko einzugehen, das eigene Leben und das der Familien aufs Spiel zu setzen. Das beweist das Versagen der französischen Politik im Hinblick auf den Islam. Die Diskriminierung der französischen Muslime, die islamophoben Attacken und das Verbot, die religiösen Symbole öffentlich zu nutzen, sind die Motive, die jene Jugendlichen dazu treibt, sich nicht als Teil der Gemeinschaft zu empfinden und sich zu entscheiden, sich mit jenen zusammenzuschließen, die sie als Ihresgleichen wahrnehmen. Meiner Meinung nach ist die Situation der Muslime in Frankreich der ausschlaggebende Faktor, der diese Leute in den Kampf treibt. Solange es nur so wenige Moscheen gibt, solange deren Konstruktion Proteste erregt, solange Muslime diskriminiert werden, so lange wird es diese Reaktionen geben. Zwar sicherlich falsche Reaktionen, aber eben reale und in deren Anbetracht muß man jene Phänomene ausrotten, die diese hervorbringen.

Sie klagen also das französische System an, für die Explosion des bewaffneten Djihadismus verantwortlich zu sein? Meinen Sie nicht, daß es auch interne Verantwortlichkeiten der muslimischen Kommune gibt?

Das Problem der muslimischen Kommune ist, daß sie keinen Platz im Inneren der französischen Gesellschaft findet. Frankreich ist ein laizistisches Land, das sich der Förderung der Religion und ihrer Manifestationen widersetzt. Indem sie das tut, treibt sie den Islam in einen Winkel, die Muslime werden diskriminiert und attackiert, nur weil sie ihren eigenen Glauben leben wollen. Das Problem ist nicht die muslimische Gemeinschaft, sondern die mangelnde Bereitschaft, ihr mehr Raum zu geben.

Die Laizität ist allerdings das Fundament der französischen Republik und der Werte, die die Revolution und die Aufklärung bejaht haben …

Die Laizität wäre ein richtiges Prinzip, wenn sie die Freiheit des Kultes für alle garantierte. Das geschieht gerade nicht. Die heutige Laizität ist ein Extremismus, der dazu tendiert, alle Religionen auszumerzen. Die Christen haben sich daran gewöhnt, die Muslime machen das nicht, weil es eine Ungerechtigkeit wäre. Wenn die Laizität weiterhin so angewandt wird wie heute, wird der Wunsch, sich unter Muslimen, die nach Syrien gehen, zu vereinen, in vielen Jugendlichen sehr stark erhalten bleiben.

Sie verstehen also die Gründe derjenigen, die in den Djihad ziehen?

Ja, ich verstehe sie, aber ich rechtfertige sie nicht. ISIS repräsentiert eine starke und gewalttätige Identität, die deshalb viele junge Menschen anzieht. Menschen, die sich nicht als Teil Europas verstehen, sind weniger durch ihre eigenen Anfänge als durch die eigenen religiösen Wurzeln angezogen.

Sie sind ein sehr bekannter Imam in Nizza und Sie werden sicherlich von vielen jungen Leuten angesprochen, die Ihnen den Willen, zu ISIS zu gehen, deutlich machen. Was sagen Sie denen?

Ich sage, daß ISIS nicht der Islam ist und daß die Unterstützung, die sie ihm geben, nicht gerechtfertigt ist. Ich lade sie ein, mir in die Moschee zu folgen, wo sie die Botschaft des Propheten wirklich verstehen können und sich nicht in falsche Interpretationen des Korans verstricken, die sie oft im Internet aufschnappen.

Die Daten der Gendarmerie zeigen jedoch, daß fast die Gesamtheit derjenigen, die abgereist sind, sich in der Moschee radikalisiert haben, oft durch Predigten radikaler Imame. Wenn Sie ISIS bekämpfen wollen, müßten Sie doch versuchen zu verhindern, daß sich bestimmte Arten von Botschaften in den Kultorten übermittelt werden.

Ich stimme zu. Wir müssen verhindern, daß bestimmte falsche Interpretationen sich verbreiten. In Nizza gibt es viele verschiedene Gruppen von Muslimen, wie die Salafisten und die Muslimbrüder, zu denen ich nicht gehöre. Man muß darauf aufmerksam machen, denn die Gesetze des Islam finden in den Moscheen wie in der Gesellschaft Platz ohne den Terrorismus berühren zu müssen. Der erreicht nichts anderes, als die Attacken, die wir Muslime ohnehin schon erfahren, zu vermehren.

Sie sagen, daß nicht alle Muslime gleich sind und daß ISIS ein Feind ist. Denken Sie also, daß es notwendig sei, jene muslimischen Kräfte zu unterstützen – wie etwa das Syrien Assads – die gegen die Terroristen kämpfen?

Nein, das denke ich nicht. Ich denke, daß es hingegen notwendig ist, die Finanzen der Terroristen zu treffen. Mittlerweile wissen wir doch alle, daß Katar und Saudi-Arabien ISIS finanziert haben – man müßte verhindern, daß die Finanzierungen und Nachschübe die Krieger erreichen. Wie man auch die Finanzierung anderer terroristischer Gruppen abschneiden müßte, die den Terror im Nahen Osten im Kampf gegen ISIS verbreiten. Man müßte zum Beispiel versuchen zu verhindern, daß der Iran weiterhin die Hisbollah finanziert, die ihrerseits eine terroristische Vereinigung ist.

Sie verurteilen die Konstitution und die französischen Gesetze. Mit welchen anderen Gesetzen wollen sie das ersetzen? Mit denen des Korans?

Die Scharia ist Gottes Gesetz, nicht das Gesetz des Staates. Ich identifiziere mich mit der französischen Nation und ich möchte, daß diese Gesetze förderte, die es den Gläubigen gestatten, im öffentlichen und privaten Leben das göttliche Gesetz zu leben.

Quelle:
Il Giornale: L’imam di Nizza: „La laicità francese è responsabile per gli attentati“, 19.7.2016

 

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2 Gedanken zu “Huhn oder Ei

  1. Mir kommt es so vor, als hielte man einem beliebigen Diktator oder Heeführer der Weltgeschichte das Mikrophon unter die Nase und fragte ihn aufrichtig interessiert: „Werter Herr, sie möchten also unser Land einnehmen. Wissen Sie nicht, daß hier andere Menschen leben, die andere Gesetze haben, und zu den Gesetzen gehört es, daß man andere Länder nicht überfällt, Ist Ihnen das nicht bewußt, wenn sie uns den Krieg erklären?“

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  2. Pérégrinateur schreibt:

    Was sich – erst einmal zumindest – der Imam wünscht, ist so etwas wie das deutsche staatskirchliche Modell. Auf allen Podien sitzen einträchtig zusammen mit den Politikern die Vertreter von Teilgemeinschaften, den « pouvoir constituant » sollen die Pfaffenhäuptlinge bilden, die konsequenterweise dann auch als Vertreter der „gesellschaftlich relevanten Gruppen“ die Aufsichtsratsgremien der öffentlich-rechtlichen Anstalten (bei dem Wort denke ich immer an Karl Kraus) besetzen usw., ganz auf die pfälzische Art kennt man einander und hilft man einander:

    Der Minister nimmt dem Bischof am Arm:
    „Halt du sie dumm, ich halt sie arm!“

    (Reinhard Mey)

    Alle Bürger werden selbstredend verpflichtet, Respekt noch vor den absonderlichsten Überzeugungen zu bekunden, damit ja niemand verletzt wird (in die eine Richtung metaphorisch, in die andere real), und alle Bürger werden fromm gemacht: „Wenn er hier duckt, so folgt er uns in allem anderen auch.“

    Nach dem Marx-Zitat aus der Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie jüngst („Opium des Volkes“), wäre nun vielleicht ein Goethe-Zitat passend, der Prometheus, wenn möglich mit einem Link auf die Wielandsche Übersetzung des Überwiesenen Jupiters von Lukian, um der allgemeinen Bildung wenigstens wieder auf die Höhe des 18. Jahrhunderts zu verhelfen?

    Zu „Huhn und Ei“: die Metapher ist obsolet, insofern das Huhn von anderen Vogelarten abstammt und damit letztlich von Dinosauriern, die nämlich auch schon Eier legten. Es gab also auch Fortschritte seit dem 18. Jahrhundert. Passender wäre wohl ohnehin die Frage gewesen, ob man mit Benzin oder mit Wasser löschen wolle.

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