Die Fliege im Glas

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ (Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen)

Auf die Gefahr hin, meine Leser zu langweilen – ein Wunder muß noch sein. Nicht etwa, um meinen muslimischen Freund Hussain, der mir ans Herz gewachsen ist, lächerlich zu machen, sondern um den erbärmlichen Zustand des Argumentationsniveaus aufzuzeigen, in dem sich ein Teil der muslimischen Gedankenwelt bewegt. Und Hussain ist der mit Abstand intelligenteste und kritischste Kopf, den ich aus diesem Universum kenne.

Trotz vieler intensiver Diskussionen ist es ihm noch nicht gelungen, den Gedanken der Falsifikation zu fassen. Daher lasse ich ihn Karl Popper auswendig lernen: „Die Wahrheit können wir nicht beweisen. Aber wir können die Unwahrheit beweisen und uns so der Wahrheit nähern.“ Stattdessen konfrontiert Hussain mich immer wieder mit neuen „Beweisen“ der Wahrheit, die da heißt und unantastbar ist: Mohammed ist der letzte Prophet; der Koran ist das Wort Gottes; der Koran ist vollkommen, unerschaffen und unveränderlich; der Koran und die Hadithe enthalten alles Wissen der Welt aller Zeiten etc.

Um dies zu beweisen, werden Wunder und „wissenschaftliche Erkenntnisse“ bemüht. Letztere sind erstere, wenn Mohammed sie vor 1400 Jahren vorausgesagt hatte. Umgekehrt bringt es die Muslime in die Bringpflicht, die Aussagen Mohammeds wissenschaftlich zu beweisen, insbesondere dann, wenn sie unsinnig erscheinen. Wie der Fall der Fliege …

Nun hat Mohammed laut Bukhari, dem authentischsten aller Hadithe, gesagt: „Wenn eine Fliege in eines eurer Getränke (Gefäße) fällt, dann taucht sie ganz hinein (in den Trank) und dann werft sie weg, denn in einem Flügel ist eine Krankheit und im anderen ist Heilung für die Krankheit.“

Das bedeutet, so wird mit erklärt: Sollte die Fliege nur zur Hälfte ins Glas getaucht sein, so solle man sie gänzlich eintauchen, um sich auch der heilenden Wirkung zu vergewissern. Nun hätte man Mohammed einen klugen Beobachter nennen können, hätte er etwa davor gewarnt, das Glas, in welches eine Fliege gefallen ist, zu leeren und nicht zu trinken, wenn er also erkannt hätte, daß Fliegen Krankheitsüberträger sein können. Die vorliegende Aussage jedenfalls entbehrt aller Logik und beleidigt den gesunden Menschenverstand.

Anstatt sie wenigstens zu verschweigen oder ihre Authentizität anzuzweifeln, fühlt man sich in der muslimischen Welt des 21. Jahrhunderts aber herausgefordert, sie wissenschaftlich zu beweisen und beweisbar muß sie sein, da Mohammed der letzte Prophet ist und seine Worte alles Wissen aller Zeiten enthalten …

Und sobald jemand den „Beweis“ erbracht hat, kann man darauf warten, daß die verunsicherten Gläubigen sich auf diesen Strohhalm im Meer des Nonsens stürzen und das Internet sorgt für die rasende Verbreitung.

Ein Dr. Jamaal Hamid von der Qassim Universität in Saudi-Arabien – an der man weder Gender Studies noch Philosophie, dafür aber Scharia und Religiöse Prinzipien studieren kann –, stellte sich dafür zur Verfügung, legte einen Tropfen Wasser, in dem eine Fliege schwamm, und einen, in welchem sie gänzlich untergetaucht wurde, in eine Petrischale. Genaugenommen wurde das „Experiment“ mit zwei Fliegen und zwei Erregern durchgeführt. Und siehe da: Ist die Fliege nicht untergetaucht worden, entwickeln sich krankheitserregende Bakterienkulturen, wurde sie dagegen untergetaucht, bildeten sich antibiotische Kulturen. Das Wunder ist bestätigt, Mohammed hatte recht, ergo gibt es Gott und Offenbarung und Prophetentum …

Ein „Paper“ wird veröffentlicht, das schnell die Runde macht und nun nicht mehr aufrufbar ist. Weder gab es Kontrollversuche, Diskussionen und Interpretationen, Versuchsprotokolle noch wurde wissenschaftliche Literatur konsultiert und wie es ausschaut, fand das „Experiment“ vielleicht noch nicht mal in steriler Atmosphäre statt.

Hussain findet in der Tiefe des Netzes ein weiteres „Paper“ eines Mohammed Atta (sic!), in dem ein vergleichbarer Versuch mit vier Fliegen unternommen wurde und zu sensationellen Ergebnissen führte (im Original-Duktus): „… it should be concluded that the right wing of fly is considered as new revolution of antibiotic, for this reason it is recommended to do further researches to extract a lot of antibiotics from the right fly wings.“ Das eigentliche Ziel des „Experiments“ verrät sich dagegen in einer anderen Aussage dieses „wissenschaftlichen Papers“: „But no one have the right to disclaim the authenticity of the hadeeth.“

Hat man diese revolutionäre Entdeckung in Saudi-Arabien nun genutzt, neue Antibiotika zu entwickeln? Und warum essen Muslime nicht Fliegenflügel, wenn sie krank sind? … Auf derartige Fragen gibt es keine Antworten – aber Mohammed hat noch immer recht.

Der amerikanische Biologe Paul Zacharias Myers, der sich gern mit wissenschaftlichen Islamisten anlegt, bringt es auf einen Nenner: Islamic science has come to this pitiful end.

„I strongly urge anyone visiting Saudi Arabia to avoid getting sick. They might try to treat you by swishing a fly around in your coffee.” Man könnte darüber lachen, wenn es nicht unsere unmittelbare Gegenwart und Zukunft wäre.

siehe auch: WikiIslam: Diseases and Cures in the Wings of Houseflies

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3 Gedanken zu “Die Fliege im Glas

  1. Ich hatte in einem Ethik-Einführungsseminar in den 90ern eine Chinesin, die mir ein flammendes Lob des Individualismus als Abschlußarbeit hinlegte. Ich, damals noch flammende Individualistin, inzwischen gedimmtere, sah sofort, daß das Speichelleckerei der unindividualistischsten Sorte war. Ich gab ihr die Arbeit zurück und fragte, was sie WIRKLICH denke, denn hierzulande sei es üblich, in philosophischen Hausarbeiten dies kundzutun und genau DAFÜR gelobt zu werden Sie verstand meine Frage nicht.
    „What is universalism to the west ist imperialism to the rest“ (Samuel Huntington) – auch in puncto Fliegen, Nathan und Individualismus?
    Ich finde diese Frage sehr schwierig zu beantworten, habe eine Tendenz in Richtung: westliche Werte (auch wissenschaftliche, ästhetische, politische) sind ihrerseits Partikularismen und keine universellen Normen, und müssen genau DARUM verteidigt werden!

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  2. Für mich als Deutschpauker am Gymnasium gehörte “Nathan der Weise” von Lessing zu den Standardwerken; vor allem natürlich wegen der Ringparabel, die den Absolutheitsanspruch von Religionen infrage stellt. Dieser “Zweifel” war das erklärte Lernziel, verbunden natürlich mit der daraus folgenden Forderung, Toleranz gegenüber anderen Religionen zu wahren.
    In einem der Kurse war ein Moslem, ein durchschnittlicher Schüler. Im ersten (“handwerklichen”) Teil der “Lernzielkontrolle” war seine Arbeit in Ordnung. Bei der abschließenden Stellungnahme war sein Urteil knallhart: Es gibt nur den Islam und damit basta.
    Was macht man? Gibt man ihm eine 5 ,weil er das zentrale Lernziel nicht erreicht hat? Ich war zu feige es zu tun, vielleicht auch, weil ich mir endlose Scherereien mit der Landesschulbehörde ersparen wollte, von allen möglichen anderen Anfeindungen einmal abgesehen.
    Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir das permanente Zurückweichen nicht irgendwann bitter bereuen werden.

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    • Pérégrinateur schreibt:

      Ich werde und viele andere werden nicht bereuen, weil sie es nicht getan habe, aber viele werden es im Nachhinein sehr bedauern. Vor allem weil unsere Toleranzapostel keinerlei Rückgrat haben und aus dem Misserfolg des vorigen Nachgebens nur folgern werden, dass man noch nicht zuvorkommend, nachgiebig, verständnisvoll, liebevoll genug gegenüber den edlen Wilden war. Sie glauben, alles wird sich schon geben, solange man nur genügend nachgibt; in Wirklichkeit aber werden sie alles nach und nach weggeben, indem sie immer nachgeben. Den Uneigennützigkeits-Exzess zu propagieren hilf vielleicht am meisten der verbreitete Kulpabilismus; damit konstruiert man aus dem ach so unerwarteten Misserfolg der ersten Bußfertigkeitsübung eine neue Schuld, mit der man die nächste rechtfertigt. Ad infinitum.

      Zu ihrem Schüler und seinem Verhalten kann man sich je nachdem verschieden stellen. Wenn er die Argumentationsstränge jeder Partei treffend wiedergegeben hat, am Schluss aber in Kenntnis dessen dennoch auf einem persönlichen Dogmatismus beharrt, dann sollte man das meines Erachtens nicht mit schlechten Zensuren ahnden. Hier ist die Meinung berührt, und die geht den pädagogischen Zensor nichts an. So ein idealer Fall dürfte jedoch sehr selten sein, gewöhnlich ist vielmehr, dass die fremde Argumentation gar nicht aufgefasst werden konnte, weil man im eigenen Dogmatismus eingemauert ist. Dann ist die mangelnde Erfassung der fremden Argumente Beweis einer Lernunfähigkeit oder -verweigerung, gegen deren entsprechende Zensierung wirklich nichts einzuwenden ist.

      In meiner Gymnasialzeit lagen an der Schule immer irgendwelche kulturministeriellen Veröffentlichungen aus, in denen Lernziele auch politisch-ideologischer Art in dieser verquasten Kultusbürokratensprache aufgeführt waren, beispielsweise etwa so: „Der Schüler soll nach der …ten Jahrgangsstufe verstanden haben, dass die Bundesrepublik die Bundeswehr zur Verteidigung braucht.“ Was für eine dreiste Anmaßung, bestimmen zu wollen, zu welchen Schlussfolgerungen der Schüler kommen soll! Ein Stockwerk unter den Räumen der Schulverwaltung, wo so etwas auslag, war die Schulbibliothek, in der Weizsäckers „Kriegsverhütung und Kriegsverhütung“ stand. Daraus konnte man entnehmen, dass nach vierzehn Tagen nur allein konventionellen Krieges von unserem Land nicht mehr viel übriggeblieben wäre. Müsste man daraus nicht schlussfolgern, dass eine Bündnis-„Verteidigung“ nichts anderes als ein nationales Selbstopfer werden würde? Dass man also vielmehr darauf trachten müsste, das eigene Territorium zu sanktuarisieren durch glaubwürdige, und das kann eben nur sein eigenständige und nukleare Abschreckung? Aber das wäre natürlich gegen eine andere der unfraglichen ministeriellen Selbstsicherheiten gegangen, weil die Deutschen nun mal angesichts … nie wieder … Westbindung …bla bla

      Erziehung sollte die Schüler aufklären und zu eigenständigem Urteil befähigen – denn denken wollen müssen die Schüler dann schon noch selber – doch keineswegs weltanschauliche Lernziele vorgeben. So wie Staaten und Gesellschaften nun einmal sind, wird das dann nämlich unvermeidlich eine Erziehung zu Konformismus und Unselbständigkeit.

      Ich hatte in meiner Schulzeit übrigens ein paar Lehrer, die, obwohl selbst meist ganz anderer Meinung, begründeten Widerspruch durchaus zu goutieren wussten. Aus Liberalität oder auch, weil sie der Mucker leid waren, die sich auf den hinteren Bänken möglichst noch bis unter die Tischplatte ducken wollten und allenfalls Witterung danach aufnahmen, was man wohl im Aufsatz, mit welcher Begründung auch immer, vertreten müsste, weil es dem Lehrer persönlich genehm wäre und man so wohl leidlich durchkäme.

      Lessings Nathan enthält einen logischen Zirkel. Dass sich das Anrecht auf den Ring durch eigene Toleranz beweise, unterstellt eine funktionalistische, also aufklärerische Religionsauffassung, nämlich dass die gute Religion die Rechtschaffenheit und Menschenfreundlichkeit ihrer Gläubigen fördern müsse. Hier ist Religion bereits als fromm gemachte Magd der Gesellschaft gedacht und sehr unhistorisch ins Mittelalter der Kreuzzüge zurückprojiziert. Doch es gibt sehr viele wilde und ungebärdige Religionen, die die Gottesverehrung udn blinde Observanz als Selbstzweck sehen und für sich die grenzenlose gesellschaftliche Herrschaft beanspruchen. Man kann sogar befürchten, dass es wie für die Münze auch für Religionen wo etwas wie ein Greshamsches Gesetz geben mag. Gegenkraft entsteht wohl hauptsächlich aus religiös besänftigendem Wohlleben, das man dann nicht mehr willentlich gefährden will. Wenn es aber zu viele Narren gibt, die etwa an brachycerische Koranmedizin glaube, wird das Leid die Religion und die Religion das Leid nähren.

      Man sollte in deutsche Schulklasse heute wohl eher als den Nathan etwas Zeitgemäßeres lesen. Ich schlage „Die goldenen Heiligen“ von Herbert Rosendorfer vor, darin sieht man nämlich zeitgemäßere Formen einer säkularen Religion am Werk. Ein sehr bitteres Buch eines sonst stets sehr humorvoll bleibenden Autors. Wenn es älter sein soll, „A Tale of a Tub“ von Swift, worin man die Anpassungsarbeit unserer Lokalreligionen bewundern kann. Man sollte über Heuchler

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