Die Ausnahme und die Regel

Es ist immer wieder eine Freude mit Hussain, dem 21-jährigen Syrer, zu arbeiten. Und es ist sicher kein Zufall, daß wir zueinander gefunden haben. Er ist der Einzige, der instinktiv sofort begriffen hatte, welche Möglichkeit ihm der Zufall zuspielte, als ich mich im Oktober mit sechs Syrern traf. Schon die Woche darauf stand er als Dolmetscher an meiner Seite, als die neue Erstaufnahme unter chaotischen Bedingungen zum ersten Mal bezogen wurde. Damals wollte er mich als eine Art Ersatzvater haben – ich schlug ihm vor, Freunde zu sein. Diese Rechnung ging auf.

Ich gab ihm ein Versprechen: Wenn du hart an dir arbeitest, alle Termine einhältst, die Hausaufgaben machst, das ständige Gespräch suchst, dann wirst du in einem Jahr so gut Deutsch sprechen, um dich in Deutschland einleben zu können. Den empfohlenen Assimil-Sprachkurs zum Selbststudium hat er zu zwei Dritteln schon durch. Jetzt, acht Monate später, schreibt er perfekte Emails und ins Englische wechseln wir nur noch bei theologischen Diskussionen. Er ist auch der Einzige, von dem ich etwas gelernt habe, das mehr über die blanke Lebensgeschichte hinausgeht.

Im Integrationskurs etwa saß er mit dem Eritreer Adlan zusammen, meinem ersten Schüler, der nun seit zwei Jahren in Deutschland ist und noch immer kaum die Sprache spricht. Hussain wurde gerade in einen neuen Kurs gesteckt, für Fortgeschrittene, weil er die Klasse weit überragt.

Wir machen viel Konversation und Sprachdrill. Die Konjugationen laufen wie geschmiert, auch die kompliziertesten. Zum Beispiel: „Ich hatte den Imam gesprochen, als ich in die Moschee ging, und wußte, daß ich ihn zum letzten Mal gesehen haben werde.“ Ohne einen einzigen Fehler rattert Hussain die drei Zeitformen in einem Satz herunter und über den ketzerischen Inhalt lachen wir beide. Er hat einen guten Humor.

Apropos: Damit keine Unklarheiten entstehen: Alle meine Alumni, Syrer und Eritreer, wissen, daß ich über sie schreibe, befürworten das und Hussain liest nun seit einiger Zeit sogar mit!