Buddha, Heidegger und Hellmuth Hecker

Am 7. Januar des Jahres ist Hellmuth Hecker (geb. 1923) gestorben, leise und bescheiden, wie es sich gehört. Nur so ist der verspätete Nachruf zu erklären – ich habe es erst heute erfahren.

Überhaupt ist er nur wenigen bekannt gewesen, einem kleinen Kreis ernsthaft versunkener Menschen, die sich auf dem achtfachen Pfad des Theravada-Buddhismus bewegten und auch unter diesen sind es nur die wenigsten, die sich ernstlich mit den Schriften auseinandersetzen, den Schriften Buddhas und den Schriften der drei bedeutendsten Theravada-Buddhisten Deutschlands: Paul Debes, Fritz Schäfer und Hellmuth Hecker. Sie wirkten so zurückhaltend, daß sie noch nicht mal Eingang in Volker Zotz‘ großangelegte Studie „Auf den glückseligen Inseln. Buddhismus in der deutschen Kultur“ fanden.

Mit Hecker ist nun der letzte Alte der Debes-Schule gegangen. Er war selbst dort ein Unikum, weil sein Interesse die buddhistische Lehre überstieg, weil er immer wieder Anknüpfungspunkte zur europäischen Kultur suchte und das reichte von der Astrologie über die deutsche Mystik bis hin zu Psychologie, Philosophie und Dichtung, zudem übersetzte er aus dem Pali. Für einen berufstätigen Staatsrechtler ein enormes Pensum.

Einige seiner Bücher, wie „Die Ethik des Buddhas“, „Die Furt zum anderen Ufer“ oder „Der Stromeintritt“ gelten als bewährte Einstiegslektüren in die überaus fein differenzierende und hyperkomplexe systematische Welt des wohl größten Menschheitslehrers aller Zeiten.

Wie außergewöhnlich Hecker als Mensch gewesen sein muß, davon zeugt auch ein kleines Büchlein: „Buddha, Heidegger und die Wahrheit. Eine abendländische Brücke zur Daseinsanalyse des Erwachten“.

hecker-buddha-heideggerAls es in Deutschland Mode wurde, sich von Heidegger zu distanzieren, weil der die öffentliche Entschuldigung seines „Fehlers“ scheute, da ging Hecker 1952 den Schritt auf Heidegger zu und besuchte ihn auf der Hütte.

Der wissende Buddhist weiß auch um die verschlungenen Pfade des menschlichen Lebens und wertet nicht. Hecker analysiert stattdessen und sieht Heideggers Verstrickungen mit dem Nationalsozialismus als einen der drei Holzwege des Philosophen, die letztlich alle positive Auswirkungen auf diesen hatten. Affirmation statt apriorische Verurteilung.

Heidegger sah, schreibt Hecker, in „Hitler einen Führer aus dem Chaos der zerstrittenen Weimarer Republik und im Nationalsozialismus eine Überwindung des Nihilismus, der Sinnentleerung, der Seinsvergessenheit. … Vor den bedrängenden philosophischen Fragen nach dem Sinn der Existenz schien die ‚Bewegung‘ die willkommene Möglichkeit einer Flucht nach vorn zu bieten. In dieser ‚Entschlossenheit‘ war Heidegger Existentialist im negativen Sinne, nicht anders als wie Sartre mit seinem Beitritt zur KP und ihrem Stalin-Kult … Obwohl er nominell bis 1945 in der NSDAP blieb, durchschaute er die braune Gefahr zunehmend mehr als getarnte Form des Nihilismus, den er, Heidegger, doch gerade überwinden wollte. Warum er es nach 1945 versäumte, klar seinen Irrtum einzusehen, ist eine psychologische Frage.“ (45f.)

Darüber kann man streiten, bemerkenswert ist jedoch der offene Zugang. Nietzsche und die Dichtung (Hölderlins) waren die beiden anderen Holzwege.

„Der erste, der politische Weg, erwies sich als ein Irrweg und Abweg und Umweg, dessen negative Auswirkungen die Hälfte von Heideggers Leben überschatteten. Der zweite, der nihilistische Weg, könnte als Umweg oder Nebenweg charakterisiert werden, wenn er nicht gerade durch seine Unfruchtbarkeit für Heidegger ein notwendiger Weg zur endgültigen Überwindung der abendländischen Metaphysik geworden wäre. Der dritte, der dichterische Weg, erwies sich als ein Überweg, eine Brücke von Holzwegen zum Feldweg, ebenso notwendig wie fruchtbar.“ (56)

Hecker war selbst ein Brückenbauer und ganz bewußt auch nie mehr als das; er stellte sich in den Dienst der Lehre und wollte nicht „originell“ sein. Hecker war ein Bewahrer.

In dieser Eigenschaft besuchte er den Meister mehrere Male zu Spaziergängen. Einige davon hat er protokolliert. Selbstredend ging es um Verwandtschaften von Buddhismus und Seinsanalyse, die Heidegger durchaus anerkannte, aber auch Einschränkung machte. Auf die Frage, ob er sich mit fernöstlicher Philosophie beschäftige, antwortete Heidegger: „Kaum. Die sprachlichen Schwierigkeiten mit den Übersetzungen sind zu groß. Ich sehe, welche Schwierigkeiten sich schon beim Griechischen auftun; man müßte schon jung anfangen, um in jene Sprachen einzudringen.“

Und auf die Bedeutung des östlichen Denkens angesprochen: „Gewiß, aber wir müssen von unserem abendländischen Denken her die Fragen entwickeln. Es muß erst einmal unsere bisherige Philosophie frag-würdig werden. Für den Prozeß der Begegnung zwischen Okzident und Orient setze ich 300 Jahre an.“

Hellmuth Hecker hat seinen Beitrag dazu bereits geleistet. Der Theravada-Weg glaubt an die Weiterexistenz der Tendenzen, an die Folgen des menschlichen Wirkens über das aktuelle Leben hinaus, und die entsprechende Wiederkehr auf höherer oder niedrigerer Stufe. Vielleicht hat der Mensch, der Hellmuth Hecker hieß, ja den „Ausgang ins Freie“ gefunden, vielleicht aber wird er zu jenen gehören, die die Versöhnung von Okzident und Orient auch in Zukunft vorantreiben werden.

Literatur:
Paul Debes: Meisterung der Existenz durch die Lehre des Buddha. 2 Bände. Bindlach 1997
Hellmuth Hecker: Buddha, Heidegger und die Wahrheit. Herrnschrot 2008
Hellmuth Hecker: Die Ethik des Buddha. Hamburg 1976
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