Islam in homöopathischen Dosen

In regelmäßigen Abständen beglücken uns die Zeitungen mit Meinungen zur Homöopathie – neun „Das-ist-alles-Humbug“-Artikeln steht vielleicht eine bejahende Studie oder ein Erfahrungsbericht entgegen (Beispiele unten).  Die Hauptargumente sind immer die gleichen: Placebo und „Da ist doch nichts drin“. Die Alltagsrealität sieht anders aus: Millionen Menschen (und Tiere) fühlen sich geheilt.

Wer so argumentiert, stellt nur unter Beweis, daß er von der Homöopathie nicht das Geringste verstanden hat. Allopathie denkt körperphysikalisch, chemisch und vor allem kausal, für die Homöopathie ist die Abwesenheit des Materiellen aber essentiell, es ist die Verabschiedung des chemo-physikalischen Materialismus. Die zugrundeliegende Signaturenlehre – Similia similibus currentur – gehört zu den kultur- und zeitübergreifenden Weisheiten der Menschheit. Sie fragt weniger nach dem Warum als nach dem Wozu, sie heilt den Menschen im „entelechalen Sog“ seiner Individualität, sie erkundet das „Wesens-Werdeziel“. Das sind Begriffe, die Herbert Fritsche, der bedeutendste deutsche Homöopathie-Philosoph entworfen hat und der die Homöopathie in mehreren Anläufen bis zur „Homöopathie Divina“ verallgemeinerte.

Doch die Homöopathie ist im Moment unser kleinstes Problem. Und trotzdem wirft sich die medizinisch-journalistische Fortschrittspartei, die Berufsrationalisten, immer wieder mit Furor auf sie, um sie zu diskreditieren. Dabei stecken die eklatantesten metaphysischen Auswüchse in ganz anderen Büchern und Lehren. Zum Beispiel im Koran und im Islam. Warum wohl hat sich noch niemand der Entzauberer auf dieses dankbare Ziel eingeschossen?

Nehmen wir etwa die Frage der Engel. Daß es sie gibt, belegt der Koran selbst – schönes Zirkelargument – und also ist jeder Muslim, der einer sein will, verpflichtet, daran zu glauben. Auch an die verschiedenen Typen der Engel. Sie sind aus reinem Licht erschaffen, sind frei von menschlichen Bedürfnissen und Eigenschaften, müssen nicht essen noch trinken, mögen aber Knoblauch- und Zwiebelmundgeruch nicht und auch keine Hunde.

Da gibt es Gabriel, den Oberengel mit mehr als 600 Flügeln, der zu Mohammed gesandt wurde und den Koran brachte. Oder Michael, der sich um Regen und Pflanzen kümmert. Oder Israfil, dessen Aufgabe es ist, am jüngsten Tag die Posaune zu blasen – was er in der Zwischenzeit so treibt, wissen wir nicht. Anders bei Azrail, der immer viel zu tun hat, denn er ist der Todesengel und zieht die Seele aus dem Körper. Ganz allein schafft er das nicht, weswegen er „Helferengel“ zur Seite hat. Davon wiederum gibt es zwei Arten: die Engel der Barmherzigkeit und die Engel der Bestrafung.

Ridwan ist so eine Art Gärtner im Paradiesgarten und zugleich Chef der „Dienerengel“. Sie dienen den Paradiesbewohnern, also, wie manche glauben, den Selbstmordattentätern oder aber auch den wahren und gläubigen Muslimen. Nicht weniger als 8000 – manchmal liest man 80000 – solcher Diener sollen jeden einzelnen Paradiesbewohner bedienen – im Hier und Jetzt hätte man schon Probleme, sich überhaupt hundert Bedürfnisse auszudenken: ich komme nur bis 72.

Auch wenn Engel per definitionem weder das Böse kennen noch tun, arbeiten die „Wärterengel der Hölle“ im Dauerdienst, um das Höllenfeuer am Glühen zu halten und darauf zu achten, daß die Verdammten dieser Erde den Flammen nicht entkommen. Ihrer gibt es – jemand hat das exakt gezählt – 19 an der Zahl. Und um es nicht ausufern zu lassen, erwähne ich nur noch die „ehrenwerten Schreiberengel“, die auf Ihren Schultern sitzen, etwas ausführlicher, die jeden Menschen begleiten – also auch Sie, lieber Leser, liebe Leserin – und die guten und bösen Taten in ein Buch einschreiben, das „Buch der Taten“, das Allah am Tag des Jüngsten Gerichts studieren wird, um den Daumen zu heben oder zu senken. Erstes Kapitel dürfte die Frage sein: Hast du diese Phantastereien bzw. Offenbarungen auch alle geglaubt?

Und nicht nur an das: auch an den Mutterleibengel, der das Geschlecht bestimmt, den „Engel der Berge“, der die Berge beaufsichtigt – wozu eigentlich? –, die „umherziehenden Engel“, die die an Mohammed gesandten Segens- und Friedenswünsche der Gläubigen sammeln, die „Engel des Bittgebets“, die „Engel des Aufsteigens“, die „Befragenden Engel“ usw.

Von den Djinn – aus rauchfreiem Feuer geschaffen, darunter Muslime, Christen und Juden, Gläubige und Ungläubige – und Teufeln, die noch komplizierter sind, soll der Ermüdung wegen hier geschwiegen werden.

Nun, das ist Religion, ist Glaube ohne Aber und muß daher geschützt und respektiert und geachtet werden und frei gelebt werden können … Trotzdem, so scheint mir, sollte das Berufsrationalisten beunruhigen, aber um derartiges zu erfahren, muß man schon die islamischen Klassiker lesen und nicht die Presse.

Homöopathen sind in der Regel sehr friedliche Zeitgenossen, sie sind ein dankbares Ziel …

Freiwillige vor!

Quellen:
Herbert Fritsche:
Samuel Hahnemann. Idee und Wirklichkeit der Homöopathie
Der Erstgeborene. Ein Bild des Menschen
Die Erhöhung der Schlange. Mysterium, Menschenbild und Mirakel homöopathischer Heilkunde
Die unbekannten GesundheitenVom therapeutischen Eros
IATROSOPHIA – Metabiologische Heilung und Selbstheilung
Ahmad A. Reidegeld: Handbuch Islam. Die Glaubens- und Rechtslehre der Muslime
Der Koran

Homöopathie als Gegner in: Focus, Welt, Zeit, Süddeutsche, Spiegel. …

Kleiner Trick

Khaled will heiraten. Freimütig erzählt er von seinen Plänen. Aber immer, wenn er von seiner zukünftigen Frau spricht, nutzt er das falsche, das männliche Personalpronomen –  statt „ihr(e)“ sagt er „sein(e)“: seine Schwester, seine Wohnung usw.

Jedes Mal wird berichtigt und doch macht er es wieder falsch. Dann unterbreche ich ihn und sage: „Khaled, jetzt mal ehrlich! Willst du eine Frau oder einen Mann heiraten?“ Er stutzt für einen Moment, scheint die Frage nicht zu verstehen. Hussain lacht und übersetzt.

Dann bricht es auch aus ihm heraus. Schwer zu beschreiben, was da in Millisekunden passiert: Lachen und Überraschung und Erschrecken und Abscheu und Scham zugleich. Noch nie, das scheint deutlich zu werden, ist ihm der Gedanke gekommen, daß ein Mann auch einen Mann lieben könnte, noch nie hat er sich vorgestellt, wie sich das anfühlen oder wie ihn Freunde und Bekannte ansehen würden, und für einen kurzen Moment ist er gezwungen gewesen, diese Identität anzunehmen. Homosexualität ist undenkbar.

„Liebst du eine Frau, dann heißt es ‚ihre Schwester‘ und liebst du einen Mann, dann ist es ‚seine Schwester‘“.

Und plötzlich sitzt es und ich wette: für immer!

Die Pathologie der Normalität

Drei Mal darfst du raten!

Wo, in welchem Land, in welcher Stadt, könnte sich folgende Szene abgespielt haben?

An einem sommerlauen Abend sitzt man auf einer ruhigen Freiterrasse eines Restaurants und ißt und trinkt eine Kleinigkeit und plaudert entspannt. Zwei Frauen, ein Mann.

Am Tisch nebenan ein junger Kerl mit aufgepushten Oberarmen, über und über tätowiert, zusammen mit seiner Freundin. Lange nestelt er an seinem Mobiltelephon herum. Man dreht sich instinktiv zur anderen Seite.

Doch dann plötzlich spricht er dich an, lächelnd,  in perfektem Deutsch mit leichtem Akzent: „Entschuldigen Sie, würde es Sie stören, wenn ich eine Zigarette rauche?“

Plauen? Ganz kalt!

London? Dort gehen solche Typen in den Pub, nicht auf die Terrasse.

Italien? Viel zu laut und hektisch.

Du rätst es nicht: Ungarn!

Eine kleine südungarische Provinzstadt (40 000 Ew.), wo Postpubertäre noch schamlos Hand in Hand mit ihren Eltern gehen, wo Autos auch ohne Zebrastreifen für Fußgänger halten, wo junge Frauen freudig Kinderwagen schieben, wo man Ungarisch, Deutsch, Serbokroatisch, Englisch hört, aber kein einziges Mal Arabisch oder Türkisch, wo es noch fünf große Kirchen gibt, die stolz und laut ihre Glocken erklingen lassen, wo an jeder Ecke ein Denkmal für einen Helden der Geschichte, einen Verteidiger des Landes steht und mit frischen Blumen geschmückt wird, wo Kopftuchfrauen alte Babuschkas sind, die auf dem Markt selbst angebaute Zwiebeln und Erdbeeren verkaufen, wo Menschen den ganzen Sommer, während sie im Urlaub sind, die Hintertür offen lassen, damit die Katze ein und aus kann, wo mehr Europaflaggen wehen als in Brüssel, Luxemburg und Strasbourg zusammen …, dort fragen dich auch junge Ungarn in ausgewähltem Deutsch höflich um Erlaubnis, ob sie im Freien neben dir rauchen dürfen.

Die Zukunft versaut

Die Suche nach „den Schuldigen“ für den Brexit nimmt absurde Formen an. Und gefährliche. Sie zeigen, daß es den Riß durch die europäischen Gesellschaften nicht gibt – es gibt viele Risse.

Brexit ageProminent wird gerade der Generationenkonflikt abgeerntet. Deutsche wie englische Gazetten überbieten sich mit Rentnerbeschimpfungen. „Die haben mir meine Zukunft geklaut“, darf ein larmoyanter Jüngling mit Kopfhörer um den Hals in der „Süddeutschen Zeitung“ gellend klagen, von „ruinierter Jugend“ faselt ein anderer auf „n-tv“, in der „Zeit“ kann man von „Alte-Säcke-Politik“ lesen und den Vogel schießt der Autor auf „Bento“ ab – eine Seite, die der Spiegel verlinkt –, der lauthals und öffentlich bedauern darf, daß „die Stimme einer 90-jährigen genauso zählt, wie die einer 21-jährigen“ und daß 16-jährige gänzlich von der Wahl ausgeschlossen waren. Am liebsten, so scheint es durch, würde man die Silberrücken entmündigen und die Jugenddiktatur einführen. „Trau keinem über 30“ sei, so findet der „Focus“, wieder aktuell.

Mathias Müller von Blumencron von der FAZ, der eigentlich auch schon ins Heim für Altersdemenz gehört – Jahrgang 60, ich bitte Sie! – fordert sogar eine „neue Rebellion“ der Jugend. Das ist ein Mißverständnis in doppelter Hinsicht. Zum einen haben wir gerade die größte Rebellion der Nachkriegsgeschichte erlebt – Millionen Halbzombies, untätowiert, haben entschlossen nach dem Rollator gegriffen, sind zur Wahlurne gewankt und haben die Rebellion gegen die Megamaschine gewählt –, zum anderen haben wir uns eine Jugend herangezogen, die vollkommen rebellionsresistent ist und bis auf weiteres bleiben wird.

All diese Ergüsse sagen viel über unsere Jugend aus. Daß man sich Zukunft, Zusammenhalt und Frieden erkämpfen und erarbeiten muß, ist den Leid-Ungeprüften vollkommen abhanden gekommen. Die Welt ist ein Selbstbedienungsladen und wehe, mein Lieblingsprodukt ist nicht vorrätig … dann kann ich gaaanz böse werden. Man hat qua Geburtsrecht im Hotel „Dasein“ Vollverpflegung gebucht, lebenslang, und wird schnell grantig, wenn der Service den gehobenen Ansprüchen nicht genügt, kümmert sich andererseits aber auch rührend um die hungernden Kinder der Welt.

Da klagt einer, daß er nun nicht mehr in alle 27 Länder reisen könne, was erstens Quatsch ist und zweitens eine Errungenschaft, die ihm jene Generationen erkämpften, die er jetzt gern ins Alterslager schicken möchte. Sie verstehen Heidegger nicht mehr: die Sorge als Existenzial zu fassen, ist ihnen unfaßbar.

Diese Jugend wurde flächendeckend zu verwöhnten Tyrannen erzogen. In einer ganzen Reihe von Büchern hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff das Dilemma aufzuarbeiten versucht, an dem Elterngenerationen genauso mitarbeiten wie Universitäten, Arbeitgeber, Schulen, Kindergärten und staatliche Vorgaben. Geboren aus der vergrünten und versozialdemokratisierten post-68er-Pseudo-Rebellions-Ideologie wurde das Kind mehr und mehr als Gleichberechtigter, ja sogar als Mehrberechtigter gedacht und gepampert. Die grenzenlose Erziehung führt zwangsläufig zur anerzogenen Grenzenlosigkeit, die Erfahrung des Verzichtes, der Mäßigung, der temperantia – jahrtausendlang ein Ideal und eine Tugend in allen Weisheitslehren – ist dieser Jugend weitgehend unbekannt. Entweder ich bekomme, was ich will, oder die Welt ist einfach Scheiße.

Am bedrohlichsten aber ist der hyperkinetische Effekt. Erfahrung ist kein positiver Wert mehr, stattdessen zählen „Innovation“, Neuheit, Mode, Tempo und Veränderung. Diese sind per se aller Erfahrung überlegen und deshalb sind die Alten aus dem Weg zu räumen, sofern sie nicht den hippen Heino geben. Mittlerweile kann man mit 25 Jahren Milliardär sein oder Spitzenpolitiker oder Philosophieprofessor und sollte es sogar, denn mit 30 ist der Zug schon abgefahren, gilt man schon als Trödler und verdächtig. Die immer größere Beschleunigung, die auch technisch unterstützt wird, führt zwangsläufig ins Absurde: bald wird der Enkel der Erzieher des Vaters und des Großvaters sein. Von dort ist der Weg zum kommenden Leid und Krieg nur ein Katzensprung.

Dies zugelassen zu haben, muß man den „Alten“ tatsächlich vorwerfen.

Andererseits ist der Brexit auch ein großartiges pädagogisches Fanal, eine didaktische Lehrstunde, eine wirkliche Erfahrung, sei er ansonsten, was er will.

Lektüreempfehlung:
Michael Winterhoff:
Warum unsere Kinder Tyrannen werden: Oder: Die Abschaffung der Kindheit
Lasst Kinder wieder Kinder sein!: Oder: Die Rückkehr zur Intuition
SOS Kinderseele: Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet – und was wir dagegen tun können
Tyrannen müssen nicht sein: Warum Erziehung allein nicht reicht – Auswege
Persönlichkeiten statt Tyrannen: Oder: Wie junge Menschen in Leben und Beruf ankommen
Konrad Paul Ließmann:
Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft
Geisterstunde: Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift
Lob der Grenze: Kritik der politischen Unterscheidungskraft

Die Angst nach dem Brexit

Oh meine Brüder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fällt, das soll man auch noch stoßen!
Das Alles von Heute – das fällt, das verfällt: wer wollte es halten! Aber ich – ich will es noch stoßen! (Nietzsche: Zarathustra)

Vor wenigen Tagen hatte ich mich aus dem Fenster gelehnt und verkündete: die bewußt geschürte Angst vor dem Ungewissen wird die Briten mehrheitlich für den Verbleib in der EU stimmen lassen. Es ist anders gekommen:  viele Briten haben einen unglaublichen Mut bewiesen! Die Kluft zwischen „dem kleinen Mann“ und der medial-politischen Sphäre wurde unterschätzt, weil erstere keine Stimme in letzterer hatte.

Niemand sollte sich darüber freuen, auch die Wahlgewinner nicht. Es ist wie nach einer gescheiterten Ehe: Es mag Erlösung sein, aber trotzdem gibt es Grund zur Trauer.

Der „Spiegel“ freilich – und mit ihm andere – kommt aus seiner Affekt-Denke nicht heraus und kommentiert die Niederlage erneut als angstgetrieben. Diesmal sind es „die Fremden“, vor denen Angst geschürt worden sei. Dabei ist schon der Eingangssatz fast aller Artikel falsch: Nicht die Briten haben abgestimmt, nicht die Briten wollen den Brexit, sondern nur die Hälfte der Briten und ein paar Zerquetschte. Das ist das systematische Risiko der demokratischen Mehrheitsentscheidung: sie kann ein Volk mitten hindurch zerreißen! Die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Entschlußform wird erneut diskutiert werden müssen. Auch die Gewinner haben heute Nacht verloren und die Verlierer gewonnen.

Was der Brexit letztendlich bedeutet, kann niemand wissen. In einer inflammablen Atmosphäre kann jede Null zu einem Herostratos avancieren.

David Cameron hat sich verzockt. Er war der Meinung, die Stimmung in seinem Lande zu kennen, und er war überzeugt, die Extrawürste, die er sich durch die Eurokratie hat braten lassen, wären genug, um den britischen Völkern das Maul zu stopfen. Dabei hat er die Aversionen unterschätzt, die er dadurch auch unter den Landsleuten auslöste. Spätestens als Boris Johnson – den viele Briten für charismatisch halten, weil er ein Original ist – sein Gegenspieler wurde, war der Brexit reale Möglichkeit geworden. Auch die Briten, zumindest große Teile der Briten, sehnen sich nach einer Führungsfigur, zu der aufzuschauen keine Schande mehr ist. Nicht zufällig veröffentlichte Johnson vor einem Jahr eine Churchill-Biographie.

Vergleichbar der Idee des Kommunismus hat sich die (gut gemeinte) Kopfgeburt einer Europäischen Union als Ende der Nationalstaatlichkeit als Phantasie erwiesen. Sie erlebt nun ihren Mauerfall. Wie dieser wird er Bewahrenswertes hinwegfegen und Unsägliches schaffen, aber auch umgekehrt. Die Lehre aus der jüngeren Geschichte, daß sich objektive Bewegungen nicht subjektiv umbiegen lassen, wurde nicht gezogen – ein weiteres Mal lief man einer utopischen Fata Morgana nach und landet nun in der Wüste. Wird man aus diesem Irrtum lernen? Die Menschheit ist kein lernfähiges Subjekt, nur einzelne Menschen sind es …

Cameron hat nun seinen Rücktritt angekündigt. Johnson dürfte der nächste Premier werden. Wenn es aber stimmt, daß vor allem die Migrationspolitik der EU und Deutschlands, die „Angst vor dem Fremden“ ausschlaggebend war, dann gibt es noch ganz andere Verlierer. Wenn die Briten EU sagen, dann meinen sie oft Deutschland. Die deutsche Bevormundung und Dominanz ist vielen Briten seit Jahr und Tag ein Dorn im Auge, Merkels katastrophale Einwanderungspolitik und das lavierende Durchsetzenwollen der eigenen „Politik“ in der EU  hat nun das Faß überlaufen lassen.

Vielleicht größer noch, existentieller als der Brexit, war die Entscheidung der Kanzlerin, die Grenzen bedingungslos zu öffnen und sei es nur für wenige Wochen. Der Schaden ist angerichtet, die starke Botschaft war gesendet, der Prozeß scheint nun irreversibel. Schweden steht als mahnendes Beispiel vor dem Kollaps und macht die totale Kehrtwende, auch in Deutschland muß man ein leckgeschlagenes Schiff zurückrudern ohne Garantie für das Gelingen. Die Menschen in ganz Europa – zumindest ein großer Teil der Menschen – spüren instinktiv, daß mit der Einwanderungswelle eine Zäsur von globalem Ausmaß geschaffen wurde. Und sie wehren sich dagegen und sei es mit dem Exit.

Cameron, so seltsam es klingen mag, ist nur die Marionette Europas, deren Stricke jetzt durchgeschnitten werden. Wirklich politisch verantwortlich für den Brexit und den Beginn des Endes der Europäischen Union – natürlich ist die Union nicht Europa! – ist auch Angela Merkel. Wenn sie einen Rest an An- und Verstand besitzt, dann zieht sie jetzt die Konsequenz und macht den Weg frei für wirklich neue Kräfte, die den Scherbenhaufen hoffentlich zusammenkehren werden und ein neues, ein realistisches, ein entbürokratisiertes und nicht-zentralistisches Europa, ein weniger aufgeblähtes Europa der Nationalstaaten bauen können, das sich auf gemeinsamer ökonomischer, historisch-kultureller und Wertebasis gründet.Dann wäre der Brexit nicht umsonst gewesen.

Die Zeichen dafür stehen freilich nicht gut. Stattdessen steigern sich europäische und deutsche Spitzenpolitiker in Vergeltungs- und Rachephantasien und diskreditieren auch noch den letzten Rest an Zusammengehörigkeitsgefühl. Eine Ehe, die so endet, war es nie wert, eine gewesen zu sein. Wenn nun Rachegefühle aufkeimen, dann beweist es nur, wie notwendig dieser schmerzhafte Schnitt ist. Er wäre dann so oder so gekommen und je später, desto dramatischer.

Daher sollten wir jetzt auf allen Ebenen den Briten beistehen und ihnen auf diesem schweren Weg helfen.

Das wäre gelebtes Europa! Das wäre europäische Solidarität!

Weiß und Schwarz

Londoner Impressionen

Hampstead Heath im Frühjahr ist eine naturbunte belebende Oase im Großstadttrubel Londons. Der riesige Park im Norden der Stadt ist mehr als eine grüne Lunge, er beherbergt auch unerwartete Schätze. Plötzlich steht man vor einem opulenten Bau im klassizistischen Stil, der wie ein verzaubertes Schloß die Gegend überragt: Kenwood House.

Der Eintritt ist frei, schnell verschluckt den Besucher eine andere Zeit, in die man unmerklich versinken könnte, wenn man das Erlebnis nicht mit hunderten aufgeregten Ausflüglern teilen müßte. Die Architektur ist überwältigend, die grandiose Bibliothek ein Schmuckstück, die Gemäldesammlung exquisit: Rembrandt, Vermeer, Frans Hals, Turner und viele unbekannte Meister. Doch ein Bild sticht hervor. Nicht nur, weil es die einzige Kopie ist, sondern weil es eine bislang ungesehene Szene zeigt. Es wirkt paradiesisch und rebellisch zugleich.

© Wikipedia public domain, zugeschrieben Johann Zoffany

© Wikipedia public domain, zugeschrieben Johann Zoffany

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Das Wasser des Mannes

Der Zweifel nagt an Hussain. War Mohammed wirklich ein Prophet? An dieser Frage hängt alles. Würde sich das Gegenteil erweisen, wie könne er dann noch an die Offenbarung glauben?

Gerade grübelt er über einen Koranvers, Sure 86, Vers 6 bis 8:

„Möge der Mensch denn betrachten, woraus er erschaffen.
Erschaffen war er aus dem sich ergießenden Wasser,
das zwischen den Lenden und den Rippen hervorkommt.“

Eigentlich, so erklärt er, stünde da „back bone“ und nicht „Lenden“ – Übersetzungsfragen. Aber egal, das eigentliche Problem ist ein anderes. Denn was Mohammed hier beschreibt, sei der Zeugungsakt aus männlicher Perspektive und „Wasser“ meint im Arabischen auch „Wasser des Mannes“, Samen, Sperma also. „Nicht Urin?“, frage ich. Nein, Sperma.

Aber was könnte Mohammed damit gemeint haben, wieso sagt er nicht, daß der Samen aus den Hoden stamme? „Vielleicht weil Mohammed ein Mann des Mittelalters war und eben glaubte, was Menschen dieser Zeit glaubten?“, schlage ich vor. Wenn dem so wäre, dann gäbe es aber ein Problem, ein großes Problem! Entweder die Offenbarungen des Erzengels gab es nicht und Mohammed ist uninspirierter Schöpfer des Korans oder aber Gott ist nicht allwissend oder gab Mohammed aus irgendeinem Grunde eine falsche Information.

Er scheut sich, diese Konsequenzen wirklich zu ziehen. „We have to search, we have to search!”

Um es ihm dabei leichter zu machen, gab ich ihm eine Doppelseite Ibn Sina zu lesen – auf Deutsch! Jeder Araber weiß von Ibn Sina, er ist einer der großen Gelehrten gewesen. Aber sie kennen ihn nur als bedeutenden Arzt und Wissenschaftler, daß er ein Philosoph und Denker ersten Ranges war, ist nur den wenigsten bekannt. Und Ibn Sina, oder Avicenna, wie sein latinisierter Name lautet, war ein großer Zweifler! So kann Hussain seinen Durst und seinen Zweifel an einer islamischen Quelle löschen, ohne Sorgen, vom Westen korrumpiert zu werden.

Weimar grüßt Damaskus

Weimarer Impressionen

Die falsche Tür führt ins Glück. Wir wollen die Anna-Amalia-Bibliothek besuchen und landen stattdessen im Studienzentrum. Eine moderne Bibliothek. Man klärt uns über den Irrtum auf, aber die hohen Bücherwände lassen uns um Eintritt bitten, den man gern gewährt.

StudienzentrumEhrfürchtig und leise flüsternd – wie immer wenn man zum ersten Mal eine große Bibliothek betritt – durchschreiten wir den hellen Turm, durchwandeln die ebenfalls mit Bücherregalen ausgestatteten Seitengänge. Das zehnbändige Lexikon des Islam von Khoury fällt mir ins Auge. Ich schaue eines der Wunder nach – Koran 21:31: „Und feste Berge haben Wir in der Erde gemacht, auf daß sie nicht mit ihnen wanke.“ –, wonach Mohammed die Stabilisierungskräfte der Berge beschreibe (wie Hussain mir einreden wollte), aber Khoury, die ernsthafte Islamwissenschaft, will davon nichts wissen. Vielmehr wird auf die Bibel verwiesen. Daneben die „Oxford Encyclopedia of the Islamic world“ in sechs Bänden … auch dort nichts.

Erwartungsvoll steigen wir die Treppen hinauf. Die erste Etage, so wurde am Eingang gesagt, sei der Philosophie gewidmet. Gleich links die Klassiker ab Kant aufwärts. Fichte, Dilthey komplett. Nietzsche Gesamtausgabe im Großoktav. Ich gehe weiter: Nietzsche, Nietzsche, Nietzsche, 30 Meter lang und 3 Meter hoch ein Nietzsche-Buch neben dem anderen. Hier könnte man sein ganzes Leben lang nur über Nietzsche lesen und doch nicht fertig werden.

Die Zeit drängt, ich gehe weiter, lasse Adorno und Horkheimer links liegen, prüfe zum ersten Mal die Nachlaßschriften Wolfgang Harichs (auf die ich große Lust habe!), bestaune die Ludwig-Klages-Gesamtausgabe, stehe andächtig vor den prachtvoll grünen Bänden des kompletten Cassirer. Und gleich darüber, wie passend: Heidegger! Weimar 2016 grüßt Davos 1929.

Die Gesamtausgabe vollzählig, gebunden, alle 100 Bücher. Ich ziehe die „Schwarzen Hefte“ heraus, schlage eine Seite auf und lese eine Notiz aus dem Jahre 1932, in der er angewidert vom „Vulgärnationalsozialismus“ spricht. „Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Die Gefahr ist nicht er selbst – sondern daß er verharmlost wird in eine Predigt des Wahren, Guten und Schönen.“

Nur noch ein flüchtiger Blick auf Sloterdijk, der auch quantitativ Habermas überragt, aber dort sehe ich nichts Neues: da bin ich besser bestückt, und weiter geht der Aufstieg. Welche Fülle, welch ein Reichtum!

Wenigstens Goethe noch, und die Skandinavistik mal schnell überblicken. Aber dazu kommt es nicht. Ich lese mich fest. Schaue die Faksimileausgabe der Divan-Gedichte durch und recherchiere im Computer, mache einen wichtigen Fund … und bemerke plötzlich die fortgeschrittene Zeit. Hamsun und Falkberget müssen warten – ich komme wieder, versprochen.

Am Abend lese ich eine moderne Reisebeschreibung Syriens. Darin über einen Buchbasar in Damaskus: „An den Sockeln haben Buchhändler ihre Auslagen gereiht und gestapelt, überwiegend religiöse Schriften, viele Koranausgaben.“

Die Angst vor dem Brexit

Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.  Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?  Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge?  Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! (Matthäus 7.1ff.)

Nun ist es also so weit: die Briten stimmen über den Brexit ab. Doch der wird nicht kommen – so lautet meine Prognose. Und der wesentliche Grund ist die Angst!

Geht es gegen „rechts“, dann wird die Angstkeule wild geschwungen. Von AfD bis Trump von FPÖ bis Neue Rechte …, alle schürten nur Angst, quirlten demagogische Horrorszenarien und schöpften den Schaum  genüßlich ab.

Dabei gibt es seit Monaten keine größere Angstmaschine als die Berichterstattung über den möglichen Brexit, auf der Insel und in Europa. Politiker und Medien sind sich einig: das Wirtschaftsgefüge könnte kollabieren, die Märkte zusammenbrechen, Arbeitsplätze millionenfach verloren gehen, die Immobilien ihren Wert verlieren, der Euro ins Unermeßliche absacken, andere Länder könnten folgen … Krieg und sogar der Ökokollaps stünden möglicherweise bevor, wenn die Briten für den Ausstieg votierten. Und sollten sie es tun, dann wird man ihnen schön in die Suppe spucken und den Ausstieg so unangenehm wie möglich machen, dann wird die EU sie richtig bestrafen – so viel zur Völkerfreundschaft, so viel zum Europa-Gedanke.

Da kann einem schon mulmig werden. Angst, Angst, Angst. Angst führt auch zu Panikreaktionen.

Und so wird es wohl kommen – das Schottlandreferendum, die Österreich-Wahl, die Regionalwahlen in Frankreich dienen als Blaupause –: am Ende wird die Angst siegen, die Angst vor den an die Medienwände gemalten Menetekeln, die Angst vor dem Ungewissen, vor dem Neuen.

Paradox: Weil die Menschen konservativ sind, werden sie links wählen.

Zumindest knapp zur Hälfte – und das ist das eigentliche Drama: Auch Großbritannien wird mittendurch gespalten sein. Und die Eurokratie wird zur Tagesordnung übergehen, auf daß die Fallhöhe zunehme.

 

Always look on the bright side

Manchmal ist es nur noch lustig.

In Esbjerg, Dänemark, ereignete sich gerade so ein Fall, ein Einzelfall – wenn man so sagen kann. TV2 berichtete. Ein syrischer Flüchtling bekam seine Familienzusammenführung genehmigt. Siebzehn seiner 20 Kinder – die anderen drei waren bereits zu alt – und eine seiner drei Frauen durfte er nach Dänemark überführen. Warum gerade diese, wurde er gefragt? Die hier passe am besten auf die Kinder auf, ihre und die der anderen Frauen und außerdem hätte er in Syrien 92 Frauen (sic!) haben können. In einem kurzen Mitschnitt ist eine junge, strahlende Frau zu sehen, der all der Tumult sichtlich unangenehm ist.

Und was sei mit den anderen? In Syrien sind sie nicht mehr, er höre selten von ihnen.

Seit zwei Jahren weilt Daham Masoud Hasan nun in Dänemark. Gefragt, ob er einen Sprachkurs besuche, verweist er in fließendem Arabisch entschuldigend auf seine Krankheit. Er sei die ganze Zeit in Behandlung gewesen – in Dänemark ist die medizinische Versorgung frei. Der große Sohn serviert derweil den Kaffee.

Was er davon halte, daß der dänische Staat für ihn und seine Kinder bezahle? Viel habe der dänische Staat bisher nicht für ihn getan, antwortet er im Garten einer für ihn frei geräumten Schule – er lebe sehr einfach, das Leben hier sei schwer.

Segregation

Paul Collier, Ökonom aus Oxford und Autor des wichtigen Buches „Warum wir Einwanderung neu regeln müssen“, hatte kürzlich in einem Interview auf eine Banalität hingewiesen, die Integrationsapologeten in ihrem Gleichmachungs-Furor noch immer nicht sehen wollen: die natürliche Segregation.

Wir haben neun Jahre in ebenjenem Oxford, in Großbritannien verbracht, ein Land, das dem unseren in vielerlei Hinsicht sehr ähnelt, zu dem die Differenzen – verglichen mit den meisten Neuankömmlingen im jetzigen Europa – verschwindend gering sind. Wir lebten und wirkten an einer europäischen Einrichtung. In ihr arbeiteten Engländer, Franzosen, Deutsche, Spanier, Italiener, Holländer und Dänen, die Direktorin war Portugiesin, der Vize Luxemburger, auch Belgier, Iren, Russen, Inder, Kongolesen … umkreisten die Institution. Die meisten der Kollegen waren vom europäischen Geist durchglüht. Alle sprachen sehr gut Englisch, viele waren mehrsprachig, einige konnten sich ohne Probleme in vier, fünf, sechs oder sieben Fremdsprachen unterhalten. Die Bedingungen waren optimal. Es gab unzählige interkulturelle Beziehungen, Sympathien, Freundschaften und auch Paare.

Wir selbst hatten und haben noch immer englische, italienische, französische, spanische und dänische Freunde – mit den meisten besteht auch noch Kontakt und mit manchen besucht man sich regelmäßig.

Und trotzdem geschah auch dort, was überall auf der Welt mit der größten Natürlichkeit geschieht: Gleich und gleich gesellt sich gern. Die wirklichen Gesprächspartner entstammen in der Regel dem gleichen Sprach- und Kulturraum. Der beste Seismograph dafür sind in diesem privilegierten Ambiente Pausen und Partys. Das Pausenbrot gab’s oft in der deutschen Ecke. Eine interkulturelle Party ist per se stimmungsgedämpft. Warum? Weil es Menschen aus verschiedenen – und seien sie noch so ähnlich – Sprach- und Kulturkreisen schwer fällt, den anderen wirklich zu lesen. Wenn man drei Mal mit einem deutschen Witz bei Engländern auf Indignation und gequältes Lächeln stößt – oder umgekehrt –, dann wird man keine Witze mehr erzählen, dann wird man steif und dann ist der Zugang zu Seele, Herz und Gedanken des anderen verbaut. Sprache, Mimik, Gestik, Unbewußtes, gleiche Werte und Geschichte, gemeinsame Referenzgrößen, Mentalität … selbst die feinsten Differenzen entscheiden über Attraktionen.

Zusammenhalt und Abtrennung bis in den Tod - italienische Ecke auf dem Highgate Cemetery in London

Zusammenhalt und Abtrennung bis in den Tod – italienische Ecke auf dem Highgate Cemetery in London

Das sind banale und offensichtliche, jedermann zugängliche und selbsterfahrene Psycho-Gesetze der Anziehung und Abstoßung, die selbstredend von anderen Formen der Sympathie/Antipathie überlagert werden. Wer nun eine Utopie einer multikulturellen Vermischung entwirft, ist entweder naiv, unwissend oder handelt vorsätzlich. Die Ausnahme bestätigt die Regel – natürlich wird es Vorzeigekombinationen geben, aber im Gros werden die Syrer und Eritreer und Afghanen und Somalier … nicht anders handeln, als es Deutsche, Dänen und Franzosen tun: Segregation. Sie werden wie Magnete voneinander angezogen werden, sie werden mit der Konsequenz des fließenden Wassers zueinander finden, sie werden in der Mehrzahl eigene Kommunen bilden – und sie tun das heute schon. Es wird umso gesetzmäßiger geschehen, je mehr Menschen aus einem Sprach- und Kulturkreis vorhanden sind und je bedeutender die mentalitätsbedingten, religiösen, kulturellen und sprachlichen Unterschiede sind. Integration, wie sie uns multikultibunte Träumer entwerfen, ist ein individueller Prozess, der zudem einen starken Willen und eine apriorische Offenheit voraussetzt. Die durch einen heiligen Text vorgeschriebene Unterteilung in Kāfir (كافر‎) und Mumin (المؤمن) kann dabei kaum hilfreich sein.

In der Masse ist Integration eine Chimäre, kann sie nicht gelingen oder doch nur immer mehr oder weniger und auch nur über mehrere Generationen.

Dagegen ist kein Kraut gewachsen.

… denn sie wissen nicht

Mit Khaled und Hussain in Dresden. Während Hussain begeistert durch die Regallabyrinthe der Universitätsbibliothek wandelt und mir Gelegenheit gibt, vor beeindruckenden Werkausgaben ihn mit einigen Namen bekannt zu machen (Goethe, Schiller, Luther, Kant, Hegel, Nietzsche, Marx, Heidegger …), ihm auch einige Islam-Lexika zu zeigen, um ihm praktisch vorzuführen, daß Religionswissenschaft kritisch und hermeneutisch vorgeht statt blind nachzubeten und zu wiederholen, eilt Khaled zum Bahnhof zurück, sich von einem ortsansässigen Syrer ein paar seiner Klamotten aushändigen zu lassen, die den langen Weg von Daraa über Istanbul und München bis nach Sachsen gefunden haben – aber das ist eine andere Geschichte.

Als wir uns wieder treffen, zeigt er uns sein Handy. Ein alter deutscher Freund hat sich gemeldet und fragt, ob wir ihn besuchen können, gleich um die Ecke.

Sein Name ist Legion. Er war einer derjenigen Helfer im Herbst, die das Tohuwabohu irgendwie geregelt haben, und er hatte sich seinerzeit um Khaled verdient gemacht. Ein Handyphoto zeigt einen Mittdreißiger im Palästinensertuch. Alles klar!

Die Freude ist auf beiden Seiten groß. Ich halte mich zurück und widerspreche nicht bei seinen Analysen. Er ist Künstler. Die arabische Kultur hatte es ihm im Zuge des Flüchtlingskontaktes angetan. Was für eine spannende Welt und so liebe Menschen! Im Frühjahr reiste er sogar in den Libanon, um in Flüchtlingslagern zu photographieren. Es sind Bilder ohne Menschen geworden, Hausfassaden, verwinkelte Gassen, Blick über ein Dächermeer vor schneebedecktem Libanongebirge. Und diese zauberhafte Schrift!

Er hat ein paar kleine Kataloge dabei. Freundlich lächelnd und müde blättere ich ein Heft mit arabischen Schriftzügen durch: Werbeflächen, Preisanzeigen, Ladenschilder und dergleichen. Gebrauchskalligraphien, hübsch gemacht, vor allem, wenn man ihren banalen Inhalt nicht lesen kann. Hussain sitzt daneben und schaut gelangweilt zu – wir waren den ganzen Tag auf den Beinen, jetzt sackt der Körper ab.

Eine blutrote Schrift auf einer vergammelten Mauer, nur drei Buchstaben. Ich versuche zu entziffern und denke, das könnte doch „Hussain“ heißen? Also halte ich es Hussain vor die Nase. Elektrisiert springt der sofort auf. „Weißt du, was das heißt?“, fragt er den Künstler. Der weiß es nicht und hört auch kaum die Antwort, versucht weiter mit Khaled sein glückliches Weltbild zu bauen.

Umso mehr interessiert es mich! Es heißt „Ya Hussain“, die Kurzform von „Labayka Ya Hussain“ und ist ein Schlachtruf der Schiiten. Hussain verzieht das Gesicht. In zwei, drei kurzen Sätzen klärt sich alles auf: Hussain, Sohn des Ali, Begründer der Schia-Tradition. Wie die meisten Sunniten, reagieren auch die Syrer mit negativen Emotionen. „Überall Blut“, sagt er noch und ich erinnere mich eines Gesprächs, wo er angewidert von Selbstgeißelungen sprach – dann müssen wir gehen.

Erst zu Hause begreife ich richtig. Alles geht auf das erste islamische Schisma zurück. Die Muslime stritten sich nach Mohammeds Tod um den gerechtfertigten Nachfolger. Abu Bakr – seine Nachfolger wurden später die Sunniten –, oder Ali, der Schwiegersohn des Propheten. Dessen Sohn Hussain erhob später ebenfalls den Machtanspruch, wurde aber im Kampf getötet und enthauptet: dieser blutige Tod wurde zum Fanal für fast anderthalb Jahrhunderte und noch heute ist ein gewisser Blutkult geläufig, wird der Tod Hussains ganz unmittelbar und körperlich von Schiiten gefühlt, betrauert und zelebriert. Die Sunniten halten das für Schirk, Götzendienst und Idolatrie.

Ya Hussain-Schriftzug als Wallpaper

Ya Hussain-Schriftzug als Bildschirm-Wallpaper

Wer sehen will, welche Macht dieser Mythos und das Ya Hussain hat, der schaue sich unbedingt folgende Rede Hassan Nasrallahs an: Sayyed Hassan Nasrallah (ha) – Die Bedeutung von „Labayka ya Hussein“

Nasrallah ist der viel verehrte Chef der Hisbollah … in einem Interview mit Julien Assange zweifelte er die Existenzberechtigung Israels an …

Und plötzlich sind wir – mitten in Dresden – von diesem kleinen, aus ästhetischen und gutgemeinten Gründen photographierten Schriftzug an einer Mauer im Libanon inmitten der großen Weltpolitik gelandet, im Strudel des religionspsychologischen und blutigen Wahnsinns des (noch) Nahen Ostens.

Doch davon will der Künstler nichts wissen.

Eier kraulen

„James, die Eier“ – „Hart oder weich?“ – „Kraulen!“

Ein alter Witz aus meiner Jugendzeit. Längst vergessen und heutzutage auch politisch inkorrekt, „rassistisch“, englandfeindlich. Obwohl: Anglophobie ist gerade ein wenig in

Eines möchte ich zuvor klarstellen: ich habe das Thema nicht aufgebracht mit den Eiern. Es waren unsere Qualitätsmedien, die den Bundestrainer dabei beobachteten, wie er sein bestes Stück gerade rückte. Daß Löw unter einer Oralfixierung leidet, muß jedem Beobachter seit langem klar gewesen sein, nun kommt das genitale Problem hinzu. Wir kennen ihn alle, wie er sich in der Nase bohrt und auch seine Findlinge gern mal in den Mund nimmt, sich um seinen Unterarmschweiß kümmert, daran schnuppert, am Kaugummi zerrt … und das, obwohl er sich öfter in der Anzeigetafel betrachtet, das Haar zurecht rückt, als am Spielgeschehen beteiligt zu sein. Der eigentliche Skandal ist doch, daß er danach allen die Hand gibt.

Daraufhin hat der lustige Poldi jedenfalls einen lustigen Spruch losgelassen. Man könnte meinen, eine Nation, die solche Erregungen spürt, müßte friedlich und geeint sein. „Achtzig Prozent von euch krault doch auch mal an den Eiern“, warf er einer johlenden zu achtzig Prozent männlichen Journalistenschar entgegen.

Da hat er nicht ganz unrecht. Die Geste ist urmännlich, keine Frage. Richtig bewußt wurde mir das erst im Kontakt mit den Syrern. Dort ist es eine permanent auftretende Erscheinung. Alle paar Minuten wird sich unten rumgezupft, ob im Stehen oder Sitzen, ständig scheint was nicht zu sitzen. Es ist eine andere Geste als die Löwsche oder die Jacksonsche oder der Hip-Hop-big-balls-check, es ist ein Zupfen, als klebte die Hose am Gemächt und müßte gelöst werden. Und da es alle und alle ständig machen, scheint es tief verinnerlicht zu sein. Kulturell bedingt, bei vielen Arabern. Und es hat sicher was zu bedeuten.

Nur was?

Hilfe, ich bin rechtsextrem!

Jetzt ist es also amtlich, wissenschaftlich bewiesen und es steht sogar in allen Zeitungen: ich bin rechtsextrem.

Studie: Die enthemmte Mitte

Erst gestern gab es dafür den Beweis. Ich fuhr friedlich mit meinem Rad durch die Innenstadt – laut einer Befragung fühlen sich die Hälfte der Plauener dort nicht mehr sicher –, um von meinem syrischen Freund zu meiner dänischen Freundin zu radeln und „fühlte mich wie ein Fremder im eigenen Land“. Nicht durch die vielen Muslime, wie die Studie der Universität hinterlistig fragte, sondern durch die vielen fremdländischen, seltsam gekleideten, in nicht zu verstehenden Idiomen sprechenden und sich manchmal auch komisch verhaltenden Menschen, von denen freilich die meisten Muslime sein dürften. Dieses sich-Fremdfühlen erfüllt demnach den Tatbestand des Rechtsextremismus.

Was kann man tun? Laut Bundeskanzlerin soll man den Kontakt zu Flüchtlingen suchen. Nun dürfte mein Kontakt zu Flüchtlingen ungefähr – um es im Özil-Jargon zu sagen – 10000% intensiver sein als der der Kanzlerin und trotzdem bin ich noch nicht geheilt, trotzdem fühle ich mich manchmal fremd, trotzdem habe ich den Eindruck, Sinti und Roma können mitunter ein Problem sein – gerade fährt eine befreundete Mutter ihre Kinder jeden Tag zur Schule, weil diese von Sinti und Roma regelmäßig in der Straßenbahn belästigt und beklaut werden –, trotzdem glaube ich, daß ein bißchen mehr nationales Selbstbewußtsein uns nicht schaden könnte, trotzdem meine ich – nein weiß ich –, daß es eine ganze Reihe an „Flüchtlingen“ gibt, die wegen des Sozialsystems nach Deutschland kommen, trotzdem bin ich überzeugt, daß die Bundesrepublik dabei ist, sich gerade „in einem gefährlichen Maße zu überfremdem“, auch wenn mir dieses Wort nie über die Lippen käme, ich glaube sogar, daß „die Deutschen“ in mancher Hinsicht – im Guten wie im Bösen übrigens – anderen Nationen überlegen sein können, nur wäre ich nicht so perfide wie die Leipziger, das auf „die Natur“ zu gründen, ja ich bin sogar davon überzeugt, daß „der Nationalsozialismus auch seine guten Seiten hatte“ und das wäre ich sogar, wenn ich darüber gar nichts wüßte, denn als Dialektiker weiß ich, daß es nichts, aber auch gar nichts gibt, das nur schlecht oder gut ist. Laut Studie der Uni Leipzig alles Kriterien für Rechtsextremismus.

Nur mit den Juden, da muß ich mich entschuldigen, gegen die habe ich gar nichts. Im Gegenteil, ich bewundere sie kritisch.

fallende Tendenzen

fallende Tendenzen

Und jetzt mal ohne Augenbinde, ohne Pressehilfe. Was sagt die Studie mit dem tendenziös-reißerischen, gänzlich unwissenschaftlichen Titel, die gerade viel Wind produziert, denn eigentlich aus? Der Trend, verglichen mit den Nullerjahren, geht nach unten: weniger „Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur“, weniger „Chauvinismus“, weniger „Ausländerfeindlichkeit“, weniger „Antisemitismus“, weniger „Sozialdarwinismus“, weniger „Verharmlosung des Nationalsozialismus“, weniger „manifeste rechtsextreme Einstellung“, alles weniger! Much ado about nothing.

Nicht ganz: es gibt tatsächlich jeweils einen Aufwärtstrend im letzten Jahr, aber das wäre auch jede vernünftige Prognose gewesen und daß sich vieles in der AfD sammelt, ist ebenfalls logisch – sonst gäbe es sie doch gar nicht.

Man kann die Studie auch ganz anders lesen: Antisemitismus, Verharmlosung des NS und Sozialdarwinismus sind nahezu verschwunden und Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus verhalten sich vollkommen folgerichtig: sie steigen mit der Zahl der Ausländer, so wie zuckerbedingte Karies mit dem Zuckerverbrauch steigen muß.

verschwiegene Gewaltbereitschaft

verschwiegene Gewaltbereitschaft

Manchmal bringt sie auch Unerwünschtes ans Tageslicht. So ist die „Gewaltbereitschaft“ im „Rebellisch-autoritären Milieu“ deutlich höher als im „Ethnozentrisch-autoritären Milieu“ – in letzterem akzeptiert man Gewalt, in ersterem befindet man sich statistisch weit im Bereich der aktiven Anwendung von Gewalt. Es handelt sich dabei wohl um Euphemismen für links- und rechtsradikale Chaoten. Erwähnt hat das, soweit ich sehe, kein einziger Presseartikel.

Methodologisch ist die Umfrage kritisch zu bewerten: Wenn nach „Dimensionen rechtsextremer Einstellung“ geforscht wird, dann kann man nicht mehrfach nach Gefühlen fragen. Auf diese Art und Weise ließe sich etwa Misogynie durch die Frage: „Fühlen Sie sich von Ihrer Schwiegermutter bevormundet?“ ermitteln. Aus einem Entfremdungsgefühl eine „Abwertung von Muslimen“ zu generieren, ist unseriös, wenn nicht „rassistisch“. Chauvinismus mit dem „Mut zu einem starken Nationalgefühl“ zu verbinden ist ähnlich unsinnig, wie die Fragestellungen bis zur Anzüglichkeit primitivisiert und verallgemeinert sind etc.

Verwundert? Nicht, wenn man weiß, daß die Studie von der „Rosa Luxemburg Stiftung“ (Die Linke) und der „Heinrich Böll Stiftung“ (Grüne) und der „Otto Brenner Stiftung“ (IG Metall) finanziert wird. Dort weiß man sicher, was man finden will, und wenn man es nicht findet, wie die Zahlen beweisen, dann hat man seine Adressen, die es entsprechend skandalisierend präsentieren und aufbauschen können:

Deutschlands häßliche Fratze

Deutschland aus rechten Abwegen

Jeder Zweite fühlt sich vom Islam bedroht

Islamfeindlichkeit nimmt deutlich zu

Studie zeigt wachsende Ressentiments gegen Muslime

Deutschland rückt noch weiter nach rechts

Leipziger Studie warnt vor weiterer Radikalisierung

Rechtsextreme immer gewaltbereiter

Haß auf Muslime, Parolen gegen Asylbewerber

Fast jeder siebte Ostdeutsche wünscht sich eine Diktatur zurück

 

Noch einmal Eritrea

Eritrea ist und bleibt ein Rätsel. Letztes Jahr stellten eritreische Flüchtlinge die drittgrößte Gruppe, jeden Monat verlassen mehr als 5000 Männer das Land, statistisch blutet es weltweit am meisten aus: nirgendwo sonst verlassen mehr Menschen ihre Heimat, sie stellen den Löwenanteil der Ertrunkenen im Mittelmeer.

Im Januar hatte ich versucht, anhand von italienischen Quellen, ein anderes „Narrativ“ vorzustellen, das zumindest partiell den üblichen undifferenzierten Reden über Diktatur und Tortur widersprach. Italien, als ehemalige Kolonialmacht, darf man ein besonderes Interesse an und tiefere Einsichten in Eritrea unterstellen.

Aber auch Dänemark, so seltsam das klingen mag, spielt im Eritrea-Disput eine besondere Rolle. Es ist ein vieldiskutiertes dänisches Papier, eine Untersuchung des dänischen Integrationsdienstes, das in Großbritannien oder Israel etwa dazu führt, eritreischen Einwanderern den Asylstatus zu verweigern, denn der Grad der Unterdrückung rechtfertige keine politisch motivierte Flucht.

Eine Sendung des Staatsrundfunks DR P1 nahm das Thema kürzlich auf und brachte interessante Einsichten zu Tage. Ich beschränke mich auf Ergänzungen und Relativierungen zum Bericht „Eritrea unplugged“. Schon jetzt kann man das Fazit wagen: Eritrea braucht endlich eine valide und allgemein anerkannte Neubewertung, will man den bei einer Geburtenrate von vier Prozent schier unerschöpflichen Menschenstrom richtig bewerten – die Bevölkerung Eritreas wird sich in den nächsten 25 Jahren, trotz massiver Abwanderung, verdoppeln.

Im Studio saßen ein bei der UN angestellter Afrikawissenschaftler, eine Flüchtlingshelferin und ein Entwicklungsökonom, der in Eritrea und im Sudan lebt und mit einer eritreischen Frau verheiratet ist. Die Standpunkte der Diskutanten könnten unterschiedlicher nicht sein.

Während die ersten beiden durchaus zu recht von Diktatur und Gefängnis und Demokratielosigkeit und fehlendem Wahlrecht, mangelnder Pressefreiheit und dem berüchtigten obligatorischen Staats- und Militärdienst sprachen und sich dabei ausschließlich auf Meinungen bereits Geflüchteter beriefen, wußte letzterer von einem regen Stadtleben, belebten Straßen, einer passeggiata-Kultur, von Cafés, Bars, Musik, Kino, einer ausgeprägten Film- und Kunstszene, von starkem Zusammenhalt, von in zwei Schichten kommenden und gehenden Schulkindern zu erzählen. Die gern benutzte Benennung Eritreas als „Nordkorea Afrikas“ wies er zurück, vielmehr sei es das „Kuba Afrikas“. Staatlichen oder polizeilichen Druck spüre man in der Öffentlichkeit nicht, nur ein Mal hatte er Kontakt mit der Polizei, als er bei Rot über die Straße ging. Erwähnt wurde auch das für afrikanische Verhältnisse hervorragende Gesundheitssystem, die eigenen Kinder seien in Asmara zur Welt gekommen. … Diese Beschreibung deckt sich mit zahlreichen anderen. Europäer, die das Land aus erster Hand kennen, zeigen oft ein ganz anderes Bild als die westlichen Hauptmedien.

Irgend etwas kann nicht stimmen. Warum reißen trotzdem 5000 Menschen jeden Monat aus? Christian Sørensen nennt einen überraschenden und paradoxen Grund. Er spricht von der zweiten oder dritten Welle des Exils. Die erste habe es während der Befreiungskriege von Äthiopien Ende der 90er Jahre gegeben. Damals flohen Teile der „kommunistischen“ Rebellen in den Westen. Es entstand regelrecht eine Exilkultur, eine eritreische Diaspora. Diese Menschen unterstützten einerseits den Befreiungskampf, schafften sich andererseits ein bürgerliches Leben im Westen. Nachdem sie es zu verhältnismäßigem Wohlstand gebracht hatten, kehrten sie nach dem Sieg der „Revolution“ oft zurück und führten im bitterarmen Land ein privilegiertes Leben. Einerseits mit Geld gesegnet, andererseits der EPLF Afewerkis ergeben. Sie brachten die westlichen Gewohnheiten, Kleidung, Slang, den Lebensstil mit und weckten damit das Begehren der jungen Menschen. Man nennt sie den „zehnten Stamm“, der den neun Ethnien eine neue Lebensform hinzufügte. So entstand das Paradox, daß die einstigen Revolutionäre durch ihren Erfolg die „Revolution“ durch Dekadenz unterminieren.

Internet und Mobiltelefon sind ein weiterer wesentlicher Faktor, der insbesondere den Jugendlichen Schaufenster in den Westen bietet und das Verlangen anheizt. Die Frage, was die politischen Eliten in 25 Jahren tatsächlich geleistet haben, wird vornehmlich materiell beantwortet und solange noch nicht einmal die Stromversorgung garantiert werden kann, bleibt das Ergebnis mager.

Der obligatorische Staatsdienst darf bei dieser Rechnung auf keinen Fall außer Acht gelassen werden. Mit dem 18. Lebensjahr kann bzw. muß jeder Eritreer, männlich und weiblich, zum Dienst einberufen werden. Offiziell dauert der 18 Monate, die Realität kennt oft jahrelangen Frondienst, zivil oder militärisch. Desertion ist der dritte und der wesentliche treibende Grund – die anderen beiden sind ziehende. Sie wird mit fünf Jahren Gefängnis geahndet. Und vor allem diese Regelung macht Eritreer im Westen zu asylberechtigten Flüchtlingen, denn würden sie zurück geschickt, droht ihnen Haft. Andererseits wird Desertion wohl in jedem Land der Welt bestraft.

Sørensen bringt eine weitere interessante Erklärung. Er glaubt, daß die alte Revolutionsgarde, die unter enormen Entbehrungen die Unabhängigkeit von Äthiopien erfochten hatte, nun von den Jungen, für die man zu kämpfen ja vorgab, ähnliche Opfer erwarte. Aber diese Jugend gehört schon einer anderen Welt, einer anderen Zeit an, sie ist nicht entbehrungswillig und opferbereit. Viele verlassen nun das Land bereits in sehr jungen Jahren, um dem Desertionsvorwurf zu entgehen. Später stützen auch sie mit einer zweiprozentigen „freiwilligen Steuer“ an das Regime exakt jenes System, das zu fliehen zu vorgaben.

Eritrea ist und bleibt paradox. Wir brauchen deutlich mehr Informationen über dieses Land, bevor politische Entscheidungen getroffen werden.

Die Sendung zum Nachhören: Verden ifølge Gram: Eritrea – Afrikas Nordkorea

Narben

Resultatausdrücke sind Abbreviaturen für Geschichten. (Kurt Röttgers)

Nicht immer müssen Geschichten erzählt werden – manchmal genügen einzelne Wörter und schon weiß man um das Geschehene. In der Philosophie wurde versucht dafür den Begriff der „Resultatausdrücke“ einzuführen, insbesondere von dem Hagener Philosophen Kurt Röttgers und in der Nachfolge von Hermann Lübbe. Dies sind Ausdrücke, „die am Gegenwärtigen seine Gewordenheit semantisch präsent halten“. „Produkt“ ist so ein Wort oder „Witwe“ und auch die „Narbe“.

Die Geschichte der Narbe ist die Verletzung und ihre Heilung. Als Hussain mir eine Narbe rechts vom Bauchnabel zeigt, lag die Frage nach der Geschichte auf der Hand. Wir hatten uns über den Blinddarm unterhalten – das wäre eine eher langweilige Angelegenheit geworden. Aber es war ein Unfall und während er das sagt, ist ihm die innere Bewegung anzumerken. Erste Ahnungen steigen auf – trotzdem versuche ich es mit dem Verkehrsunfall.

Nein, es ist tatsächlich eine Schußverletzung. Davon höre ich zum ersten Mal, lasse mir also die Geschichte erzählen.

Sie spielt im Jahre 2013. Hussain geht gerade in die 12. Klasse und steht kurz vor dem Abschluß. Doch die Zeiten sind unsicher. Der Krieg ließ die sozialen Strukturen erodieren. Marodierende Banden ziehen durch die Stadt und bedrohen die Menschen. Einbrüche, Raubüberfälle sind keine Seltenheit. Eine funktionierende Polizei gibt es nicht mehr. Also geht man zur Selbstverteidigung über. Man legt sich eine Pistole zu – im Geschäft ist sie frei verkäuflich.

Keine gute Idee, wie sich schnell herausstellt, vor allem, wenn man keine Ahnung von Waffen hat. Richte nie eine Waffe auf einen Menschen, auch wenn sie ungeladen ist, war so ein Merksatz beim Militär. Hussains älterer Bruder kennt ihn nicht und weiß auch nicht, daß bei einer durchgeladenen Pistole auch bei entferntem Magazin eine Kugel im Lauf ist. Und die war, gleich am ersten Tag, für Hussain bestimmt.

Schräg von oben drang sie in den Bauch ein, zerstörte den Darm und blieb im oder am Beckenknochen stecken. Dort steckt die Kugel noch immer. Eine Notoperation rettete ihm das Leben, um das er vier Wochen ringen mußte. Schlimme Entzündungen und Darmaustritt, Dämmerzustände – er erinnert sich nur an wenig aus dieser furchtbaren Zeit zwischen Leben und Tod. Auch die Bauchmuskulatur wurde geschädigt, wahrscheinlich sogar durch die OP. Noch heute fehlt ihm die Muskelkraft auf der rechten Seite. Eine zweite Operation wurde notwendig: um die Darmauswölbung zu unterbinden, wurde irgend etwas Hartes eingenäht – er läßt es mich abtasten. Man spürt die Wucherungen des Fleisches. Bisher gab es keine Röntgenuntersuchung, weshalb auch niemand weiß, wo genau sich die Kugel befindet. Ich rate ihm dazu, in Deutschland einen Arzt zu konsultieren, aber der Junge hat Angst, nicht nur vor Waffen, sondern auch vor Operationen.

Dann zeigt Khaled mir ebenfalls eine Narbe in der Leistengegend – aber das ist eine andere Geschichte, die man auch erzählen muß.

siehe auch: Drei Mal Knast

Ra Ra Ramadan

Gerade begehen Millionen unserer Mitmenschen den Ramadan. Mittlerweile wird das in der Presse gefeiert, mittlerweile klären die Medien flächendeckend auf, mittlerweile wünschen staatliche Stellen einen „Gesegneten Ramadan“, mittlerweile haben wir uns an den Mundgeruch in der Straßenbahn gewöhnt – als Ausdruck des Rechtes auf freie Religionsausübung.

Alle Religionen kennen Fastenzeiten und asketische Exerzitien. Wenn man den Begriff der Religion – religio: Rückbindung – aber modifiziert oder ihn durch einen anderen ersetzt, dann werden neue Perspektiven sichtbar, dann wird auch verständlich, weshalb der Islam – die theologisch wohl schwächste aller Weltreligionen – eine solche Ausdauer haben konnte und weshalb er gerade jetzt, verbunden mit einer demographischen Explosion, sich anschickt, die Welt ein zweites Mal zu erobern.

Der Ramadan ist eine der „fünf Säulen des Islam“:

  1. Das Glaubensbekenntnis, die Schahada
  2. Das fünfmalige tägliche Gebet
  3. Das einmonatige Fasten während des Ramadans
  4. Die Hadsch, die Pilgerreise nach Mekka
  5. Der Zakad, die Spende an die Bedürftigen

Peter Sloterdijk hatte in seinem fulminanten Großessay „Du mußt dein Leben ändern“, den umstürzenden Gedanken geäußert, den Begriff der Religion abzulegen. Es gibt keine Religionen, „es gibt nur mehr oder weniger ausbreitungsfähige oder mehr oder weniger ausbreitungswürdige Übungssysteme.“ … „Das wirklich Wiederkehrende, das alle intellektuelle Aufmerksamkeit verdient, hat eher eine anthropologische als eine ,religiöse‘ Spitze.“ Darüber hinaus sei der Begriff kulturimperialistisch, da er nur im Westen verstanden würde und Hindus und Buddhisten schon Jahrhunderte zuvor „Religion“ ausübten, ohne diesen Begriff zu benötigen, der ihnen erst durch „Religionswissenschaftler“ aufgedrängt wurde.

Mohammeds Genie liegt in der Vorwegnahme dieses Gedankens und in der Installation eines entsprechenden Regulariums. Betrachtet man unter diesem Gesichtspunkt die fünf Säulen des Islam – andere Pflichten, wie der kleine und der große Djihad, die Koranlektüre, das Auswendiglernen … kommen hinzu –, so erkennen wir ein ausgeklügeltes Hochintensivtrainingsprogramm. Bis auf die Schahada, die theoretisch nur ein Mal, bei der Annahme der Religion, gesprochen werden muß, die in der Realität aber tagtäglicher innerer Begleiter der meisten Muslime ist – etwa beim Bismillah vor jeder Mahlzeit, vor dem Geschlechtsverkehr etc. –, bis auf die Schahada also und die Hadsch, handelt es sich um Permanenzübungen.

Vor allem das Gebet entfaltet eine enorme Macht. Alle drei Stunden circa ist der Muslim angehalten innezuhalten, sich aus der realen in die spirituelle Welt zu begeben, eine „Vertikalspannung“ zu seinem Gott aufzubauen, und dabei immer wieder die gleichen Formeln zu beten und sich mindestens 17 Mal vor dem Gott in den Staub zu werfen. Die psychomotorische Ausrichtung eines Hirns, das sich diesem Exerzitium unterwirft, ist sehr wahrscheinlich. Der physische Akt des Niederwerfens – hier erkennt man, daß Mohammed ein kluger Intuitivpsychologe war – verbindet beide Ebenen und vertieft die geistige Gravur durch körperliche Repetition. Heute ist das neuester Stand der Wissenschaft, heute nutzt man das Verfahren im Profisport, bei Rehabilitation oder bei der Gehirnwäsche.

Die Hadsch war einst ein enormer Kraftakt. Sich in einen Jet zu setzen, in Mekka zu landen, sich ein Tuch umzuwerfen, ein Selfie zu machen, dieses bei Instagramm einstellen und zwei Tage später schon wieder im Trainingslager der Nationalmannschaft zu sein, dürfte an der Paradiespforte eher wenig goutiert werden. Die Hadsch war als asketisches Exerzitium gedacht, als Leidenszeit, als Zeit des Selbstrisikos. Wer einmal durch die Wüste zog, um die Kaaba zu umrunden, und dabei Hitze und Entbehrung erleiden mußte, den Tod riskierte oder den Überfall durch marodierende Banden, die gnadenlose Sonne ertrug … für den ist die Ankunft, ist das Gemeinschaftserlebnis, ist das Erreichen des Ziels wie eine Offenbarung. Man muß als moderner Mensch schon Reinhold Messner lauschen, um eine Ahnung davon zu bekommen.

Selbst der Zakad ist als Übung zu beschreiben. Es geht darum, 2,5 % bis 10 % seines Einkommens an die Armen abzugeben. Die christlichen Konfessionen kennen das als Zehnt oder Kollekte. Aber das Opfer, die Spende, das Almosen ist seit je ein stark wirkendes Gottes-Aphrodisiakum, eine Wohlfühlmaschine und eine Verbindung zum Transzendenten. Wird sie regelmäßig eingeübt, entfaltet sie ihre abhängig machende Glückswirkung.

Unter diesen Vorzeichen ist die Funktion des Ramadan evident. Sein jährlicher Wiederholungscharakter zeichnet ihn als Exerzitium par excellence aus. Der Hadsch vergleichbar, konnte Mohammed nicht ahnen, daß seine Jünger einst in allen Weltteilen sich umtreiben, bzw. war es Mohammed nicht bewußt gewesen, wie groß die Welt eigentlich ist. Es gibt Indizien dafür, daß er vom Scheibencharakter der Erde und damit ihrer Endlichkeit, überzeugt war. Seine Religion ist eine Wüstenreligion, seine Welt reichte bis an den Rand der Dürre, bis an die Berge, er konnte also nicht ahnen, daß es für einen Muslim in Norwegen Probleme geben könnte, die Mekkawanderung zu leisten oder den Ramadan ohne Kompromisse zu überleben. Man hätte von Al Alim, dem Allwissenden, möglicherweise eine konkrete Anweisung für diesen Fall erwarten können …

Auf der arabischen Halbinsel teilen sich Tag und Nacht in schöner Gleichmäßigkeit von ca. 12 Stunden (± zwei) die Zeit, sommers wie winters. Trotzdem ist der Übungserfolg bedeutend. Es ist eine 30-malige Überwindung des inneren Schweinehundes (pardon), ein zwar überschaubares Leid, durch seine Wiederholung aber ein sehr wirksames. Zudem führen die Intensivierung des Gebets, die größere Offenheit für Spiritualität während des Fastens, die Freude über die Überwindung zu einer gefühlten Gottesnähe, das täglich gemeinsame Fastenbrechen stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl der Umma, die Distinktion zwischen „Wir“ und „die anderen“, zwischen mumin und kuffar, und damit die Sicherheit des Dazugehörens.

Vermutlich ist der Islam das am meisten durchorganisierte – man kann von Psychodesign sprechen – „religiöse“ System, seine Anhänger sind – das muß die Intention des Gründers gewesen sein – mehr oder weniger durchtrainierte potentielle Glaubenssoldaten. Lediglich der Buddhismus kennt in einigen Spielarten ein ähnlich starkes Training, die Meditation, deren Energie freilich komplett nach innen geleitet wird, wohingegen der Islam eine extrovertierte Religion darstellt. Seine hohe Repetitivität verleiht ihm seine Macht, die er seit 1400 Jahren, trotz weitgehend kultureller Rückständigkeit, beeindruckend unter Beweis stellt. Wer all diese Entbehrungen auf sich genommen hat, für den ist es mit jedem Male schwerer, den zurückgelegten Weg kritisch zu betrachten. Es wäre dann alles umsonst gewesen …

In diesem Sinne: Gesegneter Ramadan!

Die entscheidende Frage

Ralf Pittelkow – einst marxistischer Literaturwissenschaftler und heute konservativer Journalist – und Karen Jespersen – einst sozialdemokratische Innenministerin, später christdemokratische Wohlfahrtsministerin Dänemarks und heute Autorin und Journalistin – haben in „Den korte avis“ einen mutigen Beitrag zur Asyldebatte veröffentlicht, der wenig Aussicht hat, in deutschen Medien aufgenommen zu werden. Er ist zwar an die dänische Öffentlichkeit gerichtet, hat jedoch in den Kernaussagen auch für deutsche Leser Gültigkeit. Es geht demnach um Sein oder Nichtsein und alles hängt von der Menge des Menschenzustroms ab. Will man diesen steuern, wird man nicht umhin können, die Konventionen – inklusive Flüchtlingskonvention – neu zu denken.

Eine Frage entscheidet darüber, ob Europas freie und friedliche Gesellschaft eine Zukunft hat – aber die meisten Politiker weigern sich, das wahrzunehmen.

Eine der seit Jahren wichtigsten Meinungsumfragen wurde gestern veröffentlicht. Es scheint jedoch, also wollten die dänischen Fernsehanstalten die Bevölkerung darüber nicht informieren.

Die Umfrage wurde vom angesehenen amerikanischen Pew Research Center vorgenommen. Sie zeigt, daß die europäische Bevölkerung ein vernichtendes Urteil über den Umgang der EU mit dem größten Problem unserer Ära fällt: den massiven Strom von Migranten. Die allermeisten Bürger lehnen ab, was die europäische Zusammenarbeit in dieser Angelegenheit bisher geleistet hat.

Es müßte eine vollkommen einleuchtende Selbstverständlichkeit für die dänischen Fernsehstationen sein, dieses Thema aufzugreifen. Aber sie interessieren sich wenig für die Wirklichkeit, besonders wenn es um die Asylpolitik geht. Sie sind mehr damit beschäftigt, Propaganda für die politische Korrektheit zu machen, die im engen journalistischen Milieu immer neue Blüten treibt.

Die Konsequenzen der Massenzuwanderung

Auch bei den verantwortlichen Politikern hat die Meinungsumfrage zu keiner Selbstkritik geführt, obwohl es dringend nötig ist, daß sie den Ernst der Situation endlich begreifen.

Falls der Migrationsstrom wieder Fahrt aufnimmt, wird das die Zukunft der europäischen Länder, als freie und friedliche Gesellschaften, die sie bis heute gewesen sind, zerstören.

Ein großer und dauernder Zustrom von Migranten aus nicht-westlichen, vornehmlich muslimischen Ländern, wird eine andere Gesellschaft hervorbringen. Es werden Gesellschaften sein mit einem deutlich geringeren Zusammenhalt, in Parallelgesellschaften aufgespalten, mit mehr Gewalt und Kriminalität, mit hohem Druck auf die Sozialsysteme, frauenfeindlicher, weniger frei, mit stärkeren antidemokratischen Tendenzen und von religiösen Forderungen gesteuert. Das sind keine bloß theoretischen Behauptungen, das baut auf Erfahrung.

Eine Kardinalfrage

Eine Frage insbesondere entscheidet darüber, ob Europa rapide diesen Weg gehen wird. Es geht um die Anzahl der ökonomischen Migranten und Asylsuchenden. Die Anzahl ist entscheidend dafür, wie stark die freie und friedliche Gesellschaft getroffen werden wird.

Bis zu einem bestimmten Grad kann unsere Gesellschaft Migranten absorbieren und trotzdem gut weiter funktionieren. Tüchtige Leute von außerhalb kann die dänische Gesellschaft auf jeden Fall gut gebrauchen. Aber ein Zustrom der Art und in dem Umfang, wie wir ihn erlebt haben, als die Asylkrise aus dem Ruder geriet, wird schlicht und einfach verheerend sein. Es nützt nichts, daß Politiker über alles Mögliche reden. Über Integrationsprojekte, Arbeitspläne, Regeln für Imame usw. Das ist vergebene Liebesmüh. Wenn die Anzahl der Migranten nicht gering gehalten wird, bleibt alles andere ohne große Wirkung.

So wird unsere Gesellschaft sich auflösen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Konsequenzen

Leider deutet nichts darauf hin, daß sich die Mehrzahl der dänischen und europäischen Politiker den Ernst der Lage vor Augen geführt haben. Sie diskutieren die Asylpolitik weiterhin auf Grundlagen, die ganz einfach nicht in der Lage sein werden, die Anzahl zu kontrollieren.

Wenn man in der Lage sein will, das Problem der Anzahl zu beherrschen, so muß man bereit sein, Konventionen zu brechen – zuallererst die Flüchtlingskonventionen.

Wenn man das nicht tut, wird man die Anzahl nicht beherrschen können. Denn so wird die Zahl nicht davon abhängen, was man politisch verantwortbar für die eigene Gesellschaft hält, sondern es wird davon abhängen, wie viele sich melden und Anspruch auf Rechte machen, wie sie in den Konventionen festgeschrieben stehen, die wiederum unter ganz anderen historischen Gegebenheiten verfaßt wurden.

Selbst wenn eine sehr große Anzahl von ihnen de facto kein Asylrecht genießt, so geben ihnen die Konventionen die Möglichkeiten, in unser Land zu kommen, sofern sie Asyl suchen. Und wenn sie erst einmal im Land sind, ist es schwer, sie wieder hinaus zu bekommen. Das hat sich unter dieser Asylkrise viele Male bestätigt.

Wir befinden uns in einer barocken Situation

Die Lage, in der wir uns befinden, hat etwas Barockes an sich. Wenn dänische und andere Politiker sich den Luxus leisten können, zu sagen, daß die Konventionen wichtiger als alles andere seien, so verdankt sich das der Tatsache, daß andere Politiker den Konventionen widersprochen haben.

Die Hauptursache, warum Dänemark im Moment nicht im Migrationsstrom ertrinkt, ist die Schließung der Balkan-Route. Hinter dieser Schließung liegt ein Bruch mit den Konventionen. Eine ganze Reihe Länder – von Österreich bis Mazedonien – haben selbstständig beschlossen, daß der Aspekt der Begrenzung der Anzahl wichtiger ist als der Aspekt der Konventionen. Also haben sie strenge Grenzkontrollen eingeführt und achten darauf, wie viele Migranten sie entgegennehmen.

In diesem Windschatten können dänische Politiker Diskussionen darüber führen, wie wichtig es doch sei, alte Konventionen einzuhalten. Die Götter mögen wissen, was sie tun würden, sollte die Schließung der Balkan-Route zusammenbrechen oder wenn die alternative Route durch Italien Massen von Migranten in unsere Richtung sendet.

Die entscheidende Frage und die entscheidende Antwort

Die Anzahl der Wirtschaftsmigranten und Asylsuchenden aus nichtwestlichen, hauptsächlich muslimischen Ländern wird über das Schicksal Europas entscheiden. Die Frage der Zahl ist die entscheidende Frage in der jetzigen historischen Situation.

Und die Antwort auf die Frage handelt von den Konventionen. Europas freie und friedliche Gesellschaft wird keine Zukunft haben, sofern wir nicht in der Lage sind, mit den Konventionen zu brechen.

© Pittelkow/Jespersen – „Den korte avis“ vom 9.6.2016

Schäubles Inzucht

Man stelle sich vor, ein Björn Höcke oder, gerade en Vogue, ein Alexander Gauland hätte das Wort „Inzucht“ oder „Degeneration“ in den Mund genommen. Innerhalb von Minuten wäre das mediale Fallbeil gnadenlos, gut geölt und mit sauberem Schnitt herunter gerauscht – darauf kann man Gift nehmen. Der Aufschrei wäre demokratiemarkerschütternd.

Faselt ein Schäuble davon, dann leistet man lediglich Informationspflicht, nur die linkspopulistische „Huffington Post“ kann einen leichten Unterton der Befriedigung nicht unterdrücken.

Nun soll Schäuble in einem Interview in der „Zeit“ gesagt haben: „Die Abschottung ist doch das, was uns kaputt machen würde, was uns in Inzucht degenerieren ließe.“ Wir bräuchten also die Einwanderung aus biologisch-genetischen Gründen. Außerdem seien „Muslime eine große Bereicherung“ und insbesondere die türkischen Frauen der dritten Generation hätten ein „enormes innovatives Potential“ bewiesen.

Ist Schäuble etwa von seinen Interviewpartnern hereingelegt worden? Vielleicht haben sie ihm diese Vokabel in einem Hintergrundgespräch in den Mund gelegt, vielleicht hat er es ganz anders gemeint …?

Inzest bei einem 80-Millionen-Volk? Deutschland als Eschberg? Inzucht in Europa mit 500 Millionen Einwohnern?

Szene aus "Schlafes Bruder"nach dem Roman von Robert Schneider

Eschberg: Szene aus „Schlafes Bruder“ nach dem Roman von Robert Schneider

Das Netz jedoch vergißt nichts. Inzucht ist in Deutschland ein sehr marginales Phänomen – ausgenommen einige Migrantentrabanten, wo es ein echtes Problem ist. Unter Inzucht haben just Schäubles Innovationsköniginnen zu leiden, die in eng abgeschlossenen Gesellschaften leben, in denen die Familienehe gang und gäbe ist. Vor fünf Jahren durfte man darüber noch schreiben, wenn auch nicht forschen – aus Lebensgefahr.

FAZ: Darüber spricht und forscht (man) nicht

TAZ: Alles bleibt in der Familie

Schäubles Ideen sind selbst Produkt eines Inzests, eines geistigen, sich dauernd selbstbestätigenden, von allen anderen Meinungen abschottenden Diskurses, geführt in einer Welt aus Panzerglas, Arbeitsessen und umgeben von Staatsmedien, degeneriert durch jahrzehntelange politische Selbstgespräche, durch humanitaristische Selbstbefruchtung.

Zugegeben: Man kann es auch mit Humor nehmen! © Die Zeller Zeitung.de

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Heute sind wir tolerant …

Rara temporum felicitas, ubi quae velis sentire et quae sentias dicere licet. (Tacitus)

Heute sind wir tolerant und morgen Fremde im eigenen Land.

Seit drei Tagen meditiere ich über diesen Satz. Der Satz ist falsch, so viel weiß ich. Das hat man mir gesagt. Er muß falsch sein! Wieso sonst der mediale Aufschrei? Nur, wo liegt der Fehler, was ist daran verwerflich? Darüber zerbreche ich mir den Kopf und finde keine Lösung.

Als Marxist habe ich gelernt, die Dinge dialektisch, kritisch und historisch zu sehen. In seinem kausalen und dichotomischen Aufbau könnte es ein hegelscher oder gar ein marxscher Satz sein. Sie liebten derartige Konstruktionen. Sicher, er ist plakativ, aber was erwartet man auf einem Plakat?

Was soll er sagen? Doch wohl dies: Wenn wir heute zu tolerant sind, also zu freizügig und ohne Auswahl nach Kriterien des Anspruches und der Tauglichkeit Menschen anderer Kultur, Religion, Sprache und Mentalität in großer Zahl ins Land lassen, dann könnten wir, die sogenannten Deutschen, also deutsch und europäisch sozialisiert,  in Zukunft bald fremd im eigenen Land sein, will sagen, von Fremden umgeben, von Fremden vielleicht sogar ausgezählt. Keiner kann in die Zukunft schauen und meistens kommt es sowieso anders. Die größten und schrecklichsten Visionen sind Heilige Bücher geworden: Offenbarung, Koran, Manifest … Auf ihr Eintreten warten wir schon lange nicht mehr.

Die Vision kann sich irren – wie alle Visionen sich bisher geirrt haben. Irrtum ist schlecht, aber nicht vermeidbar und also nicht strafbar. Und wenn es eine Voraussage gegeben hat, die nach allen offenkundigen Gesetzen der Logik eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat, dann ist es diese und nicht: Kommunismus, Apokalypse oder Neoliberalismus (Fukuyama).

Falsch ist der Satz, werde ich belehrt, weil die NPD ihn schon im Munde führte und weil eine Nazi-Band mit dem komischen Namen „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ ihn als Parole brüllte. Connaisseurs dieser Musik, wie Heiko Maas, ist das natürlich sofort aufgefallen. Hier muß ich meine Bildungslücken eingestehen; ich kannte die Combo bisher nicht und ich schätze auch Gauland eher als Klassik-Typen ein. Und NPD-Plakate kenne ich nur aus nächtlichen Klebeaktionen, als ich selbst noch für die PDS unterwegs war und der heiligen Rosa weisen Satz „Freiheit ist die Freiheit des Andersdenkenden“ bevorzugt über NPD-Plakate kleisterte. Gelesen habe ich sie nie.

Entsteht da nicht eine Wortpolizei? Ich bin mir sicher, daß Bruno Ganz im Hauptquartier mit Schaum vor dem Mund irgendwo seine Generäle anbrüllt: „Wir schaffen das!“, oder es steht in seinen Tischreden und Tagebüchern – und trotzdem nehmen manche Leute diesen Satz heutzutage noch in den Mund.

Heute sind wir tolerant und morgen Fremde im eigenen Land. Ein bißchen einfach, ja, ein bißchen einlinig …, aber falsch? Ich kann nichts finden!

Helft mir, Leute! Wo liegt mein Fehler? Seit drei Tagen meditiere ich diesen Satz, ich muß wieder raus aus der Schleife … Zum Glück gibt es Marx, der rettet mal wieder meinen Tag. Er zitiert in seinen bemerkenswerten „Bemerkungen über die Preußische Zensurinstruktion“, die man in der SPD-Zentrale mal wieder lesen sollte (MEW 1, 3-28), diesen wunderbaren Gedanken des Tacitus: O seltnes Glück der Zeiten, in denen du denken darfst was du willst, und sagen kannst was du denkst.