Mohammed in der Literatur

Klabund

Erhört eure Gebete! (Barbusse: Jesus)

Die Geschichte des Propheten ist so schillernd wie nur möglich: Frauen, Liebe, Eifersucht, Intrigen, Mord und Totschlag, Exotik, Erotik, Farben und Düfte, grandiose Natur, Kriege und Schlachten und die großartigsten Charaktere. Hätte es ihn nicht gegeben, man hätte ihn literarisch erfinden müssen. Eine solche Gestalt muß die Literaten und Poeten en masse angezogen haben, die Regale müßten sich unter Mohammed-Romanen biegen.

Die Realität ist eine andere. Unter den deutschen Romanautoren von Rang haben sich, soweit zu sehen ist, nur zwei an den üppigen Stoff gewagt: Klabund und Johannes Tralow. Ihre Arbeiten lesen sich unter heutiger Leselampe eigenartig aufschlußreich. Sie zeigen uns zwei unterschiedliche, aber traumtänzerische Sichtweisen, die nicht ganz unschuldig am heutigen Umgang mit dem Propheten und seiner Religion sein dürften. Ein näherer Blick lohnt sich.

Klabund (1890-1928) gehörte zu den größten Hoffnungen der Literatur der Weimarer Republik. Geblieben sind vom jung gestorbenen Hochbegabten heute noch einige kurze historische Romane: „Bracke“, „Borgia“, „Franziskus“ stehen in allen seriösen Literaturgeschichten. „Mohammed“ hingegen, „Der Roman eines Propheten“, ein schmales Büchlein, kaum 100 Seiten dick, ist nahezu vergessen. Es zeigt eine seltsam uneinheitliche Gestalt. Schon der Titel – Roman eines Propheten – würde das Buch heute auf den Index zwingen.

In sehr blumiger, poetischer Sprache wird dem Leser ein zerrissener Mensch präsentiert, der sowohl sozialer Befreier, ein Quasi-Kommunist, als auch eine mystische Erlöserfigur ist. Ein beinahe antikapitalistisches Programm vertritt der Prophet: „Gold. Mit Gold knechtetet ihr eure Brüder, kauftet Sklaven und Sklavinnen, daß sie euch dienten, dazu nur gut und geschaffen, lebende Maschinen, euch neues Gold wie Getreide zu dreschen. … Gebt frei, ihr Kureischiten, eure Sklaven. Sagt: frei sollen sein alle Menschen. Denn alle Menschen sind Geschwister, geschaffen nach dem einzigen Bilde des einzigen Gottes. In Freiheit soll jeder tun seine Tat, jeder denken seine Gedanken, jeder üben seine Übung, jeder träumen seinen Traum. Jedem soll glücken sein Glück! … Nicht: Gold! Ihr Kureischiten: Geist! sei euer Feldgeschrei.“

Erstausgabe Titelbild Max Slevogt

Erstausgabe Titelbild Max Slevogt

Damit reiht sich Klabund in eine ganze Phalanx von Autoren ein, die Religionsstifter zu protoproletarischen Revolutionären machen wollte – man denke an Hans Kirks „Sohn des Zornes“ oder Barbusse‘ „Jesus“.

Man hört diesen Zeilen aber auch die Referenz ans Märchen an. Tatsächlich gibt es Passagen, denen die Beeinflussung durch die magische, phantastische, esoterische und gruselige Literatur Gustav Meyrinks anzumerken ist und selbst der Symbolismus hinterließ seine Spuren.

Damit schafft Klabund einen entrückten und übersinnlichen Propheten, der mit der historischen Figur fast nichts mehr gemein hat. In wesentlichen Passagen gleicht sie dem biblischen Jesus, bedient er sich der neutestamentarischen Sprache. Europäische Leser mögen in ausgiebige ästhetische Diskussionen verfallen, für den gläubigen Muslim sind die historischen Freiheiten, die mitunter regelrecht gegen den Strich erzählt werden, wohl kaum akzeptabel.

So bekannte sich Chadidscha – historisch Mohammeds erste Anhängerin – erst auf dem Sterbebett zu dessen Lehre, so gebiert ihm Aischa einen Sohn, obwohl diese Ehe kinderlos blieb, so vollbringt der Prophet in jesuanischem Stil zahlreiche Wunder, die es so nie gegeben hat und so wird der Koran vom sagenhaften Mönch Bahira als fertig geschriebenes Buch gebracht.

Es wird nicht recht klar, was Klabund mit dieser Geschichte bezweckt haben mag. Sie wirkt wie eine Fingerübung, die einerseits schön sein will, andererseits das Geheimnis des Numinosen berühren möchte. Im Jahre 1917 muß sie seltsam weltfremd erschienen sein, hundert Jahre später ist sie es – aus anderen Gründen – nicht minder.

Quelle: Klabund: Mohammed – Roman eines Propheten. Berlin 1917
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